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Wirtschaftsbremse: Klima & Corona

Von der Pandemie scheint vor allem eine zu profitieren: die Natur. Aber macht der Klimawandel wirklich Pause? Ein Gespräch mit dem gebürtigen Hamburger und Meteorologen Prof. Dr. Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Mojib Latif, Sie sind in den 50er und 60er Jahren in Hamburg aufgewachsen und haben die Sturmflut 1962 mitbekommen. War dies ein ausschlaggebender Punkt, dass Klimaereignisse Teil Ihrer beruflichen Laufbahn wurden?

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Foto: Hart aber Fair

Prof. Dr. Mojib Latif: Nein, das war es nicht. Ich war ja nicht direkt betroffen, aber ich kann mich noch gut an das Heulen des Windes erinnern. In der Schule haben wir Hilfsgüter aus Griechenland bekommen, die haben uns Korinthen geschickt. Vielen Menschen musste geholfen werden und gerade heutzutage, was die Solidarität zwi­schen den Ländern angeht, finde ich das rückblickend ganz schön.

Wenn diese Län­der heute etwas haben wollen, dann kommt immer gleich die Frage: Muss das wirklich sein? Nach dem Abitur studierten Sie erst zwei Jahre BWL, bis Sie die naturwissenschaftliche Laufbahn einschlugen, Meteorologie wählten und bei Klaus Hasselmann promovierten, der ja belegt hat, dass der Klimawandel menschengemacht ist …

Die Klimaforschung reicht weit bis ins vorletzte Jahrhundert zurück. Die ers­ten Berechnungen zur Erder­wärmung stammen aus dem Jahr 1896, das weiß bloß kaum jemand. Was Hasselmann Anfang der 1990er Jahre gemacht hat, ist, dass er den Menschen als Hauptverursacher der Erderwärmung entlarvt hat.

Das sich die Erde erwärmt, war jedem klar, aber es gab die Diskussion, ob das natürlich oder menschengemacht ist. Er konnte zeigen, dass zum überwiegenden Teil der Mensch verantwortlich ist. Das war der Durchbruch.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, wie hat sich der Klimawandel in Hamburg und Deutschland bemerkbar gemacht?

Das ist ein schleichender Prozess. Wir sehen, dass sich Deutschland seit Beginn der Messungen deutlich erwärmt hat, eine Zunahme der ho­hen Temperaturen und einen Rückgang der kalten Tage.

Der letzte Winter war kein Winter, ich weiß nicht, ob wir an irgendeinem Tag Schnee hatten. Ich erinnere mich sehr gut, als ich Kind gewesen bin, war der Winter ein Winter, da habe ich meinen Schlitten he­rausgeholt und es gab Eisgang auf der Elbe.

60 Jahre später wird es offensichtlich: Hitze­perioden mit Temperaturen weit über 30 Grad Celsius und zunehmende Trockenheit. Hinzu kommt ein allmählich ansteigender Meeresspiegel, das wird auch für Hamburg ein Problem werden.

 

klima-kapitalismus

Ursachen des Klimawandels sind auch auf Hamburgs Straßen weiterhin Thema

 

Ist die Corona-Zeit und das damit einhergehende Ausbleiben der Volkswirtschaft, also die CO2-Bremse, genau das, was das Klima und die Menschheit gerade brauchen?

Nein, man kann das Klimaproblem nicht lösen, indem man die Wirtschaft ge­gen die Wand fährt. Der we­sentliche Punkt ist, dass wir gerade große Geldmengen in die Hand nehmen, um die Wirtschaft wieder hochzufahren. Das ist richtig so, aber diese Mittel müssen verwendet werden, um die Wirtschaft auch zukunftsfähig zu machen. Klimaschutz ist auch ein Beitrag, die Welt zukunftsfähig zu machen.

Wir sehen es an der deutschen Automobilindustrie. Die Zeit des Verbrennungsmotors ist abgelaufen. Es braucht neue Antriebe und es wäre wichtig, das Geld in die neuen Technologien zu stecken. Der Trick ist, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zukunftsprojekte fördern und nicht den SUV.

Haben Sie Beispiele?

Das muss man mit er­neuerbaren Energien ändern. Es benötigt einen massiven Ausbau, gerade der Wind­energie. Die Netze müssen intelligenter und engmaschiger werden, damit man mit den erneuerbaren Energien gut umgehen und sie optimal nutzen kann. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden, der Güterverkehr auf die Schiene und weg von der Straße. In der Digitalisierung sehen wir gerade, wie schlecht wir in Deutschland aufge­stellt sind.

Auch hier in Hamburg habe ich kein besonders schnelles Internet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Di­gitalisierung und künstliche Intelligenz sind die Zukunfts­themen auch im Hinblick auf Umwelt­ und Klimaschutz.

 

„Der CO2-Gehalt der Luft hat einen historischen Höchststand erreicht“

 

In einem NDR-Interview haben Sie davon gesprochen, dass die 2007 groß entfachte Klimadebatte durch die Wirtschaftskrise 2008 überschattet wurde. Ein Phänomen, das sich gerade wiederholt?

Die Debatte wurde damals durch Al Gore und seinen Film „Eine unbequeme Wahr­heit“ ausgelöst. Dann kam die Finanz­-, anschließend die Weltwirtschaftskrise. 2019 kam es wieder hoch durch Fridays for Future.

Auch der extreme Sommer 2018 in Deutschland, die Europawahl und Rezos Video haben dazu beigetragen. Jetzt ist das The­ma relativ weit weg. Bleibt das so, wäre das eine Katastrophe, der CO2­-Gehalt der Luft hat nämlich einen historischen Höchststand erreicht, trotz Corona und Lockdown. Na­türlich sinkt der Ausstoß, aber CO2 ist langlebig.

Nach er­sten Schätzungen werden wir 2020 vielleicht acht Prozent Reduktion beim weltweiten CO2-­Ausstoß haben. Das müssen wir aber jedes Jahr haben, ohne Corona, wenn man die Pariser Klimaziele einhalten will.

Experten meinen, dass wir durch Corona die Klimaziele 2020 der Bundesregierung erreichen könnten …

Das wäre vielleicht auch ohne Corona passiert. Das wird oft falsch dargestellt und alles auf Corona geschoben. Der entscheidende Schritt war im Jahr 2019, als der Preis pro Tonne CO2 im Rahmen des Europäischen Emissionshan­dels auf deutlich über 20 Euro pro Tonne stieg, in den Jah­ren davor krebste er bei fünf Euro herum.

Die Bepreisung hat dafür gesorgt, dass Kohle unrentabler und Gas rentabler wurde. Deswegen sind 2019 die Emissionen so weit gesun­ken, dass zu Beginn 2020, die Aussicht bestand, die 40 Pro­zent Minderung der Treib­hausgasemissionen gegen­ über 1990 zu erreichen.

Jetzt gehe ich davon aus, dass die Ziele mit Sicherheit erreicht werden. Das zeigt, wie wichtig eine CO2­-Bepreisung für alle Bereiche ist, die es ab 2021 in Deutschland geben wird.

 

„Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt“

 

Wie könnte unsere Gesellschaft dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern?

Wir müssen die Vorteile deutlicher machen. Gerade für Hamburg. Stellen Sie sich vor, der innerste Ring wäre autofrei. Natürlich würde es für Menschen mit Handicap und Lieferdienste Ausnahmen geben, aber eine autofreie Innenstadt hat doch etwas. Es stinkt nicht, es ist ruhig, man kann sich begegnen und hat mehr Fläche.

Der öffentliche Nahverkehr ist schon ganz gut, müsste aber weiter aus­gebaut werden. Andererseits finde ich, müssten die Prei­se dafür aber runter. Bus und Bahn sind schweineteuer in Hamburg. Das geht nicht, da muss man deutlich herunter, sonst wird das nicht attraktiv. Ich glaube, mit solchen Maß­nahmen könnte man Ham­ burgs Innenstadt wirklich autofrei bekommen und die Menschen würden es lieben, da bin ich mir sicher.

Können wir Rückschlüsse aus der Corona-Pandemie ziehen?

Erstens: Globale Krisen können nur alle Länder ge­meinsam meistern. Zweitens: Es gibt Rückschlüsse über Verschwörungstheoretiker und Klimaleugner. Bestes Bei­spiel ist Donald Trump, der gesagt hat, dass Corona „ein Scherz“ sei. Das Resultat se­hen wir, 90.000 Tote in den USA, die meisten weltweit. Da sieht man, dass die Plauderer und Populisten in Wirklichkeit keinen Plan haben.

Drittens: Diese Corona-­Krise ist nicht vom Himmel gefallen, die Wissenschaft hat lange gewarnt. Bestes Beispiel: Schutz­kleidung. In den Pandemie­ plänen steht, dass sie knapp werden kann. Trotzdem hat man die nicht eingekauft. Das steht alles in einer Bundes­tagsdrucksache aus dem Jahr 2013. Das gleiche gilt für die Klimakrise. Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt. Trotzdem passiert, weltweit betrachtet, das Gegenteil.

Die beliebtesten Urlaubsziele der Hamburger sind die türkische Riviera, Mallorca, Ägypten. Was empfehlen Sie für dieses Jahr?

Die Ostsee. Am Schön­berger Strand gibt es weißen Sand und das Meer. Was will man mehr? Gut, das Wasser ist nicht so warm wie im Sü­den – aber dafür spart man sich die Flugreise.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


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System(ir)relevant: Jeder wird gebraucht

Sie sind die Helden Hamburgs und nicht erst seit der Corona-Pandemie für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich: die Systemrelevanten. Doch wer sich mit diesem Begriff betiteln darf, ist Ansichtssache

Texte: Marco Arellano Gomes & Basti Müller

 

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Landwirt

Henning Beeken, 45, Eigentümer vom Hof Eggers in Kirchwerder 

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Dass man sich bei mir als Teil einer systemrelevanten Berufsgruppe bedan­ ken muss, habe ich nicht so empfunden. Wir haben hier unsere Sachen weiter­ produziert, so gut es ging. Wir haben die Blumen ausgeliefert, klar, da haben sich die Leute gefreut, zum Teil sehr, weil es für sie schön war, den Balkon bepflan­ zen zu können. Da gab es sehr positives Feedback. Bei uns auf dem Bauernhof hat niemand geklatscht, das hätte mich auch irritiert. In der Stadt mag dies ja für die Beklatschten ganz nett gewesen sein, ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel den Pflegekräften eine ange­ messene Bezahlung wichtiger wäre.

 

„Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch“

Henning Beeken

 

Empfindest du dich als systemrelevant? 

Klar, die Produktion von Lebens­ mitteln ist systemrelevant. Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch.

Hattest du irgendeine Form von Angst?

Die ganze Zeit hatte ich kaum Angst. Meine Eltern sind beide fast 80, da macht man sich schon mehr Sorgen. Aber ich lebe, wo ich arbeite, also nein.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Das ist meine Lebensaufgabe, ein Projekt, an dem ich selbst arbeiten und das ich selbst gestalten darf. Das ist eine ganz tolle Aufgabe, die Motivation kommt da von selbst.

Gibt es etwas, das du dir von der Gesellschaft wünschen würdest?

Was ich auch als sehr positive Be­ gleiterscheinung wahrgenommen habe, ist, dass das regionale Einkaufen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Da sind wir seit neuestem auch in der Regional­ wert Hamburg AG, ein Netzwerk aus regionalen Produzenten, Einzelhänd­ lern und Gastronomen und das funk­ tioniert sehr gut. Diese Zusammenarbeit finde ich sehr positiv und ich würde mir daher wünschen, dass die Menschen das regionale Einkaufen weiter wertschätzen und bereit sind, dafür auch ein paar Cent mehr auszugeben.
In diesem Sinne, würdest du dir wünschen, dass Regionalität stärker von der Politik gefördert wird?

Ja. Man hat das jetzt auch wieder gesehen, dass eben die kurzen Wege sehr krisensicher sind und weiterhin funktionieren. Alles, was mit langen Transportwegen zu tun hat, ist dann doch sehr anfällig.

Was möchtest du den Hamburgern mit auf den Weg geben?

Kauft regional in den kleinen Läden in der Nachbarschaft und kommt mal wieder zu uns ins Hofcafé, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

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Busfahrer

 

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Foto: Pepe Lange

Imam Alkan, 48, Berufskraftfahrer bei der Verkehrsbetriebe Hamburg- Holstein GmbH

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich war 30 Jahre lang in der Show­ branche tätig und bin es gewohnt, Ent­ scheidungen und den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Das gleiche habe ich auch – fast – als Busfahrer. Niemand schaut mir über die Schulter und ich bin mein eigener Chef in meiner Schicht.

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

Wenn wir stehen, bleibt auch Ham­ burg stehen. Jetzt, in der Krise merkt man mehr denn je, wie dankbar die Fahrgäste sind. Wir sind die, die Ham­ burg bewegen – von A nach B. Man könnte uns auch als die fleißigen Bie­ nen der Stadt bezeichnen, die überall ausschwärmen, ihre Arbeit tätigen und zum Schluss wieder zum Bienenstock, dem Betriebshof, zurückkommen.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Was gibt es Schöneres, als die Ham­burger in der schönsten Stadt der Welt herumzukutschieren. Ich liebe es, Auto beziehungsweise Bus zu fahren.

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Entsorger

Önder Büyükhan, 28, Entsorger und Vorarbeiter bei der Stadtreinigung Hamburg in der Region Ost Volksdorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Ganz ehrlich? Ich habe mich ziemlich gefreut, dass es Menschen gibt, die sich freuen, dass wir unsere Arbeit ma­chen. Viele ärgern sich eher, weil wir im Weg stehen.

 

„Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage“

Önder Büyükhan

 

Empfindest du dich als systemrelevant?

Selbstverständlich! Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage und es würde überall nur Müll herum­ liegen.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein! Ich fahre mit einem eigenen Pkw und wir haben sehr gute Hygiene­vorschriften auf der Arbeit. Unsere Vorgesetzten achten explizit auf unser Wohl.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Die Arbeit, die ich ausübe und die Dankbarkeit der Bürger.

Was hat sich seit Corona verändert?

Wie das jetzt draußen in der Öffentlich­keit ist: Abstand halten, Mundschutz tragen et cetera, sonst hat sich für uns kaum etwas geändert. Vor allem in den Autos tragen wir die Masken, um uns gegenseitig zu schützen.

Habt ihr durch Corona in den letzten Wochen mehr zu tun gehabt?

Man merkt, dass die Eimer voller als sonst sind. Es gibt mehr Müll, weil die Leute mehr zu Hause als im Büro sind.

Hast du das Gefühl, dass die Leute etwas gereizter sind als zuvor?muellabfuhr

Die Autofahrer vielleicht. Das merkt man richtig. Die sind teilweise richtig aggressiv, privat oder auf der Arbeit. Sie drängeln mehr, die Leute sind angespannt. Man kann das nach­vollziehen, weil du aktuell nicht viel machen kannst. Die Leute, Familien und Paare sind schon alle ein bisschen gereizt.

Die meisten wollen im Straßen­verkehr Recht haben, sie müssen die ersten sein und suchen den Fehler bei den anderen, nicht bei sich selbst. Deswegen passieren auch die meisten Unfälle, auf der Autobahn oder sonst wo. Das „Wir“ gibt es dort nicht und das wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich habe meinen Führerschein vor zehn Jahren gemacht, da war das Fahren noch entspannt. Jetzt ist das wie Krieg.

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Dass die aktuellen Hygienemaß­nahmen eingehalten werden.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Die letzte Zeit ist sehr schwer für uns alle gewesen. Haltet durch! Wir werden es alle zusammen schaffen. Hoffen wir auf bessere Tage. Seid froh, dass ihr gesund seid. Gesundheit ist mit keinem Geld dieser Welt zu ersetzen!

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Erzieherin

Melina Blechschmidt, 34, Erzieherin bei Wabe e. V. in Bergedorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Es wurde für Verkäuferinnen und Verkäufer, Krankenschwestern und -­pfleger, Ärzte und so weiter geklatscht. Ich denke, die Menschen haben ihre Jobs gewählt, weil sie diese mögen. Sie machen ihn gerne und gerade in Zeiten, in denen sie gebraucht werden, noch lieber. Ich freue mich, dass diese Men­schen und Berufe nun endlich die An­erkennung bekommen, die ihnen auch vor Corona schon zustand. Das wurde wirklich Zeit!

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Foto: Heike Günther

Empfindest du dich als systemrelevant?

Ich empfinde mich und meinen Be­ruf als absolut systemrelevant. Neben dem Bildungsauftrag und der täglichen Verantwortung den Kindern gegenüber, verdeutlicht gerade diese Zeit noch einmal mehr, welche Wichtigkeit wir, als Mitarbeiter in Kindertageseinrich­tungen, in der Gesellschaft haben. Wir betreuen nicht nur Kinder! Wir beraten Eltern, entlasten Familien. Wir ermög­lichen Eltern, ihren Berufen nachzu­kommen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie ihre Kinder für die vielen Stunden betreuen können. Damit helfen wir Menschen, die wiederum an­dere Sparten und Bereiche des Systems abdecken zu können.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein, keinerlei Angst. Wir halten uns an festgeschriebene und für alle verbindliche hygienische Abläufe. Diese wurden jetzt nochmals verschärft. Der Gedanke an Corona und eine mögliche Ansteckung spielt in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Kinder sind häufig krank und so werden auch wir als Fach­kräfte oft mit vielerlei Krankheiten kon­frontiert. Eine Sorge vor Ansteckung schwingt da nie mit.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Dasselbe wie immer! Meine Arbeit ist mein Traumberuf, meine Berufung. Ich komme gern in die Kita, begleite Kinder bei ihren Lern-­ und Entwicklungsfortschritten. Für mich ist das immer eine schöne Zeit.

Für mich und meine Kollegen ist der pädagogische Alltag mit vielen Auflagen, Änderungen und Einschränkungen verbunden. Das ist eine Herausforderung und verlangt uns in der Planung und Umsetzung viel ab. Dennoch wird noch mal mehr deutlich, welch große Rolle wir als Kita in den Leben der Familien spielen und wie sehr sie auf unsere Arbeit angewiesen sind. Das motiviert auch noch mal.

 

„Wertschätzung geht oft im Alltag und der Hektik unter“

Melina Blechschmidt

 

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Ich wünsche mir, dass sie den Er­zieherinnen, SPAs und pädagogischen Fachkräften in den Einrichtungen ihrer Kinder zeigen, dass sie sehen und wertschätzen, was sie tun. Oft geht das im Alltag und der Hektik unter.

Unsere Kita hatte ab dem ersten Tag der Corona-­Zeit geöffnet, ein Notgruppen­-Konzept entworfen, alle Eltern der Kita informiert, individuell beraten. Es wurden Angebote für die Kinder und Familien auf der Website hochgeladen, um auch die zu erreichen, die zu Hause bleiben. Wir sind immer ansprechbar, erreichbar und beraten, wenn Fragen oder Hilfen benötigt werden.

Die El­tern schätzen das sehr und wir wissen von vielen, dass wir sie damit enorm entlasten. Selbst, wenn ihr Kind gerade nicht in der Einrichtung betreut wer­den kann.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Halten Sie durch! Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir als Kinder­tagesstätten für Sie da. Und auch ein Dankeschön an die Familien, die ihre Kinder weiterhin zu Hause betreuen können.

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Musikerin

Miu, 33, Sängerin, Songschreiberin und Kulturaktivistin mit eigenem Label in Lurup

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich bin Sängerin, schreibe, produ­ziere Songs und spiele viel live. Im letz­ten Jahr habe ich mein Doppelalbum „Modern Retro Soul“ mit eigenem La­bel in die Albumcharts katapultiert. Ne­benbei mache ich mich für mehr Sicht­barkeit von Frauen in der Musik stark bei Ladies Artists Friends.

 

„Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten“

Miu

 

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

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Foto: Elena Zaucke

Filme und Musik waren für die Menschen nie wichtiger als jetzt, in Zeiten sozialer Isolation. Ich hoffe, dass dies eine neue Diskussion anstößt, wie viel uns Kultur wert ist. Gerade, wo es der Kultur sehr schlecht geht.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten. Ich mag, dass mein Job mich immer wieder aufs Neueste kognitiv und emotional fordert, dass Musik vermag, Gefühle auszudrücken, Menschen zu erreichen und zu begleiten – neue Sichtweisen anzustoßen. Wir alle hören Musik mehrfach am Tag – es ist immer wieder wichtig, dass unsere Gesellschaft sich dieses Geschenks bewusst ist und Kultur nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Weitere Interviews findet ihr in der Juni-Ausgabe der SZENE HAMBURG 👇

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Restaurantöffnungen: Essen auf Abstand

Seit dem 13. Mai sind Restaurantbesuche unter strengen Auflagen wieder erlaubt. Wie fühlt sich Essengehen nach den neuen Spielregeln an? Und wie bewerten Hamburger Gastronomen halbvolle Gasträume mit Abstandsgeboten?

Text: Laura Lück

 

Was hier passiert ist illegal. Von Sicherheitsabstand ist nicht viel zu sehen in dem kleinen griechischen Lokal. Lediglich zwei Tische in der Raummitte wurden entfernt, ansonsten bleibt’s im Gastraum so kuschlig als hätte es Corona nie gegeben. Entlang der Wand sitzen Gäste Rücken an Rücken, während sich ihre Stuhllehnen bedenklich berühren. Eindrücke, die der Vorfreude auf den ersten Restaurantbesuch nach über acht Wochen einen Dämpfer verpassen.

Die Kellnerin trägt Mundschutz, den sie für Begrüßungsküsschen mit diversen Stammgästen vom Gesicht zieht. Es ist ein bisschen wie bei einem ungeschützten One-Night-Stand: Mit jedem Glas Raki wird die Infektionsgefahr nebensächlicher – zu groß ist der Appetit, besonders nach gut zwei Monaten Abstinenz. Der erste Restaurantbesuch nach dem Shutdown fühlt sich verboten an und doch so gut.

 

Nachholbedarf und Existenzängste

 

In der Mitte des Tisches stehen köstliche Mezze-Schalen, in denen der ganze Tisch sein Besteck versenkt. Alle zehn Minuten spricht jemand einen neuen Toast aus, Gläser klirren, es wird gelacht, gefeiert, genossen. Irgendwann ist es sogar egal, dass die Bedienung bedenkliche Theorien à la Ken Jebsen von sich gibt. Wie gefährlich es sein kann, wenn Gastronomen mit Verschwörungstheorien sympathisieren, hatte niemand am Tisch vorher bedacht.

Während die Gäste ausgelassen ihren Nachholbedarf befriedigen, geht es heute Abend für die Betreiber um nicht weniger als ums Überleben ihres Geschäfts. Dass Existenzängste ein Motor für Corona-Leugnung sein können, beschreibt die Philosophin Alice Pechriggl, die an der Universität Klagenfurt zum Thema forscht. „Nichts soll sich ändern, the show must go on oder die Arbeit, ob aus narzisstischer Angst (Ehrgeiz) oder aus realer Existenzangst. […] Wer leugnet oder herunterspielt, muss momentan die Angst nicht verspüren.“

 

Sinnhaftigkeit der Lockerungen

 

Julia Bode, Inhaberin des Restaurants Witwenball in der Weidenallee, hält sich an die Regeln: bis zu zwei Haushalte an einem Tisch, Mindestabstand von 1,50 Metern zum Nachbarn und Registrierung von Kontaktdaten zum Verfolgen möglicher Infektionsketten. Dank vieler treuer Stammgäste konnte sie sich über ein gutes erstes Wochenende freuen.

Besorgt ist sie trotzdem, denn: „So toll das erste Wochenende war, bei den Auflagen können wir bei 80 bis 90 Prozent der Kosten nur Umsätze von 30 bis 50 Prozent erwirtschaften. Wir wollen weiterhin als Ort für die Gesellschaft da sein und haben daher natürlich auch so schnell es ging geöffnet. Aber rechnen wird es sich so für uns leider nicht.“ Die Krise sei noch lange nicht vorbei, parallel wachse nun die Angst, dass die Politik sie und ihre Kollegen, da sie wieder öffnen dürfen, aus den Augen verliert.

Auch im Gourmetrestaurant Tschebull machen Kellner unterm Mundschutz gute Miene zu bösem Spiel. Alles wirkt professionell, die neuen Regeln werden mit verantwortungsvoller Konsequenz eingehalten. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn genug Umsatz wird auch dieser spärlich bestuhlte Laden sicher nicht machen.

Auch Koral Elci von der Kitchen Guerilla zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Lockerungen: „Niemand kann mit der halben Auslastung die Fixkosten decken.“ Man könne ja auch keine „halbe Küche“ besetzen. Die Lockerungen seien nett gemeint, aber nicht durchdacht. Elci schlägt vor, dass Gastronomen Sondergenehmigungen erteilt werden, um öffentliche Plätze – zum Beispiel Parkplätze – bestuhlen zu dürfen und so eine höhere Auslastung zu erreichen. Das könnte auch mehr Gäste dazu bewegen, wieder essen zu gehen. Unter freiem Himmel ist die Gefahr einer Ansteckung schließlich deutlich geringer als in geschlossenen Räumen.

 

Volles Potenzial ausschöpfen

 

Fest steht: Es müssen befriedigendere Lösungen gefunden werden. Existenzrettende Lösungen. Die Gastronomie ist eine der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Branchen und braucht Hilfe. Zu wünschen ist ihr und uns allen ein fantastischer Sommer mit vielen lauen Nächten, damit Hamburgs Restaurantterrassen, Straßencafés, Rooftop Bars und Biergärten dieses Jahr bei Wein und gutem Essen ihr volles Potenzial ausschöpfen können – für beide Seiten: Gast und Gastronom.


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Zukunftsblick: Werte, Wandel, Wirkung

1992 gründete Peter Wippermann das Beratungsunternehmen „Trendbüro“, das sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzt. Ein Gespräch über räumliche Distanz, virtuelle Nähe und Generation C – wie Corona

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, die Umstände verlangen die Frage: Wie geht’s Ihnen?

Peter Wippermann: Ja, gut geht’s mir, danke.

Leben Sie zurzeit in Isolation?

Ja, in selbst gewählter Quarantäne, so wie das alle gerade tun. Ich arbeite und habe mein Büro sowieso in der Wohnung, daher hat sich nicht viel ver­ ändert, außer, dass wir nicht oft raus­ gehen.

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Alle zwei Jahre veröffentlichen Peter Wippermann und Team den „Werte-Index“ (Foto: Trendbüro)

Das Jahr 2020 hat sich ja eigentlich gut angekündigt, EM, Olympia, 30 Jahre Wiedervereinigung etc. – haben sie mit einer Viruspandemie je gerechnet?

Nein, das war ja erst nur etwas, was im Januar in China allmählich in den Meldungen war und man hatte noch das Gefühl, dass es sich auf Asien beschränken wird. Was wir selbstverständlich machen, ist mit Schwarzen Schwänen, also unwahrscheinlichen Er­eignissen zu kalkulieren, irgendetwas, was die Situation dramatisch verändern kann, dazu zählen eben auch Pande­mien. Aber nein, damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Sie sind Experte für gesellschaftlichen Wandel. In welchem Wandel befinden wir uns im Moment?

Das kann man sehr deutlich be­obachten. Wir haben insgesamt eine stärkere Vernetzung und auch einen stärkeren Umgang mit interaktiven Medien, sei es unter Schülern und Leh­rern, sei es innerhalb der Betriebe, sei es in der Rationalisierung der Produktionen, in denen stärker Roboter ein­gesetzt werden.

Was bisher noch nicht kam, ist, dass das Gefahrenpotenzial von uns selbst ausgeht und die Sicherheit über Technologie organisiert wird. Das ist eine Situation, die einzigartig ist. Die Technologien, die sich besonders in dieser Zeit entfalten, gibt es ja schon seit Längerem, Videokonferenzen, autono­me Maschinen und Ähnliches, nur die Akzeptanz gegenüber diesen Technologien nimmt unheimlich schnell zu.

Die Überraschung ist, dass wir Technologie als Heilsbringer eher be­grüßen als befürchten. Und die aktuelle Diskussion, in der es um die Einschrän­kung von Freiheit und Privatsphäre geht, wenn man beispielsweise Tele­fondaten nutzt, um Beziehungen von Infizierten aufzuzeigen, wird man sicherlich moralisch, ethisch und juristisch versuchen zu fassen. Aber selbstverständlich wird es als Tool erst einmal positiv bewertet.

 

„Wissenschaft ist im Moment die Leitgröße“

 

Gilt das auch für die Wissenschaft?

Die Wissenschaft ist im Mo­ment die Leitgröße, die die Poli­tik an die Hand nimmt. Die Ent­wicklung, in der wir stehen, wird durch sehr rationale wissenschaftliche Kalkulationen geleitet. Das ist auch etwas Besonderes, dass in einer Demokratie, in der Parteien eigentlich miteinander konkurrieren, der Wähler in den Hintergrund geraten ist, und die Wissenschaft die Perspektiven aufzeigt. Und dann die Politik reagiert. Dass wir jetzt froh sind, einen starken Staat zu haben, obwohl wir lange Zeit einen Staat ablehnten, der drastische Anordnungen be­schließt und überwacht.

Utopie: zehn Jahre nach Corona. Wie wird sich die Gesellschaft bis dahin verändert haben?

Wir machen über zehn Jahre Wertewandel­-Forschung mit dem Marktforschungsinstitut Kantar und veröffentlichen den „Werte­Index“, der die Gesellschaft definiert, alle zwei Jahre. Bei der letzten Auswertung vor der Pandemie war das Thema Gesundheit auf Platz 1.

Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, die eine große Sehnsucht nach Solidarität und einem „Wir“ hat, die aber letzten Endes darauf ba­siert, dass jeder in irgendeiner Weise leistungsfähig bleibt und technische Fähigkeiten erwirbt, die heute an­deutungsweise praktiziert werden. Eine Gesellschaft, die nicht wieder zurückkehrt in ein Kollektivsystem, sondern, die sich weiterhin individu­alistisch, also egozentrisch verhalten wird.

Sie denken, dass es nach Corona egozentrisch weitergehen wird?

Das ist jetzt schon so. Wir sagen zwar: „Wir schaffen das!“, aber wir achten darauf, dass wir nicht in direkten Kontakt mit anderen Men­schen kommen. Diesen Widerspruch muss man sich mal anschauen. Und diejenigen, die andere Menschen am besten auf Distanz halten können, sind die Gewinner, Lieferdienste zum Beispiel, unabhängig davon, dass wir natürlich eine große Sehnsucht haben, endlich wieder echte Nähe zu spüren. Aber wir sehen es heute schon, dass wir kaum mehr aushalten, dass Handy dauerhaft aus der Hand zu geben, dass die virtuelle Nähe und die Möglichkeit, sich virtuell zu ver­netzen, für uns attraktiver ist als in der realen Welt. Und das wird nicht ver­schwinden, auch in zehn Jahren nicht.

 

Virtueller Raum

 

Was sind die Werte der Zukunft?

Was wir messen, sind individuelle Wer­te, was uns als Einzelperson wichtig ist. Das sind drei Sachen: Gesundheit, Fami­lie und Erfolg. Familie ist spannend, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der die klassische Familie sich immer weiter auflöst. Das zweite ist das Thema Erfolg – nicht der klassische berufliche Erfolg, sondern der individuelle Erfolg, der auch sehr unterschiedlich ist, je nach­ dem, wie man sich in der Welt orientiert.

Das, was ich auf jeden Fall ausschließen würde, ist, dass wir zu historischen Ver­haltensweisen zurückkehren – ganz im Gegenteil – wir werden die virtuelle Realität verstärkt nutzen, um unsere sozialen Bedürfnisse zu organisieren. Man kann das heute schon sehen. In Deutschland sind es knapp unter 50 Prozent junger Menschen, die ihre Freunde lieber in der virtuellen Welt treffen als in der realen – und das war vor der Pandemie schon so.

Woran liegt das?

Weil Menschen ihre eigene Freiheit für andere nicht belasten, aber trotz­ dem das Gefühl haben wollen, über virtuelle Medien dazuzugehören. Über­legen Sie mal, wenn sie früher durch die Straßen gegangen sind, wie viele Leute telefoniert haben. Diese Idee jeder Zeit erreichbar zu sein, und ein Gerät im Ohr zu haben, gehört dazu.

Wir sind natürlich soziale Wesen, aber wir nutzen nicht den räumlichen Kontakt, sondern den virtuellen und das ist etwas, was auf jeden Fall durch diese Pandemie belohnt wird, sich unheimlich beschleunigt und anschließend nicht wieder verschwinden wird.

 

Generation C

 

Wer wird von der Krise profitieren?

Es profitieren bestimmte Industrien, erstaunlicherweise auch ganz traditionelle, die zum Beispiel Spiele und Puzzle oder Hanteln herstellen. Betriebe, die in der Organisationsform bestens digital aufgestellt sind.

Welche Wirkung wird der Ausnahmezustand auf Kleinkinder und Neugeborene haben, die in diese Zeit hineingeboren werden und darin aufwachsen?

Das ist ein spannendes Thema. Bis­her sagt man in der Markt­ und Trend­forschung Generation Alpha dazu. Den Vorschlag „Generation C“ also wie Corona zu sagen, gibt es bereits und Corona wird mit Sicherheit eine Wirkung auf diejenigen haben, die jetzt schon einigermaßen Bewusstsein entwickelt haben – die Sieben­- bis Zehn­-jährigen werden diese Erfahrung nicht vergessen und sich sicherlich anders verhalten, als die Generation Z und wahrscheinlich gesellschaftlicher denken. Nicht so egozentrisch wie die Generation Y – ich kann ihnen darauf noch wirklich keine Antwort geben, weil das Phänomen viel zu kurz ist.

Meine Prognose wäre, dass die Jüngsten das Thema Distanz durch virtuelle Medien selbstverständlich überbrücken können, wahrscheinlich mit Technologien, die es auch schon lange gibt.

Ihr Wort oder Phrase des Jahres 2020?

Auf jeden Fall „Bleib gesund“, oder?

trendbuero.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


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Corona in Hamburg: Die Stunde Null

Während die Wirtschaft in die Rezession rutscht, hat der Wunsch nach einer entschleunigten, klimaverträglichen und gerechten Welt samt bedingungslosem Grundeinkommen Hochkonjunktur. Bricht nun eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels an? Ist eine bessere Welt „nach Corona“ denkbar? Über Wunsch und Wirklichkeit einer hinter Mundschutz geführten Debatte

Text: Marco Arellano Gomes

Wer die Altonaer Straße entlangspazierte, stieß in Höhe eines Discount-Marktes auf eine Backsteinwand, auf der ein Satz geschrieben stand, der die gegenwärtige Gefühlslage auf den Punkt bringt „We can’t return to normal“. Direkt darüber befinden sich einige reflektierende Fensterscheiben, die die Umgebung verzerrt widerspiegeln. Bäume krümmen sich darin und fließen, wie in einem Dalí-Gemälde, mit den schemenhaft erkennbaren Gebäuden der gegenüberliegenden Straßenseite zusammen, sodass sie ein skurriles Abbild der Realität wiedergeben. Normal, so vermittelt es diese Wand, ist gar nichts mehr.

 

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Ein Graffiti in der Altonaer Straße bringt die allgemeine Befürchtung zum Ausdruck (Foto: Marco Arellano Gomes)

 

Was ist das nur für eine Zeit, in der ein Virus das gesamte Leben zum Stillstand bringt? Ist es eine Phase, die rückblickend wieder vergessen sein wird? Oder ein epochales Ereignis, aus dem es kein Zurück gibt? „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“, sagte der Philosoph Jürgen Habermas der Frankfurter Rundschau und empfahl, sich „mit unvorsichtigen Prognosen“ zurückzuhalten – was selbstverständlich nicht geschieht.

Henry Kissinger, Grandseigneur der Weltpolitik, meldet sich mit stolzen 96 Jahren im Wall Street Journal mahnend zu Wort: „Wenn die Covid-19-Pandemie vorüber ist“, so der ehemalige US-Außenminister, „werden die Institutionen vieler Länder in der Wahrnehmung der Menschen versagt haben. Es ist irrelevant, ob dieses Urteil objektiv gerechtfertigt ist. Die Wahrheit ist: Die Welt wird nach dem Coronavirus nicht mehr dieselbe sein.“ Selbst Jogi Löw, der ewige Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, fühlte sich berufen, die Corona-Krise zu kommentieren: „Die Erde scheint sich ein bisschen zu stemmen gegen die Menschen und ihr Tun.“

 

Alles scheint möglich

 

Mit einer Rückkehr zur Normalität rechnet inzwischen kaum noch jemand. Aber wenn es kein Zurück mehr gibt, was folgt dann? Ein sinkender Lebensstandard? Die Verarmung breiter Bevölkerungsteile? Ein weltweiter ökonomischer Niedergang? Verteilungskämpfe? Ein Anstieg der Kriminalität? Ein Erstarken autoritärer und nationalistischer Kräfte? Revolutionen? Oder vielmehr die Rückkehr des europäischen Gedankens? Eine Renaissance der Humanität? Die Zähmung des Kapitalismus? Eine Wiederbelebung der Vereinten Nationen? Die Abwahl Donald Trumps? Alles scheint möglich.

Die Ansichten darüber, wie die Post-Corona-Zeit aussehen soll, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einig sind sich alle bloß darin, dass es so etwas in der modernen Geschichte noch nie gegeben hat: Selbstverständliche Freiheiten sind auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt. Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen bestimmen den Alltag. Auch in Hamburg werden sich die Einwohner daran gewöhnen müssen, einen Mindestabstand von einen Meter fünfzig einzuhalten, den Mundschutz als notwendiges Modeaccessoire zu betrachten, gläserne Schutzwände zwischen sich und den Verkäufern zu akzeptieren, Handschuhe zu tragen, bargeldlos zu zahlen und sich in Geduld zu üben. Bürger bleiben zu Hause, arbeiten im Homeoffice, gehen sich aus dem Weg und nutzen kaum noch die öffentlichen Verkehrsmittel. Polizisten kontrollieren die Straßen, Sicherheitskräfte stehen an den Eingängen der Supermärkte. Der Ton ist rauer geworden, die Blicke ängstlicher, die soziale Distanz größer. Das alles ist anstrengend, ungewohnt und unangenehm, muss aber bis auf Weiteres ertragen werden.

„Wir bewegen uns in eine neue Normalität. Die wird länger dauern“, sagte Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz in gewohnt trockener Art. Die Pandemie hat alles, was Metropolen lebenswert und erfolgreich macht, innerhalb kürzester Zeit in ein Horrorszenario verwandelt. Ein Hauch von Diktatur schwirrt durch die Freie und Hansestadt Hamburg, diktiert von einem mikroskopisch kleinen Krankheitserreger mit der Bezeichnung SARS-CoV-2.

 

Der Blick zurück

 

Jede Krise unterteilt die Zeit in ein Davor und ein Danach. Wenn die üblichen Routinen nicht mehr greifen, und der zuvor normale Zustand nicht mehr herzustellen ist, dann schlägt die Stunde der Alternativen, der Möglichkeiten und Utopien. Und je länger die Haare aufgrund der Schließung der Friseurstuben werden, desto revolutionärer klingen die geäußerten Ideen. In solchen Zeiten erhalten noch so quere Ideen Aufmerksamkeit. Trendforscher, Kritiker, Historiker und Virologen melden sich zu Wort und finden Gehör. Quacksalber kommen aus ihren Löchern und nutzen die Angst und Ungewissheit der Menschen für ihre perfiden Pläne.

Gab es eine solche Situation schon mal? Was hat man damals gemacht? Was sollte man in Zukunft tun? In Hamburg wird gern auf den Ausbruch der Cholera 1892 verwiesen. Nach dem Großen Brand von 1842, war es die zweite große Krise der Hansestadt binnen 50 Jahren. Damals waren es die unhygienischen Bedingungen auf zu engem Raum sowie die Entnahme des Trinkwassers aus den ungefilterten Gewässern der Großstadt, die der Durchfallerkrankung leichtes Spiel bereiteten. Robert Koch, der Mikrobiologe, auf dessen Namen das heute im Mittelpunkt der Politikberatung stehende Robert Koch Institut (RKI) zurückgeht, bemängelte damals die Verhältnisse im Gängeviertel, der Steinstraße, aber auch der Spitalerstraße. Er habe „noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen“, fasste Koch erschrocken zusammen. „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“ Das tun einige Politiker dieser Tage leider auch.

 

Menschengemachte Gefahr?

 

Wer den Einwand erhebt, mit diesem Virus hätte man nicht rechnen können, dem sei das Interview von Christian Drosten mit der SZENE HAMBURG vom Dezember 2003 empfohlen. Darin weist der durch den NDR-Podcast „Coronavirus- Update“ zu Berühmtheit gelangte Virologe darauf hin, dass das Thema zwar aus der Öffentlichkeit verschwunden sei, aber eben nicht aus der wissenschaftlichen Welt: „Es gibt momentan zwar keinen bekannten Fall von SARS mehr auf der Erde – aber das heißt kaum etwas. Wie HIV, hat sich der SARS-Erreger irgendwo in der Natur, wahrscheinlich in einem Tier und völlig unabhängig vom Menschen, entwickelt“, sagte er damals. „Nur weil momentan kein Mensch infiziert ist, heißt das nicht, dass es nicht wieder passieren kann. Bisher gibt es weder einen Impfstoff gegen das Virus, noch Medikamente, um SARS zu behandeln.“ Heute, 17 Jahre später, ist SARS wieder da – in neuer Form und tödlicher als zuvor. Medikamente oder gar einen Impfstoff gibt es hingegen immer noch nicht.

Am 19. März 2020 sagte Olaf Scholz in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ mit belegter Stimme, dass die Corona-Krise im Gegensatz zur Finanzkrise von 2008 „nicht menschengemacht“ sei. Das kann man so sehen. Man kann diese Aussage aber auch infrage stellen: Sind es nicht Menschen, die Wälder abholzen und in Gebiete vordringen, in denen Tiere leben, die wohlweislich das SARS-Virus in sich tragen? Sind es nicht Menschen, die solche Tiere in den Großmärkten verkaufen, in Umlauf bringen und somit eine Übertragung begünstigen? Ist es nicht die globale Vernetzung, die das Virus in Rekordzeit um den Globus brachte und verteilte? Waren es nicht Menschen, die jahrelang das Gesundheitssystem privatisiert und kaputtgespart haben, sodass die Kapazitätsgrenzen eklatant unter dem Wert liegen, den es zuvor hatte? Waren es nicht Menschen, die entschieden, dass die Erforschung des SARS-Virus keine weiteren finanziellen Mittel benötigt? Politik kann alternativlos erscheinen, wenn alle Alternativen zuvor systematisch verbaut wurden.

 

Die neue Normalität

 

Gegenwärtig tobt der Kampf gegen das Virus – und dieser wird noch lange im Mittelpunkt stehen. Aber es gibt parallel dazu auch ein Ringen des Alten mit dem Neuen. Nichts verdeutlicht dies mehr als die ungleiche Verteilung der Risiken zwischen jungen und alten Menschen. Aber es betrifft noch viel mehr: Einzelhandel vs. Onlineversand, Restaurants vs. Lieferdienste, Kino vs. Streaming, analog vs. digital, öffentlich vs. privat, sozial vs. egoistisch, ökologisch vs. ökonomisch, global vs. national, demokratisch vs. autokratisch.

Krisen, so heißt es, eröffnen auch Chancen. In unsicheren Zeiten ist der Wunsch nach Information, Orientierung und Hoffnung verständlicherweise groß. Nicht selten verschwimmen dabei die Grenzen zwischen realistischen Vorschlägen und bloßem Wunschdenken. Wer die Debatte über eine mögliche Zeit nach Corona verfolgt, stellt fest, dass die Lösung oft darin gesehen wird, den Kapitalismus infrage zu stellen. Gefordert wird ein wirtschaftliches Handeln, dessen Logik nicht einseitig auf Wachstum basiert. Neu ist dieser Gedanke nicht. Aber wie kann ein solches alternatives Wirtschaftssystem aussehen? Reicht es, das Bestehende schrittweise anzupassen? Oder soll ein gänzlich Anderes das Jetzige ersetzen? Wie realistisch ist das überhaupt?

Was Optimisten derzeit hoffen lässt, ist der Beweis, dass die Demokratie nicht so machtlos ist, wie zynische Beobachter in der Vergangenheit behaupteten. Die Politiker entpuppen sich derzeit eben nicht als folgsame Marionetten der Großkonzerne, als die sie oft karikiert wurden. Wäre dem so, hätten sie die Wirtschaft nicht so rigoros auf Eis gelegt. So handlungsfähig die Nationalstaaten nach innen erscheinen, so unfähig sind sie auf internationaler Ebene. Die einzelnen Staaten sind längst in einem Geflecht eingebunden, aus dem es kein einseitiges Entrinnen und Entscheiden gibt. Wer globale Probleme wie die Corona-Pandemie oder die Erderwärmung in den Griff bekommen will, wird dies nur durch globale Kooperation und Koordination schaffen.

Die Wirklichkeit ist oft komplexer und vielschichtiger, als es Verschwörungstheoretiker und Sozialromantiker wahrhaben und vermitteln wollen. Dennoch scheint in dieser Ausnahmesituation eine alternative Zukunft möglich. Schon die Sorge um die Erderwärmung, die mit den Klimastreiks um Greta Thunberg ins öffentliche Bewusstsein gelangte, hat das moderne Versprechen von Fortschritt und stetigem Wachstum in Zweifel gezogen. Der Boden für einen Wandel ist also bereitet.

 

Zeit für ein Grundeinkommen?

 

Wenn Mensch und Natur in Zukunft verstärkt im Mittelpunkt stehen würden, wäre bereits viel gewonnen. Hierzu wäre es wichtig, neu zu bestimmen, was als öffentliches Gut gelten soll und was nicht. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen kann dazu beitragen, den Menschen in einer Demokratie eben nicht einseitig nach seiner Eignung für den Arbeitsmarkt zu bewerten, sondern als Teil einer demokratischen Gesellschaft. Was den Gedanken eines Grundeinkommens so stark macht, ist, dass es ein demokratisches Grundversprechen einlöst. In einer Demokratie sind nämlich alle Menschen systemrelevant.

In Hamburg könnte ein solches Grundeinkommen bald getestet werden. Die Volksinitiative für bedingungsloses Grundeinkommen hat mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt. Für eine Testphase von drei Jahren sollen 2.000 Hamburger ein Grundeinkommen erhalten, wenn die Hamburger Bürgerschaft sich bis zum 2. September dafür entscheidet. Wenn nicht, strebt die Initiative ein Volksbegehren an. Dass die Idee eines Grundeinkommens kein Hirngespinst ist, zeigt sich daran, dass mehr als 450.000 Menschen sich auf der Plattform change.org ebenfalls für eine entsprechende Petition ausgesprochen haben. Viele namhafte Unternehmer wie Götz Werner (dm) werben seit Jahren dafür. Thomas Straubhaar, Professor der Volkswirtschaft an der Uni Hamburg, ist ebenfalls Befürworter. Auch Papst Franziskus sprach sich zu Ostern in einem Brief an die sozialen Volksbewegungen dafür aus.

 

Freiheit ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar

 

Die bundesrepublikanische Demokratie ist 70 Jahre alt – und gehört somit zur Risikogruppe. Je länger Corona (lateinisch: Krone) herrscht, desto gefährdeter ist die Demokratie. Oder liegt darin etwa auch eine Chance?

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, verwies im Hamburger Abendblatt in einem Gastbeitrag auf Platons Fesselgleichnis. Darin werden Sokrates, der sich in Gefangenschaft befindet, die Fesseln entfernt, woraufhin dieser sinngemäß sagt, dass nur der, der die Fesseln kennt, ihre Abwesenheit wertschätzen kann. Freiheit, so die Erkenntnis, ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar.

Das Überraschende dieser Tage ist ja, dass es nicht primär die Elektronikgeräte, Automobile und Urlaubsreisen sind, die fehlen. Vielmehr sind es die Besuche bei den Eltern und Großeltern, die spontanen Treffen mit Freunden, das zwanglose Kennenlernen von Fremden, die gemeinsamen Erlebnisse in den Kinos, Theatern, Konzerthallen, Nachtklubs und Fußballstadien, die grenzenlosen Genüsse in den Restaurants, Bars und Cafés, und ja: auch das gemeinsame Schlendern und Shoppen in den Einkaufspassagen. Was all diesen kulturellen Erlebnissen zugrunde liegt, sie zu etwas Besonderem macht und das Leben in einer Stadt – neben den horrenden Mieten – so unbezahlbar macht, ist die zivilisierende, inspirierende und pulsierende Kraft des menschlichen Miteinanders.

Der Schriftzug „We can’t return to normal“ ist übrigens – nach nur wenigen Tagen – von der Wand an der Altonaer Straße verschwunden. Da rutscht einem doch glatt der Mundschutz über die Kinnlade: Erstaunlich, wie schnell ein Graffiti entfernt werden kann. Die Zeiten sind wohl wirklich nicht normal.


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Peter Tschentscher: „Die ersten zehn Sekunden sind vorbei“

Kurz nach der Bestätigung als Hamburgs Erster Bürgermeister muss Peter Tschentscher die Stadt durch eine Zeit schiffen, in der viele unterschiedliche – psychologische und existenzielle – Bedürfnisse gehört werden wollen. Ein Gespräch über die zwei Seiten der Krise und seine Hoffnung, wie die Stadt nach der Pandemie aussieht

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Peter Tschentscher, bezogen auf die wirtschaftliche Lage Hamburgs haben Sie die Corona-Krise kürzlich mit einem Luftanhalten verglichen: Die ersten zehn Sekunden würden noch recht leichtfallen, die nächsten zwanzig wären schon schwieriger. Welche Sekunde zählen Sie denn aktuell?

Peter Tschentscher: Die ersten zehn Sekunden sind vorbei. Es wird jetzt immer schwieriger, das alles durchzuhalten, auch im Hinblick auf die wirt­schaftlichen Folgen. Ein Unternehmen kann vielleicht einige Wochen ohne Umsatz überstehen. Aber je länger die Krise andauert, desto stärker steigt das Risiko, dass es zu Insolvenzen kommt und Arbeitsplätze verloren gehen.

Das Hilfspaket von Bund und Ländern soll dabei unterstützen, die­se Zeit zu überbrücken. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen mit hohen Lohnkosten sofort entlastet, und zinslose Steuerstundungen. Über die Hamburger Corona-Soforthilfe können Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse bis zu 30.000 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir wollen vermeiden, dass es in der Wirtschaft zu strukturellen Schäden kommt.

Eine Angst der Hamburger ist, ob wir ausreichend medizinisch versorgt werden können. Aktuell (Stand 20.4.) werden 220 Hamburger mit COVID-19 stationär behandelt, davon 75 intensivmedizinisch. Inwieweit sind die Hamburger Krankenhäuser ausgelastet?

Derzeit gibt es ausreichend Behandlungskapazitäten. Die genannten Zahlen beziehen sich auf ganz Hamburg. Wir haben 1,8 Millionen Einwohner, rund 12.500 Krankenhaus­ betten und über 700 Intensivplätze. Das Coronavirus führt bei den meisten Infizierten zu keiner oder nur zu einer leichten Erkrankung.

Aber es gibt eben auch Personen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung höher ist, vor allem ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen, die wir treffen, sollen die Ausbreitung des Virus so ver­langsamen, dass nicht zu viele Men­schen gleichzeitig schwer erkranken und unser Gesundheitssystem mit ihrer Behandlung dann überfordert ist. Deswegen erhöhen wir die Zahl der Intensivbetten unserer Krankenhäuser. Wir wollen eine Lage wie in Italien verhindern, wo selbst schwerkranke Patienten nicht mehr behandelt wer­ den konnten.

Konkret heißt das, es gibt in Hamburg noch ausreichend Krankenhausbetten?

Ja. Die Krankenhäuser verschieben derzeit planbare Eingriffe, wenn es aus ärztlicher Sicht möglich ist. Also solche Eingriffe und Behandlungen, die nicht dringlich sind und auch in den nächsten Monaten nicht zu einem Notfall werden. Damit schonen wir das Gesundheitssystem, Personal und Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken, die wir bei einem stärkeren Anstieg von COVID-­19­-Patienten noch benötigen.

 

„Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen“

Peter Tschentscher

 

Existenzsorgen bleiben, und sind bei einigen bereits auf die emotionale Ebene gerutscht. Es gibt Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aber natürlich auch viel Mitgefühl. Welche Gefühle herrschen denn bei Ihnen aktuell vor?

Ich bin konzentriert. Es gibt mehr zu tun und zu entscheiden als sonst. Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen. Wir haben zum Beispiel viele Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel, die jetzt sehr viel mehr arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die gerne arbeiten würden und es nicht dürfen, zum Beispiel Restaurant-­ und Clubinhaber. Einige sitzen zu Hause und wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Jede Lage ist schwierig und hat seine psycholo­gischen Besonderheiten. Ich verstehe, dass einige ungeduldig sind und fra­gen, ob diese harten Einschränkungen wirklich nötig sind. Wir müssen aber vorsichtig bleiben und dürfen die Ein­schränkungen nur sehr vorsichtig lo­ckern, um den Erfolg unserer Strategie nicht zu riskieren. Letztlich kommen wir am besten durch diese schweren Wochen und Monate, indem wir auf guten Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis setzen.

Was genau bedeutet denn „durchkommen“? Wie sieht die Stadt danach aus?

Ich hoffe, dass wir in der gleichen Art und Weise in Hamburg weiterleben können wie vorher. Die Krise überstehen bedeutet, dass wir die sozialen und wirtschaftlichen Folgen begrenzen und strukturelle Schäden verhindern. Wir versuchen, diese Phase kurz zu halten und die Maßnahmen so zu gestalten, dass man sie durchhalten kann. Deswe­gen haben wir keine absolute Ausgangssperre wie in anderen Ländern. Alle sollen die Möglichkeit haben, sich an der frischen Luft zu bewegen – mit dem nötigen Abstand zu anderen. Wir bie­ten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfen über telefonische Hotlines und psychologische Beratung.

Um Verständnis zu erwirken, ist es unerlässlich, die Menschen zu informieren. Es gab in den letzten Wochen aber auch vereinzelt Schelte für eine gewisse Form der Berichterstattung. Wie empfinden Sie diese von den Hamburger Medien?

Ich sehe nicht, was an der Hamburger Berichterstattung zu kritisieren ist. Es wird angemessen über die Ereignisse und Entscheidungen berichtet, die uns in Hamburg und ganz Deutschland betreffen. Information und Transparenz sind wichtig, damit die Einschränkungen akzeptiert und eingehalten werden. Wir können die Ausbreitung des Virus nur in den Griff bekommen, wenn sich alle an die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum halten.

Dort, wo Maßnahmen nicht sinnvoll sind, ist Kritik auch berechtigt – wenn zum Beispiel Fußgänger oder Radfahrer von Polizeikontrollen an den Landes­grenzen zurückgeschickt werden. Das sind Maßnahmen, die nicht abgespro­chen waren und die jetzt auch nicht fortgeführt werden.

 

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Für zukünftige Notfälle dieser Art werde man sich „in bestimmten Punkten besser vorbereiten“ (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Wie ist denn gerade die Stimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein?

Ich habe mit Ministerpräsident Da­niel Günther vereinbart, dass Schles­wig-­Holstein auf unnötige und unverhältnismäßige Maßnahmen dieser Art verzichtet. Wir sind uns einig, dass es für Beschränkungen unserer Freiheit immer wichtige Gründe geben muss.

Überregionale touristische Reisen sol­len nicht stattfinden, weil es dadurch zu neuen Infektionsketten und einer ver­ stärkten Ausbreitung des Virus kommen kann. Naherholung, Spaziergänge oder Radtouren in der Nähe des Wohnortes sind aber weiterhin gestattet. Mein Wunsch ist, dass nach dieser Krise keine Verstimmungen zwischen den Bun­desländern zurückbleiben und wir unser partnerschaftliches Miteinander in der Metropolregion fortführen.

Was gerade guttut, ist die große Hilfsbereitschaft, die überall in der Stadt zu spüren ist, von „Danke“-Plakaten auf Balkonen über Briefe von Kindern an Seniorenresidenzen bis zu Gastro-Unternehmen, die Obdachlose mit Essen versorgen. Wann hätten Sie zuletzt gerne einen oder mehrere Hamburger in den Arm genommen, um selbst einmal danke zu sagen, durften es aber natürlich nicht?

Ich erlebe an vielen Stellen großen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Neulich war ich in einem Hamburger Gesundheitsamt, um zu sehen, wie dort in der Corona­-Krise gearbeitet wird. Da wa­ren Beschäftigte, die eigentlich jetzt in Rente gegangen wären, das aber ver­schoben haben, um ihre Erfahrung und Arbeitskraft noch einzubringen. Viele Mitarbeiter haben sich aus anderen Dienststellen in das Gesundheitsamt versetzen lassen, weil dort jetzt viel zu tun ist.

Zugleich haben sich Medizin­studenten gemeldet, die mit ihren fort­geschrittenen medizinischen Kenntnis­sen gut unterstützen können. Das sind alles Leute, die nicht nur sagen, man müsste helfen, sondern die dann auch wirklich dabei sind. Das zeigt den großen Zusammenhalt in der Stadt.

Führt dieser Effekt dazu, dass die Stadt nach der Krise stärker sein wird als vorher?

Ich denke schon. Krisen sind auch immer eine Chance, man kann aus ihnen lernen. Wir werden uns in bestimmten Punkten auf jeden Fall besser vorbereiten auf Epidemien und Notfälle dieser Art. Wenn sich Menschen in einer Krise gegenseitig helfen, stärkt das den Zusammenhalt. Bürgerliches Engagement und Solidarität gab es in Hamburg schon immer, sie werden aber durch die Krise noch einmal gestärkt. Jetzt geht es erst mal darum, die Krise zu überstehen. Danach werden wir zu­ rückschauen auf das, was gut lief und was wir noch verbessern müssen.

 

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„Es gibt mehr zu tun und mehr zu entscheiden als sonst“: Tschentscher im Rathaus (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Und wie könnte man in Zukunft stärker mit einer Krise wie dieser umgehen?

Wir hatten Pandemie­- und Notfallpläne, aber die wurden ohne praktische Erfahrung gemacht. Man konnte nicht alles vorhersehen, was uns jetzt Pro­bleme macht, denn eine so umfassende Krise gab es bisher noch nicht. Selbst die Sturmflut 1962 ist nicht vergleichbar. Das war ein räumlich und zeitlich sehr begrenztes Ereignis. Im Vergleich dazu haben wir heute mehrere Krisen gleich­zeitig: in der Wirtschaft, in der Kultur, im Bildungssystem.

Das gesamte öffentliche und private Leben ist betroffen. Dazu kommt, dass es sich um eine in­ternationale Krise handelt. Der Bedarf an Medizinprodukten und Schutzklei­dung ist weltweit sprunghaft angestiegen und die gewohnten Lieferketten sind unterbrochen. Das ist derzeit eines unserer größten praktischen Probleme. In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass wir kritische Produkte auf Vorrat haben und eine Produktion im eigenen Land möglich ist.

Was fehlt denn akut am meisten?

Derzeit sind es vor allem medizini­sche Schutzmasken, die in den Kran­kenhäusern und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, größere Bestände zu beschaffen, bei Herstellern in Deutschland sowie international. Auch der Bund hat zugesagt, die Länder dabei zu unterstützen.

Wenn es denn soweit ist, dass diese Krise als überstanden gilt: Worauf freuen Sie sich für diese Zeit am meisten?

Darauf, dass wir uns wieder frei be­wegen und begegnen können. Die Le­bensqualität in Hamburg besteht gerade in der Vielfalt der Begegnungen, in den Restaurants, Cafés und Clubs, in Thea­tern und Kinos, auf den vielen Veranstaltungen, die bei uns normalerweise jeden Tag stattfinden.


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True Stories: Fotografie der Wirklichkeit

In „True Stories“ untersucht die aktuelle Meisterklasse der Ostkreuzschule für Fotografie die Wirklichkeit

Text: Sabine Danek

 

Um ihre subjektive Wahr­nehmung der Vergangen­heit, dem Jetzt oder der Zu­kunft festzuhalten, zog es die 12 Meisterschüler der Klasse von Fotolegende Ute Mahler und Deichtorhallen­-Kurator Ingo Taubhorn an die unterschiedlichsten Orte. Und egal wie nah oder fern sie sind, ob sie auf dem Land liegen oder das eigene Ich sind, eine Zukunftsvision oder ein Blick zurück, nehmen sie einen mit auf herrlich unbekanntes Terrain.

Nele Gülck erkundete ein albanisches Dorf im Morava­ Gebirge und dessen „guten Berg“, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden, von Katholiken ebenso wie von orthodoxen Christen, von Muslimen, Bektashi Sufis und auch alten Sozialisten, die sonst wahrscheinlich nicht an allzu viel glauben. Gehen die Bewohner mal auf die Reise, vergessen sie nie, eine Handvoll Erde des Berges einzustecken. Nina Hansch näherte sich in „800 Meter tief “ dem Leben in Groß Vahlberg an, das nur zwei Kilometer von dem Atommülllager Asse II entfernt liegt. Ralf Bittner hielt in „Zwischenland“ die kaum wahrnehmbaren, kleinen Veränderung in einem 65.000 ­Ein­wohner ­Städtchen fest. Heide Krautwald hingegen erforschte ihre sozialen Rollen als Frau, Geliebte, Mutter und Natalya Reznik machte sich in die Zukunft auf. In „Die Alte Welt“ des Jahres 2050, in der DJs, Stewardessen oder Models stolz angegraute ältere Damen sind.

Ab dem 3. April wollten die Meisterschüler ihre „True Stories“ im Frappant zeigen. Updates auf der Website www.tru­estories­oks.de, genauso wie auf Instagram (truestories_oks), wo die Fotoserien gut dokumentiert sind.

truestories-oks.de


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