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Smarte Hamburger Start-Ups

Die Start-Up Branche an Alster und Elbe boomt – und das nicht nur seit der Pandemie. Aus den zahlreichen Ideen der enthusiastischen Hamburger Gründer:innen entstehen smarte Start-Up Unternehmen mit großem Potential. Ein wichtiger Fokus der zahlreichen innovativen Ideen liegt darauf, das Leben umweltbewusster und nachhaltig(er) zu gestalten. Wir stellen euch zehn Hamburger Start-Ups vor, die ihr verfolgen solltet

Text: Katharina Stertzenbach

Plazy: Reiseplanung für Faulpelze

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Kathrin und Inka die beiden Gründerinnen von Plazy (Foto: playzy/instagram)

Die beiden Hamburgerinnen Kathrin und Inka haben mit Plazy eine App entwickelt, die einem die Reiseplanung abnimmt. Kostenlos werden User:innen passende und nach den persönlichen Vorlieben gestaltet Restaurants, Freizeit- und Kulturangebote des Urlaubsziels vorgeschlagen. Wie das funktioniert? Bevor die App genutzt werden kann, müssen Fragen beantwortet werden und dann geht‘s los.

Plan3t: Cashback für nachhaltige Einkäufe

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Kasper, Lukas und Christian, die drei Gründer von Plan3t (Foto: Pla3t / instagram)

Wer umweltbewusst einkauft, sollte die Plan3t-App downloaden und so zu einem Planteteer werden, denn diese werden durch ihr nachhaltiges Shoppen mit nützlichen Tipps, Gutscheinen und Gewinnspielen belohnt. Mittlerweile sind mehr als 50 Unternehmen Partner von Plan3t. Den eigenen Co2 Fußabdruck durch umweltbewussteren Konsum minimieren und cashback erhalten in einer App.

Strandbutler: Vom Sofa in den Strandkorb

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Hinter der App stecken die Köpfe von Jens, Christian, Bernhard (Foto: Strandbutler/instagram)

Jens, Bernhard und Christian, die Gründer von Strandbutler, haben eine Mission: Die Vermietung von Strandkörben revolutionieren. Das passiert bereits mit der eigens entwickelten App, mit der Strandkörbe schon vor dem Strandbesuch reserviert werden können. Wer einen ganzen Tag am Meer im Strandkorb verbringt ist nach einer gewissen Zeit hungrig und durstig. Wie gut, dass man über die Strandbutler-App Getränke und Essen bestellen und zum Strandkorb ordern lassen kann.

Vulvani: Wissenslücken schließen  

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Das Team von Vulvani: Britta und Jamin (Foto: vulvani/instagram)

Vulvani ist eine digitale Bildungsplattfrom made in Hamburg, die sich mit den Themen Menstruation, Zyklusgesundheit und Sexualität beschäftigt. 2019 starteten Britta und Jamin, die beiden Gesichter hinter der Plattform, das Projekt. Die Vulvani-Online-Kurse, Artikel und der Social-Media-Content sorgen dafür, dass einstige Tabu-Themen keine bleiben. So kann jede:r nötiges und wichtiges Wissen über den weiblichen Körper erlangen.

entire stories: Mode mit transparentem Background

Mode online zu shoppen ist heute das Normalste der Welt. Viele von uns möchten aber auch nachhaltig und fair produzierte Mode online kaufen – und das ist meistens nicht so leicht. Wie gut, dass es mit entire stories eine Plattform gibt, bei der ausschließlich nachhaltige und faire Mode angeboten wird. Das Erfolgskonzept von entire stories heißt: Transparenz. Die Gesichter hinter den Labels stellen sich vor und erzählen über die Produktion ihrer Marken. Außerdem informiert das Hamburger Start Up redaktionell aufbereitet mit einem Magazin und einem Podcast über nachhaltige Mode.

boomerrang: Grüner Onlinehandel  

Wer kennt es nicht, der Papiercontainer des Vertrauens quillt mal wieder über – der Hauptgrund dafür ist, dass das Onlineshopping immer mehr Anhänger:innen findet. Übrig bleiben die Pappkartons in denen die neuen Sneakers, T-Shirts und Taschen geliefert wurden. Dieser Papp Müll verbraucht Ressourcen und CO2. Mit Versandtaschen aus recyceltem Material hat das Team von boomerrang ein Mehrwegsystem für Verpackungen erschaffen. Die Versandtaschen können bis zu 50 mal wiederverwertet werden. Boomerang sorgt so für eine nachhaltigere Lösung im Onlinehandel.

unown: Der 60/40 Kleiderschrank  

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Linda und Tina gründeten das nachhaltige Mode-Leasing-Konzept (Foto: unown/ instagram)

Ein Auto für einen begrenzten Zeitraum zu leasen ist mittlerweile für viele eine ideale Alternative um immer wieder die neusten Auto-Modelle für eine bestimmte Zeit zu fahren. Warum also nicht das gleiche Konzept für Mode etablieren? Das dachten sich auch die beiden Gründerinnen Linda und Tina und starteten 2019 das Start-Up unown. Die Idee hinter unown: Der 60/40 Kleiderschrank. Das heißt im Klartext: 60 Prozent im Kleiderschrank sind hochwertige Basic-Teile, die in jedem Kleiderschrank bereits vorhanden sind. Die anderen 40 Prozent sind Highlight-Pieces, die über unown ausgeliehen werden können. So werden abwechslungsreiche, nachhaltige und günstige Styles garantiert.

Jetlite: Gesundes Licht

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Das Team von Jetlite sorgt nicht nur für gute Laune sondern auch für gutes Licht (Foto:Jetlite/instagram)

Schon gewusst: Wir verbringen fast 90 Prozent des Tages mit künstlichem Licht. Dieses hat auch immer Auswirkung auf unseren Biorhythmus. Daher sind wir oft schneller müde, wenn wir alltäglich künstlichem Licht ausgesetzt sind. Das Team des Hamburger Start-Ups Jetlite hat ein intelligentes Beleuchtungssystem entwickelt, welches unseren Biorhythmus unterstützt.

traceless: Die nachhaltige Plastik-Alternative  

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Anne und Johanna gründeten traceless 2020 in Hamburg (Foto: traceless / instagram)

Anne und Johanna verfolgen mit ihrem Start-Up traceless die Version einer Welt ohne Verschmutzung und Müll. Zusammen haben sie ein Basismaterial in Granulatform, das als umweltfreundliche Alternative zu  herkömmlichen Kunststoffen und Biokunststoffen dient, entwickelt. Dafür gab es für das Hamburger Start-Up sogar den Wissenschaftspreis 2022.

rabot.charge: Smarter Strom tanken  

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Die Gesichter hinter rabot.charge: Jan und Maximilian (Foto:rabot.charge / instagram)

Das Hamburger Start-Up rabort.charge ist in diesen turbulenten Zeiten der steigenden Energiepreise wohl besonders gefragt. Denn das Team von rabot.charge hat mit Hilfe von künstlicher Intelligenz einen Algorithmus entwickelt, der genau dann Strom für die Ladung aktiviert, wenn diese vom Auto gebraucht wird und günstig ist.


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„Es geht um das Verantwortungsbewusstsein“

Mittlerweile setzen etliche Hamburger Firmen, Start-ups und Solo-Selbstständige auf nachhaltige Arbeit. SZENE HAMBURG porträtiert noch bis Ende März 2022 Menschen, deren Jobs besonders zukunftsorientiert sind. Heute: Nadine Herbrich von recyclehero

Text: Sarah Seitz

Nadine Herbrich ist Geschäftsführerin von recyclehero, Deutschlands erstem Recycling-Abholservice. Mit ihrem Impact Start-up will sie nicht nur etwas für die Umwelt tun, sondern die Gesellschaft verändern.

Die 16-jährige Nadine Herbrich hätte gut in die heutige Fridaysfor-Future-Generation gepasst. Veganismus, Tier- und Umweltschutz sind schon seit ihren Teenager-Tagen wichtige Themen für die gebürtige Braunschweigerin. Heute, 20 Jahre später, sind ihr Hund Viko und ihr Impact Start-up recyclehero die besten Beweise, dass sich daran nichts geändert hat. Viko rettete sie aus Griechenland. recyclehero gründete sie in der WG-Küche.

Abholservice für recyclebare Wertstoffe

Seit 2020 bieten sie und Mitgründer Alessandro Cocco mit recyclehero Deutschlands ersten nachhaltigen und sozialen Abholservice für recyclebare Wertstoffe an. Die Heroes entsorgen Altglas, Papiermüll, Pfand und Altkleider von Privathaushalten, Restaurants, Büros und Shops in Hamburg. „Wir wollen es den Menschen, egal ob privat oder im Gewerbe, erleichtern ihre Wertstoffe dahin zu bringen, wo sie hingehören – nämlich in den Recycling-Kreislauf “, erklärt Nadine. Statt ein Geschäftsmodell aufzubauen und es danach grün anzustreichen, ist der hohe nachhaltige Anspruch des Gründer-Teams von Beginn an fest im Unternehmenszweck verankert. Das bedeutet: nachhaltig handeln, wo es nur geht – über das Recyclen hinaus.

Für den klimafreundlichen Transport der Wertstoffe sorgen E-Lastenräder. Um gegen soziale Ungleichheiten anzugehen, stecken die Heroes einen Teil der Pfandeinnahmen in soziale Projekte für Obdachlose oder bieten Geflüchteten und Langzeitarbeitslosen einen niedrigschwelligen Zugang zum Arbeitsmarkt. „Es geht um das Verantwortungsbewusstsein als Unternehmen zu sagen: Wir haben damit eine gewisse Wirkung, eine gewisse Strahlkraft. Und in diesem Rahmen sollte jeder versuchen, einen Beitrag zu leisten, um die Gesellschaft zu verändern und einen positiven Effekt auf die Umwelt zu haben“, sagt Nadine.

„Ich bringe Sachen gerne voran“

Heute steht hinter recyclehero ein 20-köpfiges Team (und Bürohund Viko). Bei Nadine läuft als Geschäftsführerin alles zusammen – von Marketing über Social Media bis hin zu HR. Ihre tägliche Motivation: „Ich bringe Sachen gerne voran. Ich arbeite gern mit meinem Team zusammen und freue mich, das Ganze wachsen zu sehen und vielleicht auch andere Leute zu motivieren, selbst etwas zu bewegen.“ Nadine brennt für ihren Job. Das war nicht immer so. Nach der Schule wollte sie etwas Vernünftiges, etwas Sicheres machen. Sie studierte Immobilienwirtschaft. Eine passionierte Immobilienwirtschaftlerin sei sie allerdings nie gewesen.

„Das ist nur der Anfang“

Die folgenden sieben Jahre in der Unternehmensberatung glichen einer Art Doppelleben. „Unter der Woche, bei der Arbeit, war ich früher im Business-Outfit und am Wochenende oft auf Demos unterwegs“, erzählt sie. Die radikale Entscheidung ihr altes Leben hinter sich zu lassen, Festanstellung gegen Selbstständigkeit und Sicherheit gegen Risiko einzutauschen, verlangte ihr einiges ab. „Wenn man einmal das ,Seil‘ durchgeschnitten hat, lässt man los. Aber wenn man sowieso nicht so hundertprozentig dort hingehört hat, fügt sich der weitere Weg“, kann sie rückblickend sagen.

Ihre Entscheidung bereut sie nicht: „Verglichen mit den letzten Jahren verdiene ich jetzt definitiv weniger. Aber dafür ist mein Leben um Erfahrungen bereichert, die man mit Geld auch nicht ausgleichen kann.“ Trotz der existenziellen Unsicherheit bleibt Nadine positiv und schmiedet bereits die nächsten Pläne für recyclehero. Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass wir als Unternehmen, als Community, auch als Recycling Family das Ganze noch weiter voran pushen und nicht nur hier in Hamburg zum Recycling Rockstar werden. Das ist nur der Anfang.“

recyclehero.de


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Digital-Campus: Die Zukunft aus der Box

Im Juni dieses Jahres war die Grundsteinlegung für „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“: der Ort, an dem Hamburg fit werden soll für die „Digitale Transformation“ – die rasante Entwicklung von neuen Technologien quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Text & Interview: Markus Gölzer

 

Keiner kann sagen kann, was die Zukunft bringt, aber in Hamburg immerhin, wo sie beginnt: hinter den Deichtor­hallen auf dem Parkplatz des ehemaligen Fruchthofes – im „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“. Das interdisziplinäre Projekt soll Ideen für die Stadt von morgen entwickeln, die Hamburg zum digitalen Leuchtturm mit weltweiter Strahlkraft machen.

Der Ort ist gut gewählt: Am malerisch industriellen Fleet gegenüber dem Oberhafen ist man mitten in der Stadt und doch fernab vom städtischen Dichtestress. Der Blick wird weit, der Kopf frei. Aufbruchs­stimmung! Hier wird zukünftig als Herzkammer des Campus der US-­Pavillon des Architekten James Biber von der EXPO 2015 stehen. Auf 7.600 qm sind Un­ternehmen, Start­-ups, Wissenschaft und alle Hamburger ein­geladen, mit zu gestalten.

Auf der Website „hammerbrooklyn.hamburg“ kann sich jeder als „Citizen“ registrieren und Ideen einbringen. Unternehmen können mit der kostenpflichtigen Mitgliedschaft „Corporate Citizenship“ Angebote und Infrastruktur des Campus für eigene Projekte nutzen, zum Beispiel an Netzwerkleistungen für ge­zielte Kooperationen partizipieren oder von interdiszipli­nären Expertenteams profitie­ren, die sie bei ihrer digitalen Transformation begleiten.

 

Stadt der Zukunft

 

Doch wie jeder Aufbruch war auch dieser phasenweise holprig: Die Initiatoren – Wirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, Werbeagenturchef Ma­thias Müller­-Using und Digitalexperte Björn Bloching – hat­ten sich in Fragen um Gesell­schaftsstrukturen und Zuständigkeiten überworfen.

Als das Projekt schon fast Geschichte war, fanden sie über ein Stiftungsmodell wieder zusammen: „Hammerbrooklyn – Stadt der Zukunft“ ist gemeinnützig und bindet neben den Initiatoren die Stadt Hamburg, den Immo­bilienentwickler Art-­Invest und das Hamburger Weltwirtschafts­institut mit ein.

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Henning Vöpel, Mitinitiator und CEO des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (Foto: Alexandra Kern)

Bis der Pavillon 2020 stehen wird, arbeitet die Hammerbrook­lyn.Box bereits als temporäres Labor. Im grünen Containeraufbau geht es experimentell provisorisch zu, der obligato­rische Tischkicker steht noch eher für Gegenwart als Zukunft zum Anfassen.

Wie man die di­gitale Transformation tatsäch­lich gestalten wird, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Ideengeber des Projekts.

SZENE HAMBURG: Herr Vöpel, gibt es für Hammerbrooklyn.DigitalCampus weltweite Vorbilder? Außer der ersten Assoziation Silicon Valley?

Henning Vöpel: Das ist immer das Erste, was einem einfällt, wenn man über sol­che Innovationsräume, den „Hubs“ spricht. Tatsächlich erleben wir weltweit das Phä­nomen einer räumlichen Ver­dichtung von Innovations­aktivitäten.

Überall in größeren Städten und Regionen entstehen „Hubs“. Hamburg, denke ich, braucht so etwas, um der etablierten Wirtschaft, die ja sehr erfolgreich war, aber vor großen Veränderungen steht, einen Ort zu geben, an dem sie der Entwicklung nicht hinterherläuft, sondern selbst gestaltet.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn planen hier Innovationslabore, es fallen auch Namen wie Siemens oder Volkswagen. Alles klassische Großkonzerne. Soll der Campus helfen, sich gegen kleine, flinke Start-ups behaupten zu können?

Es geht nicht darum, den Angriff der Start-ups abzuweh­ren. Es geht darum, dass sich nicht nur große Konzerne, sondern auch kleinere, mittel­ständische Unternehmen ver­ändern müssen. Wenn sie das nicht tun, dann kann es sein, dass ein Standort wie Ham­burg in fünf Jahren bis zwan­zig Prozent der Einkommen, die hier erzielt werden, verliert.

Deshalb müssen wir et­was dafür tun, dass sie sich digitalisieren, dass wir das nicht nur den Start­-ups überlassen. Deshalb braucht es einen neu gedachten Raum für Austausch und Forschung, in der auch kleinere Unternehmen ihre eigene Transformation vollziehen können.

 

Ein Ort für Diskurs

 

Unternehmen können Know-how für die digitale Zukunft bei Ihnen einkaufen. Was bietet der Campus, was eine klassische Unternehmensberatung nicht liefert? Die könnten ja auch weltweit interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Wir gehen viel weiter, in­ dem wir eine Community er­zeugen und ein Umfeld mit eigener Innovationskultur schaffen. Das können Berater natürlich nicht: einen Raum zu entwickeln, in dem Men­schen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen die Möglichkeit haben, zusammenzuarbeiten. Das gibt es in der klassischen Wirt­schaft nicht, ist aber erforder­lich, um interdisziplinär und kollaborativ an Innovationen zu arbeiten.

Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sicher?

Der Campus wird betrie­ben als Stiftung „Hammerbrooklyn – Stadt der Zu­kunft“. Die Stadt ist mit drin, der Immobilienentwickler Art-­Invest ist dabei und die drei Initiatoren. Wir wollten eine Stiftung gründen, um die Gemeinnützigkeit von Digitalisierung in den Mittelpunkt zu rücken. Und es ist die beste Form, um Akzeptanz und Relevanz zu erzeugen.

Der Immobilienentwickler Art-Invest ist nicht unumstritten. Im Netz wird spekuliert, dass er in erster Linie an der Immobilienfläche hinter dem Pavillon interessiert sei.

Art-­Invest ist wichtiger Teil der Stiftung und wir arbeiten an diesem Projekt gemeinschaftlich. Die Stiftung funktioniert unabhängig von Investoren. Wir sind völlig autonom in dem, was wir da tun. Ein so großes Projekt braucht am Ende immer einen Investor, der selbst an die Idee glaubt.

Wie profitiert der einzelne Hamburger vom Campus?

Es wird die Möglichkeit für jeden einzelnen Hamburger geben, Teil von Hammerbrooklyn, also sogenannter „Citizen“ zu werden. Jeder kann partizipieren, Ideen einbringen und an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Es soll ein Ort aller Hamburger für den Diskurs über die zukünftige Stadt sein.

 

 

Auf der Internetseite von Hammerbrooklyn können Fragen zu Hamburgs Zukunft gestellt werden. Gibt es eine Tendenz, welche Themen besonders relevant sind?

Verkehr und Mobilität spielen eine große Rolle. Wohnraum und wie gehen wir mit städtischen Flächen um? Wie können wir hier noch besser leben und zu­sammenleben? Wie kann eine aktive Bevölkerung die Stadt für mehr Bewegung und Gesundheit nutzen? Hamburg hat vielfältige Möglichkeiten, es gibt so viele interessante Orte und Menschen, und wir laufen oft unachtsam dran vorbei. Mehr aus der Stadt herauszuholen – das scheint vielen Bürgern auf der Seele zu brennen.

„Globalisierung“ war ein Heilsversprechen, heute schreckt sie viele ab. Der „Digitalisierung“ scheint es ähnlich zu gehen: Immer mehr Menschen bekommen bei dem Begriff Angst vor Jobverlust und anderen Unwägbarkeiten. Welche Branchen in Hamburg sind besonders gefordert, zu reagieren?

Der Hafen natürlich, das Hamburger Schwergewicht schlechthin. Es passieren dort schon sehr gute Dinge: Der Hafen ist zum Beispiel 5G­-Modellregion, in der au­tonome Mobilitätskonzepte getestet werden. Virtual Re­ality und Augmented Reality kommen zum Einsatz, um Planungen zu unterstützen. Aber es könnte noch schnel­ler gehen. Auch im Verkehr, der Mobilität, in der Bildung, in der Stadtentwicklung ist viel zu tun. Die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir alle reden von künstlicher Intelligenz, die viele unserer Jobs sehr stark verändern wird. Es geht insgesamt darum, auch einen kulturellen Wandel in der Stadt zu voll­ziehen. Eben nicht die Ängste vor der Digitalisierung, die ja in jedem Fall kommen wird, in den Vordergrund zu rücken, sondern zu sagen: Es bleibt uns nur übrig, positiv, kreativ und konstruktiv daran zu arbeiten. Hamburg soll ein positiver Ort des Wandels und Fortschritts sein.

 

Hammerbrooklyn1-c-Nico-Doering

Für ein Morgen: die Box von Innen (Foto: Nico Doering)

 

Hammerbrooklyn.Digital­Campus: Stadtdeich 2 (Hammerbrook)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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FoodSZENE – Der DEHOGA Hamburg will sichtbarer werden

Im Gegensatz zu früher, ist heute den wenigsten Gastro-Gründern bekannt, welche Angebote der DEHOGA ihnen nützen könnten. Anke Büttenbender, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des DEHOGA Hamburg, räumt mit Vorurteilen auf und erklärt, warum es an der Zeit für mehr Sichtbarkeit ist

Interview: Jasmin Shamsi

 

SZENE HAMBURG: Frau Büttenbender, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) hat in Hamburg eine lange Tradition. Warum ist er für Gründer so wichtig?

Anke Büttenbender: Wir bieten Gründungs- und Betriebsberatung an und arbeiten eng mit der Bürgschaftsgemeinschaft Hamburg zusammen, die mit uns Gründer bei dem Schritt in die Selbstständigkeit unterstützt. Über die Hamburger Existenzgründungsinitiative bekommen Interessierte Beratungsgutscheine und mit Grimm Consulting haben wir einen auf die Gastronomie spezialisierten Partner an unserer Seite.

Was hat man von einer Mitgliedschaft?

Wir veranstalten zum Beispiel regelmäßig Fachvorträge, etwa zu Themen wie der neuen Datenschutzgrundverordnung oder der Kassenverordnung. Die werden gut angenommen, weil viele keine Zeit haben, sich durch etliche Seiten Infomaterial zu kämpfen. Außerdem sind wir stark vernetzt in der Stadt und arbeiten eng mit der Handelskammer und der Tourismuswirtschaft zusammen. So können wir gemeinsam gute Projekte für die Stadt anschieben. Darüber hinaus profitieren Mitglieder auch von geldwerten Vorteilen, wie zum Beispiel 20 Prozent Rabatt auf GEMA-Gebühren.

Was kostet es, Teil des Netzwerks zu sein?

Die Mitgliedschaft ist nach der Anzahl der Mitarbeiter gestaffelt: Bei bis zu drei Mitarbeitern zahlt man 20,70 Euro, bei vier bis zehn Mitarbeitern 29,50 Euro monatlich.

 

„Wir werden oft als Altherren-Verein abgestempelt“

 

Werden Ihre Beratungsangebote auch von jungen Gründern genutzt?

Das ist der springende Punkt: Wir stellen fest, dass sich zwar nach wie vor viele junge Menschen für die Gastro-Branche interessieren und tolle Ideen haben, aber von unseren Angeboten entweder nichts wissen oder Vorbehalte haben, weil sie uns fälschlicherweise als Alte-Männer-Verein abstempeln. Vor rund 15 Jahren war es noch selbstverständlich, dass man sich bei einer Existenzgründung an den DEHOGA wandte, weil die Vorteile bekannt waren.

Vielleicht ist es Zeit für einen Neuanstrich?

Oh ja, wir müssen definitiv an unserer Sichtbarkeit arbeiten. Unsere Website befindet sich derzeit im Umbau und wir sind inzwischen auch auf Facebook. Es geht aber nicht nur um einen Neuanstrich, wir verändern uns auch in unseren Strukturen. In 2018 haben wir ein Netzwerk für Jungunternehmer gegründet, den Jungen DEHOGA (Foto). Hier geht es um regelmäßigen Austausch und das Bündeln von Stärken und Wissen.

Wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass die Belange der Gastronomie im Gegensatz zu denen der Hotellerie häufig unter dem Radar blieben?

Sowohl die Hotellerie als auch die Gastronomie sind das Rückgrat des Tourismus in Hamburg. Unsere Arbeit als Interessenvertretung für beide Bereiche ist immens wichtig. Mit einem Wechsel in der Geschäftsführung vor drei Jahren haben wir unseren Fokus nochmals geschärft. Ich komme selbst aus der Gastronomie und setze mich verstärkt für die kleinen Betriebe ein.

Der Ruf nach einem Bürokratieabbau im Gastgewerbe wird immer lauter. Wie kann der DEHOGA helfen?

Das ist ein großes Thema bei uns. Ob Flexibilisierung der Arbeitszeit oder faire Steuerpolitik – diese Dauerbrenner bringen wir mit dem DEHOGA Bundesverband regelmäßig ins Gespräch. Unsere Vertreter in Berlin sind sehr nah an den Politikern und machen dort wichtige Lobbyarbeit.

Welche bisherigen Erfolge können Sie verzeichnen?

In hartnäckigen Verhandlungen mit der GEMA konnten wir beispielsweise eine völlig überzogene Erhöhung der Tarife abwenden. Wir haben einen Antrag auf Neuordnung der gastgewerblichen Berufe gestellt und arbeiten mit Experten jetzt an der Modernisierung der Ausbildungs-Rahmenpläne. Und in Hamburg konnten wir zudem verhindern, dass es eine Hygieneampel gibt, deren Prüfungsumfang für viele Gäste nicht nachvollziehbar ist. Stattdessen wurde ein Hygienesiegel eingeführt: Die Ergebnisse der amtlichen Überwachung können auf freiwilliger Basis veröffentlicht werden. Wer besonders gut abschneidet, kann das mit einem Aushang oder einem Aufkleber deutlich machen.

Dehoga-Hamburg.de


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Nadine und Alessandro

Nadine Herbrich und Alessandro Cocco haben mit „recyclehero“ ein soziales Start-up gegründet. Die Idee: mit einem Lastenrad-Abholservice Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten Arbeit zu verschaffen – und Haushalten die lästige Entsorgung von Altglas und Altpapier abzunehmen

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Nadine und Alessandro, ein Abholdienst für Altglas und Altpapier – auf die Idee seid ihr bestimmt gekommen, weil sich dieses bei euch selbst stapelt, oder?

Nadine: Absolut, es fing mit einer klassischen WG-Situation an: Viele Menschen, die gerne mal eine Party feiern und danach stapeln sich die leeren Flaschen auf dem Balkon. Irgendwann kommt immer die Frage auf, wer das mal endlich wegbringt. Alessandro sagte dann, es müsste einen Abholdienst dafür geben. Diese Idee haben wir dann mit dem sozialen Gedanken verbunden.

Wieso diese Verknüpfung?

Nadine: Uns war schon immer klar, wenn wir irgendwann mal ein eigenes Projekt starten, dann soll es nicht rein profitgetrieben sein.

Alessandro: Es ist ein gesellschaftlich brisantes Thema, dass viele Menschen – Langzeitarbeitslose und Geflüchtete etwa – keine richtige Eintrittsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt haben. Eine, die auch Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen oder ohne Führerschein eingliedert.

Wie funktioniert das Ganze?

Alessandro: Sobald wir unser Konzept auf Privatkunden ausweiten, stellen wir ihnen eine Kiste zur Verfügung. Über das Kontaktformular kann die Adresse eingegeben werden und wir geben Bescheid, wann wir den Inhalt entsorgen. Man muss dafür nicht zu Hause sein, sondern kann die Kiste einfach vor die Wohnungstür stellen. Die Kiste wird dann von unserem Hero, wie wir unsere Mitarbeiter nennen, geleert und wieder zurückgestellt. Wir kommen entweder im regelmäßigen Rhythmus oder auf Abruf. Wir lassen auch gerade eine App entwickeln, die voraussichtlich im August fertig sein wird. Über die App können dann die Bestellungen aufgenommen werden.

Was kostet das?

Alessandro: Wir bieten die Abholung für 7,90 Euro pro Kiste an. Für Privathaushalte wollen wir in Zukunft noch kleinere Kisten für 4,90 Euro einrichten. Die Abholung verläuft bargeldlos, die Bezahlung wird über Rechnung abgewickelt. Die Kunden können auch ihre Pfandflaschen in die Kiste legen, als Trinkgeld für unsere Heroes. Heute hat unser Hero Mohammed ein Franzbrötchen und Pfandflaschen als Trinkgeld bekommen.

 

„Die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten“

 

Wie viele Heroes arbeiten bei euch?

Alessandro: Zwei. Bis Jahresende wollen wir acht bis zehn Mitarbeiter einstellen, wenn wir mehr Lastenräder haben. Wir besitzen momentan nur ein Lastenrad, haben aber gerade zwei weitere bestellt, nachdem wir bei einer Crowdfunding-Kampagne über 24.000 Euro eingesammelt haben. Ein Lastenrad kostet 6.000 Euro – und ist übrigens klimaneutral, was uns sehr wichtig ist.

Ihr seht diesen Job als Eintritt in die Arbeitswelt. Geht es dann weiter?

Nadine: Wir wollen ein Sprungbrett sein, die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten. In Zukunft wollen wir Veranstaltungen organisieren, auf denen unsere Kunden und unsere Mitarbeiter sich beispielsweise zwanglos bei einem Abendessen kennenlernen können.

Alessandro: Der Gedanke dahinter ist, dass unser Kunde zum Beispiel erfährt, warum Mohammed geflüchtet ist, dass er vorher in Syrien Schreiner war und was er in Zukunft gerne machen möchte. Die Idealvorstellung ist, dass der Kunde eventuell einen Onkel hat, der gerade für seine Schreinerei Arbeitskräfte braucht und bei dem er mal zur Probe arbeiten kann. Der Wunschgedanke ist, dass sie auf ihren Touren jemanden kennenlernen, der sie in ihren Wunschberuf vermittelt.

Nadine: Für solche Veranstaltungen ist es aber noch zu früh. Das machen wir, wenn wir mehr Kunden und Heroes haben. Wir befinden uns derzeit noch in der erweiterten Pilotphase.

Wie lief die noch nicht erweiterte Pilotphase?

Nadine: Vor zwei Jahren haben wir beide unsere damaligen Jobs gekündigt. Ich war in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Alessandro bei einer Privatbank. Wir brauchten eine Veränderung und wollten sieben Monate auf Reisen gehen. Allerdings trugen wir auch da schon die Idee für unser Social Start-up lose mit uns herum. Eines Tages fand im betahaus die Veranstaltung „Social Innovation Challenge“ vom Social Impact Lab Hamburg statt. Wir sind mit unserer noch rohen Idee dahin marschiert und haben neben fünf anderen Projekten, die schon viel weiter waren, unser Konzept vorgestellt. Man konnte ein Wochenende lang in einem Workshop das Konzept weiterentwickeln.

Dort haben wir auch entschieden, unser Angebot nicht ausschließlich auf obdachlose Menschen zu fokussieren – das war unser ursprünglicher Plan – sondern auch Geflüchtete und Langzeitarbeitslose miteinzubeziehen. Am Sonntag gab es dann einen Pitch, den wir tatsächlich gewonnen haben. Das war für uns der Beweis, dass wir an der Idee dranbleiben müssen.

Und habt eure Pläne für die Reise direkt über Bord geworfen?

Nadine: Nein, die Reise mit dem Camper haben wir trotzdem gemacht. Aber währenddessen weiter an unserer Idee gefeilt und in jedem Land, das wir besucht haben, Menschen von anderen sozialen Unternehmen getroffen, um von ihnen zu lernen. Als wir wieder zurückkamen, haben wir uns erst einmal wieder Jobs gesucht. Alessandro arbeitet derzeit noch, weil unser Projekt noch nicht rentabel ist, ich habe meinen Job gekündigt und konzentriere mich ganz auf recyclehero.

Wie habt ihr eure Heroes kennengelernt?

Alessandro: Neben dem direkten Kontakt zu Flüchtlingsunterkünften oder dem Schalten von Job-Inseraten, haben wir uns unter anderem letztes Jahr beim „Forum Flüchtlingshilfe“ auf Kampnagel mit unserem Lastenrad hingestellt und Menschen aus Eritrea und Nigeria angesprochen, ob sie eine Testfahrt machen wollen, um in Kontakt zu kommen. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt und mit einem Interessenten sogar ein Kennlerngespräch vereinbart. Leider ist er aber nicht aufgetaucht.

 

„Wir haben in einem goldenen Käfig gelebt“

 

Kommen solche Fälle oft vor?

Nadine: Gerade heute morgen kam ein potenzieller Hero ein paar Stunden zu spät zum Probearbeiten, weil er den vereinbarten Zeitpunkt falsch verstanden hat – als er kam, hat er aber seinen Job super gemacht. Es geht uns generell darum, den Leuten keine Angst zu machen, sondern sie freundschaftlich zu unterstützen und zu zeigen: Wir meinen es nicht schlecht mit dir, wir sind zwar deine Arbeitgeber, aber wir sind auch Freunde oder Mentoren, die dir helfen wollen besser in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Arbeitsmarkt zurechtzukommen.

Alessandro: Aber natürlich sind wir auch ein Unternehmen, ein sogenanntes Social Start-up, das davon abhängig ist, dass die Kunden einem wohlgesonnen sind. Deswegen müssen wir auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit bestehen. Vor allem die Restaurants, die wir bedienen, wissen um den sozialen Faktor, doch wenn sie wiederholt auf ihrem Altglas sitzen bleiben, verlieren sie natürlich die Geduld.

Wie ist es eigentlich, eine gesicherte Existenz aufzugeben?

Nadine: Für mich war die komfortable Situation mit gutem Einkommen schon ganz in Ordnung. Aber ich habe mir schon immer die Frage gestellt, ob mich das erfüllt. Ich habe dann irgendwann erkannt, dass ich nicht viel brauche und das, was ich wirklich brauche, meist keine Dinge sind. Alessandro und ich leben immer noch in einer WG, seit unserer Reise haben wir einen Hund, Viko, den wir in Griechenland adoptiert haben – die beiden und zu sehen, welchen Mehrwert unser Projekt recyclehero stiften kann, macht mich glücklich.

Alessandro: Ich habe auch jahrelang in einem goldenen Käfig gelebt. Für viele ist ja auch dieses abgesicherte Leben toll und richtig und sie mögen, dass alles planbar ist und es selten böse Überraschungen gibt. Ich will aber auch die bösen Überraschungen erleben und diese Ungewissheit wie es weiter geht wieder spüren. Das hält mich am Leben. Und auch der soziale Gedanke, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu leisten, ist für mich erfüllender als die Arbeit in der Bank.

Recyclehero.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturchoc: Diese Schokolade hilft bei der Integration

Mona Taghavi Fallahpour ist Gründerin und Geschäftsführerin des Food-Start-ups Kulturchoc, das Frauen nach Flucht oder Migration einen beruflichen Neueinstieg ermöglicht

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Felix Valentin

Schokolade als Integrationshilfe? Klingt nach einer so süßen wie naiven Idee, ist aber ein bestens funktionierendes Sozialunternehmen. Kulturchoc heißt das Projekt, das Mona Taghavi Fallahpour vor einem Jahr gegründet hat. Ihr Konzept: Geflüchtete Frauen und Migrantinnen, die 35 Jahre oder älter sind, kreieren gemeinsam Köstlichkeiten und schaffen sich dadurch eine Zukunftsperspektive.

Korrekte Konfekte nennt die Kulturchoc-­Macherin das, was ihre Mitarbeiterinnen in einer Altonaer Küche aus u. a. Mandeln, Datteln und Safran zaubern. Alle Zutaten sind fair gehandelt, viele stammen aus den Herkunftsländern der Köchinnen.

Mona, die bereits seit elf Jahren für Vereine, Stiftungen und Organisationen an Bildungsprojekten arbeitet und sie umsetzt, wurde für Kulturchoc kürzlich für den Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet – und das soll erst der Anfang sein, sagt sie …

SZENE HAMBURG: Mona, Kulturchoc wirkt wie ein Integrationsprojekt par excellence. Aber: Ist alles so einfach, wie es aussieht?

Mona Taghavi Fallahpour: Es hat schon eine gewisse Zeit gebraucht, unsere Vorhaben umzusetzen. Sozialunternehmen sind in Deutschland noch nicht so anerkannt wie in anderen Ländern, etwa in Amerika. Da ist man auch rechtlich schon weiter, was gemeinnützige Unternehmerarbeit angeht.

Woran liegt das?

Hier ist es einfach nicht üblich, etwas für soziale Projekte zu erwirtschaften. Es ist deshalb anfänglich gar nicht so leicht, die passenden Unterstützer für solche Unternehmen zu finden.

 

„Das Interesse ist riesig!“

 

Wie war es denn bei der Teamfindung für Kulturchoc: Haben sich schnell interessierte Frauen bei dir gemeldet?

Ich hatte und habe immer noch viel mehr Bewerbungen, als ich bewerkstelligen kann. Das Interesse ist riesig! Das habe ich schon zu Beginn gemerkt, als ich Kulturchoc noch ehrenamtlich als Workshop in einem Stadtteilzentrum in Altona angeboten habe.

Bei den Frauen kam das super an – genau wie bei den Kunden. Es lief so gut, dass ich im Oktober 2018 entschied, Kulturchoc hauptamtlich zu leiten.

Und nach welchen Kriterien suchst du die Mitarbeiterinnen aus?

Zunächst bekomme ich einen Lebenslauf von den Frauen, dann vereinbare ich einen Kennenlerntermin, bei dem wir auch gemeinsam in unsere Küche gehen. Dort können sich die Bewerberinnen mit den Frauen unterhalten und austauschen, die schon länger dabei sind und natürlich auch schon ein paar erste Konfekte rollen.

Danach setze ich mich mit allen zusammen, und wenn es passt, probieren wir es sechs bis acht Wochen aus und denken über eine längere Zusammenarbeit nach.

 

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Kulturchoc-Künstlerinnen bei der Handarbeit

 

Momentan sind sechs Frauen in unserer Küche, zwei von ihnen bereits festangestellt. Übrigens bietet Kulturchoc den Teilnehmerinnen auch neben der Arbeit einiges an, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern, z. B. Fahrrad­- und Selbstverteidigungskurse, Stimm-­ und Präsentationstraining.

Das alles braucht eine Finanzierung. Wer unterstützt euch?

Im vergangenen Jahr haben wir eine Anschubförderung vom Bezirksamt Altona bekommen. Die Mitarbeiter dort haben sich dafür eingesetzt, dass Kulturchoc in Altona bleibt. Auch bei einem Crowdfunding haben wir erfolgreich mitgemacht und über 11.000 Euro an Spenden gesammelt. Und kürzlich sind wir von der Jury des Deutschen Integrationspreises auf den zweiten Platz gewählt worden, dafür gab es ein Preisgeld.

Die Weichen für weitere Erfolge sind also gestellt. Was ist das nächste Ziel?

Wir wollen wachsen. Wir wollen mehr Teilnehmerinnen aufnehmen und größere Maschinen anschaffen, um die Produktion zu verbessern. Und langfristig wollen wir uns natürlich selbst finanzieren.

Ich wünsche mir, dass wir irgendwann so weit sind, dass die Frauen den Laden selbst schmeißen können und ich mich Stück für Stück heraus­ziehen kann. Um das zu erreichen, haben wir u. a. vor, einen Webshop einzurichten, damit die Korrekten Konfekte auch bundesweit verschickt werden können. Momentan sind wir ja nur lokal unterwegs, z. B. auf Märkten in Hamburg. Der Webshop ist also der nächste große Schritt – und an neuen Produkten tüfteln die Frauen auch schon.

Kulturchoc.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Hamburger des Monats – Dannie Quilitzsch

Frauen vernetzen, Kinder in Krisengebieten stabilisieren, Wasser für alle – Dannie Quilitzsch zieht viele soziale Strippen. Ihr Antrieb: Die Welt ein bisschen besser machen und das am besten gemeinsam.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Dannie, du steckst in so vielen unterschiedlichen Projekten. Wie bezeichnest du dich?

Dannie: Das stimmt, ich habe mehrere Hüte auf, deshalb kommt es immer auf den Kontext an. Aber grundsätzlich bin ich Psychologin, Beraterin und Coach. Und arbeite hauptsächlich im Bereich Social Entrepreneurship als Gründerin und Unternehmerin, aber auch in beratender Funktion sowohl für große Dax-Unternehmen als auch für kleine Social Start-ups.

Wonach entscheidest du, an was und mit wem du zusammenarbeitest?

Es ist mir bei den Social Start-ups wichtig, dass die Idee und das Konzept innovativ auf dem Markt sind. Und ob es dafür überhaupt einen Bedarf gibt und somit eine reelle Wirkung nach sich zieht.

Vertraust du deiner Intuition, ob ein Projekt funktionieren wird?

Vieles entscheide ich aus dem Bauch heraus, wobei mein Bauch und mein Verstand sehr eng zusammenarbeiten. Durch meine jahrelange Erfahrung erkenne ich schnell, was Sinn macht. Natürlich prüfe ich auch, ob eine gute Marktanalyse gemacht wurde, ob Kompetenzen, Gründerpersönlichkeit und das Netzwerk vorhanden sind und wie hoch die Motivation ist. Oder zum Beispiel auch, ob die Idee so innovativ ist, dass sie Medienpartner und Multiplikatoren erreicht.

 

 

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Welcher Aspekt hat dich bei War Child gepackt?

Natürlich gibt es bereits viele Projekte, die sich um Kinder kümmern, auch War Child gibt es weltweit schon lange. Meine Partnerin und ich haben jetzt die Organisation nach Deutschland, mit Sitz in Hamburg, geholt. Für mich als Psychologin und Therapeutin ist es sehr interessant, dass War Child psycho-soziale Programme entwickelt, evaluiert und erforscht. Wir schaffen etwas Funktionierendes.

Dann teilen wir es mit anderen Organisationen wie Save the Children und Unicef. So erzeugen wir eine Reichweite in die ganze Welt, damit noch mehr Kindern in Krisengebieten geholfen werden kann, mehr als wir es alleine mit War Child schaffen könnten. Das ist, was mich an Social Entrepreneurship am meisten reizt – etwas zu kreieren, das über einen Skalierungseffekt einen reellen sozialen Wandel mit sich bringt.

Ein anderes deiner Projekte hier in Hamburg ist der Women’s Hub, an dem drei Mal im Jahr 50 Frauen einen Tag lang zusammenkommen. Was steckt dahinter?

Auch dabei ist mein Antrieb, zu überlegen, wie man unsere Welt besser machen kann – das klingt zwar pathetisch, aber tatsächlich geht es genau darum. Ich bin überzeugt, dass wir unser ganzes Potenzial nur entfalten können, wenn wir es gemeinsam tun. Der Women’s Hub will eine Gemeinschaft aus Frauen sein, die sich gegenseitig unterstützen.

Beim Women’s Hub Day kommen 50 Frauen zusammen, fünf davon nutzen diesen Tag, um ihre Visionen oder Projektideen zu teilen, um sich Feedback darauf oder auch ganz konkrete Unterstützung für die Umsetzung einzuholen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Frauen trauen, ihre Ideen zu erzählen, sich auszuprobieren und gegenseitig zu inspirieren – nicht nur persönlich, wir schüren auch, dass die Frauen gemeinsam Business machen, sich gegenseitig buchen oder Aufträge vergeben, um sich so auch in diesem Bereich zu fördern.

 

„Weibliche Prinzipien müssen stärker in die Gesellschaft“

 

Warum brauchen Frauen dafür noch immer einen geschützten Raum?

Der geschützte Raum wird gebraucht, damit Frauen sich stärken können, um dann gemeinsam in die Welt rauszugehen. Wir sind nicht geübt darin, uns zusammenzuschließen. Wenn man sich Statistiken ansieht, ist die Redezeit von Männern in Runden noch immer länger, die Gehälter in vergleichbaren Positionen sind höher, Männer bekommen noch immer eher den Job, vor allem im Führungsbereich, bei gleicher Qualifikation. Es war lange so, dass die Frauen, die sich durchkämpfen konnten, die Prinzipien der Männer angenommen haben.

Jetzt geht es darum, die weiblichen Prinzipien wie Empathie und Intuition stärker in die Gesellschaft zu tragen. Denn jede Frau sollte sich bewusst sein und daran glauben, dass wir mit unserem weiblichen Verhalten stark sind – egal, in welchem Feld wir unterwegs sind, sei es als Angestellte, Freelancerin oder Mutter. Wir wollen Frauen stärken, um eine Gleichheit zu erzeugen.

Was tut die Stadt, um „Women Empowerment“ zu unterstützen?

Ich habe beim letzten N Klub, ein Netzwerktreffen für nachhaltige Ideen, unsere Sozialsenatorin Melanie Leonhard über das Thema sprechen hören, und ich finde sie in diesem Bereich sehr vorbildlich. Sie setzt sich ein, geht mit den richtigen Ideen nach vorne. Ansonsten ist es in diesem Bereich von Seiten der Institutionen, Behörden oder Stiftungen unheimlich schwer, Unterstützung zu bekommen. Generell, wenn man neue Themen nach vorne bringen will, ist es schwierig, die Stakeholder zu überzeugen, da muss insbesondere Frau einen echt langen Atem haben, sich den Mund fusselig reden und die Füße ablaufen.

Auch hier wird Männern viel schneller zugetraut, dass sie die richtige Idee für eine Unternehmensgründung oder ein Projekt haben. In Städten wie Berlin und auch im Ausland ist es wesentlich einfacher, weil in international orientierten Städten früher verstanden wurde, dass es wichtig ist, dass wir uns in diesem Bereich entwickeln. Ich liebe an Hamburg die traditionellen Werte wie Beständigkeit und Gewissenhaftigkeit, die stehen Innovationen und mutigen Ideen aber leider auch oft im Weg.

Was braucht es?

Ich wünsche mir noch mehr den Dialog zwischen den verschiedenen Instanzen: Regierung, Unternehmen, Medien, Institutionen, Zivilgesellschaft. Es gibt zwar kleinere Zusammen künfte wie das Zeitforum oder den N Klub, aber wir könnten noch viel mehr Potenzial wecken, wenn wir mehr in der Gemeinschaft gucken, wie wir Hamburg in die Zukunft entwickeln und gleich zeitig als lebenswerte Stadt für alle Bürger erhalten können.

 

„In Hamburg herrscht irre viel Social Empowerment“

 

Und wie ist dein Blick auf die Hamburger?

In der Stadt gibt es so viele wahnsinnig tolle Menschen. Hier herrscht irre viel Social Empowerment in Form von sozialen Projekten und Veranstaltungen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ich lebe seit über 20 Jahren in Hamburg, und ich liebe es hier – die Haltung der Leute, wie sie ihre Stadt gestalten und tatsächlich etwas bewegen. Das zeigt es auch, wie hier mit Geflüchteten umgegangen wurde und wird – es haben sich viele zivilrechtliche Organisationen gebildet wie Hanseatic Help.

Hamburger sind oft leise, es wird nicht so viel darüber geredet, was sie machen, aber das, was passiert, hat eine echte Substanz. Das finde ich wirklich stark an der Stadt.

Welches Engagement berührt dich am meisten?

Mein absolutes Herzensprojekt ist ganz klar Viva con Agua. Seit 2007 bin ich dabei, mittlerweile als Aufsichtsratsvorsitzende. Für mich ist es das vorbildlichste, sowohl als Unternehmen als auch soziales Projekt, das ich kenne. Das liegt vor allem daran, dass Viva con Agua nie müde wird, sich immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen, im Sinne der eigenen Optimierung, der Neuerfindung oder der Frage, wie sie die Welt verändern und Mitgestaltung für jeden ermöglichen können.

Apropos Welt verändern. Was wäre im Kleinen dazu dein Appell an die Menschen?

Dass sich die Menschen wieder mehr begegnen. Jeder Mensch ist auf seiner eigenen Reise, aber jeder kann mit seiner Geschichte und den eigenen Erfahrungen andere unterstützen und helfen. Geht einfach wieder mehr aufeinander zu, redet miteinander und hört euch wirklich zu.

www.danniequilitzsch.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Der Fotoautomaten-Mann aus der Schanze

Vor sechs Jahren stellte Morris Kaya seinen ersten Fotoautomaten in der Schanze auf. Heute gehören ihm 16 Exemplare. Eine Idee zum Reichwerden? „Ne“, sagt er. „Das ist Kunst.“

Am Schulterblatt, Ecke Max Brauer-Allee, direkt neben dem Asia-Imbiss, steht er: der älteste Fotoautomat der Stadt. „Der ist von 1965, analog, eine echte Rarität, Mann“, sagt Morris Kaya stolz.

32 Jahre ist er alt, ein echtes Schanzengewächs. Da geboren und aufgewachsen, „meine Schanze“ nennt Morris seinen Stadtteil. Da ist er zu Hause. Und genau dort, im Haus 73, entdeckte er vor rund acht Jahren seine Liebe zu den hölzernen, analogen Knipsautomaten.

„Ich hing damals viel in dem Laden rum, arbeitete als DJ und in der Gastro“, erzählt Morris. In der Ecke vor dem Tresen hätte ein Fotoautomat gestanden, den ein Betreiber aus Flensburg gewartet habe. „Ich habe mich mit ihm angefreundet und ihn unterstützt, wenn mal etwas kaputt war. Dann musste er nicht immer nach Hamburg kommen. In der Zeit habe ich mich reingefuchst in die Technik. Nach zwei Jahren ließ er den Automaten abholen, ist krank geworden und konnte sich nicht mehr darum kümmern. Und da habe ich beschlossen, einen eigenen Automaten dort aufzustellen. Ich bin da einfach so reingerutscht.“ Seinen ersten Fotoautomaten kaufte Morris in Tennessee. Analog, mit Originaltechnik von 1928. Die seien schwer zu kriegen, die meisten Geräte stammen aus den USA. Bis zu 25.000 Euro kann so ein Gerät kosten, auch das Doppelte, wenn es sich um Liebhaberstücke handelt.

Morris war angefixt, recherchierte, kaufte weitere fünf analoge Automaten. Liebevoll setzte er diese instand, draußen, im Central Park. Dort lernte er Marcus Paponi kennen. Der 32-jährige Rostocker lebt seit sechs Jahren in Hamburg und half ihm gelegentlich bei der Reperatur der Automaten. Das Thema nahm Fahrt auf, die Nachfrage nach Fotoautomaten wuchs. Morris gründete seine Firma Photomat Hamburg, zog vom Central Park in seine Werkstatt im Karoviertel und erstand zusätzlich zu den analogen auch digitale Geräte. Die sind leichter zu warten und unkomplizierter in der Handhabung. Damit verdient er sein Geld, stellt sie in den Hamburger Clubs auf oder vermietet sie für Hochzeiten oder Firmenfeiern.

“Die wollen die Fotos anfassen, nicht nur auf dem Handy speichern.”

Inzwischen beschäftigt Morris zwei Mitarbeiter. Marcus ist seit einem Jahr festes Teammitglied und zuständig für die Wartung und Instandsetzung der Geräte, die auf Außenflächen stehen. Morris’ Kumpel Mühle übernimmt die freitägliche Kontrolle der Fotoautomaten in den Clubs. Und Morris selber macht das Marketing, recherchiert neue Locations für seine Automaten und wartet die analogen Geräte.

„Ich habe am Anfang gedacht, das ist so ein Hype. Aber das ist mehr. Die Leute wehren sich gegen die Digitalisierung. Die wollen die Fotos anfassen, nicht nur auf dem Handy speichern. Deshalb werden Fotoautomaten,auch niemals aussterben“, sagt er.

Das Geschäft boomt also, der Bedarf ist da. Aber Morris’ Ziel lautet nicht Reichtum.

„Ich mache das nicht, um viel Geld zu verdienen“, sagt er mit Nachdruck. „Ich mache das, damit die Leute sich über ihre Fotos freuen. Deshalb stehe ich auch nachts auf und rette irgendwelche Fotos, wenn ein Automat streikt und die Leute die Notrufnummer wählen. Das passiert manchmal vier bis fünf Mal in der Nacht. Das ist denen wichtig, das sind unvergessliche Erinnerungen. Das Foto, das sie an dem Abend gemacht haben, gibt es nur einmal. Ich kann sie gut verstehen.“

“Hey, ich, ich bin der analoge Automatentyp in dieser Stadt!”

Morris mag es unkonventionell, starre Tagesabläufe sind nicht sein Ding. Technik schon. Er liebt es, an den analogen Geräten herumzuschrauben. Ersatzteile für diese Automaten gibt es nicht mehr. Deshalb verbaut er Teile anderer Automaten oder Kfz-Relais. „Man muss erfinderisch sein“,sagt er. „Improvisieren.“ Inzwischen erhält er auch diverse Anfragen für Sonderobjekte wie Video-Fotoautomaten. Für die Kunsthalle entwickelte er beispielsweise im Rahmen der Manet-Ausstellung 2016 einen Augen-Fotoautomaten. „Der erste Augen-Fotoautomat der Welt, Mann“, erklärt Morris stolz.

Der Mann tüftelt gern. Auch wenn Automaten beschädigt oder aufgebrochen werden oder schlicht defekt sind, sieht er das weniger als Ärgernis, sondern als Herausforderung. Da ist Morris entspannt. „Wir fixen das.“ Aufgegeben und eine der analogen Raritäten abgeschrieben hat er noch nie. Was er nicht reparieren kann, wird upgecycelt. Deshalb sieht er auch dem Konkurrenzkampf auf dem Markt gelassen entgegen.

Bei der Vermietung von digitalen Automaten sei die Zahl der Mitbewerber inzwischen groß. Aber bei analogen? Da kann ihm keiner was. Das ist sein Revier. „Hey, ich, ich bin der analoge Automatentyp in dieser Stadt. Und: Was ich hier mache, ist kein bloßes Geschäft. Das hier, das ist Kunst.“

Text: Regine Marxen / Fotos: Philipp Jung

www.fotobox-vermietung-hamburg.de

Serie: Start-Up! Fokus Finanzen. Interview

Die Idee steht? Jetzt geht’s um die Zahlen. Sebastian Ritt (23) berät seit 2014 Existenzgründer im StartUp-Center der HASPA und verrät, worauf Gründer achten sollten

Sebastian Ritt hat schon manche Geschäftsidee mit verfolgen dürfen. Und wird immer noch überrascht. Hamburgs Gründerszene, sagt er, muss sich nicht verstecken.

SZENE Hamburg: Wie stark ist die Start-up- und Gründerszene in Hamburg?

Hamburg ist neben Berlin eine der Gründerhochburgen Deutschlands und hat schon seit Jahren eine hohe Gründungsaktivität. Viele starke und etablierte Familienunternehmen haben ihren Ursprung in Hamburg. Dazu kommen sehr gut qualifizierte Fachkräfte, die es in die Hansestadt zieht. Die Voraussetzungen stimmen also.

Was macht Hamburg für Gründer attraktiv?

Öffentliche Einrichtungen fördern Gründer mit günstigen Darlehen oder Innovationszuschüssen. Private Initiativen wie „Hamburg Startups“ und Netzwerke wie „12min.me“ fördern zudem die Sichtbarkeit und den Austausch mit anderen Akteuren in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Dabei ist Hamburg immer noch recht übersichtlich. Man kennt sich.

Für meinen Geschmack könnte Hamburg insgesamt noch selbstbewusster auftreten. Unsere Gründer können sich durchaus sehen lassen!

Welche Branchen sind aus Ihrer Sicht besonders gut vertreten?

Der größte Teil der Gründer kommt aus dem Dienstleistungssektor. Aber auch Branchen wie Handel bzw. E-Commerce sind in Hamburg überproportional vertreten.
Besonders erfreulich ist, dass in den letzten Jahren verstärkt auch digitale und technologiegetriebene Unternehmen in Hamburg gegründet wurden. Diese Start-ups unterscheiden sich von den klassischen Gründern insbesondere darin, dass sie sich häufig in einem jungen Markt mit einem noch nicht etablierten Produkt bewegen. Das Risiko ist also ungleich größer und die Entwicklungs- und Anlaufphase häufig deutlich länger. Sie treiben Innovationen voran und sind damit wichtig für Hamburg. Sie haben das Potenzial, den Wirtschaftsstandort langfristig zu stärken.

Wie viele Gründer hat die HASPA 2016 unterstützt?

Jährlich erreichen uns etwa 1.000 Finanzierungsanfragen. Davon haben wir im letzten Jahr über 330 Vorhaben mit rund 50 Millionen Euro finanziert.
Zusätzlich haben wir im StartUp-Center der HASPA das Team Digital & Tech gegründet, welches sich gezielt mit innovativen Gründungsvorhaben beschäftigt. Aufgrund des größeren Risikos sind hier häufig eher Wagniskapitalgeber gefragt. Den Start-ups stehen wir dabei mit unserem Netzwerk zur Seite.

Sie unterstützten unter anderem die heute erfolgreichen Unternehmen Fritz-Kola oder das Miniatur Wunderland. Was haben diese richtig gemacht?

Es klingt wahrscheinlich sehr viel einfacher, als es ist: Es ist ihnen allen auf ihre Weise gelungen, einen echten Wert für ihre Kunden zu schaffen. Sie sind zur richtigen Zeit mit dem richtigen Angebot an den Markt gegangen. Und sie hatten den Mut, persönliche Risiken einzugehen und ihre Ziele konsequent zu verfolgen.

Gibt es Fehler, die immer wieder gemacht werden bei der Gründung?

Leider wird häufig der Kapitalbedarf zu gering bemessen, da unerwartete Kosten nicht berücksichtigt oder die Länge der Anlaufphase unterschätzt werden.
Immer wieder scheitern Vorhaben auch daran, den Markt zu erschließen, sprich ausreichend Kunden zu gewinnen. Gründer sollten nie die Bedürfnisse ihrer Zielkunden aus den Augen verlieren. Es kann empfehlenswert sein, sich schon frühzeitig während der Entwicklung Feedback von potenziellen Kunden und Anwendern einzuholen.

Welche grundsätzlichen Voraussetzungen gibt es, die ich bei der Finanzierung bedenken muss?

Wir setzen für eine Gründungsfinanzierung eine einwandfreie persönliche Bonität der Gründer voraus. Es gibt keine Unternehmenshistorie, auf die man zurückblicken könnte. Also schauen wir uns an, wie die Gründer bisher mit den finanziellen Mitteln umgegangen sind, die ihnen zur Vefügung standen.

Wenn zinsgünstige Fördermittel eingebunden werden sollen, kann der Zeitpunkt der Beantragung entscheidend sein. Fördergelder müssen erst beantragt werden, bevor Geld für den zu fördernden Zweck ausgegeben wird. Gründer sollten also ausreichend Vorlauf einplanen und sich rechtzeitig beraten lassen.

Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es?
Für Gründer gibt es viele subventionierte Kreditprogramme, zum Beispiel von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder der Investitions- und Förderbank Hamburg (IFB). Die Bürgschaftsbanken der Länder können zudem die häufig fehlenden Sicherheiten stellen. Auf all diese Fördermittel können wir zugreifen. So können wir Gründern außergewöhnlich günstige Konditionen anbieten. Wenn es etwas mehr Flexibilität braucht, können wir aber auch ganz individuelle Finanzierungspakete schnüren.

Wie lange braucht es, bis ein Start-up auf eigenen und gesunden Füßen stehen kann?

Das ist ganz unterschiedlich und genau die Frage, die sich auch die Gründer stellen sollten. Davon abhängig ist schließlich auch die Art der Finanzierung. Wer eine Bank von seinem Vorhaben begeistern will, muss schneller rentabel sein als ein mit Wagniskapital ausgestattetes Start-up, das zunächst auf eine möglichst große Marktabdeckung setzt. Aus Bankensicht gesprochen: Spätestens wenn nach ein bis zwei Jahren die Tilgung des Darlehens einsetzt, sollte diese auch erwirtschaftet werden.

Abschließend: Sie bekommen 1.000 Anfragen im Jahr. Das skurrilste Konzept?

Es sind schon manchmal schräge Ideen dabei, bei denen man sich mit einer Finanzierung eher zurückhält. Es gibt aber auch Fälle, wo der Erfolg den Gründern recht gibt. Spannend ist aber auch die Darreichungsform.

Ein Konzept wurde beispielsweise auf einem gebrauchten Pizza-Karton geschrieben und eingereicht. Das war mit der Aufbewahrung ein bisschen schwierig.

Andererseits gibt es auch Unternehmen, die mit einer technischen Zeichnung auf einer Serviette angefangen und sich bis heute zum Weltmarktführer in ihrem Bereich entwickelt haben. Den begleitet die HASPA heute noch. Der Pizza-Karton konnte übrigens nicht überzeugen.

Interview: Regine Marxen