Warum unser Autor den Hamburger Hauptbahnhof hasst

Es fährt ein: der Hass

Ich hasse den Hamburger Hauptbahnhof in seiner anbiederischen Freundlichkeit und Sauberkeit. Zur zweitgrößten Stadt im Land gehört ein urbaner, menschenfeindlicher Schmuddelbahnhof. Schäm dich, Hamburg! Und nimm dir ein Beispiel am Frankfurter Hauptbahnhof: Dealer, Junkies, Eintracht-Fans, soweit das Auge reicht. Hier gehört es zum guten Ton, seine Notdurft mitten auf dem Bahnhofsvorplatz zu verrichten. Aufrecht, in voller Montur. Die Plätze der verwaisten Außengastronomie teilen sich Tauben mit Ratten und treiben munter ihre Populationsrate nach oben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich kreuzen.

Statt Endzeitstimmung empfängt mich auf dem Hamburger Bahnhofvorplatz ein silberner Airstream-Foodtruck. Trotz mehrmaligen Nachfragens kann der junge Mann, der aussieht wie gecastet, meinem Wunsch nach Bier und Korn nicht nachkommen. Diverse Pommes-Arten, unzählige Saucen mit kranken Namen wie Joppie (Heesters!?), aber nicht eine Dose Bier! Ein Streich mit der versteckten Kamera? Das wäre schlecht, denn ich hasse Guido Cantz noch mehr als den Hauptbahnhof. Ich verabschiede mich grußlos Richtung Bahnhofshalle.

Die Probleme fangen schon bei der Architektur an. Die 1906 eröffnete Halle ist ein Zitat der „Galerie des Machines“ der Pariser Weltausstellung von 1889, und so sieht sie auch aus. Lichte Kathedrale statt muffiger Katakombe, flankiert von zwei pittoresken Türmen mit albernen Erkerchen. Wo, bitte, bleibt die Menschenfeindlichkeit? Hoffnung macht, dass in Hamburg erst abgerissen und dann gefragt wird. Siehe Deutschlandhaus, City-Höfe und als aktuelle Opfer Sternbrücke und Café Seeterrassen. Vielleicht steht hier in ein paar Jahren eine zugige Hölle wie Berlin Hauptbahnhof mit seinem albtraumhaften Labyrinth aus Ebenen, Treppen und gut versteckten Gleisen.

Und doch hat der Hamburger Hauptbahnhof auch seine guten Seiten. Die Nordseite, um genau zu sein. Dort lädt die Bierbar „Smalltalk“ zu Fassbier samt Zigarette ein. Zu- mindest hier versöhne ich mich mit dem meistfrequentierten Fernbahnhof der Deutschen Bahn. Ich throne als Fels inmitten des Gewusels über den Gleisen und gebe mich dem beruhigenden Anblick abgefahrener Züge hin.

/ Markus Gölzer


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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