Filmkritik: „Was Marielle weiß“

„Was Marielle weiß“ von Regisseur Frédéric Hambalek ist eine bitterböse Sittenkomödie über Familienabgründe, die gesellschaftliche und moralische Grenzen einreißt
Braucht nichts zu lesen, um viel zu wissen: Telepathin Marielle (Laeni Geiseler) (©Alexander Griesser)

Die Vorstellung, ein anderer Mensch könnte die eigenen Gedanken lesen, stets wissen, was man tut und sagt, ist der Horror. Noch dazu, wenn dieser andere Mensch das eigene Kind ist. Es würde die ganzen Lügen und Heimlichkeiten entlarven, die eigene Autorität, Glaubwürdigkeit und im schlimmsten Fall die vorgegebene Liebe in Frage stellen. In seinem zweiten Spielfilm „Was Marielle weiß“ stattet der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Frédéric Hambalek ein Mädchen mit telepathischen Fähigkeiten aus, die das Leben der scheinbar glücklichen und wohlsituierten Kleinfamilie zur Disruption bringen – und damit alle gesellschaftlichen und moralischen Grenzen einreißt.

„Was Marielle weiß“: Unbehagliches Gedankenspiel

„Was Marielle weiß“ kommt am 17. April 2025 ins Kino (©DCM Film Distribution)

Es beginnt mit einer Ohrfeige, die Marielle (Laeni Geiseler) von ihrer Schulfreundin bekommt. Fortan sieht und hört sie alles, was ihre Eltern Julia (Julia Jentsch) und Tobias (Felix Kramer) so treiben. Sie ist dabei, als ihre Mutter in einer Rauchpause sexuelle Fantasien mit einem Kollegen austauscht und als ihr Vater von einem Mitarbeiter vor dem ganzen Team blamiert wird. Am Abendbrottisch klingen die Geschichten ganz anders. Nach anfänglichem Misstrauen beginnen die Eltern sich nicht etwa Sorgen um ihre Tochter zu machen, sondern vielmehr um sich selbst. Sie starten ein perfides Spiel, um über Marielle von den Heimlichkeiten des jeweils anderen zu erfahren. Zugleich versucht vor allem Julia mit zerstörerischer Kraft, ihre Tochter mit schmerzhaften Wahrheiten und gesellschaftlichen Tabus zu konfrontieren. Das hat mitunter komische Seiten, vor allem aber beängstigende Momente.

In einem stylishen Haus irgendwo im nicht definierbaren hügeligen Süddeutschland siedelt Hambalek seine Geschichte an, lässt Julia in einem von viel Glas bestimmten Büro arbeiten, wo alles offen und einsehbar ist, um dann auf das Unbehagen seiner Protagonisten zu schwenken – zu dramatischer klassischer Musik. Als „Versuchsanordnung“ bezeichnete Jentsch den Film bei der Berlinale, wo er im Wettbewerb lief. Und in der Tat ist es ein Gedankenspiel, aber vor allem eine Geschichte über die Verlogenheit und Selbstbezogenheit Erwachsener – nicht immer ganz überzeugend, aber stets unbehaglich.

Was Marielle weiß“, Regie: Frédéric Hambalek. Mit Julia Jentsch, Felix Kramer, Laeni Geiseler 86 Min. Ab dem 17. April 2025 im Kino

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

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Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 04/2025 erschienen. 

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