Amateurfußball: „Carsten Kober ist der Kitt unseres Vereins“

Der frühere Profi des HSV ist bodenständig geblieben – und hat viel Erfolg als Präsident in Billstedt
(©Rafael Majewski)

Wenn Oberligist SC Vorwärts-Wacker-Billstedt am 7. Dezember sein letztes Heimspiel dieses Jahres austrägt, dürfen sich die Fans nicht nur auf eines der besten Caterings im Hamburger Amateurfußball freuen. Denn der Weg zu Köfte & Co. vor dem Fußballgenuss führt am Öjendorfer Weg natürlich über die Eintrittskarte. Und dafür ist in Billstedt Carsten Kober (58) zuständig. „Ich bin wohl der einzige Präsident in der Oberliga Hamburg, der gleichzeitig auch die Karten verkauft“, sagt Kober. „Aber die Menschen freuen sich, wenn da ein früherer HSV-Spieler mit fast 300 Partien als Profi an der Kasse sitzt. Und ich freue mich auch. Diese menschliche Nähe ist mir ganz wichtig“, sagt Kober.

Vom Profi zum Präsidenten in Billstedt

(©Rafael Majewski)

Ein Mann des Volkes im besten Sinne war Kober schon während seiner Karriere, die in mehrerer Hinsicht ungewöhnlich startete. Nach seinen Anfängen beim VfL Bad Schwartau und beim VfB Lübeck wechselte Kober 1986 in die A-Jugend des HSV. Schon beim zweiten Heimspiel des HSV-Jugendteams stand HSV-Trainerlegende Ernst Happel am Seitenrand und fragte nach ein paar Blicken auf Kober in seinem unnachahmlichen Wiener Akzent: „Was ist mit Nummer vier? Warum trainiert Nummer vier nicht bei mir?“ Kober erinnert sich, dass sich „ab dem nächsten Tag sofort meine Buszeiten änderten“. Der HSV holte ihn nach der Schule weiter mit dem Transporter ab und brachte ihn zum Ochsenzoll. Nur fuhr er ihn jetzt zum Profitraining.  Nach einem Jahr Training und vielen erfolgreichen Spielen in der Nachwuchsrunde war es dann so weit. Kober wurde Profi. Aber so richtig. Beim Vorbereitungsturnier Hafen-Cup zur Saison 1987/88 traf Kober gegen die SSC Neapel auf Diego Maradona. Im folgenden mit 1:2 verlorenen Supercup-Finale gegen Bayern München versetzte HSV-Torwart Uli Stein Bayerns Jürgen Wegmann nach einem Gegentor einen Faustschlag und musste den Verein verlassen. Am 1. Spieltag siegte der HSV danach 5:2 gegen Schalke und war Spitzenreiter. Nur um am zweiten Spieltag unter anderem durch Fehlgriffe von HSV-Keeper Mladen Pralija mit 0:6 bei den Bayern unterzugehen. „Nach all diesen Ereignissen war ich sofort richtig angekommen im Fußballerleben“, sagt Kober heute schmunzelnd. In diesem etablierte sich der Abwehrspieler durch seine kämpferische Spielweise. Auch Happels Nachfolger Willi Reimann setzte auf ihn und für Kober gründeten die HSV-Fans einen eigenen Fanclub. Sein Spitzname: „Master of Grätsche“. Herabgesetzt fühlt sich Kober dadurch bis heute nicht. „Diese Kultnummer ist irgendwie nicht verkehrt“, sagt er lächelnd. Anders als so manch anderem Ex-Profi ist Kober der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Er strahlt, wenn er von den Europapokalspielen mit dem HSV in Turin und Porto erzählt, bei denen die HSV-Fans noch mit der Mannschaft im Flieger sitzen durften. Oder von dem Trikottausch mit einem Spieler der SSC Neapel. „Mit dem Trikot geht meine Frau heute knapp 40 Jahre später noch an jedem Sonnabend joggen. Das Ding hat wirklich eine sensationelle Qualität.“ Nach seiner Karriere machte Kober über das Arbeitsamt eine Umschulung zum Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. „Ich dachte, nach meiner Karriere als Profifußballer kann ich ja jetzt mal was Vernünftiges machen“, so Kober augenzwinkernd. „Eineinhalb Jahre zuvor stand ich noch vor 70.000 Leuten auf dem Platz. Nun saß ich mit 20 anderen Umschülern beim Arbeitsamt. Aber wir waren ein richtig cooler Klassenverband. Und mich hat das noch mal so richtig geerdet.“ Als geerdeter Typ tritt Kober auch bis heute in Billstedt auf. Zwölf Jahre lang nun schon. Nach Abschluss seiner zweiten Ausbildung als Versicherungskaufmann und dem Aufbau seiner Versicherungsagentur baten 2013 einige seiner Kunden den in Norderstedt wohnhaften Kober, doch die Alten Herren des SC Vorwärts-Wacker Billstedt zu übernehmen. Dort sei der Trainer ausgefallen. Kober schlug ein – und in Billstedt begann eine neue Erfolgsgeschichte. Kober trainierte erst die Alten Herren, später auch für jeweils acht Monate eine neu aufgebaute Mädchenmannschaft sowie die Ligamannschaft. „Es war aber nie meine Illusion, langfristig Trainer zu sein“, sagt Kober.

Der Verein im Aufbruch: Jugend, Anlage und Zukunft

(©Rafael Majewski)

Der Aufbau des Vereins an der Basis war ihm wichtiger. Schon 2016 wurde Kober Nachwuchskoordinator in Billstedt, 2020 Präsident des Vereins. Für Ümit Taytanli, einst Spieler unter Kober bei den Alten Herren und mittlerweile Trainer des Oberligateams, war diese Entscheidung wegweisend. „Carsten Kober hat eine Bomben-Expertise, hat immer für alle Menschen im Verein ein offenes Ohr, ist sich für nichts zu schade und führt auch Gespräche, die andere nicht so gerne führen würden. Er ist der Kitt unseres Vereins“, sagt Taytanli. Erreicht hat Kober mit seinen Mitstreitern in der Tat eine ganze Menge. Das Jugendkonzept greift. Billstedt hat mittlerweile 42 Mannschaften und 1200 Mitglieder. „Wir wollten die Kids von der Straße holen und das ist uns gelungen“, sagt Kober. Zudem wurde die Anlage am Öjendorfer Weg saniert. Statt einem veralteten Grandplatz, einem aufgrund der Maulwürfe kaum mehr bespielbaren Rasenplatz und nur einem Kunstrasenplatz hat der Verein nun drei Kunstrasenplätze. Auffällig: Während andere Vereinsvertreter im Hamburger Amateurfußball oft mindestens hinter vorgehaltener Hand und manchmal auch öffentlich über ihr jeweiliges Bezirksamt schimpfen, hat Kober für das Bezirksamt Mitte viel Lob übrig.

(©Rafael Majewski)

Obwohl es von der Genehmigung der Sanierung der Anlage mit Investitionen durch Stadt und Bund in Höhe von 8,3 Millionen Euro im Jahr 2017 bis zum Abschluss der ersten Bauphase und der Eröffnung der beiden Kunstrasenplätze im Dezember 2024 ganz schön lange gedauert hat. „Unter anderem durch Corona kam es zu Verzögerungen. Aber wir sind immer geduldig geblieben. Uns war immer bewusst, dass auch das Bezirksamt das Ziel hat, für uns hier etwas richtig Großes und Positives umzusetzen. Was Stadt und Bund hier geschaffen haben, ist toll“, sagt Kober. 2027 soll ein Multifunktionsgebäude mit einer kleinen Sporthalle, einer Vereinsgastronomie und Bewegungsräumen die Sanierung abschließen. „Ich werde es weiter so halten, alles was anliegt, beim Bezirksamt gerne wenn möglich persönlich bei einem Kaffee in Ruhe zu besprechen. Mir gefällt unsere Zusammenarbeit“, so Kober. Das gilt auch für Trainer Taytanli, obwohl das Oberligateam aktuell in der Tabelle unter seinen Möglichkeiten nur im Mittelfeld zu finden ist. „Du musst“, sagt Kober, „gerade einem jungen Trainer die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln.“ Sein Lebensmotto sei klar: „Wir alle haben im Leben mal nicht so gute Phasen. Entscheidend ist nur, was man daraus lernt.“

Diese Artikel ist zuerst in der SZENE HAMBURG 02/26 erschienen. 

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