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31.10. | Film | I am Greta | SchanzenKino73

Kritik

Doku über den berühmtesten Teenager unser Zeit

„You read a lot on climate?“ fragt der französische Präsident Emmanuel Macron den jungen Gast aus Schweden im Élysée Palast, mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht. Sie antwortet, ohne eine Miene zu verziehen, mit: „A lot. I am a nerd“. Macron grinst, beginnt zu lachen – und es ist nicht ganz klar, ob dies ein freundliches oder zynisches Lachen ist.

Belächelt, bewundert, verspottet: Das ist das Leben der jungen Greta Thunberg. Die gerade beschriebene Szene aus der Dokumentation „I am Greta“ steht systematisch für den Umgang der Politiker mit dieser jungen, engagierten, verbissenen Schülerin. Seit sie sich im Sommer 2018 aufmachte, um jeden Freitag mit einem Pappschild auf dem „Skolstrejk För Klimatet“ („Schulstreik fürs Klima“) steht, vor dem schwedischen Parlament für eine bessere Klimapolitik zu protestieren, ist sie zum Gesicht der „Fridays For Future“-Bewegung geworden.

Greta Thunberg macht seither auf den Straßen, Konferenzen und Parlamenten auf das Klimaproblem aufmerksam und fordert Taten statt Worte – von den Politikern, von den Menschen, von sich selbst. Der Filmtitel „I am Greta“ klingt nicht zufällig wie die Worte „I am greater“ – was mit dem bescheidenen, zurückhaltenden, geradezu schüchternen Auftreten Gretas so stark kontrastiert, dass es nicht wenige umso mehr provoziert.

Ihre wortgewandten, teils emotional, teils nüchtern vorgetragenen Texte bewegen Millionen von Menschen auf dem Globus. Wer die Weltbevölkerung allerdings auffordert, den eigenen Lebensstil radikal zu ändern und dies mit Worten wie „I want you to panic“ und „How dare you?!“ garniert, der darf sich nicht wundern, wenn die Reaktionen nicht aus bloßem Wohlwollen und bedingungsloser Unterstützung bestehen.

 

Seltene Einblicke

 

Obwohl Greta eine massive mediale Begleitung zuteil wurde, gibt die Dokumentation neue, selten gesehene private Einblicke: Die Beziehung zu ihrem Vater, Svante Thunberg, der sie stets begleitet und unterstützt, wird deutlicher, ebenso wie Ihre Launen, die den Umgang mit ihr nicht immer leicht machen.

Bei aller Fokussierung auf Greta, ist die Botschaft, die sie aussendet, nicht zu überhören: Der Klimawandel ist real und hat gravierende Folgen für Mensch, Tier und Natur; die Welt geht zugrunde, wenn die Reduzierung der CO₂-Emissionen ausbleibt. Das sei keine Glaubensfrage, sondern eine wissenschaftliche Tatsache, wie sie immer wieder zu verdeutlichen versucht. Greta erscheint in jenen Momenten wie die einzig Sehende in einer Welt der Blinden, Tauben und Stummen.

Es ist oft bemängelt worden, dass die Fridays for Future-Bewegung einseitig an diesem jungen Teenager mit Asperger-Syndrom festgemacht wird. Das birgt Risiken, schürt unerfüllbare Erwartungen und lenkt vom eigentlichen Problem ab, so die Kritik. Und überhaupt: Muss ein 15-jähriges (mittlerweile 17-jähriges) Mädchen das Schicksal dieser Welt auf den Schultern tragen? Wie lange wird sie diesem Druck standhalten, ohne daran zu zerbrechen?

Immer wieder gibt es in der Dokumentation Szenen, in denen Greta zweifelt: an der Glaubwürdigkeit der Politik, an der Sinnhaftigkeit ihrer Mission, an sich selbst. Es sind starke Szenen: nah am Menschen, nah am Zeitgeschehen, nah an Greta. Genau das macht diese Dokumentation sehenswürdig – und dessen ist sich Regisseur Nathan Grossman auch bewusst. Keine Sekunde denkt er daran, die gemeinsame, einjährige Reise mit Greta zu verlassen und durch Erläuterungen von Wissenschaftlern zu unterbrechen. Die Gefahr ist zu groß, dabei Zuschauer zu verlieren.

Das sagt viel über die Sehgewohnheiten und das auf Personen fixierte Mediensystem aus. In dieser Hinsicht ist auch diese Dokumentation Teil ebenjener Inszenierung, die Greta den Politikern vorwirft. Dennoch: Wohl nie zuvor war das Thema Umwelt und Klimawandel so deutlich auf der Agenda wie in den letzten Jahren. Es gibt nun ein Bewusstsein für die Klima-Krise – und Greta hat einen gewichtigen Anteil daran. Sie ist die Ikone dieser Bewegung, auch wenn sie sich zuweilen sichtlich unwohl damit fühlt. Das Problem selbst wird durch die Dokumentation weder ausführlich dargestellt noch gibt es konkrete Vorschläge zu hören, aber vielleicht hilft der Film dabei, das durch Corona in den Hintergrund geratene Umwelt-Bewusstsein wieder zu wecken und zu schärfen und den einen oder anderen zu motivieren, statt sich unter Heizpilze zu setzen, lieber zu einer wärmenden Decke zu greifen.

Regie & Kamera: Nathan Grossman. Mit: Greta Thunberg, Svante Thunberg, Luisa Neubauer. 98 Min. Ab 16.10.

/ Marco Arellano Gomes

SchanzenKino73
31.10.2020, 17.15 Uhr


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