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„Eine erhebliche Belastung“

Die Corona-Pandemie hat den Hamburger Schulalltag auf den Kopf gestellt. Ein Schulleiter, eine Lehrerin, ein Mitglied einer Elternkammer und eine Schülerin erzählen, wie sie die vergangenen fast zwei Jahre erlebt haben

Interviews: Rosa Krohn

 

Oliver Lerch

Schulleiter Gyula Trebitsch Schule, Tonndorf

Oliver Lerch_Credit Nathalie Beliaeff-klein

Oliver Lerch: „Bestehende Konzepte mussten weiterentwickelt werden“ (Foto: Nathalie Beilaeff)

SZENE HAMBURG: Herr Lerch, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Oliver Lerch: Die größte Herausforderung bestand sicherlich darin, die Kommunikation mit allen Beteiligten aufrechtzuerhalten. Es war uns wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, alle notwendigen Informationen transportieren und Schule in dieser herausfordernden Zeit möglich machen. Hierzu mussten bestehende Unterrichtskonzepte weiterentwickelt und neue Bausteine angelegt werden. Hinzu kommt, dass wir gerade in der Anfangsphase schnell auf tagesaktuelle Anlässe reagieren mussten, zumal die Halbwertzeit von Informationen gerade in den ersten Monaten der Pandemie gering war. Später ging es dann darum, die Schule so sicher wie nötig zu machen und gleichzeitig so wenig Einschränkungen wie möglich zu schaffen: Wegekonzepte, Desinfektion, Masken und so weiter.

Wie gut waren Sie vorbereitet ?

Wir sind ein sehr engagiertes Kollegium und unsere Schülerinnen und Schüler liegen uns am Herzen. In den Phasen des Lockdowns, aber auch während der verschiedenen Wechsel-Modelle haben wir stark davon profitiert, dass wir bereits eine digitale Kommunikationsplattform etabliert hatten. Wir konnten unsere Schülerinnen und Schüler darüber via E-Mail erreichen, mit einem Aufgabentool Material und Arbeitsaufträge bereitstellen oder in Videokonferenzen Unterricht gestalten. Wir haben unsere technische Ausstattung schnell verbessert und konnten Laptops beziehungsweise Tablets in die Ausleihe geben, haben aber auch eine Präsenzbeschulung angeboten.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Das Kollegium hat sich auf dem Feld der Digitalisierung weitergebildet: Kompetenzen wurden gefestigt, neue Tools wurden entdeckt, Micro-Fortbildungen haben Kolleginnen und Kollegen vom Einsatz bestimmter Programme überzeugt und der Einsatz digitaler Medien ist noch selbstverständlicher geworden. Zudem haben sich alle Beteiligten noch mehr darüber gefreut, wenn sie vor Ort sein konnten und Schule als Begegnungsstätte wahrgenommen wurde.

 

Patrizia Rittich

Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin Elisabeth Lange Schule, Harburg

Patricia Rittich Credit Gudrun Garke-klein

Patrizia Rittich: „Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand“ (Foto: Gudrun Garde)

SZENE HAMBURG: Frau Rittich, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Patrizia Rittich: Wir als Kollegium mussten mit ständigen Änderungen umgehen. Zwar wurden diese, so gut es ging, rechtzeitig kommuniziert, dennoch war es eine große Unsicherheit in der Schülerschaft, ob sie zum Beispiel am Montag wieder in die Schule kommen durften oder weiterhin im Fernunterricht bleiben sollten. Im Laufe der Zeit kamen die ganzen Bestimmungen von der Behörde immer frühzeitiger, sodass das Kollegium sich besser auf Änderungen einstellen konnte. Eine der großen Herausforderungen war ein einheitliches Vorgehen im Fernunterricht – die Verständigung auf ein Medium und nicht: „Jeder kocht seinen eigenen Brei!“ Die familiären Voraussetzungen waren so vielfältig und damit auch so unterschiedlich, dass die Schule zunächst auch viele Familien mit Leihgeräten versorgen musste. Immerhin ist dies in unserer Schule sehr gut durch großzügige erste Spenden und dann den Digitalpakt der Behörde gelungen.

Die größte Herausforderung letztlich war, der Bildungsgerechtigkeit gerecht zu werden, was viele aus unserem höchst engagierten Kollegium sehr stark belastet hat. Herausfordernd war ebenfalls, dass manche Familien nicht die Betreuung der Kinder zu Hause leisten konnten, sodass viele Schülerinnen und Schüler in der Schule beschult werden mussten. Für das Kollegium war dies natürlich eine zusätzliche Herausforderung, denn der Fernunterricht sollte dennoch nach einem reduzierten Stundenplan stattfinden. Herausfordernd war für das Kollegium aber auch, eine familiäre Situation mit einem parallelen Homeschooling der Klassen durchzuführen und nicht zu vergessen: große finanzielle Sorgen derer, die sich nicht im Beamtenstatus befanden!

Wie gut waren Sie vorbereitet?

Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand. Wir gingen mit dem Wissen um einzelne Corona-Fälle in die Märzferien und in der zweiten Woche überschlugen sich die Ereignisse. Selbst die Schulleitung wusste erst am letzten Freitag der Märzferien, dass die Schulen vorerst geschlossen bleiben und hat am Wochenende alles vorbereitet, sodass das Kollegium gut informiert in die erste Phase der Schulschließung gehen konnte. An Vorbereitung war nicht zu denken. An unserer Schule war die Kommunikation über die Mails mit den Schülerinnen und Schülern gut gesichert, aber die Lehreraccounts brachen noch am letzten Sonntag der Märzferien vollständig zusammen. Durch die konstante Kommunikation mit der Schulleitung war das Kollegium im Boot und stets informiert, aber vorausgesehen hat niemand diese extreme Situation.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Besonders durch die digitale Ausstattung sind wir in der Digitalisierung Meilensteine vorangekommen, die sonst nicht stattgefunden hätten. Vor allem Teamzeiten und Konferenzen haben hervorragend nach anfänglichen Schwierigkeiten geklappt und werden auch heute noch teilweise digital durchgeführt. Die Unterrichtsentwicklung hat durch die Ausstattung mit iPads durch die Schulbehörde einen enormen Schub erhalten. Leider darf man aber auch eine erhebliche Belastung innerhalb des Kollegiums durch Quaran tänemaßnahmen innerhalb der Familien und die Schnelltests und psychische Belastung in der Bewältigung der Pandemie sowie der sozialen Kontaktarmut vieler Schülerinnen und Schüler nicht verschweigen.

 

Ulrich Matthies

Mitglied im Elternrat Stadtteilschule Helmuth Hübener, Barmbek-Nord

Ulrich Matthies Credit Jonny Matthies-klein

Ulrich Matthies: „Jetzt muss umgestellt werden“ (Foto: Jonny Matthies)

SZENE HAMBURG: Herr Matthies, wie schwierig war es für Sie, Ihre Kinder in der Pandemie zu begleiten?

Ulrich Matthies: Unsere Schule, die Stadtteilschule Helmuth Hübener, ist eigentlich gut im Digitalbereich aufgestellt. Allerdings gab es zum Anfang Probleme mit dem WLAN in der Schule. Die Schulleitung hat dieses Problem aber beseitigt. Ich habe drei Kinder. Unsere Wohnung ist für Distanzunterricht eigentlich nicht ausgelegt. Die Wohnung ist zu klein. Es gibt auch keine Arbeitszimmer für drei Kinder. Während des Distanzunterrichts waren wir mit fünf Personen zu Hause. Hierfür war unser privates WLAN zu schwach und wir haben aufgerüstet.

Konnten Ihre Kinder ihr Leistungsniveau halten?

Die Schule hat überwiegend Unterricht nach Stundenplan angeboten. Außerdem hat die Schule Kindern ohne Hardware Leihgeräte zur Verfügung gestellt. Kinder ohne WLAN haben Prepaid-Karten von der Schule für ihre Handys bekommen. Einige Lehrkräfte konnten besser als andere Lehrkräfte mit dem neuen Medium umgehen. Hier gab es durchaus Qualitätsunterschiede. Meine Kinder haben wohl nur überschaubare Lernlücken aufzuweisen. Der Distanzunterricht wurde auch ganz unterschiedlich von meinen Kindern aufgenommen. Einschätzung von „total gut“ bis „eher schlechter“.

Inwieweit konnten die Lehrer Ihren Kindern durch diese Zeit helfen?

Die Schule hat sich relativ schnell auf MS Teams eingestellt. Hier gibt es fertige Strukturen und dieses Programm ist in der Wirtschaft weit verbreitet. Allerdings muss unsere Schule jetzt umrüsten. Die weitere Nutzung von MS Teams wird vom Hamburger Datenschutzbeauftragten untersagt. Bei Nichtumsetzung werden der Schulleitung private Konsequenzen angedroht. Also muss jetzt umgestellt werden.

 

Maya Lucia Freiesleben

Schülerin Gymnasium Altona

Maya Lucia Freiesleben Credit Motionphotos-klein

Maya Lucia Freiesleben: „Ich habe gelernt, selbstständiger zu arbeiten“ (Foto: Motionphotos)

SZENE HAMBURG: Maya Lucia, was habt ihr am meisten vermisst in der Pandemie?

Maya Lucia: Am meisten vermisst in der Pandemie beziehungsweise den längeren Lockdown-Phasen, habe ich den Kontakt zu meinen Freunden und Freundinnen und sonstigem sozialen Umfeld, Rausgehen, meinen alten Alltag, Abwechslung, die Unbefangenheit und Leichtigkeit. Eine der längeren Lockdown-Phasen war ja von Dezember 2020 bis Mai 2021, und gerade da war es sehr schwierig für uns Schüler und Schülerinnen, positiv und motiviert zu bleiben. Erst hieß es, wir blieben nur ein paar Wochen im Lockdown und dann zog sich das Ganze über Monate. Also hat teilweise auch eine Art von Perspektive gefehlt. Die Schüler und Schülerinnen haben sich den alten Alltag und Unterricht zurückgewünscht, da es für viele schwieriger war, von zu Hause allein zu arbeiten und viele schöne Aspekte am Schulalltag, wie die gemeinsamen Pausen, sind natürlich auch weggefallen.

Habt ihr euch mit euren Sorgen und Nöten von den Lehrern und Lehrerinnen immer verstanden gefühlt?

Alle Lehrer und Lehrerinnen hatten einen sehr unterschiedlichen Umgang mit den Sorgen und Nöten der Schüler und Schülerinnen. Dennoch haben die meisten darauf geachtet, sehr offen zu kommunizieren, sodass wir immer mit unseren Problemen auf sie zukommen konnten. Einige Lehrer und Lehrerinnen haben Einzel-Telefonate angeboten, oder kleine „Check-up“-Runden gemacht, wo jeder mal was beitragen sollte und konnte. Andere haben im Unterricht in Breakout-Räumen ein wenig Zeit zum privaten Austausch gelassen, oder sich auch mal Feedback zum Unterricht geben lassen. Ein paar Lehrer und Lehrerinnen haben sehr darauf geachtet, unseren Schulalltag abwechslungsreicher zu gestalten und haben auch mal alternative und kreativere Aufgaben gestellt und sind auf das gegebene Feedback eingegangen. Ich glaube, viel war am Anfang auch noch echt holprig im Online-Unterricht, weil alle noch sehr unsicher waren und niemand wirklich einschätzen konnte, wie lange wir noch zu Hause bleiben müssen. Aber das hat sich auch mit den Wochen eingespielt.

Was habt ihr aus dieser Zeit für die Zukunft gelernt?

Ich habe für mich persönlich gelernt, selbstständiger zu arbeiten, mir meinen Alltag besser zu strukturieren und mir auch mal kleine Pausen einzubauen, in denen ich mal rausgehe und mich mit Freunden und Freundinnen treffe. Gerade jetzt, in der kommenden Abiturphase und auch später für das Studium, ist das sehr hilfreich. Ich habe auch gelernt, meinen Alltag ein bisschen mehr wertzuschätzen und mir dann Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche und generell offener über meine Probleme zu sprechen.

Mehr über das Hamburger Schulleben in der neuen SZENE HAMBURG Schule. Das Magazin ist seit dem 10. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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