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Lucie: „Ist es ethisch vertretbar, ein Kind in diese Welt zu setzen?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Lucie begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

“Die Menschheit merkt glaube ich gerade, dass sie vulnerabler ist, als sie vielleicht dachte. Es gibt dieses Virus und das ist größer als wir und niemand kann ihm trotzen. Ich bin Ärztin und würde gerade gerne auf den Stationen helfen. Allerdings bin ich in Elternzeit.

Man sagt oft über Wissenschaftler, dass sie vieles rationaler betrachten und in der Regel nicht so emotional an Dinge herangehen. Daher finde ich die Frage berechtigt, ob man in diese Welt, derer Gefahren man sich als Mediziner noch eher bewusst ist, noch ein Kind setzen soll. Ist das ethisch vertretbar? Oder ist es nicht egoistisch bei der Überbevölkerung, der Flüchtlingswellen und all der Probleme auf der Erde? Und sollte man nicht lieber ein Kind adoptieren, um ihm ein schöneres Leben zu schenken?

Aber letzten Endes komme ich immer bei derselben Antwort heraus: Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, sich fortzupflanzen. Meinen Mann habe ich im ersten Semester kennengelernt. Beim Sezieren einer Leiche. Jetzt ist unsere zweite Tochter geboren und es ist das Schönste im Leben. Alles verschiebt sich, wenn ein Mensch in dir wächst. Man wird emotionaler, weicher und hat mehr Verständnis für Dinge, die man vorher nicht erkannt hat.

 

Die kleinen Oasen schaffen

 

Früher war ich härter, hatte meine Meinung, die mitunter sehr kategorisch war. Ich habe quasi Schubladen zugemacht. Mittlerweile sind die Schubladen auf, weil ich gelernt habe, dass der andere manches einfach besser weiß als du. Das lernst du aber nur, wenn du redest. Mir hat reden aus vielen Situationen geholfen. Sieh mal, wie viel ich jetzt schon wieder geredet habe.

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Schwester, meiner Mama und meiner Oma. Meist nur ganz kurz: ‚Was macht ihr? Alles gut? Ja. Ok. Ciao.‘ Und dann weiß ich, dass niemand von uns alleine ist.

Man muss sich eben seine kleinen Oasen schaffen. Ich freu mich über meinen täglichen Spaziergang durch den Stadtpark, den Wind, den Sonnenschein und dass meine Kinder gesund sind. Ich freue mich, nächstes Jahr wieder zu arbeiten, auf gutes Essen und guten Wein. Wenn ich abgestillt habe, dann setze ich mich abends hin, schenke mir ein großes Glas ein und trinke es aus. Und zwar endlich mal wieder komplett.”


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