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Semesterstart Zuhause: Im Netz leben

Das Gute am heimischen Studieren alleine vor dem Laptop ist: man weiß seine Tagesdecke wieder zu schätzen

Text: Markus Gölzer

 

Was du als junger Mensch auch ohne akademische Weihen so richtig gut kannst? Alles falsch machen. Gehst du als Schüler für die Umwelt auf die Straße, schreien sie dich an, dass du dich um deine Hausaufgaben kümmern sollst. Hast du dich nach dem Abi entschieden, dein Studium schnellstmöglich durchzuziehen, um das System zügig von innen auszuhöhlen, erklären sie dich zum Konformisten ohne Lebensneugierde.

Das Klagen über die Jungen ist noch älter als die Klagenden selbst. Schon Sokrates wusste vor 2500 Jahren: „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern beim Essen und ärgern ihre Lehrer.“ Die gute Nachricht: Jetzt ist Schluss mit Rumgenöle. Ab sofort machst du nie wieder etwas falsch. Einfach, weil du gar nichts mehr machst. Ein kurzes Danke an Corona sollte genügen.

 

Hintergrund mit Südseemotiv

 

Wo du dich als Teenager über das Klischee vom Italiener amüsiert hast, der sich bis ins Rentenalter im Hotel Mama beglucken lässt, verbringst du heute die beste Zeit deines Lebens in deinem Kinderzimmer bei der Online-Vorlesung. Falls dich Mama nicht schon längst rausgeworfen hat, um es an einen Studenten zu vermieten. Statt im Auslandssemester auf der Südhalbkugel deinen Twerk-Flow zu optimieren, sitzt du in der Norddeutschen Tiefebene vor dem Rechner und träumst von den endlosen Weiten des Hörsaals. Hier empfiehlt sich als stimmungserhellende Maßnahme ein virtueller Hintergrund mit Südseemotiv.

Vorbei die Zeiten der schicken Pärchenfotos an Top-Locations auf Instagram. Du schaltest zur Live-Vorlesung die Kamera ein, und die Couch hinter dir erwacht träge zum Leben. Unter dem Deckenhaufen schält sich dein Partner hervor, kratzt sich am Po und hüpft als missmutiger Pavian aus dem Bild. Statt als Single in der Uni zu flirten, gehst du ein eheähnliches Verhältnis mit deiner Tagesdecke ein. Sieh es positiv: Je früher du dich von der romantisierten Vorstellung des Studentenlebens verabschiedest, desto besser für deinen Einstieg in die Berufswelt. Hier zählen nur drei Dinge: Egoismus, Egoismus und Egoismus.

 

Du und deine Topfpflanze

 

Und wer braucht noch rotweinselige Diskussionen in der Studentenkneipe, wenn er eigentlich schon längst im Netz lebt? Hier kannst du trefflich die abstrusesten Verschwörungstheorien kultivieren, und deine Topfpflanze ist vielleicht ein stiller Gesprächspartner, dafür widerspricht sie auch nicht ständig. Du bist kein Verschwörungstheoretiker? Gratuliere. Deine Topfpflanze auch nicht. Als besonderen Bonus kannst du den Tag mit einem Frühstückswein eröffnen. Im virtuellen Hörsaal kann keiner deine Fahne riechen, deine verwaschene Aussprache wird als Tonstörung interpretiert.


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Mitten rein: Studienstart im Lockdown

Eigentlich sollte im März die beste Zeit ihres Lebens beginnen. Doch diese wurde zur unsichersten: Svea Fischer und David Abel starteten mitten in der Corona-Hochzeit in ihr Studium: David Medien- und Kommunikationsmanagement an der Macromedia. Svea Bekleidung, Technik und Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW)

Interview: Markus Gölzer

 

Svea Fischer und David Abel (Foto: Leon Bültmann)

Uni-Extra: Wie habt ihr im Studium den Übergang in die Corona-Zeit erlebt? 

David: Ich war zwei Tage an der Uni, dann ging der Shutdown los. Das war für das erste Semester nicht das Schönste. Uns wurde gesagt, ok, das Studium findet eine Woche später statt. In dieser Woche wurden wir informiert, dass alles komplett online stattfindet. Wir wurden darauf vorbereitet, dann gingen die Online-Vorlesungen los.

Svea: Ich war in der Orientierungswoche. Am Freitag wäre eine Begrüßungsparty gewesen, die aber schon nicht stattfinden konnte. Am Montag darauf hätte es eigentlich angefangen, aber dann war Lockdown, und es hat ein bisschen gedauert, bis wir auf Online umspringen konnten. Es war anders als bei David, weil unsere Uni nicht so richtig vorbereitet war. Deshalb hat sich alles nach hinten verschoben.

Wie liefen die Online-Vorlesung ab? 

David: Ich habe jeden Tag Vorlesungen gehabt, live alles miterlebt, konnte mit den Professoren reden. Wir waren 25 bis 30 Leute, manchmal auch 40, das lief ganz gut. Heißt, der Professor war durchgehend zu sehen, man konnte mit ihm sprechen, man konnte auch die anderen sehen. Es war sozusagen die beste Lösung.

Svea: Ähnlich wie bei David. Der Professor hatte dauerhaft seine Kamera an, damit man weiß, wer zu einem spricht. Das war eigentlich ganz nett. Die Kommilitonen hatten die Kamera nicht an. Wenn man eine Frage hatte, hat man sein Mikrofon angemacht, was gesagt und sein Mikrofon wieder ausgemacht. Hauptsächlich hat der Professor gesprochen. Es war ein Zuhören, es ist nie ein Gespräch oder eine Diskussion entstanden.

Wie kamen die Professoren zurecht? Gab es unterschiedliche Herangehensweisen?

Svea: Manchmal wussten die Dozenten nicht, wie man mit den Programmen umgeht, weil es kaum Vorbereitungszeit gab. In Mathe und Chemie hat unser Professor Videos hochgeladen mit Aufgaben, die wir erledigen mussten. Das war nicht live. Dann gab es leider auch Kurse, wo wir gar nichts hatten. In BWL bekamen wir eine E-Mail mit einem Artikel, den wir durchlesen sollten. Andere haben häufig Folien von der Vorlesung hochgeladen, die man sich selbst angeguckt hat. Richtig gut geklappt hat das nicht, weil es von Kurs zu Kurs unterschiedlich war. Jeder Professor hat das so gemacht, wie das für ihn am besten war.

David: Die wurden in der ersten Woche geschult, damit sie mit dem Programm „Teams“ arbeiten konnten. Mit der Zeit hat jeder dazugelernt. Wir haben uns gegenseitig geholfen, haben gezeigt, wie die Dinge funktionieren. Zwischenzeitlich war es etwas hektisch, aber insgesamt hat es gut funktioniert.

Haben die technischen Voraussetzungen gestimmt? Konnten eure Unis die Datenmengen stemmen? 

David: Die Uni war gut vorbereitet. Auch als Schüler musste man bereitstehen. Ich hatte das Glück, dass ich das ganze technische Material zu Hause hatte. Es gab auch viele, die sich ein iPad kaufen mussten, weil sie nur einen schwachen Windows-Rechner vom Vater hatten und deshalb die ersten beiden Wochen nicht dabei waren.

Svea: Wir hatten den E-Mail-Verteiler von der Uni, und da kamen schon öfter mal Mails rein, dass der Server wieder abgestürzt wäre. In den Vorlesungen war zwischenzeitlich mal die Dozentin zehn Minuten vom Bildschirm verschwunden. Von der Studentenseite her war es so, dass man zu Hause die Voraussetzungen wie gutes WLAN brauchtest.

Gab es Kommilitonen, die wegen Geldmangels ins Hintertreffen gerieten?

Svea: Das weiß ich nicht, weil ich nur mit wenigen Leuten zu tun hatte. Aber es kann natürlich sein. Wir sind ungefähr 45 Leute und die Teilnehmerzahl hat immer so zwischen 25 und 35 geschwankt. Es war nie vollständig. Und das könnte natürlich daran liegen, dass die keine Möglichkeit hatten, auf einen Computer zuzugreifen.

David: Ja. Viele. Das Image einer Privatschule ist immer: Das Studium wird von reichen Eltern finanziert. Richtig ist: Die Hälfte der Leute studieren zum zweiten, dritten Mal, sind allein nach Hamburg gezogen, müssen eine Wohnung bezahlen, studieren hier, weil es das Studium nicht an einer staatlichen Uni gibt. Da gab es auf alle Fälle Leute, die sagten, das wäre jetzt schwer zu stemmen.

Habt ihr die soziale Dynamik des Hörsaals vermisst?

David: Ich habe das ganze Unileben vermisst. Das ist auch das, was viele suchen, wenn sie zur Uni gehen. Ich kann sehr gut verbal lernen. Wenn jemand vor mir steht und mir das erklärt, dann lerne ich besser, als wenn ich von einem Blatt Papier ablese. Nach sechs Stunden vor dem Bildschirm ist es schwer, sich zu konzentrieren.

Svea: Auf jeden Fall. Eigentlich habe ich mir vorgestellt, ein richtiges Studentenleben zu haben. Mittlerweile studieren wir ein Semester lang, und ich hätte alle Leute, mit denen ich studiere, schon längst kennenge- lernt. Das fehlt mir, und ich fühl mich auch nicht wirklich als Studentin, weil ich nur online vor meinem PC gesessen habe.

Gab es noch irgendwelche Fragmente vom Studentenleben?

Svea: Gar nicht. Es war wirklich so, als würde ich mich privat fortbilden und mir Videos angucken.

David: Fast gar nicht, würde ich sagen. Man kommuniziert über verschiedene Plattformen, aber man lernt sich nicht kennen. Ich habe die ersten zwei Tage eine kleine Gruppe kennengelernt. Am Ende des Semesters haben wir uns einmal als Gruppe von 40 Leuten im Park getroffen, nicht ganz legal, um uns kennenzulernen. Mehr gab es auch nicht. Wir hatten keine Feiern, keine Gegebenheiten, uns zu sehen. Das fehlt natürlich. Die Unitür schließt sich nie hinter einem. Es entsteht kein Feierabendgefühl.

Hat sich die Wahrnehmung eures Zuhauses verändert, seit es gleichzeitig Hörsaal ist?

David: Auf jeden Fall. Das hat mir auch nicht wirklich gefallen. Man steht auf und hat direkt die Uni neben sich. Ich würde lieber in die Uni gehen. Ich will einen Ort haben zum Studieren.

Svea: Ich habe anfangs in meinem Zimmer gesessen während der Vorlesungen. Dann im Wohnzimmer am Esstisch. Einfach, um mal eine andere Location zu kriegen. Als es warm war, habe ich mir das in der Sonne angehört. Meine Wahrnehmung hat sich nicht geändert.

Habt ihr euch bewusst für die jeweilige Studienform entschieden?

David: Ich habe den Studiengang danach ausgewählt, was ich machen möchte. Ich bin ein praktischer Mensch und habe deshalb einen praktischen Studiengang gesucht. Ich wollte statt einer Ausbildung studieren, damit ich meinen Bachelor habe. Richtung Medien gibt es wenig Studiengänge, die nicht privat sind und mir gefallen haben. An der Uni Hamburg gibt es Medien- und Kommunikationswissenschaften. Das ist sehr, sehr wissenschaftlich und halt nicht praktisch. In meinem Studium habe ich einen BWL-Anteil, einen wissenschaftlichen Anteil und vor allem viel praktische Übungen – Fotografie, Design – und das hat mir gefallen.

Svea: Ich stand zwischen der öffentlichen HAW und der privaten AMD (Akademie Mode und Design). Ich habe superlange überlegt, ob ich staatlich oder privat studieren möchte. Man muss an einer privaten Uni mit Studiengebühren von 600 bis 700 Euro im Monat rechnen. Trotzdem wollte ich schließlich privat studieren. Mein Studiengang „Bekleidung, Technik und Management“ heißt an der AMD „Modemanagement“. Das hat für mich kreativer geklungen, besser für meine Interessen. Dann habe ich an beiden Unis Dozentengespräche gehabt. Die HAW war tausend Mal sympathischer. Eine Freundin studiert an der AMD meinen Studiengang und kennt Leute von der HAW. Die sah keinen großen Unterschied. Da war mir klar, dass ich an die HAW gehe. Das Studium an der AMD hätte einfach zu viele Kosten und zu viel Aufwand bedeutet, um an das Geld zu kommen. Ich bereue die Entscheidung bis jetzt auf gar keinen Fall.

Findet ihr die Corona-Maßnahmen insgesamt angemessen oder übertrieben?

David: Wenn man sieht, wie die Zahlen sind und was alles passiert ist, haben wir das in Deutschland alles gut gehändelt. Natürlich habe ich auch keine Lust mehr auf Corona, aber das kann man nicht ändern.

Svea: Ich finde es schon angemessen. Aber es hat mich dann schon gewundert, dass die Schulen ihren normalen Betrieb wieder aufgenommen haben, und bei uns wird es auch im kommenden Semester so sein, dass die Präsenzlehre nicht zu 100% stattfinden kann.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Das Wohnzimmer – Lernraum in der HCU

Studis besetzen einen Raum in der HafenCity Universität. Das Wohnzimmer ist Lernraum, Filmsaal, Kneipe und Aufenthaltsraum in einem

In diesem Ohrensessel möchte man einfach nur versinken. Foto: Polina Sluysar

Das Mobiliar im sogenannten „Wohnzimmer“ ist gemütlich und altmodisch. Man möchte darin versinken und fühlt sich an den letzten Besuch bei den Großeltern erinnert. Nur die Wände sehen nicht aus wie bei Oma. Sie sind plakatiert mit Appellen, die gegen Sexismus, Rassismus und jegliche Art von Diskriminierung mobilisieren. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Szenario nicht weiter vom typischen Studentenalltag an einer Universität. Hier an der HafenCity Universität (HCU) jedoch ist das alles noch Neuland.

Das Wohnzimmer der HCU. Foto: Polina Sluysar

Die HCU, die ursprünglich ihre Standorte in der City Nord und Mundsburg hatte, ist erst vor drei Jahren in den Neubau direkt am Wasser in der HafenCity gezogen. Das Gebäude ist erwartungsgemäß modern, wird aber dominiert von einer kühlen Beton-Ästhetik sowie fast schon steril wirkenden Räumen, die es noch mit Wohnlichkeit und Leben zu füllen gilt. Dieser Aufgabe widmen sich unter anderem die Studierenden von „freiRaum“. Inspiriert von dem Prinzip der Gemeinschaft im Gängeviertel und dem studentischen Café Knallhart fassten sie einen Entschluss: „Lasst uns in der Uni etwas besetzen!“ So entstand der Ort, der mittlerweile als das „Wohnzimmer“ bekannt ist.

So sieht Wohlfühlcharakter aus. Foto: Polina Sluysar

Der Raum, der von Seiten der Uni ursprünglich als reiner Lernraum vorgesehen war, ist mittlerweile nicht nur gemütlich, sondern auch eine Plattform für politischen und kulturellen Austausch und eine Möglichkeit, Kontakte außerhalb des Studiengangs zu knüpfen. Die aktiven Studenten zeigen Filme, organisieren einen Kneipenabend und Vorträge und haben eine Verschenk-Station und einen Flyer-Ständer in den Raum integriert. Das Ziel ist nicht, die Prinzipien der Universität über Bord zu werfen, sondern Ecken zu schaffen, die anders sind. Die Studenten von freiRaum wollen Zufluchtsorte schaffen und das Denken etablieren, damit Lernen und Innehalten auch an der eigenen Hochschule möglich ist. Der Raum ist selbstverwaltet, daher sind jegliche Veränderungen seitens der Studierenden, zum Beispiel selber irgendwo ein Sofa aufstellen, sehr willkommen.

Text & Fotos: Polina Slyusar

„Wohnzimmer“ im 1. OG, bei den Lernräumen in derHafenCity Universität, Überseeallee 16 (HafenCity)


Who the fuck is…

 

…Polina Slyusar?
Die 25-Jährige studiert an der HafenCity-Universität Bauingenieurwesen und hat eine ausgeprägte Leidenschaft für Subkulturen. Für SZENE HAMBURG Uni-Extra (erschienen im Oktober 2017) schrieb sie über das sogenannte „Wohnzimmer”, einen ihrer Lieblingsorte an der Hafencity-Universität.


 Der Text ist ein Auszug aus dem SZENE HAMBURG Uni-Extra (Ausgabe Herbst/Winter 2017/18) 


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