Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“ (Foto: Kevin Goonewardena)

Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vakil-Mai begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin ein Kriegskind, Themen wie Menschen, Umwelt und Krieg haben mich immer zutiefst berührt. Meine Welt hatte nie etwas mit Vertrauen zu tun. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei daran mit Schuld. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesem Thema und diesen Fragen anders umzugehen. Besonders an Tagen wie dem 9. November merke ich immer wieder, wie sehr mich die Geschichte berührt. Auch deswegen zieht sich dieser Blick nach links und rechts und das politische Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann einfach nicht weggucken und weghören.

 

Millionen Bilder im Kopf

 

Ich bin blind, wodurch mir die visuelle Welt doch überwiegend verschlossen ist, und die akustische Welt ist oft nicht einfach. Es ist alles sehr laut und gerät durcheinander. Seit gut 20 Jahren habe ich nun eine sogenannte Makuladegeneration. Bei mir löst sich die Netzhaut von innen nach außen. Ich kann nur noch Punkte abscannen, wenn sich etwas nicht bewegt, je nach Lichteinfall oder wenn etwas kontrastreich ist, kann ich ein bisschen mehr wahrnehmen. Aber ich kann nichts identifizieren. Die Millionen Bilder, die ich im Kopf habe, helfen mir, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich nicht sehe. Darüber hinaus versuche ich auch am Ball zu bleiben, so gut es geht, ich bin bis vor Corona beispielsweise in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv gewesen und ich habe viel Kontakt mit Leuten von Fridays for Future, mit Hanseatic Help, teile gerne mein Netzwerk und gebe Erfahrungen weiter.

 

„Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich“

 

Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Damals in den 1960er-Jahren war es noch üblich, einen Beruf zu lernen und den dann bis zur Pensionierung durchzuziehen. Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich. Ich habe mich parallel immer engagiert und zum Beispiel mit anderen das Kinderhaus Heinrichstraße aufgebaut. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt: ‚Warum arbeitest du eigentlich im Büro? Das ist doch gar nicht dein Ding, wieso gehst du nicht in Richtung Kinder und Jugendliche?‘ Das war der Anstoß, überhaupt erstmal in eine andere Richtung zu denken. Ich habe dann als ihre Kollegin völlig ungelernt in den Alsterdorfer Anstalten angefangen. Später habe ich als Heilerziehungspflegerin in der Psychiatrie gearbeitet.

 

Nepal und Nicaragua

 

1985 hat es mich dann weggezogen aus Deutschland. Ich habe meinen Besitz verschenkt und bin nach Nepal, um dort zu arbeiten. In diesem Moment hatte ich immer das Bild einer Schale vor Augen gefüllt mit allem, was meine westliche Kultur ausmacht. Bevor ich mich auf fremde Kulturen einlasse, bin ich in ein Kloster gegangen und habe diese Schale in meinem Kopf geleert. Erst dann war ich in der Lage, die neue Kultur zu verstehen. Nach einem halben Jahr bin ich zurück nach Hamburg und habe mich hier einer Gruppe aus Leuten aus Nicaragua angeschlossen. Weil ich unglaublich viel Lust auf Arbeit hatte, war innerhalb von zwei Monaten klar: Ich gehe nach Nicaragua und habe mich so 1986 einer sogenannten Brigade angeschlossen. Mein politisches Engagement hat mir geholfen, so zu arbeiten, wie ich es mir vorstellte. Das habe ich nicht immer tun können.“


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