Die Donatella Taverne in der Schmuckstraße St. Pauli ist als Transsexuellenstrich bekannt. Foto: Sophia Herzog

Momentaufnahme – der Transsexuellenstrich in der Schmuckstraße

Die Schmuckstraße auf St. Pauli ist Hamburgs Zentrum für transsexuelle Prostituierte. Außenstehende wissen meist nur wenig vom Treiben in der Szene. Beobachtungen eines Vorbeischlendernden.

SZ0918_116

Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Sie ruft mir vom Fenster aus etwas auf Spanisch zu. Vermutlich etwas Schnippisches oder Anrüchiges, ihr Ton ist jedenfalls selbstbewusst, aggressiv, herausfordernd. Dabei rudert sie so heftig mit den Armen, als versuchte sie, mich durch die Kraft der Telekinese nach oben zu ziehen. Wüsste ich es nicht besser, könnte ich sie, die ja eigentlich ein „Er“ ist, tatsächlich einfach nur für eine „Sie“ halten – mit den langen, blond gefärbten Haaren, dem weichem Gesicht, dem bauchfreien Top und der übertriebenen Schminke im Gesicht. Ich lächle verlegen und winke ab, ehe ich weitergehe. „Aaaaaaah“, seufzt sie wütend und enttäuscht von meiner Tatenlosigkeit, schmeißt noch ein spanisches Schimpfwort hinterher und drückt mit ihrer rechten Hand ihre Hüfte nach vorne, während sie mit der linken weiter wie eine exzentrische Hollywood-Diva aus den 50er-Jahren raucht.

Wer öfter an der „Taverne Bar Donatella“ in der Schmuckstraße vorbeigeht, kennt solche Szenen zur Genüge. Sie gilt als das Zentrum für die Prostitution durch Transsexuelle in Nordeuropa, die meisten der Prostituierten stammen aus Südamerika, einige sollen einen illegalen Aufenthaltsstatus haben. Noch immer gilt die Szene in der Schmuckstraße als isolierte Community, in die Außenstehende keinen tiefer gehenden Einblick haben. Die Taverne Bar und die Wohnungen darüber – eine Wohngemeinschaft, in der ausschließlich transsexuelle Prostituierte wohnen – sind der erste Anlaufpunkt in Hamburg für jene, die Sex mit Transsexuellen suchen. Die Schmuckstraße zweigt wie eine geheime Seitengasse von der Großen Freiheit auf Höhe der St. Joseph Kirche ab. Während der Name klingt, als gehöre sie zu einem Schickimicki-Stadtteil, entpuppen sich Teile der Umgebung allerdings als ziemlich schmucklos.

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Der Gehweg ist schmuddelig, von der ohnehin schon brüchigen Gründerzeit-Fassade der Taverne bröckelt der Putz ab und direkt gegenüber lärmt die Simon-von-Utrecht-Straße. Dazwischen liegt nur die kleine Hundewiese, auf der drei potenzielle Kunden umgeben von leeren Schnapsflaschen, benutzten Kondomen und jeder Menge Hundekot herumlungern und die Prostituierte, die sich an ihrem Fenster zur Schau stellt, begutachten.

Die Männer, die hier so vereinzelt und mit einigen Metern Abstand voneinander stehen und erwartungsvoll Richtung Fenster blicken, sind keine Transsexuellen. Der Anblick verblüfft mich und widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten. Einer von ihnen trägt einen gut sitzenden Anzug mit Krawatte und hat sorgfältig gescheiteltes Haar, wie ein Banker. Der zweite sieht aus wie ein braver Referendar mit seinem Babyface, der braunen Cordhose, dem gestreiften Polohemd und der Brille. Und der dritte könnte ein ganz normaler Familienvater mittleren Alters sein.

“Der Anblick widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten.”

Allerdings scheint keiner von ihnen hineingehen zu wollen. Vielleicht warten sie darauf, dass sich auch die anderen Transsexuellen an ihre Fenster stellen. Doch das Geschäft scheint zur Mittagszeit zu dösen. Abends, wenn die Dämmerung eintritt, ist das anders. Ganz anders: An jedem Fenster über der Taverne steht dann eine Prostituierte und posiert, jedes Zimmer leuchtet farbig. Manchmal hebt eine von ihnen in Captain-Morgan-Pose ihren Fuß auf das Fensterbrett und präsentiert einen ihrer lachsfarbenen High Heels. Andere präsentieren stolz ihre für Transsexuelle typisch langen Beine und die mit Silikon aufgepumpten Hinterteile, die aussehen, als hätten sie zwei Kissen in ihre Hotpants gestopft. Und natürlich heben sie ihre riesigen Silikonbrüste für die Männer auf der Hundewiese hervor, die sich mittlerweile in Scharen aufgestellt haben.

Darunter wieder biedere Bürger und Anzugkerle, aber nun auch stämmige Rockerkerle in Lederjacken und sichtbar kaputte Gestalten in zerrissenen Jeanswesten. Und es kommt auch mal vor, dass ein roter Ferrari vor der Tür steht. Aber nicht jeder Freier muss die Prostituierten zuerst begutachten. Manchmal erkennt man Stammkunden schon aus 50 Metern Entfernung, wenn sie mit strammem und bestimmtem Gang, die Hände an den Rucksackschnallen, schnurstracks auf die Taverne zugehen.

Zur Mittagszeit sieht man aber auch die Anwohner, die nichts mit der Transsexuellen-Szene zu tun haben. Was durch die Fokussierung auf die Taverne leicht vergessen wird: Die Schmuckstraße liegt ansonsten in einem ganz normalen Kiez. Wenige Meter weiter grenzt die Talstraße an, mit einem Budni, einem Getränkemarkt und diversen Handyshops. Und direkt neben der Taverne steht ein Neubau mit Wohnungen, in denen auch Familien leben.

“Die blond gefärbte Transsexuelle raucht wie eine exzentrische Hollywood-Diva.”

Als ich am Nachmittag auf dem Rückweg wieder an der Taverne vorbeigehe, stehen keine Freier mehr auf der Hundewiese. Die blond gefärbte Transsexuelle aber steht noch immer oben am Fenster, noch immer raucht sie wie eine exzentrische Hollywood-Diva. Wieder ein Zuruf, wieder auf Spanisch, wieder mit diesem herausfordernden Grinsen. Ich winke wieder ab und presse ein „Gracias“ heraus, das mehr Deutsch als Spanisch klingt. Darüber muss auch sie herzlich lachen, sie wirft mir einen Kussmund zu und winkt zum Abschied.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Sophia Herzog


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?


Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.