SZENE HAMBURG: Ully, Zeichnen war schon früh Teil deines Lebens, mit 16 hast du bereits für das legendäre Satiremagazin MAD gearbeitet. Wie hat das angefangen – und wann wusstest du, dass du das beruflich machen willst?
Ully Arndt: Ich habe schon immer gezeichnet. Das war das, was ich am besten konnte. Mein Opa hat mir früh Perspektive beigebracht: ein Kreis, ein versetzter zweiter Kreis, die Kanten verbunden – plötzlich ein dreidimensionaler Reifen! Wow! Mein Erweckungserlebnis hatte ich mit 14 Jahren, mit dem Magazin „Zack“: Real gezeichnete, relativ glaubhafte Menschen in echten Umgebungen. Da wusste ich: Das wird mein Beruf. Ich bin direkt zum Koralle Verlag in Hamburg gegangen und wurde dort von Chefredakteur Gigi Spina trotz meines Alters ernst genommen. Spina hat mich kurz vor seinem Tod noch einmal in meinem Studio besucht – ein sehr bewegender Moment. Mit 16 klingelte ich dann bei MAD, der Verlag saß ja ebenfalls in Hamburg. Die MAD-Jahre waren prägend. MAD war pure Pop-Subkultur: anarchisch, respektlos und wahnsinnig witzig. Und ich mittendrin – als Assistent von Herbert Feuerstein. Viel davon steckt heute noch in meiner Arbeit.
Du bist geborener Hamburger. Wie hat die Stadt deine Kreativität geprägt?
Ich habe in meinem Leben auch viele andere Städte gesehen, Hamburg bleibt aber meine wichtigste Inspiration. Eine Stadt mit vielen Facetten, die sich immer wieder verändert, traditionell und modern zugleich. Hamburg hat zudem eine starke Subkultur und Haltung.
Ottifanten, Playboy und „Der goldene Handschuh“: Große Vielfalt in Arndts Comics
Wenn man sich ansieht, was du bisher so alles gezeichnet hast, muss man dir attestieren, dass das ziemlich vielfältig ist: Die Ottifanten sehen völlig anders aus als deine „Playboy“-Cartoons, „Cool Flame“ ganz anders als „Die Punkies“. Woher kommt diese Vielfalt?
Unterschiedliche Themen brauchen unterschiedliche Formen – so habe ich es im Studium gelernt. Nur in einem Stil zu arbeiten, fände ich ermüdend. Ich experimentiere gern, das ist ein Teil meines künstlerischen Abenteuers. Es gibt viele Funny-Figuren von mir, gleichzeitig hat mich der Realismus immer begleitet. Für den „Playboy“ habe ich bewusst Lifestyle-Cartoons entwickelt. Meine Hörspiel-Serie „Die Punkies“ richtet sich an ein junges Publikum: Coming-of-Age-Geschichten einer Band – natürlich in Hamburg. Es wundert mich, dass das Stadtmarketing das noch nicht entdeckt hat! (grinst)
Wieder in einem ganz anderen Look kommen deine Zeichnungen für „Der goldene Handschuh“ daher. Die Idee, die Story als Graphic Novel umzusetzen, kam, wenn ich richtig informiert bin, von dir. Wie bist du darauf gekommen?
Ich habe lange als Storyboard-Zeichner gearbeitet und dabei realistische Menschen gezeichnet. In gewisser Weise greife ich im „Handschuh“ darauf zurück. Der Strich ist locker, die Figuren bleiben realistisch. Licht und Schatten sind filmisch gedacht. Das passt sehr gut in die Siebzigerjahre, wenn man an damalige Zigarettenwerbeillustrationen denkt oder an italienische Fumetti. Der Stil ist für mich eine Visualisierung dieser Zeit. Diese Agfa-Color-Farben, teils experimentellere Panelaufteilungen. Technik ist für mich nicht nur Handwerk, sondern auch künstlerischer Ausdruck.
Wie hat Heinz reagiert, als du ihm das vorgeschlagen hast?
Als ich Heinz Strunks Roman 2016 gelesen habe, wusste ich sofort: Das muss ich machen! Ich habe in den Milieubeschreibungen vieles wiedererkannt. Mein Vater hatte einen Getränkevertrieb, ich war als Kind oft bei Auslieferungen dabei. So habe ich früh sehr unterschiedliche gesellschaftliche Schichten kennengelernt. Das war teilweise erschreckend, aber ungemein prägend. Deshalb hatte ich sofort Bilder im Kopf, habe erste Seiten gezeichnet und bin damit direkt zu Heinz gegangen. Er war unglaublich offen, zugewandt und motivierend.
Fühlst du dich in deiner Arbeit eigentlich herabgewürdigt, wenn man von einem Comic statt einer Graphic Novel spricht?
Die Einordnung als Carlsen-Comic war tatsächlich mein Wunsch. Auch hier spielen für mich die Siebziger eine Rolle: Damals gab es in Deutschland den Begriff Graphic Novel in seiner heutigen Bedeutung noch nicht. Es waren Comics. Da ich in dieser Struktur arbeite, sie zwar immer wieder aufbreche, aber bewusst nutze, passt der Begriff für mich.
Klassiker-Stoff im neuen Gewand: Was erzählt der Comic anders als Roman und Film?
„Der goldene Handschuh“ beruht ja auf einer wahren Geschichte, wurde dann von Heinz als Roman veröffentlicht und dann von Fatih Akin als Film adaptiert. Wie hast du sichergestellt, dem Ganzen in Comicform nun noch mal einen neuen, anderen Anstrich zu verpassen?
Ich habe den Film bis heute nicht gesehen, um mich nicht beeinflussen zu lassen. Mein Ansatz entstand sehr früh, noch vor der Verfilmung, aus der Lektüre heraus. Mir war wichtig, mein eigenes Bild zu entwickeln und eine eigenständige Interpretation zu finden.
Heinz hat über die Graphic Novel gesagt, sie würde der literarischen Vorlage nicht nur gerecht, sondern füge ihr derart viel hinzu, dass aus ihr ein ganz eigenständiges Werk geworden sei. Was sind die Vorteile eine Comicerzählung im Vergleich zu einem Roman und einem Film?
Ein so wortgewaltiger Roman lässt sich kaum stringent als Comic nacherzählen. Zuerst musste ich mir deshalb darüber klar werden, was ich daraus unbedingt erzählen möchte. Dabei hatte ich ein paar feste Eckpunkte: Ich gehe davon aus, dass Honkas bestialischen Frauenmorde im Kern bekannt sind. Ich wollte weder einen Splatter-Comic machen, noch Sozialvoyeurismus betreiben, sondern eine möglichst glaubhafte Darstellung der Zeit und der Figuren hinkriegen. Gleichzeitig wollte ich – auch aus Eigenschutz – nicht vollständig auf Humor oder auf schöne Bilder verzichten. Also habe ich mir entscheidende Schilderungen, Figuren, manchmal auch nur Stichworte, aus dem Roman genommen und sie so verdichtet, dass sie im Comicformat funktionieren. Hier hilft meine Cartoon-Erfahrung: Geschichten in einem einzigen Bild zu erzählen.
Ich habe den Film bis heute nicht gesehen, um mich nicht beeinflussen zu lassen
Ully Arndt
Welche Elemente konntest du im Comic besser herausarbeiten?
Teilweise habe ich neue Figuren erfunden, sie aber eng mit den bestehenden verwoben. In erster Linie sehe ich den Comic als visuelles Medium. Ich wollte keine Geschichte, die in Sprechblasen nacherzählt wird, sondern Bilder. Ich gehe davon aus, dass viele Leser:innen Heinz Strunks Sprache im Ohr haben und sie beim Betrachten automatisch mitdenken. Farbe ist mein Soundtrack: Sie können Übergänge, Lautstärke, Stille und Stimmungen erzeugen. Ein Vorteil des Comics ist: Man kann auf sehr viele Orte zurückgreifen, ohne an Budgetgrenzen zu stoßen.
Wie hast du dich auf das Projekt vorbereitet?
Einer der schönsten Teile der Arbeit war für mich die Recherche. Viele Schauplätze liegen dabei direkt vor meiner Haustür. Aber: Der Roman ist Literatur, keine Dokumentation. Und so habe ich auch den Comic verstanden. Es geht mir nicht um eine Eins-zu-eins-Abbildung, sondern um eine gefühlte Realität.
Wie sah die Zusammenarbeit mit Heinz an der Graphic Novel konkret aus?
Heinz begleitet das Projekt von Anfang an mit großer Offenheit und enormer Motivation. Wir sehen uns unregelmäßig, aber zuverlässig. Seinem Vertrauen in mich wollte ich unbedingt gerecht werden – eine positive Herausforderung.
Neun Jahre hast du an der Umsetzung gearbeitet. Warum hat das so viel Zeit in Anspruch genommen?
Nachdem der Film erschienen war, lag das Projekt für mich zunächst auf Eis. Ich wollte auf keinen Fall, dass der Eindruck entsteht, ich würde einen Comic zum Film machen. Entscheidend war ein schwerer Krankheitsfall in meiner Familie, der über lange Zeit meine volle Aufmerksamkeit erforderte. Nach glücklichem Ausgang habe ich – auch durch Heinz’ Unterstützung – wieder zu der ursprünglichen Motivation für das Projekt zurückgefunden.
Die Graphic Novel erscheint in zwei Teilen – warum?
Ursprünglich war ein 240-Seiten-Band geplant. Das erwies sich aber als unrealistisch – vor allem, weil ein so großes Projekt zwangsläufig andere Arbeiten blockiert hätte. Die Teilung passt letztlich gut zur Dramaturgie: eher seriell gedacht. Der große Bogen schließt sich bewusst über beide Bände hinweg.
Wie beurteilst du allgemein den Stand der deutschen Comicszene?
Es gibt viele großartige Comics und Graphic Novels aus Deutschland. Der Markt ist überschaubar, aber gute Ideen finden ihr Publikum. Und ja: Kauft Comics!

