Kulturzecke in Hammerbrook

Wir beleuchten in dieser Reihe bedrohte kulturelle Orte der Stadt. Diesmal: das marode Haus Seepferdchen

Off-Kultur-Satelliten wie das Haus Seepferdchen entstehen in Hamburg zunehmend in der trüben Peripherie. In seiner einst pulsierenden Mitte hat sich die Stadt die ach so lästigen Kulturzecken nämlich aus dem Fell gekratzt, sich eine neue Haut angezogen, die keine Pusteln duldet und keine ungestüme Kunst erträgt, sondern ein Gefühl der Leere verdichtet. Das Haus Seepferdchen, das ich nach gefühlten 200 mehrspurigen Verkehrsadern am Bullerdeich 7 erreiche, ist ein solcher Satellit: abseitig, jottweedee und künstlerisch angenehm widerborstig. Seit September 2015 dient die begehbare 25-Quadratmeter-Skulptur als Plattform, steht für kosmopolitische Empfänge, Konzerte und mobile Ausstellungen internationaler und Hamburger Künstler wie Georg Kühn – das Bild zeigt seine sportliche Installation im Mai.

Haus Seepferdchen Hamburg Collage

Seit sie das Strandhaus von der Ostsee in die Stadt schafften, experimentieren Oelfrüh-Galerist Frank Breker & Friends (oelfrueh.org) mit weltoffenen Kulturveranstaltungen gegen die galoppierende Xenophobie und für Flexibilität, Ideenreichtum und Horizonterweiterung. Doch die Zukunft des Seepferdchens ist ungewiss. Das Fundament sackt ab, das Dach gammelt, während die Crème de la Crème der hiesigen Kunstszene bei der hirnvernichteten Bürokratie in der Schlange steht. Wieder bittet ein erregender Raum um kulturelles Asyl im Fell einer Stadt, die so gern wegkratzt, was ich so mag: provisorische Orte kultureller Teilhabe. Bon rétablissement, Hambourg!

Die Kolumnistin Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin … Ihr monatliches Thema hier: bedrohte schrullige Orte der Stadt

Fotos: Lena Frommeyer & Andrea Rothaug