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Silent Demo Hamburg: Friedlicher Protest

Am Samstag, den 4. Juli, setzen mehr als 1000 Demonstranten bei der „Silent Demo“ am Jungfernstieg ein Zeichen gegen Hass und Rassismus.

Die Demonstration war ursprünglich für den 26. Juni angesetzt, wurde aber aufgrund von Unwetter um eine Woche verschoben. Heute stehen trotz leichtem Regen über 1000 Menschen in der abgesperrten Straße am Jungfernstieg. Angemeldet waren 700 Leute. Da die Demonstration aber friedlich verläuft, muss die Polizei nicht damit drohen, die Veranstaltung – wie am 06. Juni – abzubrechen.

Da große Menschenansammlungen in Zeiten der Corona-Pandemie ein Risiko darstellen, ist die „Silent Demo“ eine statische Demonstration und kein Marsch. Um die Abstandsregeln einzuhalten, wurde mithilfe von Absperrband der Jungfernstieg in sieben Blöcke eingeteilt, in denen jeweils bis zu 75 Personen stehen dürfen. Nicht alle Demonstranten halten sich daran. Viele stehen am Rand oder in den Korridoren zwischen den Blöcken. Immer wieder weisen die Veranstalter daraufhin, dass in den hinteren Blöcken noch ausreichend Platz ist. Tatsächlich bleibt der hinterste Block so gut wie leer. Zu weit entfernt ist man dort von den Rednern.

 

Redner teilen ihre Erfahrungen zum Thema Alltagsrassismus

 

Abigail, eine der Veranstalterinnen, berichtet zu Beginn von einer Demonstrantin, die bei der „Silent Demo“ am 6. Juni von Polizisten mit einem Schlagstock verletzt wurde. Dieses Mal soll es nicht zu Ausschreitungen kommen. Als Abigail den Erfahrungsbericht eines jungen Mädchens vorliest und dieses Fallbeispiel mit den ersten drei Artikeln des Grundgesetzes vergleicht, bricht sie in Tränen aus.

Nach einigen Rednern, die ihre Erfahrungen zum Thema Alltagsrassismus teilen, gibt es einen Open Floor, bei dem jeder die Möglichkeit hat, zu sprechen. Dieses Angebot wird von einigen genutzt. Ein Rapper performt spontan ein paar seiner selbst geschriebenen Texte zu der Debatte. Ein anderer Demonstrant kritisiert die Veranstaltung und meint, dass es nicht reiche für „Awareness“ zu sorgen, sondern Menschen aufgeklärt werden müssten. Seine Nachfolgerin entgegnet, dass sie es als einen guten ersten Schritt ansehe, Aufmerksamkeit zu schaffen, allerdings vermisse sie bei der Demonstration ihre „schwarzen Brüder und Schwestern“ und wundere sich darüber, dass sie fast mehr hellhäutige Protestierende wahrnimmt.

 

Viele junge Menschen demonstrieren

 

Besonders viele junge Menschen sind an diesem Samstag zusammengekommen. Die achtzehnjährige Harriet Freund möchte mit ihrem Protest einen Wandel in der Gesellschaft unterstützen: „Durch die Geschehnisse in den vergangenen Wochen ist mir Alltagsrassismus viel bewusster geworden. Vorher habe ich mich als hellhäutige Deutsche gar nicht mit meinen Privilegien beschäftigt. Jetzt schon.“ Ihre Freundinnen nicken zustimmend.

Zum Schluss wird die Tonbandaufnahme von den letzten Minuten vor George Floyds Tod vorgespielt. 8 Minuten und 46 Sekunden knien alle Demonstranten mit erhobenen Fäusten auf dem Boden, während aus den Lautsprechern die Stimme Floyds über den Jungfernstieg hallt. /kis

 

Mehr Infos und Updates zu weiteren Demonstrationen unter @silent_demo_hamburg

 

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Reeperbahn: Bar- und Clubbetreiber planen Protestaktion

Seit Mitte März herrscht gähnende Leere auf dem Kiez. Mit einer Protestaktion wollen Bar- und Clubbetreiber am Donnerstag, den 07. Mai auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen.

 

Seit knapp zwei Monaten sind Bars und Clubs auf St. Pauli Corona-bedingt geschlossen. Damit soll jetzt Schluss sein: Inhaber von Restaurants, Bars und Clubs wollend die Große Freiheit im Rahmen einer Protestaktion wieder zum Leben erwecken und auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen. Aufgrund fehlender Einnahmen und laufender Kosten stehen viele Besitzer kurz vor der Pleite. Die Vergnügungsmeile wie wir sie kennen, könnte sich durch Corona massiv verändern.

Geplant ist, den Kiez am Donnerstagabend für kurze Zeit mit Leuchtreklamen und Musik wieder zum Leben zu erwecken, um die Vergnügungsmeile dann wieder abzuschalten und mit einem Trauerkranz symbolisch beizusetzen. Die Gastronomen sollen dabei Traueranzeigen mit den Namen ihrer Läden in den Händen halten und eine symbolische Schweigeminute abhalten.

Auch Kiez-Kultfigur Olivia Jones wird sich an der Aktion beteiligen: „Wir möchten mit unserer Aktion nicht anklagen, sondern ein starkes Bild senden: Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod. Zum Leben gehört mehr, als nur am Leben zu sein. Es geht auch darum, ein lebenswertes Leben zu haben, um Existenzen, die sich Menschen aufgebaut haben und deren Lebenswerke jetzt bedroht sind”, sagt die Travestiekünstlerin.

Rund 50 Gastronomen haben sich für die Aktion zusammengetan. Neben Olivia Jones protestieren Club- und Barbetreiber aus ganz St. Pauli, darunter Susi Ritsch (Susis Show Bar), die Betreiber des Dollhouse und der Großen Freiheit 36, Axel Strehlitz (Alte Liebe/Wunderbar/Klubhaus), Daniel Schmidt (Elbschlosskeller/Meuterei), Dominik Großefeld (Silbersack), Oliver Borth (Hans Albers Eck, La Paloma, Molly Malone) und viele mehr.

/ NF

 

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„Trauern“: Neue Ausstellung in der Kunsthalle

Mit Arbeiten von mehr als 30 internationalen Künstlern beleuchtet die Ausstellung „Trauern“ Verlust und Veränderung. Wir sprachen mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die unterschiedlichen Arten des Trauerns, über die politische Dimension des Gefühls und darüber, warum es großartig ist

Interview: Isabel Rauhut

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, auf die er­ folgreichen Ausstellungen „Scheitern“ und „Warten“ folgt jetzt „Trauern“. Wie haben sich die Themen herauskristallisiert?

Brigitte Kölle: Eigentlich haben sie sich ganz organisch ergeben. Jedenfalls war das Ganze anfangs nicht als Reihe angelegt, macht als solche aber rückblickend sehr wohl Sinn. Die Themen Scheitern, Warten und Trauern verbindet ja, dass sie Brüche und „blinde Flecken“ markieren, in einem auf Reibungslosigkeit und Funktionieren hin getrimmten Tages- und Lebensablauf. Genau dies interessiert auch viele Künstlerinnen und Künstler: Gerade in diesen Leerstellen sind Innehalten, Reflexion – und auch Kreativität möglich. Trauer ist sehr individuell.

Brigitte_Kölle

Kuratorin Brigitte Kölle, Galerie der Gegenwart

Wie haben Sie sich dem Begriff angenähert, wie haben Sie ihn eingegrenzt oder auch erweitert? 

Es stimmt, DIE Trauer gibt es nicht. Jeder Mensch trauert anders. Und auch die Trauer eines Einzelnen wandelt sich und kann unterschiedliche Formen annehmen. Insofern hat die Ausstellung auch einen Titel in Verbform: trauern. Damit ist ein Moment der Prozesshaftigkeit, des Wandels angesprochen.

Ausgangspunkt der Ausstellung war meine Beobachtung, dass zeitgenössische Künstler sich verstärkt und in vielfältiger Form mit Verlusterfahrungen auseinandersetzen. Da berühren sich also die Kunst und das Leben – das finde ich persönlich sehr spannend. Was kann uns die Kunst erzählen? Welche Bilder finden Künstler für ganz elementare und zuweilen in höchstem Maße verstörende und erschütternde Verlusterfahrungen?

Auffällig angesichts der Arbeiten ist, wie politisch Trauer sein kann. Ob es Morde an Schwarzen oder Bilder aus dem Syrienkrieg sind.

Wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, lernt man dazu. Für mich als Kuratorin war hierbei die Erkenntnis zentral, dass der gesellschaftliche und öffentliche Umgang mit Trauer ungeheuer viel auszusagen vermag über die Gegenwart, in der wir leben. Um wen trauern wir und um wen nicht? Es gibt gleichsam eine Hierarchie der Trauer. Darin liegt eine Wertschätzung und eine klare Wertung.

Im Booklet zitieren Sie Judith Butlers Frage „Welches Leben ist betrauernswert?“

Die amerikanische Philosophin Judith Butler hat sich nach 9/11 intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und war für mich in dieser Hinsicht ein regelrechter „eye-opener“. In der Ausstellung spiegelt sich die Frage nach der unterschiedlichen Wertschätzung, die in unterschiedlichen Intensitäten von gesellschaftlicher Trauer zum Ausdruck kommt, in zahlreichen Positionen wider: Der US-amerikanische Künstler Dread Scott thematisiert die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen (und das gesellschaftliche Desinteresse). Felix Gonzalez-Torres rückt die Verluste in der AIDS-Krise und Khaled Barakeh die Opfer des Syrienkrieges ins Blickfeld. Und der junge tschetschenische Künstler Aslan Ġoisum führt uns auf stille, aber eindrückliche Weise die Folgen der Zwangsdeportation unter Stalin vor Augen und was es heißt, seine Heimat zu verlieren.

 

„Trauer und Protest liegen nah beieinander“

 

Sind in diesem Zusammenhang auch die Bilder von Willem de Rooij zu sehen, die erst in den Titeln aufdecken, ob es sich um Trauernde oder Demonstranten handelt?

Trauer und Protest liegen nah beieinander. Wenn die ungleiche Verteilung von öffentlicher Trauer es vermag, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, dann kann sie auch dazu führen, diese nicht einfach stillschweigend hinzunehmen.

Willem de Rooij hat zwei Jahre lang Fotos aus Zeitungen, die Trauernde, Demonstrierende und Protestierende zeigen, gesammelt und diese ohne Quellenangaben auf großen Bildpanels zusammengefügt. So entsteht ein Bilderatlas einer medialen Repräsentation von Trauer und Protest.

 

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Abb.: Paul Fusco: RFK Funeral Train, 1968/2019

 

Sehr bewegend sind Paul Fuscos Fotos der Trauernden, die dem ermordeten Robert Kennedy an den Bahngleisen Respekt zollten, als sein Leichnahm 1968 nach Washington, D.C. gebracht wurde. Eine Million Menschen sollen es gewesen sein. Wie kam die Dokumentarfotografie in die Ausstellung?

Die farbintensiven fotojournalistischen Arbeiten von Paul Fusco sind beeindruckend und haben andere Künstler zu eigenen Arbeiten inspiriert. Darunter Rein Jelle Terpstra aus Amsterdam, der den Blick von Fusco auf die vielen Trauernden aus dem Zug mit Kennedys Leichnam zurückwirft. Er zeigt die Fotos und Filme, die die Trauernden selbst gemacht haben. Schuss – Gegenschuss!

Und der französische Künstler Philippe Parreno hat auf der Grundlage von Fusco-Fotos einen Film gedreht, der wie eine Art surreales Reenactment der Szenerie daherkommt und damit die Frage stellt, was von dem Ereignis des Jahres 1968, das ja zugleich ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Visionen eines Amerikas ohne Rassendiskriminierung war, in heutiger Zeit noch aktuell ist.

Betritt man die Ausstellung, hört man keltisch­heidnische Klagegesänge der Künstlerin Susan Philipsz. Wollen Sie den Besuch gleich zu Beginn mit Emotion aufladen?

Die Sound-Skulpturen von Susan Philipsz sind emotional und konzeptuell zugleich. Sie überwältigen nicht, obwohl sie berühren. Susan hat sich ein altes irisches Klagelied vorgenommen und es bis auf die Grundtöne reduziert. Sie singt einzelne Töne selbst, die über vier Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen des großen Lichthofs der Galerie der Gegenwart regelrechte Tonkaskaden bilden. Die menschliche Stimme ist zugleich körperlos als auch ungeheuer präsent – ein besonderes Erlebnis!

 

„Trauer ist der Beweis für unsere Liebesfähigkeit“

 

Wie wirkt es sich persönlich aus, sich so lange mit dem Thema Trauer zu beschäftigen?

Auf gewisse Weise musste ich mir im Laufe der Vorbereitung einen distanzierteren, fast analytischen Blick antrainieren: Wie ist das gemacht? Welche Aspekte thematisiert das Kunstwerk? Inwiefern bereichert und erweitert es die Bandbreite der gezeigten Werke? Es handelt sich hier schließlich nicht um die Vorbereitung einer Therapiesitzung, sondern um eine Kunstausstellung … Und dennoch geht das irgendwie ineinander über.

Denn dass die Künstler sich mit dem Thema beschäftigen, ist ihnen ein echtes, auch persönliches Bedürfnis. Und sie bieten damit gewissermaßen eine offene Flanke. Das ist für mich als Kuratorin, aber auch für die Besucher ein Geschenk.

Was sagt unser heutiger Umgang mit Trauer für Sie über unsere Gesellschaft aus?

Der gesellschaftliche Umgang mit Trauer impliziert eine Wertung, ein Ein- und Ausgrenzen. Und die Trauer sagt viel darüber aus, ob wir uns als verletzliche Wesen selbst akzeptieren und gegenseitig aushalten. Leider spricht die zunehmende Pathologisierung der Trauer eindeutig dagegen.

Letztlich ist die Trauer – so absurd das zunächst klingen mag – eine großartige Sache, denn sie ist der Beweis für unsere Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Wenn uns alles und jeder egal ist, dann können wir keinen Verlust und damit keine Trauer empfinden. Und das wäre eine schreckliche Vorstellung!

Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart: Trauern. Von Verlust und Veränderung, Eröffnung: 6.2., 19 Uhr, bis 14.6.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

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Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

Pink-Stinks-Werbemelder

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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Dieses Wochenende: Fahrraddemo

Anfang des Monats ist erneut eine Radfahrerin tödlich verunglückt. Am Samstag, den 19.5.18 um 14 Uhr, werden Hamburgs Radfahrer in Eimsbüttel für sichere Straßen demonstrieren. Treffpunkt: Kaifu-Ufer.

Am 7. Mai 2018 wurde eine Hamburger Radfahrerin von einem LKW überrollt. Sie verstarb an den Folgen des Unfalls. Auf ihren Tod folgte eine Mahnwache, bei der sich am Unglücksort niederlegten. Außerdem wurde ein sogenanntes Ghost Bike aufgestellt. Die weiß gestrichenen Fahrräder weisen weltweit auf tödlich verunglückte Radfahrer hin. Eine Demonstration ist nun für Samstag, den 19.5. geplant.

Mehr Sicherheit für Radfahrer

Organisator ist der Verein „Kurs Fahrradstadt“, der sich seit mehreren Jahren für die Sicherheit von Radfahrern einsetzt. Dieser kritisiert die Mobilitätspolitik des Hamburger Senats und fordert  ihn zum Handeln auf. An der Demonstration am kommenden Samstag (19.5.2018) beteiligen sich auch der ADFC, Radentscheid Hamburg und Politiker der Grünen (Anjes Tjarks und/oder Martin Bill) und Linken. Sie fordern eine Tempo-30-Zone im Eppendorfer Weg und auf der Osterstraße sowie eine umfassende Wende hin zu einer fahrradorientierten Verkehrspolitik.

Auf ihrer Facebookseite schreiben die Veranstalter: „Bastelt Tempo 30 Schilder, lasst eure Kinder Bilder malen, wie sie sich ihre Straßen in Eimsbüttel wünschen und bringt – wer mag – gerne auch Blumen mit, die wir an den Unfallstellen ablegen werden. Damit auch wirklich alle dabei sein können, gilt diesmal: Wer sein Rad liebt, der schiebt.”

Demo:
Sa. 19.5.18, 14 Uhr; Bundesstraße – Wiese hinter der Haltestelle Kaiser-Friedrich-Ufer; Kursfahrradstadt.wordpress.com

Critical Mass:
jeden letzten Freitag im Monat, 19 Uhr (nächster Termin: 25.5.18; Treffpunkt: Kaifu Ufer) https://criticalmass.hamburg/

Text: Sabrina Pohlmann
Foto: Kurs Fahrradstadt

Mehr Artikel über’s Radfahren in Hamburg:


Radfahren ist ein Schwerpunkt der SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!