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Thomas: „Der Knast hat mich verändert“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du bist machtlos. Dir gehen 97 Tausend Dinge durch den Kopf, aber du kannst nichts ändern. Es ist schon in der freien Welt schwer gegen eine Scheidung anzukommen, aber im Knast? Da ist es unmöglich. Das ist jetzt 15 Jahre her und es hat sehr lange wehgetan. Meine beiden Töchter habe ich seitdem nie wieder gesehen. Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.

Aber meine Beharrlichkeit und meine Einstellung zum Leben haben mich da herausgeholt: Lustig sein, herumkaspern, reden, viel reden – du merkst, ich labere wie ein Buch. Diese positive Gangart hat mich das durchstehen lassen. Mit einem ‚Ihr seid alle Schweine und mir geht’s so dreckig‘ erreiche ich doch nichts. Ich ziehe mich nur selbst herunter. Dabei will ich ja nach oben. Also winke ich und rufe: ‚Hallo, hier bin ich. Könnt ihr mich sehen?‘ Das ist das A und O. Damit tue ich mir selbst gut.

Dennoch haben mich die drei Jahre Knast verändert. Ich bin ein Einzelgänger geworden. Sich nicht mehr frei bewegen zu können, das macht was mit dir.

 

„Ich habe seitdem Panikattacken“

 

Auch die Zeit nach dem Gefängnis, war verdammt schwierig. Ich kam damals nicht wirklich alleine klar, bin mittlerweile schwerbehindert, habe zwei Stents und seit der Knastzeit regelmäßige Panikattacken. Also habe ich mir Hilfe geholt – was eher untypisch für mich ist. Meistens gehe ich die Dinge lieber selbst an. Aber es war eine unheimliche Erleichterung, jemanden um Unterstützung zu bitten. Seitdem habe ich eine Betreuerin – ein unglaublicher Glücksfall. Auf die lasse ich nichts kommen, eine ganz tolle Frau. Sie ist der einzige Mensch, dem ich alles, aber auch wirklich alles, auf den Tisch gelegt habe. Ich habe mich komplett nackig gemacht. Und sie hat mir wieder auf die Beine geholfen.

Wirklich vieles, was ich heute habe, ist ihr zu verdanken. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten. Vielleicht hätte ich mich als junger Kerl mal ein bisschen genauer umgucken müssen, dann hätte ich jemanden wie sie kennengelernt.

Aber gut, mir geht es heute wunderbar, ich bin unabhängig. Von der Rente, dem Geld von der Krankenkasse und der Sozialhilfe kannst du zwar nicht leben und nicht sterben, aber es gibt genug, an dem ich mich erfreue. Ich habe mir zum Beispiel einen ewigen Traum erfüllt und endlich einen Beamer gekauft. Niemand kann jetzt gerade ins Kino gehen und ich? Schmeiß das Ding an, Edgar Wallace an die Wand und zack, habe ich mein eigenes Kino.

 

Seit 25 Jahren Insel Radio

 

Außerdem habe ich das Insel Radio, meine große Leidenschaft seit 25 Jahren. Früher haben wir das noch zusammen gemacht. Da hatten wir noch unseren Hüttenkracher, einen Anhänger, den wir selbst gebaut haben. Tutto completto mit Sendestudio. Mit dem sind wir auf Festivals gefahren, haben Live-Musik gespielt, da war immer richtig Party angesagt. Der Kollege ist vor ein paar Jahren verstorben, dann habe ich das Ganze etwas heruntergefahren.

Ich bin keine arme Sau. Ich bin froh, dass ich lebe, dass ich unter Leuten bin, Radio und all so’n Tüddelkram mache. Und wenn meine Töchter irgendwann ankommen und sagen: ‚Du, Papa, wir haben uns das anders überlegt‘, freue ich mich natürlich riesig. Wenn es nicht passiert, ist das auch okay.“


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