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25.11. | Literatur | Beinahe Alaska | Arezu Weitholz

Kritik

Wie Kafka schon sagte: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Erleichtert, aus dem Alltag flüchten zu können, tritt die Protagonistin in „Beinahe Alaska“ – kinderlos, ohne Verwandtschaft oder Partner – für ihren Job eine Expeditionskreuzfahrt an, um auf dem Weg von Grönland nach Alaska von der kühlen Weite des Nordens Landschaftsaufnahmen zu tätigen. Obwohl die pragmatische und überaus zynische Erzählerin stets darauf aus ist, andere zu meiden und ihre Ruhe zu finden, wird sie immer wieder von unzufriedenen, nörgelnden Passagieren, „die wie Blattläuse die Land- und Ortschaften kurzweilig befallen“, mit ihren Lebensgeschichten vollgetextet, die sie sich geduldig, oft aber widerwillig anhört. Eingängig beobachtet sie ihre Mitmenschen, analysiert und kategorisiert ihr Verhalten. „Menschen sind wie Eisberge: Von den meisten sieht man nur ein Siebtel.“

Aus den sarkastischen Kommentaren wird aber schnell eine gewisse Hilflosigkeit erkennbar: „Ich fühlte mich wie Alfred Wegeners Urkontinent – als wäre ich zerbrochen und meine Teile drifteten nun langsam, aber unwiderruflich auseinander.“ Immer wieder kommt in ihr, wenngleich nur in kurzen Sequenzen, der schmerzliche Verlust ihrer Mutter hoch, während zeitgleich ihre enorme Abneigung gegen jegliche Art von Gefühlsduselei deutlich wird.

Mit Witz und Esprit erzählt die Autorin und Songtexterin Arezu Weitholz (unter anderem für Die Toten Hosen, Udo Lindenberg und Madsen) die Geschichte einer äußerlich unspektakulären, dafür aber umso aufschlussreicheren Schifffahrt samt interessanter historischer Fakten. Dabei malt sie die Natur mit Worten (das nächtliche Meer wird auch mal mit Johannisbeer-Wackelpudding verglichen) und wirft einen nüchternen Blick auf das absurde Bild zweier Welten – zwischen rauer Natur und verwöhnter Wohlstandsgesellschaft.

Das Buch nimmt eine Wendung, als das Schiff wegen einer vereisten Passage die Route ändern muss. Der Erzählerin wird klar, wie viel von unseren Entscheidungen abhängig ist und dass bewusst unbekannte Pfade eingeschlagen werden sollten, um dem öden, festgefahrenen Leben neue Perspektiven zu eröffnen.

/ Ingrun Gade

Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“, Mare, 192 Seiten, 20 Euro


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