Kolumne

Jannes Wochenrückblick Vol. 1: Flucht nach vorn

Hallo, ich bin Jannes Vahl. 2000 bin ich in Hamburg angekommen. Zwei Tage nach meinem Abitur in Oldenburg. Ich war neu in der Stadt. So ähnlich wie 265 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die alleine in den ersten drei Monaten 2015 nach Hamburg kamen – die allerdings ohne steuerlich absetzbare Fahrkarte und Abitur. Naja, und Oldenburg ist nun wirklich auch kein Krisengebiet.

Ich wurde damals herzlich in Empfang genommen. Olli hat mich abgeholt, mit dem Bus der Wohngruppe, in der ich meinen Zivildienst erlebt habe. Olli war großartig und hat mir gleich mal die Stadt gezeigt: hier ein guter Comicladen, dort eine unfassbare Partyanekdote. Es wäre doch schön, wenn jeder so einen Empfang in Hamburg bekommen würde.

Stattdessen brennen Flüchtlingsunterkünfte, hier und an anderen Orten in Deutschland. Es wird für oder gegen Flüchtlinge demonstriert. Unterkünfte in wohlhabenden Stadtteilen werden diskutiert, während auffällige Flüchtlinge immer weiter an den Stadtrand geschoben werden. Schade, dass in den großen Medien lediglich Flüchtlinge auffallen, die etwas angestellt haben.

Besonders in den „sozialen“ Medien interessiert man sich mehr für den schönen Bruno*, als für 400 Seelen auf einem gekenterten Boot, die ihr gelobtes Ziel nie erreicht haben. Mir fehlt hier das Augenmaß. Wieso interessiert es bei dieser Katastrophe niemanden, ob der Kapitän depressiv war? Und was sagt der Pfarrer des Bootsbesitzers über den tragischen Verlust?

Hamburg hat aber auch richtig viele engagierte Bürger und Initiativen, die sich um Flüchtlinge kümmern und denen man unter die Arme greifen kann. Mit Menschpower, mit Geld oder Werbung. Im Mai findet beispielsweise das Millerntor-Festival „Fußball & Liebe“ statt. Dort wird es ein Freundschaftsspiel mit dem FC Lampedusa geben. Und im Juni wird bei der Millerntor-Gallery das Thema Flüchtlinge im Fokus stehen.

Man kann also schon was bewegen. Entweder seinen Arsch vor die Tür oder seine Hand in die Geldbörse oder wenigstens seinen Schädel.

Ich schreibe nun wöchentlich an dieser Stelle darüber, was mich in der vergangenen Woche bewegt hat. Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

(*Bruno Labbadia, HSV-Trainer)

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Foto: Julia Schwendner