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„Werk ohne Autor“ – von Donnersmarcks gewagtes Polit-Epos

Dieser Film ist eine emotionale Achterbahnfahrt durch drei Jahrzehnte deutscher Geschichte.

Großschönau, 1937. Brutal zerren Sanitäter ein junges Mädchen in den Krankenwagen, es wehrt sich verzweifelt. Voller Entsetzen schaut der kleine Kurt zu, wie Elisabeth, seine Tante (Saskia Rosendahl), abtransportiert wird. Er hebt die Hand vor die Augen, senkt sie wieder, das Bild wird unscharf, als könnte es so den Schmerz lindern. „Nie wegsehen!“, hatte ihn die wunderschöne 19-Jährige beschworen, noch vor Kurzem waren sie in Dresden zur Ausstellung „Entartete Kunst“.

Während der Museumsführer die abstrakten Kompositionen verhöhnt, sorgt sich der Junge um seine Eignung als Maler. Die schizophrene Elisabeth bleibt für ihren Neffen immer der Inbegriff von Kreativität, von Freiheit. Sie stirbt in den Gaskammern der Nazis, nur der Zuschauer kennt die genauen Hintergründe.

Täter und Opfer in einer Familie

Als Plakatmaler verdient der erwachsene Kurt Barnert (Tom Schilling) sein Geld in der DDR, studiert später an der Dresdner Kunstakademie. Er verliebt sich in die Modestudentin Elli (Paula Beer) – nicht ahnend, dass deren Vater, jener so renommierte Gynäkologe, Professor Seeband (beeindruckend: Sebastian Koch), verantwortlich war für die Zwangssterilisation und den Tod seiner Tante. Der eitle, machthungrige Arzt verachtet den sensiblen, hoch talentierten Künstler, wird ein erbitterter Gegner, der alles daransetzt, Elli und Kurt auseinander zu bringen, doch die beiden heiraten, gehen zusammen in den Westen.

Täter und Opfer in einer Familie: Der Film ist stark inspiriert von der Biografie Gerhard Richters, wohl Deutschlands berühmtestem Maler, Bildhauer und Fotografen. Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) inszeniert „Werk ohne Autor“ als suggestives, grandios konstruiertes Puzzle zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Leidenschaften mit einem ordentlichen Touch Neo-Noir. Das opulente, wagemutige Polit-Epos in der Tradition von Elia Kazans „Citizen Kane“ macht die Leinwand zum Schlachtfeld und Schauplatz wechselnder Ideologien.

In Venedig auf der Biennale del Cinema bekam der Regisseur gerade von deutschen Kritikern vielfach dennoch nur Spott und Häme zu spüren. Sein Künstler- Protagonist Kurt Barnert ist kein leinwandwirksamer Exzentriker wie Vincent van Gogh, eher der klassische stille Beobachter: Die Traumata haben ihn geprägt, aber nie zerstört. An der Düsseldorfer Kunsthochschule gelingt es ihm, die Vergangenheit in ein Bild zu zwingen – die perfekte Rolle für Tom Schilling, den Meister der subtilen melancholischen Zwischentöne.

Text: Anna Grillet
Foto: Buena Vista International 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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