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Protestcamp in Hamburg: „LNG stoppen“

Beim System Change Camp im Altonaer Volkspark treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen, diskutieren über Alternativen zur Nutzung von Flüssiggas und planen Aktionen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen

Text: Felix Willeke

Seit dem 9. August 2022 läuft das System Change Camp in Hamburg. Noch bis zum 15. August treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen im Altonaer Volkspark. Unter dem Motto „Gegen Erdgas, LNG und eine fossile Infrastruktur, die unsere Zukunft aufs Spiel setzt!“ wollen sie „ein neues Narrativ setzen“, so Toni Lux, die Sprecherin des Camps. Die Aktivist:innen sprechen sich gegen die Nutzung von Flüssiggas und den Ausbau dementsprechender Infrastruktur aus. Dazu wollen sie sich im Rahmen des Protestcamps vernetzen und mit Aktionen in und um Hamburg auf sich aufmerksam machen.

Ein Camp für alle

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Im Altonaer Volkspark haben rund 40 linke und klimapolitische Gruppen ein selbstverwaltetes Camp errichtet (Foto: Felix Willeke)

Das System Change Camp richtet sich dabei nicht nur an Campteilnehmer:innen. „Wir möchten mit der Hamburger Bevölkerung in Kontakt kommen und Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen auf unserem Camp willkommen heißen“, sagt Toni Lux. Dazu sind neben Workshops auch einige Podiumsdiskussionen geplant. Diese beschäftigen sich neben dem Hauptthema Gas und fossile Energieträger auch mit Wassernutzung, Ausbeutung von Ressourcen, Rassismus und (Neo-)Kolonialismus. Mit dabei sind neben Aktivisten:innen aus Deutschland auch Gruppen aus den Gebieten, in denen Flüssiggas gefördert wird. Zum Beispiel aus Texas (USA), Botswana und Mexiko. Dementsprechend gibt es viele Veranstaltungen neben Deutsch auch auf Englisch und Spanisch.

Aktionen

Neben den Veranstaltungen auf dem Campgelände im Altonaer Volkspark ist am 10. August um 17 Uhr eine große Demonstration unter dem Titel „LNG stoppen, fossilen Kapitalismus sabotieren!“ ab den Landungsbrücken geplant. Darüber hinaus rufen einige Gruppen zum zivilen Ungehorsam auf und planen Aktionen in und um Hamburg. 

Kritik an LNG

Im Fokus des Camps steht die Förderung, Nutzung und der Transport von LNG. Die Abkürzung steht für liquefied natural gas – also Flüssiggas. Dieses wird unter durch umstrittene Methoden wie Fracking aus großen Tiefen gefördert und spielt in der aktuellen Diskussion um ausbleibende oder heruntergefahrene russische Gaslieferungen in Deutschland eine große Rolle. Die Bundesregierung plant aktuell die Errichtung von bis zu 12 LNG-Terminals. Das Camp kritisiert den klimaschädlichen Energieträger darüber hinaus auch in Zusammenhang mit Ausbeutung von Menschen in den Regionen, in denen das Flüssiggas gefördert wird.

Toni Lux, Sprecherin des System Change Camps im Altonaer Volkspark

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Forschung zu Protesten gegen Corona-Maßnahmen

Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Hentschel spricht im Interview über Resilienz in Zeiten der Pandemie, die Proteste gegen Corona-Maßnahmen und demokratische Möglichkeiten darauf zu reagieren

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Frau Prof. Dr. Hentschel, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit dem Thema Resilienz. Was versteht man überhaupt darunter?

Prof. Dr. Christine Hentschel: Widerstandsfähigkeit, Anpassungs­fähigkeit, auch eine gewisse Elastizität: die Fähigkeit, sich nach erlittenen Schocks oder dramatischen Ereignissen wieder zu erholen und sich dabei manchmal auch neu zu erfinden.

Wie zeigt sich das in der Pandemie?

In Bezug auf die Pandemie haben sich die Ratgeber überschlagen, die uns Tipps geben, wie wir nicht verrückt werden und uns motivieren, aus der Jogginghose rauszukommen und am besten noch eine neue Sprache zu lernen! Die Logik der Resilienz ruft uns gewissermaßen zu: „Sorry, das mit der Pandemie, der Flutkatastrophe oder dem Terroranschlag konnten wir nicht verhindern! Wichtig ist jetzt, wie ihr als Einzelne, als Communitys, als Gesell­schaften damit umgeht.“

Klingt nicht gerade entspannt …

Resilienz ist kein unproblemati­sches Paradigma, weil sie unsere Aufmerksamkeit ganz weg davon lenkt, was wir im Großen noch gestalten können – beispielsweise in Bezug auf die Klimakrise – und uns immer nur auffordert, irgendwie auf das zu reagieren, was kommt. Zoomt man raus, ist die Frage der Resilienz der Demokratie aber noch eine viel größere und hat damit zu tun, was die fast zwei Jahre Pandemie für Spuren an der Gesellschaft gelassen haben: Risse, Verletzungen, ein wachsendes Unver­ständnis füreinander, kaputte Existen­zen, gegenseitige Bezichtigungen, die Demokratie abzuschaffen und die Gesundheit der anderen aufs Spiel zu setzen. Aber auch die Frage, was Menschen für solidarische Netzwerke geschaffen haben, informelle Struk­turen und Plattformen, um hier irgendwie gemeinsam durchzukom­men. Als Sozialwissenschaftlerin interessieren mich vor allem diese gesellschaftlichen und politischen Fragen der Resilienz.

 

Verschärfte autoritäre Tendenzen

 

Für wie resilient halten Sie das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland – gerade in Bezug auf die Corona-Pandemie?

Die neu aufflammenden Demon­strationen gegen die Maßnahmen, die immer auch Kundgebungen gegen das System sind, die unsere Demokratie faschistisch und verbrecherisch nennen und die der Wissenschaft keinen Glauben schenken, verweisen auf tiefe Verwerfungen in unserer Gesellschaft und ein Wacklig­-Werden der Demo­kratie. Und das reiht sich international in verschärfte autoritäre Tendenzen ein, auch in Ländern, die als Horte der Demokratie galten: USA, Frankreich, Großbritannien.

Sie haben vor knapp einem Jahr in der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Leviathan“ einen Artikel zu den Bewegungen und Protesten gegen die Corona-Maßnahmen veröffentlicht. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?

Ja, ich hatte die Proteste in Ham­burg seit etwa Mai 2020 beobachtet. Mich hat interessiert, wie in Zeiten einer so ausgedünnten urbanen Öffent­lichkeit während der Pandemie Men­schen überhaupt Demonstrationen neu erfinden, was sie antreibt, ärgert, wie sie sich in Szene setzen und mit welchen Claims sie arbeiten. Das reicht vom Inhalt und Stil der Reden über die selbst gestalteten Outfits und Plakate bis hin zu den Kreidezeichnungen auf dem Asphalt. Statt allein verschrobene Ideologien oder widersprüchliche Argumente nachweisen zu wollen, war mir wichtig, die Kundgebungen in ihrer affektiven und affizierenden Kraft zu verstehen: wie sich Frust, Hohn und Spaß, Absurditäten, Anklagen, Dro­hungen und Identitätsperformances in diesen Corona Publics vermischen. Und wie sich bestimmte Narrative kollektiv einüben und durch die Milieus hindurch eingeschliffen werden.

 

„ Storys sind absolut zentral“

 

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

In Ihrem Text weisen Sie explizit auch darauf hin, dass es bei diesen Protesten zu Vermischungen unterschiedlicher Strömungen kommt – esoterische, rechte, verschwörungstheoretische. Was ist der gemeinsame Kern dieser doch recht unterschiedlichen Strömungen?

Mich hat nicht so sehr die Frage interessiert, wer da ist, sondern wie Menschen über die unterschiedlichen Milieus hinaus zusammenfinden und sich dabei auf bestimmte Slogans und waghalsige Geschichten einlassen und öffentlich üben, Tabus zu brechen. Storys sind hier absolut zentral: Geschichten darüber, was die Impfung alles mit unseren Körpern anrichtet und was dagegen Vitalstoffe alles können, Märtyrerstorys, mit denen man sich in den Widerstand gegen das Nazi­-Regime einreihen kann, aber auch größere Motive wie „Das große Erwachen“ und vor allem der Fokus auf „meine Freiheit“, „meine Souveränität“, die große liebende „Menschheits­familie“ und das Motto „wir dürfen uns nicht spalten lassen“. Bei diesen größeren Narrativen schaue ich dann weiter: An was sind sie anschlussfähig, was wenden sie anders, womit haben sie zu tun und was lassen sie aus, obwohl es naheliegen würde? Und was sagt uns das über unsere Demokratie?

Und, was sagt das über unsere Demokratie aus?

Tja, zumindest, dass Leute leicht­fertig damit spielen, sie verhöhnen, bereit sind, sie als Diktatur, Sklaverei, Nazicamp zu bezeichnen und das alles im Namen der „Menschheitsfamilie“.

 

Die stärksten Erzählungen

 

Welche dieser Narrative haben die stärkste Wirkung?

Ich möchte mal zwei nennen, die uns noch immer begegnen: „Das große Erwachen“ und „Keine Spaltung“. „Das große Erwachen“ ist sozusagen ein Aha­-Moment, ein ungutes Gefühl: „Wir werden getäuscht, etwas stimmt nicht, nicht mit diesem Virus, nicht mit den ganzen Maßnahmen, das ist alles kein Zufall.“ Verbunden damit ist ein Gestus des Selber­-Nachforschens, des Zeichenlesens und des „Puzzelns“ und eine Wahrnehmung, dass „wir hier die einzigen mit einem kritischen Verstand“ sind. Dieses Motiv knüpft sowohl an spirituelle, aber auch an extrem rechte Narrative an. Und es hat immer etwas Apokalyptisches: als Erzählung vom bevorstehenden Ende, der Enthüllung und Aufdeckung der Wahrheit, als Erwartung des Jüngsten Gerichts und der finalen Abrechnung. Inhaltlich ist das Narrativ relativ durchlässig, die Wahrheit, zu der man sozusagen erwacht, wandelt sich und ist auch innerhalb der Bewegung unter­ schiedlich organisiert und verteilt.

Können Sie dies an einem Beispiel verdeutlichen?

Erinnern Sie sich noch an die mitgebrachten Grundgesetze und das Beharren auf unseren Grundrechten im Frühling 2020? Da sind im Laufe der Monate ganz andere „Erweckungs­ momente“ hineingekommen, zum Beispiel die Reichsbürgeridee, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ja gar keine Gültigkeit hätte. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass sich bestimmte Narrative durch die Milieus hindurch einschleifen.

Was hat es mit dem zweiten Narrativ, das sie erwähnen wollten, auf sich?

„Keine Spaltung!“: Das hat sich vom Anfang der Pandemie bis jetzt gehalten, wo unter dem Banner „Wir lassen uns nicht spalten!“ Tausende durch die Stadt laufen. Die Behauptung ist: Hier stehen wir gemeinsam, ob rechts oder links ist egal; die „Spaltung“ hingegen wird „uns“ von oben auferlegt, um „uns“ zu schwächen. Und zunehmend geht es hierbei um die Spaltung zwi­schen Geimpften und Ungeimpften.

 

„Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen nicht aus der Mode“

 

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Haben sich die Stimmung, die Themen und Narrative auf den Protesten seit 2020 verändert?

Klar, die Themen der Bewegung verändern sich mit dem, was passiert und was in der Öffentlichkeit debattiert wird. Seitdem die Impfpflicht diskutiert wird und sich die 2G­-Regel weitgehend durchsetzt, sehen sich viele in ihren Horrorszenarien bestätigt. Und das ist das beherrschende Thema auf den Reden und Plakaten der neu wieder rasant wachsenden Proteste in Hamburg und findet in drastischen Plakatslogans wie „Impfapartheid“ seinen Ausdruck. Die Stimmung habe ich zuletzt als eine gleichzeitig wütende und enthusiastische Aufbruchsstim­mung wahrgenommen: „wir sind viele“, „wir werden mehr“, „nicht mit uns!“

Wieso scheint sich auf den Protesten niemand daran zu stören, dass auch Rechte dabei sind, wenn es doch angeblich um die Verteidigung der Demokratie geht?

Das hat mich auch sehr beschäftigt: Vor allem hat mich interessiert, wie diejenigen ihre Abgrenzung nach rechts verhandeln, die sich nicht als rechts verstehen. Für viele sind hier Konstruk­te entstanden wie: Links-­Rechts, das seien alte Kategorien, die uns „die Mächtigen“ nur einreden wollen, um uns zu spalten, dagegen sind „wir“ hier zusammen, als „Menschheitsfamilie“ auf der Straße, für die „gemeinsame Sache“. Viele haben das Stigma auch schon angenommen: „Ja, ich bin ja rechts, ne?“, oder sie arbeiten mit Holocaust­- und Sklavereivergleichen, um ihre eigene Position zu beschreiben und behaupten, dass sie auf der einzig richtigen Seite seien: der des Wider­stands gegen ein Unrechtsregime. Die Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen dabei nicht aus der Mode.

Und das nutzen rechte Bewegungen dann für sich aus?

Die Rechte kann im Angesicht der Frustration, der Unsicherheit, der zunehmenden Abkehr von offiziellen Narrativen und einer großen Protestlust ausgezeichnet Terrain erobern. Die Ver­achtung des Systems, die Inkaufnahme oder sogar Herbeibeschwörung des Untergangs der Demokratie hat die extreme Rechte schon lange im Programm, und das wird bei vielen in der Bewegung bewundert und passt gut in die Begeisterung für die Überwin­dung dessen, was wir jetzt haben hin zu etwas „ganz Neuem“. In diesem Gemisch sehe ich besonders viel Gefahrenpotenzial für die Demokratie.

 

„Die Dynamik ist von Eskalation gezeichnet“

 

Wie sehen Sie die Dynamik der Proteste in Hamburg im Vergleich zu Sachsen oder anderen Regionen im Osten?

In Hamburg gestalten sich die Proteste noch immer vergleichsweise moderat. Insgesamt müssen wir diese aber in eine Dynamik einordnen, die von Eskalation gezeichnet ist: Drohun­gen gegen Wissenschaftler:innen und Lokalpolitiker:innen, das Sammeln von Privatadressen in Telegram Chats, Impfzentren in Flammen, Attacken gegen Personal in Läden, die Impf­zertifikate kontrollieren müssen, der Mord an der Tankstelle in Idar-­Ober­ stein, die Bilder des bedrohlichen Fackelaufmarschs Anfang Dezember vor dem Wohnhaus der sächsischen Gesundheitsministerin in Grimma – das alles steht für eine zunehmende Eskalation, eine Aufwiegelung der Stimmung, bei der wir uns nicht darauf verlassen sollten „dass schon alles gut geht“.

Von langjährigen Beobachter:in­nen der Szene im Osten wissen wir, dass das kein spontanes Über-die-Stränge-­Schlagen ist, sondern gut organisierte Einschüchterungsprak­tiken gegenüber Politiker:innen und Institutionen, die der Rechten nicht passen und lang eingeübte In­-Szene­-Setzungen von lokalem Protest. Das heißt, die Verzahnung in die extrem-rechte Szene, die Verankerung in den vielen kleinen Städten, die Androhung und Ausübung von Gewalt und ein „Sich-ausgeklinkt-Haben“ aus dem demokratischen System, sind einige der wichtigsten Unterschiede, die ich hier ausmachen würde.

 

„Proteste und politisches Engagement müssen Spaß machen“

 

Was genau ist schiefgelaufen, dass so viele Menschen den demokratischen Staat in Frage stellen?

Puh, da gibt es viel: unverständliche und ungerechte Entscheidungen in der Pandemie, chaotisches Krisenmanagement, gebrochene Versprechen, darüber hinaus eine tiefe Ungleichheit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, die sich in der Pandemie besonders drastisch zeigt. Aber auch ein Verlust an Vertrauen, dass eine Regierung im Angesicht solch tiefer und in der Zukunft schlimmer werdender Krisen überhaupt noch was ausrichten kann. Diesen Pessimismus teilen inzwischen viele durch die Milieus hindurch: dass man eigentlich gar nicht mehr viel gestalten, retten oder abwehren kann. Und das ist auch eine offene Flanke für die wilden Storys und das Verabschieden von den Fakten.

Was kann gegen diese Entwicklungen getan werden?

Gegen crazy stories helfen nicht einfach Faktenchecks. Proteste und politisches Engagement müssen Menschen auch Spaß machen, sie bewegen. Dafür müssen wir an anderen, besseren Storys arbeiten. Wir brauchen Geschichten und Visionen, die Menschen Mut machen, sie mitreißen, die sich inhaltlich aber ganz anders ausrichten: auf Gestaltbarkeit von Zukunft und auf soziale Gerechtigkeit. Da hat die Klimabewegung, aber auch die Antirassismusbewegung in den letzten Jahren eine beeindruckende Mobilisierung, vor allem von jungen Menschen hingelegt.

Braucht es nicht vor allem politische Veränderungen?

Natürlich braucht es konkrete soziale, politische und materielle Infrastrukturen, in denen notwendiger Wandel stattfinden kann und die uns dabei helfen, nicht egoistisch zu werden, wenn es schlimm kommt. Und hier steht eine Regierung in der Pflicht, die sich Fortschritt auf die Fahne schreibt.


Zur Person

Prof. Dr. Christine Hentschel ist Professorin für Kriminologie, insbesondere Sicherheit und Resilienz, im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sie forscht zu neuen Protestpraktiken im urbanen Raum, autoritären und apokalyptischen Logiken der Gegenwart und dem Zusammenwirken von Klimakatastrophe und Unsicherheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Silent Demo Hamburg: Friedlicher Protest

Am Samstag, den 4. Juli, setzen mehr als 1000 Demonstranten bei der „Silent Demo“ am Jungfernstieg ein Zeichen gegen Hass und Rassismus.

Die Demonstration war ursprünglich für den 26. Juni angesetzt, wurde aber aufgrund von Unwetter um eine Woche verschoben. Heute stehen trotz leichtem Regen über 1000 Menschen in der abgesperrten Straße am Jungfernstieg. Angemeldet waren 700 Leute. Da die Demonstration aber friedlich verläuft, muss die Polizei nicht damit drohen, die Veranstaltung – wie am 06. Juni – abzubrechen.

Da große Menschenansammlungen in Zeiten der Corona-Pandemie ein Risiko darstellen, ist die „Silent Demo“ eine statische Demonstration und kein Marsch. Um die Abstandsregeln einzuhalten, wurde mithilfe von Absperrband der Jungfernstieg in sieben Blöcke eingeteilt, in denen jeweils bis zu 75 Personen stehen dürfen. Nicht alle Demonstranten halten sich daran. Viele stehen am Rand oder in den Korridoren zwischen den Blöcken. Immer wieder weisen die Veranstalter daraufhin, dass in den hinteren Blöcken noch ausreichend Platz ist. Tatsächlich bleibt der hinterste Block so gut wie leer. Zu weit entfernt ist man dort von den Rednern.

 

Redner teilen ihre Erfahrungen zum Thema Alltagsrassismus

 

Abigail, eine der Veranstalterinnen, berichtet zu Beginn von einer Demonstrantin, die bei der „Silent Demo“ am 6. Juni von Polizisten mit einem Schlagstock verletzt wurde. Dieses Mal soll es nicht zu Ausschreitungen kommen. Als Abigail den Erfahrungsbericht eines jungen Mädchens vorliest und dieses Fallbeispiel mit den ersten drei Artikeln des Grundgesetzes vergleicht, bricht sie in Tränen aus.

Nach einigen Rednern, die ihre Erfahrungen zum Thema Alltagsrassismus teilen, gibt es einen Open Floor, bei dem jeder die Möglichkeit hat, zu sprechen. Dieses Angebot wird von einigen genutzt. Ein Rapper performt spontan ein paar seiner selbst geschriebenen Texte zu der Debatte. Ein anderer Demonstrant kritisiert die Veranstaltung und meint, dass es nicht reiche für „Awareness“ zu sorgen, sondern Menschen aufgeklärt werden müssten. Seine Nachfolgerin entgegnet, dass sie es als einen guten ersten Schritt ansehe, Aufmerksamkeit zu schaffen, allerdings vermisse sie bei der Demonstration ihre „schwarzen Brüder und Schwestern“ und wundere sich darüber, dass sie fast mehr hellhäutige Protestierende wahrnimmt.

 

Viele junge Menschen demonstrieren

 

Besonders viele junge Menschen sind an diesem Samstag zusammengekommen. Die achtzehnjährige Harriet Freund möchte mit ihrem Protest einen Wandel in der Gesellschaft unterstützen: „Durch die Geschehnisse in den vergangenen Wochen ist mir Alltagsrassismus viel bewusster geworden. Vorher habe ich mich als hellhäutige Deutsche gar nicht mit meinen Privilegien beschäftigt. Jetzt schon.“ Ihre Freundinnen nicken zustimmend.

Zum Schluss wird die Tonbandaufnahme von den letzten Minuten vor George Floyds Tod vorgespielt. 8 Minuten und 46 Sekunden knien alle Demonstranten mit erhobenen Fäusten auf dem Boden, während aus den Lautsprechern die Stimme Floyds über den Jungfernstieg hallt. /kis

 

Mehr Infos und Updates zu weiteren Demonstrationen unter @silent_demo_hamburg

 

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Reeperbahn: Bar- und Clubbetreiber planen Protestaktion

Seit Mitte März herrscht gähnende Leere auf dem Kiez. Mit einer Protestaktion wollen Bar- und Clubbetreiber am Donnerstag, den 07. Mai auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen.

 

Seit knapp zwei Monaten sind Bars und Clubs auf St. Pauli Corona-bedingt geschlossen. Damit soll jetzt Schluss sein: Inhaber von Restaurants, Bars und Clubs wollend die Große Freiheit im Rahmen einer Protestaktion wieder zum Leben erwecken und auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen. Aufgrund fehlender Einnahmen und laufender Kosten stehen viele Besitzer kurz vor der Pleite. Die Vergnügungsmeile wie wir sie kennen, könnte sich durch Corona massiv verändern.

Geplant ist, den Kiez am Donnerstagabend für kurze Zeit mit Leuchtreklamen und Musik wieder zum Leben zu erwecken, um die Vergnügungsmeile dann wieder abzuschalten und mit einem Trauerkranz symbolisch beizusetzen. Die Gastronomen sollen dabei Traueranzeigen mit den Namen ihrer Läden in den Händen halten und eine symbolische Schweigeminute abhalten.

Auch Kiez-Kultfigur Olivia Jones wird sich an der Aktion beteiligen: „Wir möchten mit unserer Aktion nicht anklagen, sondern ein starkes Bild senden: Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod. Zum Leben gehört mehr, als nur am Leben zu sein. Es geht auch darum, ein lebenswertes Leben zu haben, um Existenzen, die sich Menschen aufgebaut haben und deren Lebenswerke jetzt bedroht sind”, sagt die Travestiekünstlerin.

Rund 50 Gastronomen haben sich für die Aktion zusammengetan. Neben Olivia Jones protestieren Club- und Barbetreiber aus ganz St. Pauli, darunter Susi Ritsch (Susis Show Bar), die Betreiber des Dollhouse und der Großen Freiheit 36, Axel Strehlitz (Alte Liebe/Wunderbar/Klubhaus), Daniel Schmidt (Elbschlosskeller/Meuterei), Dominik Großefeld (Silbersack), Oliver Borth (Hans Albers Eck, La Paloma, Molly Malone) und viele mehr.

/ NF

 

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„Trauern“: Neue Ausstellung in der Kunsthalle

Mit Arbeiten von mehr als 30 internationalen Künstlern beleuchtet die Ausstellung „Trauern“ Verlust und Veränderung. Wir sprachen mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die unterschiedlichen Arten des Trauerns, über die politische Dimension des Gefühls und darüber, warum es großartig ist

Interview: Isabel Rauhut

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, auf die er­ folgreichen Ausstellungen „Scheitern“ und „Warten“ folgt jetzt „Trauern“. Wie haben sich die Themen herauskristallisiert?

Brigitte Kölle: Eigentlich haben sie sich ganz organisch ergeben. Jedenfalls war das Ganze anfangs nicht als Reihe angelegt, macht als solche aber rückblickend sehr wohl Sinn. Die Themen Scheitern, Warten und Trauern verbindet ja, dass sie Brüche und „blinde Flecken“ markieren, in einem auf Reibungslosigkeit und Funktionieren hin getrimmten Tages- und Lebensablauf. Genau dies interessiert auch viele Künstlerinnen und Künstler: Gerade in diesen Leerstellen sind Innehalten, Reflexion – und auch Kreativität möglich. Trauer ist sehr individuell.

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Kuratorin Brigitte Kölle, Galerie der Gegenwart

Wie haben Sie sich dem Begriff angenähert, wie haben Sie ihn eingegrenzt oder auch erweitert? 

Es stimmt, DIE Trauer gibt es nicht. Jeder Mensch trauert anders. Und auch die Trauer eines Einzelnen wandelt sich und kann unterschiedliche Formen annehmen. Insofern hat die Ausstellung auch einen Titel in Verbform: trauern. Damit ist ein Moment der Prozesshaftigkeit, des Wandels angesprochen.

Ausgangspunkt der Ausstellung war meine Beobachtung, dass zeitgenössische Künstler sich verstärkt und in vielfältiger Form mit Verlusterfahrungen auseinandersetzen. Da berühren sich also die Kunst und das Leben – das finde ich persönlich sehr spannend. Was kann uns die Kunst erzählen? Welche Bilder finden Künstler für ganz elementare und zuweilen in höchstem Maße verstörende und erschütternde Verlusterfahrungen?

Auffällig angesichts der Arbeiten ist, wie politisch Trauer sein kann. Ob es Morde an Schwarzen oder Bilder aus dem Syrienkrieg sind.

Wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, lernt man dazu. Für mich als Kuratorin war hierbei die Erkenntnis zentral, dass der gesellschaftliche und öffentliche Umgang mit Trauer ungeheuer viel auszusagen vermag über die Gegenwart, in der wir leben. Um wen trauern wir und um wen nicht? Es gibt gleichsam eine Hierarchie der Trauer. Darin liegt eine Wertschätzung und eine klare Wertung.

Im Booklet zitieren Sie Judith Butlers Frage „Welches Leben ist betrauernswert?“

Die amerikanische Philosophin Judith Butler hat sich nach 9/11 intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und war für mich in dieser Hinsicht ein regelrechter „eye-opener“. In der Ausstellung spiegelt sich die Frage nach der unterschiedlichen Wertschätzung, die in unterschiedlichen Intensitäten von gesellschaftlicher Trauer zum Ausdruck kommt, in zahlreichen Positionen wider: Der US-amerikanische Künstler Dread Scott thematisiert die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen (und das gesellschaftliche Desinteresse). Felix Gonzalez-Torres rückt die Verluste in der AIDS-Krise und Khaled Barakeh die Opfer des Syrienkrieges ins Blickfeld. Und der junge tschetschenische Künstler Aslan Ġoisum führt uns auf stille, aber eindrückliche Weise die Folgen der Zwangsdeportation unter Stalin vor Augen und was es heißt, seine Heimat zu verlieren.

 

„Trauer und Protest liegen nah beieinander“

 

Sind in diesem Zusammenhang auch die Bilder von Willem de Rooij zu sehen, die erst in den Titeln aufdecken, ob es sich um Trauernde oder Demonstranten handelt?

Trauer und Protest liegen nah beieinander. Wenn die ungleiche Verteilung von öffentlicher Trauer es vermag, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, dann kann sie auch dazu führen, diese nicht einfach stillschweigend hinzunehmen.

Willem de Rooij hat zwei Jahre lang Fotos aus Zeitungen, die Trauernde, Demonstrierende und Protestierende zeigen, gesammelt und diese ohne Quellenangaben auf großen Bildpanels zusammengefügt. So entsteht ein Bilderatlas einer medialen Repräsentation von Trauer und Protest.

 

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Abb.: Paul Fusco: RFK Funeral Train, 1968/2019

 

Sehr bewegend sind Paul Fuscos Fotos der Trauernden, die dem ermordeten Robert Kennedy an den Bahngleisen Respekt zollten, als sein Leichnahm 1968 nach Washington, D.C. gebracht wurde. Eine Million Menschen sollen es gewesen sein. Wie kam die Dokumentarfotografie in die Ausstellung?

Die farbintensiven fotojournalistischen Arbeiten von Paul Fusco sind beeindruckend und haben andere Künstler zu eigenen Arbeiten inspiriert. Darunter Rein Jelle Terpstra aus Amsterdam, der den Blick von Fusco auf die vielen Trauernden aus dem Zug mit Kennedys Leichnam zurückwirft. Er zeigt die Fotos und Filme, die die Trauernden selbst gemacht haben. Schuss – Gegenschuss!

Und der französische Künstler Philippe Parreno hat auf der Grundlage von Fusco-Fotos einen Film gedreht, der wie eine Art surreales Reenactment der Szenerie daherkommt und damit die Frage stellt, was von dem Ereignis des Jahres 1968, das ja zugleich ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Visionen eines Amerikas ohne Rassendiskriminierung war, in heutiger Zeit noch aktuell ist.

Betritt man die Ausstellung, hört man keltisch­heidnische Klagegesänge der Künstlerin Susan Philipsz. Wollen Sie den Besuch gleich zu Beginn mit Emotion aufladen?

Die Sound-Skulpturen von Susan Philipsz sind emotional und konzeptuell zugleich. Sie überwältigen nicht, obwohl sie berühren. Susan hat sich ein altes irisches Klagelied vorgenommen und es bis auf die Grundtöne reduziert. Sie singt einzelne Töne selbst, die über vier Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen des großen Lichthofs der Galerie der Gegenwart regelrechte Tonkaskaden bilden. Die menschliche Stimme ist zugleich körperlos als auch ungeheuer präsent – ein besonderes Erlebnis!

 

„Trauer ist der Beweis für unsere Liebesfähigkeit“

 

Wie wirkt es sich persönlich aus, sich so lange mit dem Thema Trauer zu beschäftigen?

Auf gewisse Weise musste ich mir im Laufe der Vorbereitung einen distanzierteren, fast analytischen Blick antrainieren: Wie ist das gemacht? Welche Aspekte thematisiert das Kunstwerk? Inwiefern bereichert und erweitert es die Bandbreite der gezeigten Werke? Es handelt sich hier schließlich nicht um die Vorbereitung einer Therapiesitzung, sondern um eine Kunstausstellung … Und dennoch geht das irgendwie ineinander über.

Denn dass die Künstler sich mit dem Thema beschäftigen, ist ihnen ein echtes, auch persönliches Bedürfnis. Und sie bieten damit gewissermaßen eine offene Flanke. Das ist für mich als Kuratorin, aber auch für die Besucher ein Geschenk.

Was sagt unser heutiger Umgang mit Trauer für Sie über unsere Gesellschaft aus?

Der gesellschaftliche Umgang mit Trauer impliziert eine Wertung, ein Ein- und Ausgrenzen. Und die Trauer sagt viel darüber aus, ob wir uns als verletzliche Wesen selbst akzeptieren und gegenseitig aushalten. Leider spricht die zunehmende Pathologisierung der Trauer eindeutig dagegen.

Letztlich ist die Trauer – so absurd das zunächst klingen mag – eine großartige Sache, denn sie ist der Beweis für unsere Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Wenn uns alles und jeder egal ist, dann können wir keinen Verlust und damit keine Trauer empfinden. Und das wäre eine schreckliche Vorstellung!

Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart: Trauern. Von Verlust und Veränderung, Eröffnung: 6.2., 19 Uhr, bis 14.6.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

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Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

Pink-Stinks-Werbemelder

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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Dieses Wochenende: Fahrraddemo

Anfang des Monats ist erneut eine Radfahrerin tödlich verunglückt. Am Samstag, den 19.5.18 um 14 Uhr, werden Hamburgs Radfahrer in Eimsbüttel für sichere Straßen demonstrieren. Treffpunkt: Kaifu-Ufer.

Am 7. Mai 2018 wurde eine Hamburger Radfahrerin von einem LKW überrollt. Sie verstarb an den Folgen des Unfalls. Auf ihren Tod folgte eine Mahnwache, bei der sich am Unglücksort niederlegten. Außerdem wurde ein sogenanntes Ghost Bike aufgestellt. Die weiß gestrichenen Fahrräder weisen weltweit auf tödlich verunglückte Radfahrer hin. Eine Demonstration ist nun für Samstag, den 19.5. geplant.

Mehr Sicherheit für Radfahrer

Organisator ist der Verein „Kurs Fahrradstadt“, der sich seit mehreren Jahren für die Sicherheit von Radfahrern einsetzt. Dieser kritisiert die Mobilitätspolitik des Hamburger Senats und fordert  ihn zum Handeln auf. An der Demonstration am kommenden Samstag (19.5.2018) beteiligen sich auch der ADFC, Radentscheid Hamburg und Politiker der Grünen (Anjes Tjarks und/oder Martin Bill) und Linken. Sie fordern eine Tempo-30-Zone im Eppendorfer Weg und auf der Osterstraße sowie eine umfassende Wende hin zu einer fahrradorientierten Verkehrspolitik.

Auf ihrer Facebookseite schreiben die Veranstalter: „Bastelt Tempo 30 Schilder, lasst eure Kinder Bilder malen, wie sie sich ihre Straßen in Eimsbüttel wünschen und bringt – wer mag – gerne auch Blumen mit, die wir an den Unfallstellen ablegen werden. Damit auch wirklich alle dabei sein können, gilt diesmal: Wer sein Rad liebt, der schiebt.”

Demo:
Sa. 19.5.18, 14 Uhr; Bundesstraße – Wiese hinter der Haltestelle Kaiser-Friedrich-Ufer; Kursfahrradstadt.wordpress.com

Critical Mass:
jeden letzten Freitag im Monat, 19 Uhr (nächster Termin: 25.5.18; Treffpunkt: Kaifu Ufer) https://criticalmass.hamburg/

Text: Sabrina Pohlmann
Foto: Kurs Fahrradstadt

Mehr Artikel über’s Radfahren in Hamburg:


Radfahren ist ein Schwerpunkt der SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!