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Serie: Ach Kiez. Ein Zug durch die Nacht. 3. Teil

St. Pauli ist für viele ein geflügeltes Wort. Ein Ort der Sünde und Sehnsucht. Doch was denken die Menschen, die da wohnen, leben und arbeiten über ihren Kiez? Gespräche mit sechs St. Paulianerinnen und St. Paulianern in den Stunden, in denen sich das Viertel in eine Feiermeile verwandelt. Dritter Teil: Viktor Hacker & Thomas Angele


Auszug aus unserer Titelgeschichte „Kiez. Zwischen Abscheu & Hoffnung“, erschienen im August 2017. Text: Sara Lisa Schäubli / Fotos: Philipp Jung


Serie Kiez

Viktor Hacker: „Das Publikum eines Ladens häutet sich alle fünf Jahre.” Foto: Philipp Jung

1 Uhr: Türsteher Viktor Hacker

Jetzt um eins ist auf dem Hamburger Berg noch wenig los. Der richtige Betrieb beginnt erst gegen zwei Uhr. Als Türsteher ist er dann mittendrin statt nur dabei: Viktor Hacker. Seit gut 30 Jahren an der Tür hat er auf St. Pauli schon vieles gesehen. „St. Pauli sind für mich die Menschen“, sagt er und wie gerufen taucht die geschlossene Belegschaft einer befreundeten Bar an der Tür auf: großes Hallo, Umarmungen, Schulter klopfen, Sprüche. „Ich fühle mich sehr Zuhause hier“, sagt er, nachdem sie weitergezogen sind.

Etwas, das Erfolg hat, ist irgendwann nicht mehr Original, sondern nur noch eine Kopie

Die Kneipen auf St. Pauli sind für Viktor Hacker Auffangbecken für wilde Menschen und gebrochene Biografien: „Das ist gleichzeitig ein Klischee und die Wahrheit.“ Zum Türstehen sei er gekommen, weil er nicht schnell genug Nein sagen könne. „Jemand unterstellt dir, dass du mit Menschen gut klarkommst und schon ist der Erfolg dein Fluch“, lacht er.

Sein Türsteherkollege an dem Abend studiert Psychologie. „Die beste Grundlage, um an der Tür zu stehen!“, findet Viktor Hacker.

Die Jahrzehnte gehen an den Musikclubs nicht spurlos vorbei. „Das Publikum eines Ladens häutet sich alle fünf Jahre“, sagt Viktor aus Erfahrung. Denn dann kommt die nächste Generation ins Feieralter – und die haben meist einen anderen Musikgeschmack.

Eine Situation steht für Viktor Hacker exemplarisch für den Wandel des Kiezes. Ein bayrischer Tourist, den er einmal an der Tür hatte, verglich den Kiez mit Disneyland. „Der hat es begriffen, dass etwas, das Erfolg hat, irgendwann nicht mehr Original, sondern nur noch eine Kopie dessen ist.“ Für Viktor Hacker hat niemand Schuld daran. „Durch den Erfolg, den St. Pauli mit seiner Eigenvermarktung hat, schafft der Stadtteil sich selber langsam ab.“

Ach Kiez

Kiezbäcker Thomas Angele: „Die Leute kommen nicht mehr für die Erotik, sie kommen für die Unterhaltung her.“ Foto: Philipp Jung

2:30 Uhr: Kiezbäcker Thomas Angele

Mettbrötchen reicht Meisterbäcker Thomas Angele selbst mitten in der Nacht über die Theke. Da kann sich der Kiez rundherum wandeln wie er will, das Mettbrötchen bleibt der Favorit. Seit 27 Jahren hat seine Kiezbäckerei an der Silbersackstraße jeden einzelnen Tag geöffnet.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag sogar schon um halb drei in der Früh, damit von Prostituierten über Barpersonal bis hin zu Frühaufstehern alle ihre Brötchen bekommen. Zu dieser Zeit diskutiert auch eine Gruppe Jugendlicher vor dem Laden auf der Straße, ob sie nun in der Kneipe nebenan 1 Euro für die Toilette ausgeben oder sich doch lieber am nahen Zaun erleichtern wie viele vor ihnen.

Seine Stammgäste kennt er nach wie vor in- und auswendig

St. Pauli ist für Thomas Angele Zusammenhalt und Vielfalt, aber auch, was den St. Paulianerinnen und St. Paulianern zugemutet wird: „Die Menschen auf St. Pauli müssen sich sehr mit ihrem Stadtteil identifizieren, sonst wären sie doch schon lange von den ganzen Großevents vertrieben worden.“

Die Events bringen aber Kundschaft, das ist ihm als Gewerbetreibendem ganz klar: „Die Leute kommen nicht mehr für die Erotik, sie kommen für die Unterhaltung her.“ Einzig die Zeiträume zwischen der einen und der nächsten Veranstaltung könnten für ihn etwas größer sein.

Von den früheren 90 Prozent Stammkunden sind heute nur noch 30 Prozent übrig. Den Rest hat er an günstigere Anbieter wie diverse Billig-Supermärkte verloren. Dass die Leute aus dem Viertel sparen müssen, kann er vollends verstehen. Das fehlende Stammpublikum kompensieren dann eben die Touristen. Doch seine Stammgäste kennt er nach wie vor in- und auswendig. Sie begrüßt er mit Namen und drückt ihnen dann mit einem Lächeln zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Mettbrötchen in die Hand.

Serie: Ach Kiez. Ein Zug durch die Nacht. 2. Teil

St. Pauli ist für viele ein geflügeltes Wort. Ein Ort der Sünde und Sehnsucht. Doch was denken die Menschen, die da wohnen, leben und arbeiten über ihren Kiez? Gespräche mit sechs St. Paulianerinnen und St. Paulianern in den Stunden, in denen sich das Viertel in eine Feiermeile verwandelt. Zweiter Teil: die bürgernahe Beamtin Margot Pfeiffer & Julia Staron/ Lars Schütze vom BID


Auszug aus unserer Titelgeschichte „Kiez. Zwischen Abscheu & Hoffnung“, erschienen im August 2017. Text: Sara Lisa Schäubli / Fotos: Philipp Jung


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Ihr Reviergebiet umfasst 0,9 Quadratkilometer: Margot Pfeiffer. Foto: Philipp Jung

21 Uhr: Bürgernahe Beamtin Margot Pfeiffer

Freitagabends dreht die Polizeibeamtin Margot Pfeiffer gern noch eine Runde auf St. Pauli, um sich den Beginn des Nachtlebens anzuschauen. Ihr Reviergebiet umfasst 0,9 Quadratkilometer. Seit 1983 ist Margot Pfeiffer hier auf den Straßen unterwegs. Sie kennt keine andere Wache als das PK 15, besser bekannt als Davidwache. „Und es war mir noch keinen Tag langweilig“, sagt sie und lacht.

„St. Pauli hat eine lange Geschichte als sozial schwacher Stadtteil, das verbindet. Niemand guckt doof, wenn ein Transvestit über die Straße geht, und es gibt kreative Proteste wie im Falle der Esso-Häuser. St. Pauli lebt“, sagt Pfeiffer.

Beim Schlagermove kriegt sie Komplimente für ihr Outfit

Als eine von vier bürgernahen Beamten ist es ihre Aufgabe, präventiv tätig zu werden, bevor es knallt. Dazu gehören ganz viel Reden und ganz viel Zuhören. „Es ist wichtig, ansprechbar für die Bevölkerung zu bleiben“, sagt sie. Dass ihr jemand von der anderen Straßenseite oder aus einem Ladeneingang einen Gruß zuruft, passiert ständig. „Ich genieße eine gewisse Akzeptanz im Stadtteil“, sagt sie diplomatisch, „na ja, wer seit 34 Jahren hier ist und immer noch freundlich gegrüßt wird, kann nicht alles falsch gemacht haben.“

Die Uniform hat bei den Touristen auch schon für kuriose Situationen gesorgt. Auf der Reeperbahn begegnete sie auf einem ihrer Rundgänge Olivia Jones mit einer großen Führung im Schlepptau. „Das ist unsere Lieblingspolizistin Frau Pfeiffer“, verkündete diese übers Mikrofon. Die beiden flachsten etwas hin und her, bis sich zwei ältere Frauen aus der Gruppe lösten und anfingen an Frau Pfeiffers Uniform herumzuzupfen. Die beiden waren überzeugt, dass die Stadtteilpolizistin nicht echt sei, sondern zum Amüsierprogramm gehöre. Auch der Schlagermove sei ein Event, bei dem ihr etliche Male jemand ein Kompliment für ihr „Outfit“ mache, sagt Margot Pfeiffer.

Tagtäglich ist sie als Polizeibeamtin mit den Nöten und Wünschen der St. Paulianerinnen und St. Paulianer konfrontiert: nicht noch mehr Gentrifizierung, weniger Veranstaltungen und weniger saufende und wildpinkelnde Menschen. „Die Menschen hier möchten aus ihrem Haus in der Hopfenstraße oder Kastanienallee rausgehen und nicht in einer Kloake stehen“, so Pfeiffer.


St. Pauli in Zahlen. (Quelle PKS 2016) Körperverletzung : 2.989 Rauschgiftdelikte: 1.899 Erfasste Straftaten: 20.146


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“Wir wollen einen nachhaltigen Tourismus, der unseren Stadtteil nicht aussaugt.” Quartiermanager des BID reeperbahn+ Julia Staron und Lars Schütze. Foto: Philipp Jung

22:30 Uhr: Business Improvement District (BID)

Die beiden Quartiermanager des BID reeperbahn+ Julia Staron und Lars Schütze sitzen auf einer Terrasse am Spielbudenplatz und schauen dem Treiben unter ihnen zu. Das Konzert drinnen ist gerade zu Ende gegangen.

„St. Pauli ist für mich eine Haltung“, sagt Julia Staron. Der Codex: Ein dörfliches Gefühl von Solidarität minus den Neid und die Missgunst. „Hier geht es nicht darum, welches Auto du fährst“, ergänzt Lars Schütze.

„Es gibt viele Gruppen, die gerne sagen: Das ist ,mein‘ St. Pauli“, dann fragt Julia Staron jeweils: „Welches St. Pauli meinst du denn: Das der Hafenstraße, des Milieus, der Kneipiers, der Musiker?“ Diese Gespräche, in denen St. Pauli für sich selbst beansprucht wird, sind für Julia Staron die einzigen Momente, wo auf St. Pauli Intoleranz herrscht.

„Natürlich ist es unser Job, für Tourismus zu sorgen, aber wir wollen einen nachhaltigen Tourismus, der unseren Stadtteil nicht aussaugt.“ Das heißt für sie konkret nicht nur die Zahlen erhöhen, sondern als „Miteinander“ wachsen sowie die Anwohner mit ihren Sorgen und kritischen Stimmen ernst nehmen. Alle Projekte des BID reeperbahn+ sind für die beiden Quartiermanager Ausdruck dessen.

Eine Aktion, die für besonders viel Aufmerksamkeit gesorgt hat: „St. Pauli pinkelt zurück“. Verschiedene Flächen auf St. Pauli bestrichen sie mit einem wasserabweisenden Lack. Wer daran pinkelte, pinkelte sich selbst an. Die Schilder „Hier nicht pinkeln! Wir pinkeln zurück. Dein St. Pauli“ hängen noch vereinzelt, ob der Lack noch irgendwo dran ist, wissen die beiden nicht.

Darum gehe es aber auch nicht in erster Linie: „Anwohner haben mir berichtet, dass sie sich das erste Mal wahrgenommen gefühlt haben mit diesem Problem“, so Staron. Doch wie viele Touristen hält St. Pauli aus? Julia Staron: „Ich finde es jetzt schon grenzwertig.“

Serie: Ach Kiez. Der unvermeidliche Junggesellenabschied


Ein Text aus unserer Titel-Serie “Ach Kiez. Zwischen Abscheu & Liebe”, erschienen in der SZENE HAMBURG, August 2017. 


Warum ich hier bin? Mein zukünftiger Schwager ist dafür verantwortlich. Er hat entschieden, mich nach allen Regeln der Kunst zu ruinieren. Dafür hat er sich ordentlich ins Zeug gelegt und eben auch diese Reise für mich und meine Jungs gebucht. Dass wir Engländer für Junggesellenabschiede nach Deutschland kommen, ist übrigens ziemlich gängig.

Ach Kiez

Muss das sein? Oder kann das weg. Ach Kiez… Foto: Philipp Jung

Die G20 sind in der Stadt, da dürfen wir ja wohl nicht fehlen!

Wir lieben die deutsche Kultur, vor allem hier auf dem Kiez. Hier dreht sich alles nur um Pubs und Clubs – genau wie bei uns (lacht). Und dass wir gerade an diesem Wochenende nach Hamburg gekommen sind, ist auch kein Zufall.

Die G20 sind in der Stadt, da dürfen wir ja wohl nicht fehlen! Wir haben ganz klare Ziele für diese Tage: Wir schießen uns so sehr ab, dass wir wegen irgendeinem Quatsch in der Zelle landen! Tonys Vater mischt sich ein: „Natürlich nicht! Wir respektieren die deutschen Gesetze und halten uns daran.“ Mein Dad passt immer auf uns auf. Und wenn wir doch in den Knast kommen, dann alle zusammen. Hier tanzt keiner aus der Reihe. Was auch immer passiert: Wir geben Vollgas bis Sonntagabend. Wir brauchen keine Pausen, ruhen uns bestimmt nicht aus. Das würde hier auch gar keinen Sinn machen.

Protokoll: Erik Brandt-Höge

Kann das ZUM RETTER sie retten? Hmm. Foto: Philipp Jung


Kommentar

Junggesellenabschiede gehören zum Kiez wie Schnaps und Sex. Muss das sein? Muss es, findet unser Autor

Er ist rosarot und riesig, ein Gigant geradezu. Mit scheinbar letztem Schwung schleppt er sich zur U-Bahn-Station, die Augen noch weit aufgerissen, vor Scham oder Euphorie oder Schreck oder allem zusammen. Sein Körper steckt in einem Mix aus hier und da bereits aufgeplatzter Gummimasse, Wattebäuschchen und braunen Wollfäden.

Er ist ein XXL-Penis. Ein Superding. Megaschwanz. Ich schätze ihn auf Mitte 30. Sind ja meistens so alt, die Junggesellen, die bald keine Junggesellen mehr sind, und die eben deshalb mit ihren Freunden am Wochenende über den Kiez schwanken, sich bestenfalls nur kurz abschießen, ein paar Faxen machen und friedlich zurück aufs Dorf fahren, schlimmstenfalls zum Fremdschamvorfall für ein ganzes Viertel werden.

Jedenfalls: der Penis. Der hat es geschafft, geht die Treppen runter, verschwindet im Dunkeln. Es ist 8 Uhr morgens, ich bin auf dem Weg zur Arbeit, und ich denke:

Muss das sein? Ist das nicht einfach nur ultraüberflüssig? Wäre der Kiez nicht viel schöner ohne das Junggesellenabschieds-Trara? Wäre es nicht buchstäblich eine Befreiung, die Bekloppten aus dem Münsteraner, Bielefelder, Osnabrücker, Lübecker und sonstigem Umland einfach nicht mehr einreisen zu lassen? Und dann denke ich: nein. Wäre es nicht.

Überhaupt nicht. Denn: Weniger Bekloppte bedeutet für den Kiez, auch weniger bekloppt zu sein. Weniger absurd. Weniger wild. Der Teil Hamburgs, der wie kein anderer für Vielfalt und Freiheit steht, würde Zensur betreiben. Das kann keiner wollen. Niemand hat die Absicht, eine Kiezmauer zu errichten! Support your local Junggesellenabschied, denke ich und will gerade weitergehen, als der Penis die Treppe wieder hoch kommt.

Er ist zurück, und er bleibt vor mir stehen. „Ich bin ein Penis. Fass mich an!“, sagt er, und ich befürchte, dass es nicht das erste Mal ist an diesem Abend, dass er den Satz einem Fremden gegenüber bringt. Ich streichele ihm kurz über die Eichel. „Danke“, sagt er, „bis denn.“ Und dreht ab.

Erik Brandt-Höge

 

Serie: Ach Kiez. Ein Zug durch die Nacht. 1. Teil

St. Pauli ist für viele ein geflügeltes Wort. Ein Ort der Sünde und Sehnsucht. Doch was denken die Menschen, die da wohnen, leben und arbeiten über ihren Kiez? Gespräche mit sechs St. Paulianerinnen und St. Paulianern in den Stunden, in denen sich das Viertel in eine Feiermeile verwandelt. Erster Teil: St. Pauli selber machen & Gastronom Christoph Wilson


Auszug aus unserer Titelgeschichte “Kiez. Zwischen Abscheu & Hoffnung”, erschienen im August 2017. Text: Sara Lisa Schäubli / Fotos: Philipp Jung


Serie Kiez

Steffen Jörg und Sylvia Griepentrog: St. Pauli hat Erfahrung damit, sich Rechte und Räume zu erkämpfen. Foto: Philipp Jung

19 Uhr: St. Pauli selber machen

Wer über den Kiez redet, kommt nicht umhin, gleichzeitig auch über den Wandel des Kiezes zu reden. Damit beschäftigen sich Steffen Jörg und Sylvia Griepentrog von „St. Pauli selber machen“ fast täglich. Dass sich St. Pauli einmischt und nicht auf dem Sofa versauert, ist für Steffen Jörg klar: „St. Pauli hat Erfahrung damit, sich Rechte und Räume zu erkämpfen.“

Paradebeispiele sind für ihn die Besetzung der Hafenstraße in den 80ern und die erfolgreiche Verteidigung des heutigen Gezi Park Fiction als Freifläche. Bei „St. Pauli selber machen“ organisieren sich die Anwohnerinnen und Anwohner zu stadtteilpolitischen Themen. Im Treffpunkt Kölibri am Hein-Köllisch-Platz stehen noch alle Stühle auf den Tischen. 

„Das Problem, dass Menschen aus ihrem Stadtteil verdrängt werden, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

„St. Pauli wird gerne als Marke präsentiert. Der Kiez wandelt sich aber dermaßen, dass gar nicht mehr das geboten werden kann, was vermarktet wird“, so Steffen Jörg. Grund dafür ist für ihn die fortschreitende Gentrifizierung. Indem es immer hipper wird auf Pauli zu wohnen, werden die Mieten in die Höhe getrieben. „Das Problem, dass Menschen aus ihrem Stadtteil verdrängt werden, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, so Steffen Jörg. Sylvia Griepentrog schätzt es, dass der reinlich gepflegte Vorgarten nicht das dringlichste Problem sei: „Das hier ist auch unser Stadtteil und wir wollen ihn mitgestalten und nicht nur gestalten lassen.“

Das 2014 ins Leben gerufene Business Improvement District (BID) reeperbahn+ sehen sie kritisch. Ziel des BIDs ist, laut Webseite, die Aufwertung St. Paulis als Vergnügungsstandort. Das BID generiert seine verfügbaren Gelder aus einer Abgabe, die jeder Grundeigentümer im Einzugsgebiet zahlt. „Das BID reeperbahn+ steht nicht für die Interessen der Anwohner ein, sondern für diejenigen der Grundeigentümer“, sagt Steffen Jörg.

 


Zahlen und Fakten St. Pauli 2016 (Quelle PKS) Einwohner St. Pauli: 22.595 Erfasste Straftaten Hamburg: 239.230 Länge der Reeperbahn: 930 Meter Einwohner St. Pauli: 22.595 Fläche St. Pauli: 2,3 km2


 

Christoph Wilson

Christoph Wilson: “Ich will den Imbiss aus der Schmuddelecke holen.” Foto: Philipp Jung

 

20 Uhr: Gastronom Christoph Wilson

Es ist Abendessenzeit auf dem Spielbudenplatz. Unter den Schirmen des Imbisses Heiße Ecke drängen sich die Hungrigen, draußen tobt der Hamburger Regen. Besitzer Christoph Wilson ist Österreicher und kommt, wie er selber sagt, aus der „Bonzen-Gastronomie“.

Vor 14 Jahren ist er auf St. Pauli hängengeblieben. „Ich mag die Ehrlichkeit, Offenheit und Gradlinigkeit des Kiezes. Hier kriegt jeder das, was er bestellt.“ In der Heißen Ecke ist das meist: ’ne Currywurst. „Ich will den Imbiss aus der Schmuddelecke holen“, so Wilson. Mit Wurstprobe um 7 Uhr morgens und selbst angemischter Currysauce sorgt er dafür, dass die Qualität stimmt.

Bei ihm sitzen St. Paulianer sowie Touristen am Tisch. Selbst gegen Junggesellenabschiede hat er nichts einzuwenden: „Der Kiez ist Hamburgs Auslaufzone für alle, die anders sind.“ Die Großveranstaltungen auf St. Pauli sieht er als Gastronom nicht als Problem, er profitiere ja davon.

Das nächste Projekt wird die Wiederbelebung des „Rundstück warm“

Die Besucher, welche der Stadtteil für wenige Tage aufnehmen muss, sprechen für sich: zum diesjährigen Hafengeburtstag über 1,5 Millionen, zum jüngsten Schlagermove 400.000 und zu den Cruise Days 2015 570.000. Die Harley Days, die letztes Jahr 400.000 Besucher angezogen haben, fanden dieses Jahr das erste Mal nicht mehr auf St. Pauli statt, sondern auf dem Hamburger Großmarkt.

Christoph Wilson stören weniger die Touristen, mehr die Leute, die herziehen weil es „in“ ist. „Ich warte schon darauf, dass irgendjemand die Polizei ruft, weil die Queen Mary zu laut tutet“, sagt er lachend.

Vor der Eröffnung der neuen Heißen Ecke hat er sich gut eingelesen in die Geschichte des legendären Imbisses, der bis in die 90er an der Ecke Reeperbahn/Hein-Hoyer-Straße stand. Das nächste Projekt wird die Wiederbelebung des „Rundstück warm“, ein Imbiss bestehend aus Brötchen, Braten und Bratensauce.

Das „Rundstück warm“ soll von Wirt Heinrich Heckel in seinem Bierhaus an der Ecke Reeperbahn/Hamburger Berg (heutiges Kasino) erfunden worden sein. Die Entstehung ist wie so oft dem Zufall geschuldet: Hungrige Gäste und keine Köchin resultierten in einer Improvisation namens „Rundstück warm“. „Die alten Speisen und ihre Geschichten dürfen nicht vergessen werden“, sagt Christoph Wilson.

Er denkt aber auch über die Stadtteilgrenzen hinaus. Demnächst wird es die Currywurst „Heiße Ecke“ in Shanghai zu kaufen geben.