Sommer 1944: Wehrmachtssoldat Walter Proska überlebt als Einziger die Explosion eines Zuges an der bereits bröckelnden deutschen Ostfront. Ein Trupp von sechs Soldaten, der die Eisenbahnstrecke sichern soll, nimmt ihn auf, geführt von einem schikanösen Unteroffizier. Das ist die Ausgangslage in Siegfried Lenz’ 2016 posthum entdeckten Roman „Der Überläufer“, der jetzt in einer Bearbeitung fürs Theater von Axel Schneider von Kai Hufnagel an den Hamburger Kammerspielen inszeniert wurde. Die Landser haben in der sumpfigen Gegend mit polnischen Partisanen und Stechmücken zu kämpfen, finden Abwechslung im nahen See. Proska und Wolfgang „Milchbrötchen“ Kürschner sprechen über ihre Rolle in diesem Krieg: Steht Pflichterfüllung über dem eigenen Gewissen? Sie sind sich sicher: Entscheidungen bleiben auch im Krieg „die Sache des Einzelnen“. Milchbrötchen läuft zu den Partisanen über. Nachdem Proska mit den anderen von den Partisanen festgenommen wird, wird auch er zum Überläufer, versucht deutsche Soldaten an der Front per Lautsprecher zum Überlaufen zu bewegen, trifft die Partisanin Wanda wieder, in die er sich verliebt hat. Bis dahin gelingt es Hufnagel, auf von Metall dominierter Bühne – Fässer, Stangen ein Podest – den Roman mit schnellen Rollenwechseln des sehr guten Ensembles in kurzen Szenen überzeugend zu erzählen. Dann wird’s rasant. Im Schnelldurchlauf erleben wir Proska nun als zunehmend renitenten DDR-Funktionär, der schließlich gemeinsam mit einer Frau in den Westen flieht: minikurze Szene unterbrochen von unzähligen Blackouts, gefühlt per Wimpernschlag. Da ist es wieder: das Problem, einen Roman auf die Bühne zu bringen. Dabei könnte die nur knapp zweistündige Inszenierung angesichts der Aktualität des Themas durchaus etwas mehr Länge vertragen.
Theater
7. April 2026
Theaterkritik: Der Überläufer
Pflicht oder Gewissen?
Von Christian Hanke

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