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#stayathome | Literatur | Lebenslinien | Birgit Weyhe

Moh kommt 1986, inmitten des Krieges, in Afghanistan zur Welt. Später dient er den dort stationierten, amerikanischen Truppen als Dolmetscher, flieht in die Türkei, dann nach Deutschland, hofft IT zu studieren und wartet derweil auf seinen Asylbescheid. Waltraut ist 1944 in Breslau geboren, wird in den Wirren des Zweiten Krieges von ihrer Familie getrennt, in ein Kinderheim gesteckt, lebt dort unter kargen Bedingungen, findet ihre Mutter wieder, zieht nach Hamburg und lebt dort ein solides Leben als Sachbearbeiterin. Das sind nur zwei der 31 Lebenslinien, die die preisgekrönte, 1969 in München geborene Autorin und Comiczeichnerin Birgit Weyhe in Buchform gebracht und im März im avant-verlag veröffentlicht hat. Sie alle basieren auf echten Geschehnissen.

Cover-Birgit-WeyheDas Prinzip, unterschiedliche Lebenslinien auf jeweils drei Seiten zu skizzieren, zieht sich durch das gesamte Buch. Hier spielt der Comic-Stil seine Stärke voll aus, da die charakteristische Verknappung auf entscheidende Momente Raum für weitergehende Gedanken lässt. So unterschiedlich die Namen der Protagonisten sind, so unterschiedlich sind auch die fein gezeichneten Geschichten dahinter. Die Comicstrips entstanden ursprünglich für den Berliner „Tagesspiegel“ und wurden dort von 2017 bis 2019 veröffentlicht. Für das Buch wurden sie um zusätzliche Geschichten ergänzt.

Bei aller Vielfalt der Biografien, durchzieht das Buch ein verbindendes Moment. Denn im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass Heimat oft keinen zentralen Ort hat, sondern die Verbindung von mehreren Lebensstationen darstellt. Dass Birgit Weyhe in Uganda und Kenia ihre Kindheit und Jugend verbrachte, ehe sie nach Europa zurückkehrte, mag bei der Idee des Projekts eine Rolle gespielt haben. Weyhes Zeichenstil ist stilsicher, pointiert, einfühlsam und ausdrucksstark, ebenso wie die Botschaft.

/ Marco Arellano Gomes

Birgit Weyhe: „Lebenslinien“, avant-verlag, 120 Seiten, 20 Euro


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