Siegmar Kuntze sitzt in einer Bar in Ottensen und genießt seinen Kaffee. „Ich bin halt ein unabhängiger Mensch“, sagt der 64 Jahre alte Präsident des FC Teutonia 05. „Ich habe eine Menge erlebt in meinem Leben. Das Worst-Case-Szenario habe ich mir daher auch gar nicht vorgestellt.“
Das von Kuntze benannte „Worst-Case-Szenario“ hätte wie folgt ausgesehen: Nach dem Rückzug aus der Regionalliga Nord vor dieser Saison wird der Ottenser Stadtteilclub in der Oberliga Hamburg zur Lachnummer. Völlig überforderte Spieler taumeln über den Platz und fangen sich eine zweistellige Klatsche nach der nächsten ein.
Abwegig waren diese düsteren Prophezeiungen nicht. Mit siebenstelligen Etats – noch im Haushaltsplan 2023 kalkulierte der Verein mit Einnahmen und Ausgaben jeweils im Bereich von 2,5 Millionen Euro – und dem Wechsel der Spielstätte von der heimischen Kreuzkirche als Untermieter ins Stadion Hoheluft des SC Victoria hatte der FC Teutonia 05 in den vergangenen Jahren in der viertklassigen Regionalliga Nord gespielt. Das Ziel: der Aufstieg in die 3. Liga und zum dritten Hamburger Proficlub hinter dem HSV und dem FC St. Pauli.
Als Teutonias damalige Sponsoren diesen Traum aufgaben, waren die Folgen bitter: Der Rückzug aus der Regionalliga sorgte für den kompletten Abgang aller Spieler des Teams. Vor der Saison wurden daher Wetten darauf abgeschlossen, ob die historisch schlechte Bilanz des SV Lurup aus der Saison 2015/16 in der höchsten Hamburger Amateurklasse (kein Sieg, ein Remis, 33 Pleiten, 13:252 Tore) von den Teutonen noch unterboten werden würde. Vieler hämischer Artikel in der lokalen Presse hätte sich der Verein in diesem Fall sicher sein können.
Der FC Teutonia 05 in der Oberliga: Erfolg auf ganzer Linie
Doch die Realität sieht völlig anders aus und hat alle Experten Lügen gestraft. Der FC Teutonia 05 hat nach bereits 22 Partien in der Oberliga Hamburg die 30-Punkte überschritten und wird den Klassenerhalt mit gewaltigem Vorsprung schaffen.
Kuntze hat daran einen gehörigen Anteil. Der beruflich als VW-Projektmanager aktive Präsident des Vereins installierte ein Team unter dem neuen Ressortleiter Fußball Marc Hartmann beim FC Teutonia 05, dass vor der Saison das Unmögliche machen sollte: in wenigen Wochen ein neues Trainerteam finden und eine komplett neue Mannschaft aus dem Boden stampfen, die konkurrenzfähig ist, bei der aber kein Spieler mehr als 250 Euro im Monat verdient.
Eine solche Aufgabe lässt sich unter den finanziellen Rahmenbedingungen der Oberliga Hamburg wahlweise als Quadratur des Kreises oder Himmelfahrtskommando beschreiben. Zumal der FC Teutonia 05 mit seiner Vorgeschichte nicht das beste Image besaß. „Ich wusste, dass Marc Hartmann und sein Team durch ihre langjährige Verbundenheit zum FC Teutonia 05 und ihre sportliche Expertise für diese Aufgabe absolut geeignet sind“, sagt der Clubchef. Bei VW trug er lange Personalverantwortung. Er hat Erfahrung darin, die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu setzen.
Selbst erfolgreich aktiv wurde Kuntze auch in der Sponsorengewinnung, um einen Etat von circa 60.000 Euro für die Saison in der Oberliga Hamburg zu stemmen. Dazu gelang es ihm, den circa 1000 Mitgliedern des Vereins wieder eine Vision für ihre Ligamannschaft zu geben. „Wir haben sofort gesagt, wir wollen in der Oberliga Hamburg zu unserm Profil als Ausbildungsverein zurückkehren, bei dem junge Talente, mit denen sich die Leute identifizieren können, ihren Weg gehen“, so Kuntze. Für diesen Weg warb Kuntze in vielen Gesprächen im Verein. Einige Mitglieder hatten ihre Ligamannschaft in den Jahren zuvor nämlich als vom Club entkoppeltes Profiprojekt wahrgenommen.
Gefragt waren zudem Durchhaltevermögen und ein langer Atem. Kuntze und sein Team holten sich ein paar blutige Nasen. Viele Spieler sagten ab, einige Trainer ebenso. „Manchen war unser Angebot zu heikel, weil sie um ihren Ruf fürchteten, wenn wir ständig nur hoch verlieren würden“, so Kuntze.
Zuwachs: Neuer Trainer und neue Spieler für den Verein
Doch der unverdrossene Versuch, den FC Teutonia 05 nicht zur Lachnummer der Oberliga Hamburg werden zu lassen, wurde schließlich sechs Wochen vor Saisonstart mit dem Glück des Tüchtigen belohnt. „Mehdi Saeedi-Madani hat uns angesprochen und Interesse an der Aufgabe als Trainer bei uns gezeigt. Wir merkten sofort beim ersten Treffen: das passt“, erklärt Kuntze.
Der gebürtige Iraner Saeedi-Madani, früherer Jugendcoach beim HSV und beim ETV, wurde daraufhin nicht nur neuer Trainer Teutonias. Er stellte Teutonia auch sein Netzwerk aus früheren Jugendspielern zur Verfügung, die er und das Team von Marc Hartmann nun als junge Talente in die Oberligamannschaft zu Teutonia lotsten. Die sehr junge Truppe mit einem Durchschnittsalter von nur 21,7 Jahren formte Saeedi-Madani dann schnell zu einer verschworenen und mit viel Tempo aufspielenden Truppe, die in der Oberliga Hamburg vor meist dreistelligen Zuschauerzahlen für viele überraschende Siege sorgte und die Fans begeisterte.
„Wir haben ein nahbares Team geschaffen. Ohne erkauften Erfolg und ohne finanzielles Risko für den Gesamtverein. Während der 90 Minuten macht es großen Spaß, unseren Jungs zuzugucken. Danach unterhalten sie sich mit den Fans bei einem Bier oder einer Wurst und im Clubheim ist was los. Das ist echter Amateurfußball – und darauf können wir alle stolz sein beim FC Teutonia 05“, sagt Kuntze.
Für ihn und seine Mitstreiter im Verein ist die Arbeit aber längst nicht beendet. Seit Oktober hat die Kreuzkirche eine schöne, neue Flutlichtanlage, die der Verein zum Großteil aus öffentlichen Fördertöpfen finanziert bekam. In absehbarer Zeit soll der FC Teutonia 05 auch einen neuen Kunstrasenplatz der neueren Generation erhalten. Zudem engagiert sich Kuntze für den Ausbau des Vereinsheims. Ein Architekt im Verein hat die Pläne entworfen, Kuntze wirbt bei den Verantwortungsträgern der Stadt Hamburg dafür.
Selbst das vor seiner Zeit lange angeknackste Verhältnis zum großen Nachbarn Altona 93 hat Kuntze entspannt. „Mit Altonas Vorsitzendem Ragnar Törber bin ich im Austausch und verstehe mich mit ihm sehr gut“, sagt Kuntze. „Auch“, fügt er schmunzelnd hinzu, „wenn ich sein damaliges Zitat nicht so nett fand.“ Törber hatte einst, als Teutonia 05 vor Kuntzes Zeit in Altonas Stadionprojekt am Diebsteich einsteigen wollte, gesagt, Altona 93 „werde mit Teutonia 05 nicht in einem Stadion spielen. Das gilt selbst, wenn die Hölle zufriert.“ Der damalige investorengetriebene Fußball Teutonias war dem linksalternativen Club Altona 93 ein Dorn im Auge. Doch der ist bei Teutonia 05 ja nun Vergangenheit.

