Japanische Unterwelt in Hamburg

Absurdes, Brutales und Feinfühliges gibt es beim Japan-Filmfest Hamburg zu sehen. Veranstalter Oliver Georg erklärt, warum die japanische Filmkunst so anders ist

Wahlweise erst das Interview lesen oder zuerst die abgefahrenen Trailer ganz unten schauen

SZENE HAMBURG: Was treibt dich an, jedes Jahr das Filmfest ehrenamtlich unter großem Zeitaufwand zu organisieren?

Oliver Georg (links auf dem Foto): Ich habe ein Faible für den japanischen Film und möchte diesen der Öffentlichkeit zugängig machen. Aber es geht auch um die Kultur. Deshalb läuft alles im japanischen Original mit englischen oder deutschen Untertiteln und viele Filmschaffende aus Japan sind vor Ort.

Auf wen freust du dich am meisten?

Auf den Regisseur von „The Liver“, meinen guten Freund Ishihara Takahiro aus Osaka. Er sieht aus wie ein ausgekochter Yakuza (Mitglied einer kriminellen Organisationen, auch japanische Mafia genannt, Anm. d. Red.) und sein Spitzname ist Mr. Violence, womit er in Japan berühmt-berüchtigt ist. Aber eigentlich ist er ein sehr freundlicher Mensch.

Japans Unterwelt ist das Festivalthema. Spielen alle 80 Filme in diesem Milieu?

Nein, das Programm ist sehr vielseitig. Natürlich sind Yakuza-Filme dabei, aber auch Sanftmütiges und vor allem Lustiges, Arthaus, Dokus, Animes (in Japan produzierte Zeichentrickfilme, Anm. d. Red.) wie Miss Hokusai und seltene Perlen, die nur auf dem Festival laufen.

Gerade der Yakuza-Film ist ja oft grenzüberschreitend …

Das stimmt, denn die meisten Filme basieren auf Manga-Comics. Im Manga ist alles erlaubt, es gibt fast überhaupt keine Zensur, gerade im Sexuellen- und Gewaltbereich.
Was bei uns niemals freigegeben werden würde, zeigen die Mangas in Japan völlig selbstverständlich.

Wer guckt diese Filme?

Das Horror-Genre hat hier in Hamburg eine große Fangemeinde. Während der Vorführung wird richtig Party gemacht, die Leute sind ausgelassen, schreien und kreischen. Viele kommen nur, um diese Stimmung zu erleben.

Ein richtiger Fankult, der an die frühen Rocky Horror Picture Shows erinnert. Kommen die Leute hier auch verkleidet?

Das passiert eher beim Anime. Hier trifft man auf eine Fankultur, die das ganze sehr ernst nimmt. Die Kostüme sind ihren Manga-Helden nachempfunden und oft wahnsinnig aufwendig und selbst geschneidert, wobei Geld keine Rolle spielt.

Was ist am japanischen Film so anders?

Ich habe mich früher viel mit dem amerikanischen Genrefilm und dem Hongkong-Film beschäftigt, die ich auch nach wie vor mag. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sich alles wiederholt. Der japanische Film dagegen überrascht immer wieder mit neuen Herangehensweisen, sowohl emotional als auch filmisch, und kreiert mit kleinem Budget interessante Filmkompositionen, wobei der Fokus mehr auf dem Menschen liegt als auf dem Drumherum. Das große Hollywood-Effekt-Kino wird man hier nicht finden.

Ihr zeigt gleich fünf Filme von Sion Sono …

Er ist in Japan der aufgehende Star am Regisseurs-Himmel. In seinen Filmen dominiert das Durchgedrehte, die Hysterie. Völliges Overacting, auch mit Gewalt verpackt in bunten Bildern. Doch er legt sich nie fest und überrascht dadurch immer wieder.

Was sind seine Themen?

Sehr unterschiedlich. „Tokyo Tribe“ ist ein HipHop-Musical im Yakuza-Underground und „Why Don’t You Play in Hell“ handelt von einem jungen Regisseur, der einen Horrorfilm dreht. Die Geschichte liefert einen guten Überblick, wie in Japan Filme entstehen, allerdings völlig überzeichnet. Die Produktion „Tag“ wiederum ist ziemlich gewalttätig und im Mittelpunkt stehen für das Genre typische Schulmädchen.

Das klingt, ähm, schräg?

Dieses Thema wiederholt sich häufig, denn es lässt sich international gut verkaufen.

Wie hältst du es nur aus, diese ganzen Gewaltfilme zu sehen?

Ich kann darüber lachen, denn es ist ja oft so absurd übertrieben, dass das mit der Realität nichts zu tun hat. Natürlich hat nicht jeder diese Distanz, weshalb wir auch bei entsprechenden Filmen ganz klar darauf hinweisen, dass die nicht für jeden geeignet sind.

Driften die Handlungen immer ins Absurde? So hört es sich gerade an …

Nicht grundsätzlich. Aber wir zeigen auch viele Filme, die sehr kunstvoll sind und bei denen Emotionen und soziale Beziehungen im Fokus stehen.

Deine Empfehlung für Japanfilm-Anfänger?

Auf jeden Fall einen Film von Sion Sono oder „Assassination Classroom“, ein Film, der für mich alles hat, was den japanischen Film ausmacht. Nicht zu vergessen unseren Eröffnungsfilm „Mozu“ mit Takeshi Kitano, dem wohl bekanntesten Japaner in Deutschand. Und dann zeigen wir ja auch einige Welt- und Europa-Premieren, die es zum größten Teil nicht auf den deutschen Filmmarkt schaffen werden …

Japan-Filmfest Hamburg
Metroplis, 3001 und Studio Kino
8.–12.6.

Achtung, blutig: