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Plattenrille am Grindelhof: dem Streaming entgegen

Seit fast 40 Jahren gehört die Plattenrille zum Grindel. Im Januar wechselten die Besitzer. SZENE HAMBURG sprach mit den neuen Inhabern Christopher Zielske, Robert Hütteroth und Sebastian Prinz über den Spagat zwischen Bewahrung und Erneuerung und das Geschäft in Zeiten von Spotify.

Interview: Ole Masch
Foto: Plattenrille

SZENE HAMBURG: Sebastian, wie wird man Plattenladenbesitzer?

Sebastian: Ich war seit Mitte der 90er Jahre Kunde in der Plattenrille. Als ich 2004 meinen Studentenjob beim Indievertrieb Efa verlor, haben die Vorbesitzer gefragt, ob ich als Aushilfe anfangen möchte.

Christopher: Sebastian war das Bindeglied zwischen uns und dem Laden. Wir haben vorher bei einem Musikvertrieb gearbeitet und schon dort gemerkt, dass das Arbeitsklima untereinander funktioniert.

Robert: Als dann diese Möglichkeit aufploppte, haben wir gesagt, dass müssen wir machen, so was passiert nicht noch mal.

Warum ploppt so etwas auf?

Christopher: Die ehemaligen Inhaber Paul Löffler und Herbert Sembritzki, waren langsam in einem Alter, in dem sie an Ruhestand gedacht und einen Nachfolger gesucht haben. Sebastian hat uns dann gefragt, ob wir das mit ihm machen. Natürlich war das erst mal ein großer Schritt, seinen festen Job zu kündigen und in eine gewisse Ungewissheit reinzugehen.

Robert: Aber wir waren alle nicht die typischen Karrieretypen, sondern haben unsere Nische gesucht. Das ist sicher nicht ungewöhnlich bei Plattenläden, dass Leute keine glatte Biografie haben. Und uns ist auch bewusst, dass man hier nicht schnell viel Geld verdienen wird. Es gehört schon eine Portion Leidenschaft oder Idealismus dazu. Und wir ergänzen uns alle drei musikalisch sehr gut. Sebastian hört viel Country oder Bob Dylan. Ich bin ein bisschen Kind der 90er, Christopher legt im Pudel oder im Central Kongress auf.

Sebastian: Es ist den beiden Vorbesitzern sichtlich schwergefallen, sich von dem 1981 gegründeten Laden zu verabschieden. Wir waren die Wunschlösung. Es war ihnen wichtig, dass der Laden in ihrem Sinne weiterführt wird.

 

 

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Was heißt in ihrem Sinne?

Sebastian: Der Laden hat sich immer durch Kundenservice ausgezeichnet. Es ging hier nie nur darum, einfach Platten zu verkaufen. Ich erinnere mich, wie die Plattenrille in den 90ern von einem Musikmagazin zum besten Plattenladen Deutschlands gewählt wurden, weil Paul über Nacht eine Platte organisiert hat und anbot, sie dem inkognito testenden Redakteur zum Bahnhof zu bringen.

Christopher: Neulich war eine alte Dame hier, deren Mann kürzlich verstorben war. Sie hatte für die Beerdigung eine Oper gesucht. Wir haben dann eine Stunde Sachen durchgehört, da sie nicht mehr genau wusste, was es war. Oder das Beispiel Schellack. Auch wenn die Nachfrage im Prinzip nicht existiert, bieten wir das weiterhin an. Und wir nehmen jeden ernst. Wenn jemand Heino sucht, dann suchen wir Heino. Auch wenn ich das selber nie hören würde.

Robert: Ich erinnere mich an den 18-Jährigen, der eine Single suchte und schon alles abgeklappert hatte. Wir haben die meisten Singles in Hamburg und konnten sie irgendwann im Lager finden. Der hat sich so gefreut, dass er jubelnd den Hof verlassen hat.

Und was habt ihr verändert?

Christopher: Wir haben angefangen im kleinen Maße Neuware anzuschaffen. Der Laden ist ja grundsätzlich ein Secondhandladen und lebt von Plattenankäufen. Außerdem war hier vorher sehr viel dekoriert. Wir haben es ein bisschen entschlackt. Und wir wollen monatliche Veranstaltungen starten. Mit Vorträgen, Lesungen oder etwas Party. Wir können uns gut vorstellen, dass hier ab 18 Uhr ein DJ auflegt und es ein bisschen über die Öffnungszeiten hinausläuft.

Was sagen die Stammkunden dazu?

Sebastian: Uns muss klar sein, dass die Kundschaft ganz überwiegend männlich und jenseits der 40 ist. Also alte Männer. Und alte Männer sind wertkonservativ, da muss man behutsam rangehen.

Robert: Die Gratwanderung ist: Wie viel vom Alten bewahrt man und wie viel Neues bringt man rein.

 

„Wenn Väter ihren Kinder die erste Platte kaufen, das ist immer toll“

 

Welche Neukunden wünscht ihr euch?

Christopher: Schön wäre, wenn es sich auch ein bisschen verjüngt und auch mehr weibliche Kunden kommen. Oder wenn Väter ihren Kindern hier ihre erste Platte kaufen, das ist immer toll. Und es gibt viele DJs, die herkommen, um etwas zu finden. Der Laden steht auch dafür, dass man was entdecken kann.

Entdeckt ihr selber noch Sachen?

Christopher: Na klar. Ich glaube, dass ich das Sortiment niemals ganz kennen werde. Wir haben zum Beispiel eine riesige Klassik-Abteilung. Und neulich gab es bei einem Ankauf diese tolle Geschichte mit ,,Daydream Nation‘‘ von Sonic Youth. Da war ein Plagiat aus der UdSSR dabei. Damals wurde das Original mit dem Gerhard Richter ,,Kerzen‘‘-Gemälde einfach nachgestellt und fotografiert. Über solche Kuriositäten freut man sich besonders.

Robert: Man denkt immer, dass der Laden in den letzten dreißig Jahren abgegrast wurde. Aber bei den ganzen Genres und unserem Warenbestand ist das eigentlich unerschöpflich.

Wie kommt ihr gegen die Streamingdienst-Konkurrenz an?

Robert: Das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Gerade jüngere Leute nutzen es, aber kaufen auch Platten. Der Unterschied ist, dass bei Spotify der Algorithmus Vorschläge macht und irgendwann deine Hörgewohnheiten kennt. Klar ist das interessant, aber was der Plattenladen leistet und der Algorithmus eben nicht, ist das Zufällige. Wenn du hier herkommst, stößt du auf Sachen, die nicht aus deinem alten Geschmack generiert wurden. Dann gibt es neue Verweise, man stolpert über Sachen, kann stöbern und lässt sich überraschen.

Christopher: Es ist auch dieses Gefühl, dass ich Musik besitzen und ins Regal stellen möchte. Auch wegen der Cover. Mir reicht es nicht, Sachen, die ich toll finde, mit einem Klick abzurufen. Wenn ich eine Platte raushole und auflege ist das eine andere Verbindung zur Musik.

Robert: Das ist der Grund, warum Leute Schallplatten sammeln. Sie wollen sie festhalten. Vielleicht auch, weil ihnen die Musik sonst ein bisschen entgleitet und sie manchmal vergessen, was sie gehört haben.

 

 

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Wie kommt ihr an neue Platten?

Wir bauen gerade unsere neue Website auf, aber es gibt scheinbar noch viele, die im Telefonbuch nach Schallplattenhändlern suche. Noch rufen uns fast täglich Leute an, die ihre Sammlung loswerden möchten.

Sebastian: Das Konzept hat bis jetzt funktioniert. Nur tut es das vielleicht nicht mehr die nächsten zehn Jahre.

Robert: Und es gibt uns jetzt auch auf Instagram (alle lachen).

Christopher: Wir müssen gucken, wie wir neue Leute erreichen. Da gehören soziale Medien dazu. Das kann aber auch ganz banal über Aushänge in Supermärkten auf dem Dorf sein. Die interessanteren Sachen sind sowieso auf dem Land zu finden.

Was zum Beispiel?

Robert: Ich war neulich in Schneverdingen und habe einen älteren Herrn getroffen, der demnächst ins Altersheim muss. Er war 95, total fit und hat mich mit dem Auto abgeholt. Da ist mir mal wieder klar geworden, wie sehr man einen Einblick in die privaten Sachen von Leuten bekommt. Das sind häufig Nachlässe, die eine Geschichte haben. Es ist ihm wirklich schwergefallen, als ihm klar wurde, dass es mal seine Platten waren.

Sebastian: Man erfährt etwas über die Vorbesitzer und wie die Sammlung entstanden ist. Welche Schwerpunkte gesetzt wurden und was für persönliche Verbindungen die Eigentümer zu einer bestimmten Musik oder zu bestimmten Künstlern hatten.

Was hat ein 95-Jähriger für einen Plattengeschmack?

Robert: Er war Jazzer, hat schon im Nationalsozialismus angefangen, Platten zu sammeln und mir erzählt, wie viele Platten damals als Tanzmusik getarnt wurden, damit man den Verboten entgeht.

War die Sammlung was wert?

Christopher: Wir sind manchmal etwas überfordert, weil man Sachen sieht und weiß, dass sie nicht mehr viel bringen. Dann muss man die Leute ein bisschen vor den Kopf stoßen, weil es für uns nicht wirtschaftlich ist. Man merkt den Leuten die Enttäuschung schon an und natürlich ist der persönliche Wert groß. Aber wenn jemand 100 Klassik-Platten auf dem Dachboden gefunden hat und im Internet sieht, dass davon mal eine Platte 100 Euro gebracht hat, muss man erklären, dass das Ausnahmen sind. Beispiel James Last. Davon haben wir meterweise im Lager stehen.

 

„Sammlungen sind oft wie eine Wundertüte“

 

Was wäre ein besonderer Fund?

Christopher: Die meiste Freude kommt eigentlich auf, wenn man in einer Sammlung unerwartet Platten entdeckt, zu denen man einen Bezug hat und sie schon länger sucht. Da fällt es manchmal schwer, sie loszulassen und in den Laden zu stellen.

Sebastian: Das Spezielle am Handel mit Gebrauchtware ist, dass sich ganz individuelle Gebrauchsspuren des Vorbesitzers abbilden. Das sind dann alle ein Stück weit Unikate, obwohl sie mal industrielle Massenware waren. Fast wie bei gebrauchten Klamotten, die mit der Zeit die Körperform ihres Trägers annehmen.

Robert: Plattensammlungen sind oft wie eine Wundertüte. Sammler überraschen öfter mit Genremixen, die man nicht erwartet.

Sebastian: Und bei vielen Sammlern geht es gar nicht mehr darum herzukommen, weil sie hoffen irgendetwas zu finden. Viele kommen, um sich über ihr Spezialinteresse zu unterhalten, weil sie es zu Hause nicht können. Man darf nicht vergessen, dass man als Einzelhändler in diesem Bereich irgendwie auch eine soziale Funktion hat.

Fast wie ein Barkeeper …

Christopher: Ja, und auch hier kann man selbst sein bester Kunde werden (alle lachen).

Plattenrille: Grindelhof 29 (Rotherbaum) 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Cryptofauna

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Cryptofauna (Lehult & 206 / PAL) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview:Louis Kreye & Jean Djaman

Szene Hamburg: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Cryptofauna: Mir ist dazu mal ein alberner Butterbrot-Vergleich eingefallen: Stell dir vor, du schmierst dir eine richtig geile Stulle, nur mit Butter und Salz. Und dann stell dir vor, die Butter ist House und das Salz ist Techno. So in dem Verhältnis spiele ich meine Club-Sets. Meistens versuche ich, mich mit den housigeren Sachen auf ein Level zu spielen, auf dem ich dann urplötzlich einen Techno-Banger bringen kann. Wenn ich es dann noch hinkriege, ein Funk- oder Hip-House-Stück zwischen die House-Butter und das Techno-Salz zu schieben, und das ankommt: call me a happy person.

 

„Eine dicke 4/4 Kick ist purer Sex“

 

Ein Aspekt, der elektronische Musik für dich besonders macht?

Sie ist sexy. Wir können uns da was vormachen oder einfach dankend annehmen, dass eine dicke 4/4 Kick purer Sex und Wärme ist. Sexy kann eine Stimme sein, die haucht, oder ein Synth der klingt, wie eine Stimme, die haucht oder ein Groove, bei dem das Zusammenspiel der Instrumente einen dermaßen in Trance versetzt, dass man ganz woanders ist. Ich lasse mich auch gern von Percussions einlullen, die am besten irgendwie freaky sind. Und ohne Acid geht bei mir gar nix. Beim Kochen oder Abhängen höre ich übrigens gar nicht so viel elektronische Musik. Ich glaube, in meinem nächsten Leben werde ich New-Age- und Healing-DJ und spiele auf den Afterhours von irgendwelchen Psy Raves. Ha ha!

Größter Moment als DJ?

Wenn ich es im großen Ganzen betrachte: Als André Stubbs mich und meinen Mann Eddie, mit dem ich übrigens auch zusammen als Epikur auflege, gefragt hat, ob wir Residents im PAL sein wollen. Dadurch kann ich regelmäßig mit so vielen talentierten und großen DJs spielen. Und hab dazu noch eine super geile Crew um mich, die alle eine wirklich große Leidenschaft dafür haben, den Club am Laufen zu halten.

Und konkret?

Wenn es um einen tatsächlichen Moment im Club geht, hat sich vor allem mein Gig beim Electric Weekender im Leipziger Conne Island ins Gedächtnis eingebrannt. Die Party findet nur einmal im Jahr statt und ich durfte das Opening für Midland spielen. Ein gefühlt zehn Meter langes Pult ganz für mich allein. 500 Leute, die richtig Bock hatten. Hands up und smiley faces. Eine dicke Anlage. Da bin ich echt von Ohr zu Ohr grinsend raus.

 

„Hast du ‚Happy Birthday‘ dabei?“

 

Schrecklichste Gast-Frage?

Das sind doch immer die gleichen: Kannst du „Nice For What“ von Drake spielen? Hast du „Happy Birthday“ dabei? Zu der Frage fällt mir aber auch eine schöne Geschichte ein. Letztens wurde mir ein Handy hingehalten und innerlich hatte ich mich schon auf ’nen abstrusen Wunsch vorbereitet. Stattdessen hat der Gast auf dem Display eine nette Message aufgeschrieben: „Biggest respect from georgian ravers (bassiani & khidi)“ stand da. Da wär ich fast geplatzt vor Freude. Wenn jemand einen guten Rave zu schätzen weiß, dann sind es die Menschen in Georgien.

Wo gehst du hin, um Spaß zu haben?

Natürlich ins PAL und in den Pudel. Südpol ist ab und zu auch ganz lustig. Außerdem mag ich das Frappant. Und ich würde noch in den Golem gehen, wäre er noch da. Da gab es ja so was wie die perfekte Mischung aus High Class Bar und einem gut gemachten Club.

Wen würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Powder aus Japan! Außerdem Dauwd von African Acid Is The Future. Und Josey Rebelle. Und da ich schon länger kein dolles Techno-Set gehört hab, was aber trotzdem warm ist und groovt: Mama Snake.

Release und Leute des Monats?

DJ Sotofett und Maimouna Haugen – „C’est L’Aventure“ auf Honest Jons. Außerdem sollte man momentan auf das Label Space Drum Meditation ein Auge haben. Und auf die Press Group, die One Mother Crew sowie L.F.T. Und natürlich alle PAL-Residents, da kocht immer was.

 

 

Wo kann man dich als Nächstes hören?

Am 8.2. im PAL, wenn ich (als Epikur) einen meiner Lieblings-DJs supporte: Hunee! Danach spiele ich mal wieder im Waagenbau, wo vor fast zehn Jahren alles angefangen hat. Und Mitte Februar im Pudel. Außerdem steht ein Bar Gig im Chambre Basse auf dem Plan. So was mache ich auch noch gern, da kann man immer schön alles andere spielen, was zu Hause rumsteht. Vielleicht kann ich da ja weiter an meiner New-Age-Karriere arbeiten.

 

Hört hier das aktuelle Set von Cryptofauna im Podcast von hamburg elektronisch


 Dieses Interview stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Patlac

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG präsentiert von Hamburg Elektronisch Resident DJs vor. Diesmal mit Patlac (35), DJ seit 1999, beim Label liebe*detail.

Dein Sound?
House und Techno.

Größter Moment als DJ?
Immer dann, wenn sich etwas zwischen dir und dem Publikum entwickelt, eine Verbindung entsteht und die Gäste Spaß an der Musik haben die ich in dem Moment ausgewählt habe.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?
Mit Freunden kann ich überall Spaß haben. Wenn es um elektronische Musik geht würde ich wohl den Pudel oder das PAL ansteuern.

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?
Eurokai! Toller Dj, mit tollem Geschmack.

Platte des Monats?
Afriqua – Vice/Principle / R&S Records

Hamburgs Stärken?
Die „Unaufgeregtheit“ die in der Stadt herrscht. Und damit meine ich nicht „emotionslos“ sondern eher die entspannte Grundstimmung.

Und die Schwächen?
Schlechte Radwege.

Lieblings-Ort in Hamburg?
Unten am Hafen wo die großen Schiffe schlafen.

Schrecklichste Gast-Frage?
Schwer zu definieren, denn wenn sich mal ein Gast ein Bier bei mir bestellt hat oder sich einen Track wünscht, der so gar nicht passt, empfinde ich es eher als witzig als schrecklich.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?
Ich würde ungern einen einzelnen hervorheben wollen. Ich denke auf die ganze Hamburger Szene sollte man ein Auge haben.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?
Jeder Gig in Hamburg ist etwas Besonderes, denn es ist nicht immer leicht die Gäste sofort von dir zu überzeugen. Allerdings wenn du es schaffst bleiben sie treu bei dir.

Wo kann man dich als nächstes hören?

In Hamburg etwa alle zwei Monate im PAL, ansonsten werden Berlin, Barcelona, Kiel, San Francisco und New York die nächsten Stationen sein.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Die DJane ist tot, lang lebe der DJ

Sexismus: Nachts sind alle Katzen grau. Und im Club sind alle Menschen gleich? Schön wär’s. Noch immer gelten Frauen an den Plattentellern als Exoten. Doch zum Glück steigt der Anteil weiblicher DJs – auch in den Hamburger Clubs.

Das Jahr 2017 wird als das in Erinnerung bleiben, in dem zahlreiche Skandale in der Medienwelt die Sexismus-Debatte neu entfachten – und es gab kaum eine Branche, die davon nicht betroffen war. Auch das sich stets als liberal gebende Musikbusiness, so ungern seine Akteure es auch wahrhaben wollen, krankt seit jeher an einem starken Ungleichgewicht von weiblichen und männlichen Künstlern, ungerechten Gagen und Diskriminierung. Diese Probleme, die struktureller Natur sind, machen vor der Clubtür nicht Halt. Denn auch in der elektronischen Musikszene werden – abgesehen von einigen Ausnahmen – weibliche DJs immer noch weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen. Und statt um Fähigkeiten, geht es in der Regel eher um Äußerlichkeiten.

Bestes Beispiel ist der Fall um Konstantin, Mitbegründer des Weimarer Techno-Labels Giegling. Im Sommer 2017 echauffierte er sich in einem Gespräch mit dem Groove-Magazin über die Ungerechtigkeit, dass weibliche DJs derzeit so sehr gefördert würden – obwohl sie ja meist schlechter auflegten als Männer. Demnach wäre es für Frauen also wesentlich einfacher, als DJ Erfolge zu feiern, weil sie unverhältnismäßig große Unterstützung erfuhren.

Nicht nur bei vielen weiblichen DJs stößt diese Aussage auf großes Unverständnis. Fathia, die seit etwa zwei Jahren in der Hamburger Pooca Bar regelmäßig Deep House und Techno auflegt, meint: „Ich sehe nicht, dass weibliche DJs großartig gehypt werden. Es gibt immer noch genügend Partys, bei denen gar keine Frauen gebucht sind.“

Dabei ist diese Entwicklung hin zur männerdominierten Branche, in denen Frauen, homosexuelle oder queere Personen nur eine Nebenrolle spielen, im Grunde paradox. Denn ihre Geburtsstunde feierte elektronische Clubmusik schließlich in den Schwulenbars von New York und Detroit. An Orten also, an denen die LGBTQ-Gemeinde Zuflucht fand und sich den Diskriminierungen des Alltags zumindest für ein paar Stunden entziehen konnte.

Dass die internationale Clublandschaft spätestens seit den 90er Jahren von heterosexuellen weißen Männern bestimmt wurde und Frauen und andere marginalisierte Personengruppen lange Zeit nahezu unsichtbar waren, bemerkte auch die Musikproduzentin Susanne Kirchmayr, die als Electric Indigo seit mehr als 20 Jahren in den Clubs dieser Welt auflegt. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, gründete die Österreicherin 1998 female:pressure – ein Verzeichnis von Künstlerinnen, DJs, VJs, Produzentinnen und Bookerinnen, die im Bereich der elektronischen Musik agieren und sich über eine Datenbank miteinander vernetzen können. Aktuell umfasst diese mehr als 2.000 Mitglieder aus 74 Ländern.

Yeşim Duman setzt sich für weibliche DJs ein.

Dass sich die Geschlechterverhältnisse jedoch langsam aber sicher verschieben, macht eine Studie deutlich, die alle zwei Jahre von female:pressure erhoben wird und die die Sichtbarkeit weiblicher Akteure in der internationalen Festival- und Clubszene beleuchtet. Aus der aktuellen Auflage aus dem Herbst 2017 geht hervor, dass der Anteil an weiblichen Acts, der 2012 noch bei 7,4 Prozent lag, sich 2016 auf 24,6 Prozent erhöht hat, auch in Hamburg.

Einen Teil dazu trägt Bruna bei, die mit dem Projekt „Bruna & Paul“ zum Hamburger Somnium-Kollektiv gehört und seit einigen Jahren unter anderem regelmäßig im Hafenklang an den Decks steht. Weil in unserer Gesellschaft Männer und Frauen eben noch nicht gleichgestellt seien, spiele der Feminismus und die Sensibilisierung dafür nach wie vor eine große Rolle, meint die 26-Jährige: „Ich habe, seitdem ich selbst auflege, immer versucht, mich mit anderen weiblichen DJs zu vernetzen, weil mir der Zusammenhalt und die Solidarität sehr wichtig sind. Ich halte auch nichts von Konkurrenzdenken, sondern sehe den Austausch mit anderen DJs viel mehr als eine Bereicherung an.“

Diesen Ansatz verfolgt auch Yeşim, deren selbst veranstaltete Partys, wie zuletzt „Erdogay“ im Golden Pudel, auch immer mal wieder mit einem rein weiblichen Line-up aufwarten – ohne dass sie das beabsichtigt hätte. Fathia dagegen sieht diese „Female DJ Partys“ kritisch, da sie die Gefahr eines umgekehrten Sexismus bergen, eben weil sie Männer komplett ausschließen. Worin sich jedoch alle einig sind: Die Lösung des Problems kann nur darin liegen, sich vom Schubladendenken zu verabschieden. Ein wichtiger Schritt ist vermutlich dann getan, wenn Menschen endlich aufhören das Wort „DJane“ zu benutzen, bei dem sich vielen weiblichen DJs die Fußnägel hochrollen und das (Geschlechter-)Grenzen aufbaut, wo doch eigentlich keine sein sollten. Fathia bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Es geht doch bei der Musik um Vereinigung, um das Miteinander. Miteinander das Glück teilen. Und nicht um Egokram.“

Text: Katharina Grabowski

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Golden Pudel is BACK

WAU! Die Elbphilharmonie der Herzen ist zurück. SZENE HAMBURG blickt ins Innere des beliebten Hafenrand-Clubs und freut sich über die Eröffnung.

Die 550 Tage ohne Golden Pudel waren mehr als genug. Ohne großes Brimborium sollte Mitte August der frisch renovierte Club erneut seine Türen öffnen. So zumindest wünschte es sich das Betreiber- Kollektiv einige Zeit vorher. „Die Idee ist, einfach aufzumachen und so zu tun, als ob nichts war. Wir wollen jetzt einfach unser Ding machen und zur Normalität übergehen“, so Mitbetreiber Ralf Köster zur SZENE HAMBURG. Und so wurden einige überrascht, als die Nachricht der Wiedereröffnung erst drei Tage vor dem geplanten Datum die Runde machte. Keine Pressemitteilung, keine Interviews. Lediglich eine Aktualisierung der eigenen Webseite mit dem Programm für die kommenden Wochen.

Dass Bude, Terrasse, Vorplatz und sogar Pudeltreppe trotzdem gerammelt voll waren, überraschte dann weniger. Zu groß war die Lücke, die die Schließung nach dem fatalen Brand im Februar 2016 in der Kunst- und Musikszene der Stadt hinterlassen hatte. Deren Vertreter waren am Eröffnungsabend so zahlreich vorhanden, dass man mit ihnen mühelos ein mittelgroßes Festivalprogramm füllen könnte. Und das ist trotz der im Pudel so angenehm praktizierten Unaufgeregtheit gegenüber Szeneprominenz interessant, weil es die Reichweite der Pudelfamilie verdeutlicht, in erster Linie aber die große Solidarität zeigt, die der Laden – nicht erst, aber ganz besonders – seit dem verheerenden Feuer erfahren hat.

Weltweite Soli-Veranstaltungen, Exil-Partys befreundeter Clubs, freiwillige Helfer, Benefizkonzerte oder zahlreiche Spendenaufrufe bekannter Persönlichkeiten wie Helge Schneider, Ewald Lienen, Beginner, Jamie Lidell, Jimi Tenor, Deichkind, Trentemöller, Fettes Brot und vielen weiteren, haben dazu beigetragen, dass das durch Löschwasser zerstörte Erdgeschoss saniert werden konnte und dank neuer Betondecke auch während der folgenden Obergeschoss- Bauarbeiten geöffnet sein kann.

Und Solidarität mit dem Pudel ist weiterhin wichtig. Denn obwohl die Stadt Hilfen von 200.000 Euro zusagte und auch der Bezirk Altona 100.000 Euro für den Wiederaufbau übernimmt, soll der Rest der Gesamtkosten von rund 850.000 Euro durch Eigenleistungen und Spenden erbracht werden, berichtet der NDR.

So zu tun, als ob nichts war, klingt da schwierig, gelingt an den ersten Clubabenden aber ganz gut. Wer sich früher problemlos durch den Club navigierte, wird dies auch heute tun. Betritt man den Pudel durch die schweren Holzflügeltüren, fällt vor allem der neue Tresen ins Auge. Seitlich versetzt bietet der Barbereich mehr Platz für eine wirkliche Neuerung: Der Pudel öffnet jetzt ab 20 Uhr. „Wir wollen auch Kneipe für den frühen Abend sein, ein Kumpelnest in dem man sich gepflegt unterhalten kann ohne gegen die Musik anschreien zu müssen”, erzählt Köster. „Für die Nachbarschaft und für Leute, die nicht erst um 2 Uhr nachts ausgehen um sich an Beats für die Hüften zu erfreuen“.

Keine Musik von der Stange: Pudel Dancefloor. Foto: Katja Ruge

Natürlich wird das weiterhin möglich sein. Große Teile des bewährten Programms mit täglichen Veranstaltungsreihen wie Die Kotze hat meine Jacke verklebt oder dem MFOC-Sonntag und Pudel-nahen Labels und Künstler*innen wie Ratkat, Cindy Looper, Pelle Boys, Gatto Musculoso, Knarf Rellöm, Smallville oder liebe*detail finden sich im September-Programm wieder. Und auch Konzerthighlights wie der Auftritt der Sheffielder Band Blood Sport knüpfen nahtlos an alte Pudelzeiten an.

Am besten also hingehen und sich selber ein Bild machen. Denn eines ist klar: Jetzt spricht wieder die Musik!

Mehr Infos auf www.pudel.com

Text: Ole Masch / Fotos: Katja Ruge

Dieser Text ist erstmals erschienen in der SZENE HAMBURG Ausgabe September 2017.