Die Nachricht zu den geplanten Kürzungen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer haben gesessen – und sitzen noch. Sie könnten eine ganze Branche empfindlich schwächen, wenn sie nicht rückgängig gemacht werden oder sich diese Praxis gar weiter Bahn bricht und am Ende Club-, Festival- und Karrieresterben provoziert. Doch seien wir ganz ehrlich: Viele von uns denken gerade, „Lieber die Klappe halten, das ist doch erst der Anfang. Nachher kriegen wir dann gar nichts mehr!“ Doch ich denke, gerade jetzt haben die Popförder:innen gemeinsam mit Musiker:innen, Bands, Kollektiven und DJs den Auftrag, Zukunft zu gestalten – und nicht abzuwickeln, wie es sich gerade in Berlin anhört. Ich habe in den letzten Tagen mit ungezählten Popfördernden aus Land und Bund gesprochen. Sie alle lesen den Haushaltsentwurf Weimers als verheerendes Signal, denn sie denken eben nicht in Legislaturperioden, sondern in ganzen Generationen von Popkultur. Was das heißen soll? Nun, jeder Dackel auf der Elbpromenade weiß doch, dass Minister:innen kommen und gehen, Haushalte beschlossen und wieder geändert werden. Hin und her. Hü und hott. Alle paar Jahre tanzt im Bund jemand Neues vor und dann ist sie oder er wieder weg. Das mag den Damen und Herren da oben geläufig sein. Doch unsere popkulturellen Ökosysteme, die mit mageren Mitteln und unter größten Anstrengungen ihrer Akteur:innen aufgebaut wurden, funktionieren anders. Was hier weggespart wird, verschwindet, und lässt sich nicht einfach im nächsten Doppelhaushalt zurückkaufen. „You don’t know what you’ve got till it’s gone“, singt Joni Mitchell, und genauso ist es: Ein geschlossener Club kann nicht wieder aufstehen. Eine Band, die sich nie gegründet hat, kann sich weder auflösen, noch Jahre später Reunion feiern. Wenn sie weg sind, dann fehlt das, was nur genau dort entsteht – etwas, das sich nicht einfach herunterladen oder kurzfristig ersetzen lässt und von unschätzbarem Wert ist: Beziehungen. Infrastruktur. Vertrauen.
Ungezählte Popfördernden aus Land und Bund lesen den Haushaltsentwurf Weimers als verheerendes Signal, denn sie denken eben nicht in Legislaturperioden, sondern in ganzen Generationen von Popkultur.
Andrea Rothaug
Doch je stärker diese öffentliche Infrastruktur durch die geplanten Sparmaßnahmen des Beauftragten für Kultur und Medien unter Druck gerät, desto abhängiger wird Popmusik in Zukunft von privaten Infrastrukturen. Dann entscheidet nicht mehr unsere Stadtgesellschaft, welche Räume sie für Kunst offen hält, sondern Algorithmen, Investor:innen und ihre Renditeerwartungen. Sie sind es dann womöglich, die entscheiden, welche Kulturgesellschaft politisch gewollt ist und welche eben nicht. Und genau deshalb sind die Kürzungen eben keine kleine technische Haushaltskorrektur zugunsten erfolgreicher Formate. Sie sind brandgefährlich. Denn was passiert, wenn wir still hinnehmen, dass Förderprogramme gekürzt werden und Live-Orte des gemeinsamen Denkens, Förderns, Erlebens und Arbeitens verschwinden? Was passiert, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die sich dem Markt unterwerfen muss, weil öffentliche Infrastruktur verschwindet und private Infrastruktur ihren Platz einnimmt? Dann vereinzeln Menschen, dann werden sie prekarisiert und individualisiert. Dann sterben Orte, Räume, Netzwerke und Kollektive, Vertrauen geht verloren und unsere Isolation wächst. Wir hier in Hamburg wollen das nicht. Und wir hier in Hamburg erleben auch, dass es anders funktioniert. Das Molotow, der Golden Pudel Club, die MS Stubnitz, das Gängeviertel oder RockCity sind hier keine netten Kulturangebote, sondern städtische Infrastruktur, die ebenfalls stark unter Druck steht, aber die so selbstverständlich ist wie Bibliotheken oder Parks. Und zwar nicht, weil dort Konzerte stattfinden, sondern weil dort Beziehungen entstehen. Und weil wir zurzeit einen Kultursenator haben, der weiß, dass am Ende hoffentlich ein ganz anderer Songtext gemeinsam durch die Straßen schallt: „People have the power.“ Danke, Patti Smith.

