Die Dreigroschenoper

Der „epischer Theater-Workshop“ im Thalia Theater wurde bei SZENE HAMBURG gleich zweimal zum Highlight der Saison gewählt und ist eine weitere gepriesene Regiearbeit von Antú Romero Nunes

Das Thalia Theater bringt zur Saisoneröffnung Brechts populären Klassiker „Die Dreigroschenoper” als extrareduzierte Dreigroschen-Werkstatt. Der nackte Bühnenraum mit seiner schwarzen Patina bleibt ganz ohne Projektionen und Tafeln, nicht mal einen Vorhang gibt es. Lediglich ein schwarzes Tuch an der rückwärtigen Seite verbirgt zu Beginn die Band auf der Bühne. Peachums (Jörg Pohl) erster Auftritt dient auch gleich zur Einführung in die Formalia des Abends: Auf Kulissen und Requisiten werde verzichtet, man erläutere nur jeweils kurz Ort und Personal des Geschehens. „Zuschauer ohne Imagination können eigentlich gleich wieder nach Hause gehen!“, krakeelt er mit einer Stimme wie eine Parodie auf Brecht. Das kommt nicht von ungefähr, denn er und alle Darsteller sind identisch gekleidet als Brecht’sche Doppelgänger mit Blaumann, Mütze, Brille und ab und an einer Zigarre. Hier wird der zur Selbstdarstellung neigende Brecht gleich mitinszeniert.

Die Darstellerriege ist gut bei Stimme und mit enormer Bandbreite. Sie geben die Figuren in einem Mix von Pathos und überspitzter Parodie, treten dabei immer wieder aus der Rolle, kommentieren ihr Spiel, wiederholen eine Szene, debattieren über „zeigendes Zeigen” und die beste Art, ein Lied vorzutragen. Nebentexte werden erzählt und mitunter Brechts Anmerkungen für die Schauspieler zitiert, unterstrichen von Pantomime und Geräuschemacherei. Ein paar textliche Aktualisierungen und regionale Bezüge sorgen für Amüsement. Das ist episches Theater praktiziert in seiner Potenz; ein Workshop für Fortgeschrittene und ein Vergnügen für den Brechtkenner.

Den berittenen königlichen Boten, der am Ende auftaucht „als die Not am größten“, inszeniert Hausregisseur Antú Romero Nunes als Kommentar auf die formalen Verpflichtungen des Brecht’schen Theaters. Der Bote ist zwar kostümiert, aber das Pferd eindrucksvoll echt – wie die Äpfel, die es hinterließ.

/ Kritik von Reimar Biedermann erschienen 10/2015 in SZENE HAMBURG

Thalia Theater, Premiere: 12.9.2015

Foto: Armin Smailovic