(17.4.) Film, „Lady Bird“, Abaton, 20 Uhr

„Von der falschen Seite der Gleise“ stamme sie, so die spitzzüngige Antwort der 17-jährigen Christine McPherson (Saoirse Ronan) aus Sacramento, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt. Damit meint sie sowohl ihr prekäres Elternhaus jenseits der Bahntrasse als auch die eigene Befindlichkeit: zwischen den Stühlen, neben der Spur. Christine sehnt sich weg von „Immaculate Heart“, der katholischen Highschool an der sie ihr Senior Year verbringt. Als Zeichen ihrer Einzigartigkeit hat sie sich den Künstlernamen „Lady Bird“ zugelegt. Eine freigeistige Kunsthochschule, am besten in New York, erscheint ihr die passende Bühne für ihr erträumtes Ego. Doch wir schreiben 2002, 9/11 ist omnipräsent, und die bloße Erwähnung dieser Stadt löst bei ihrer Mutter Marion (Laurie Metcalf) apokalyptische Visionen von Tod und Terror aus.

Die für beide Seiten aufreibende Hassliebe zwischen Mutter und Tochter ist ein zentrales Thema des Films. Schon in der ersten Einstellung fliegen die Fetzen. Um Marions ewigen Ermahnungen zu entgehen, springt Christine bei voller Fahrt aus dem von ihrer Mutter gesteuerten Auto. Einziges Ergebnis dieses ebenso hochsymbolischen wie schmerzhaften Abnabelungsversuchs ist ein Gipsarm. So muss Lady Bird weiter geduldig an zwei Fronten kämpfen: Gegen die Ordensschwestern und gegen die Übermutter mit dem depressiven, mit seiner Vermittlerrolle überforderten Vater als Sidekick.

Bitterernst und saukomisch zugleich

Regiedebütantin Greta Gerwig vermacht ihre einstige Paraderolle der verzettelten, lebenshungrigen, innerlich zerrissenen jungen Frau an eine Vertreterin der nächsten Schauspieler- Generation. Mit Saoirse Ronan findet sie ihre würdige Erbin. Für Fans schimmert Gerwigs unverwechselbare Leinwand-Persönlichkeit trotzdem stets durch ihre junge Hauptdarstellerin hindurch, ähnlich wie bei Woody Allen, wenn er „seine Rolle“ mit jüngeren Kollegen besetzt. „Lady Bird“ ist ein zugleich saukomischer und bitterernster Film über die Zumutungen des Flüggewerdens und zugleich eine wehmütige Hommage an Gerwigs eigenes verlassenes Nest – ihre „abgelegte“ kalifornische Heimatstadt Sacramento.

/ Calle Claus

Abaton
17.4.18, 20 Uhr