Für Helena Jumira Rodriguez Buhr ist Hafenschifferin mittlerweile ein Traumberuf (Foto: Felix Willeke)

Hafenschifferin: Das beste Gefühl auf der Welt

Helena Jumira Rodriguez Buhr macht bei der HADAG Seetouristik und Fährdienst AG eine Ausbildung zur Hafenschifferin. Im Gespräch erzählt sie, wie es dazu kam, was es braucht, um Hafenschifferin zu werden und wie es sich anfühlt, so ein Schiff zu steuern

Interview: Felix Willeke

 

Elf Mal um die Welt – diese Strecke legen die Fähren der HADAG jedes Jahr zurück. Seit dem 8. August 1888 gibt es die regelmäßigen Fährverbindungen entlang und über die Elbe und seit 1921 gehört die HADAG zur Stadt Hamburg. In Kooperation mit dem HVV befördern die 130 Mitarbeiter aktuell rund zehn Millionen Fahrgäste im Jahr. Dafür braucht das Unternehmen Nachwuchs. Pro Jahr fangen fünf neue Auszubildende an, mit dem Ziel, das Hafenpatent zu erlangen. Wir sprechen mit Helena Jumira Rodriguez Buhr über einen Traumberuf, die Besonderheiten der Ausbildung und die Sachen, die nicht so viel Spaß machen.

 

Fokus auf die Work-Life-Balance

 

SZENE HAMBURG: Moin Helena, wie kommst du aufs Wasser?

Helena Jumira Rodriguez Buhr: Ich komme aus Finkenwerder und da machst du entweder irgendwas bei Airbus, in der Landwirtschaft oder was mit Schiffen (lacht). Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Hebamme werden. Aber die Bedingungen sind nicht so, dass ich damit später eine Familie ernähren könnte. Entscheidend für den Job als Hafenschifferin und die Ausbildung bei der HADAG war der Fokus auf meine Work-Life-Balance. Möchte ich einen Job mit viel Geld und Prestige? Oder lege ich mehr Wert auf meine Freizeit? Da habe ich mich für den zweiten Weg entschieden.

Hast du von Haus aus einen Seefahrerhintergrund?

Ja, entfernt schon, aber das hat mich in meiner Entscheidung nicht beeinflusst. Als ich hier angefangen habe, haben mir viele nicht geglaubt. Viele haben auch erst geschmunzelt, weil sie einfach nicht wissen wie viel dazu gehört.

Der Hafen gilt als Männerdomäne …

Das stimmt. Hier ist noch vieles traditionell geprägt. Aber man merkt, dass mit uns jungen Leuten auch ein frischer Wind reinkommt. Es verändert sich gerade viel, auch in den Köpfen, es wird moderner. Das ist ein Prozess, bei dem wir viel von den Alteingesessenen lernen können und umgekehrt. Bei der HADAG sind wir aktuell 15 Auszubildende und drei davon sind Frauen. Als Frau wünsche ich mir, dass es nichts Besonderes mehr ist, dass Frauen als Hafenschifferin arbeiten. Für mich persönlich ist es ganz normal, es gibt keinen Grund, warum nicht auch Frauen eine Ausbildung bei der HADAG beginnen sollten.

 

Kraft, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit und ein dickes Fell

 

Warum hast du dich bei der Ausbildung für die HADAG entschieden und mit deinem Abitur nicht Nautik studiert, um auf große Fahrt zu gehen?

Ich bin ein Heimscheißer. Ich liebe Hamburg. Ich liebe meine Familie. Ich liebe Finkenwerder. Zwei oder drei Monate nicht zu Hause zu sein und die ganze Zeit auf einem Schiff zu leben – ich glaube, da würde ich verrückt werden. Für die HADAG habe ich mich in erster Linie entschieden, weil die Ausbildung mich überzeugt hat und weil es ein öffentliches Unternehmen ist. So kann ich sicher sein, immer pünktlich meinen Lohn zu bekommen und geregelte Arbeitszeiten zu haben.

Was braucht es, um Hafenschifferin zu werden?

Du brauchst Kraft, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit und ein dickes Fell. Dabei muss man kein Bodybuilder sein, es reicht, wenn man keine allzu zierliche Person ist. Konzentration brauchst du, weil sich die Gegebenheiten auf dem Wasser ständig verändern und du dabei immer am Fahrplan bleiben musst. Und ein dickes Fell für den Umgangston im Hafen. Hier wird eine eigene Sprache gesprochen, es herrscht eine eigene Kultur. Da gehört es dazu, dass man sich untereinander ein bisschen piesackt und auf spielerische Art beleidigt. Aber auch das ist eine Sache der Gewöhnung.

Mit diesen Fähren fährt die HADAG seine Passagiere durch den Hamburger Hafen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Mit diesen Fähren fährt die HADAG seine Passagiere durch den Hamburger Hafen (Foto: Erik Brandt-Höge)

 

Dienstbeginn um 5 Uhr morgens

 

Ihr seid ein Fährbetrieb im HVV, die ersten Fähren fahren morgens um 4.50 Uhr los und die letzten legen nach Mitternacht an. Heißt das auch für auch Auszubildende Schichtarbeit?

Ja, wir haben Schichtpläne. In einem Fährbetrieb kann man schließlich nicht den ganzen Tag durcharbeiten. Die Schichtleitung kommt aber den Wünschen der Einzelnen entgegen: Die einen fühlen sich in der Nachtschicht wohler, die anderen, wie ich, in der Frühschicht und einige arbeiten in einer gesunden Wechselschicht. Als Auszubildende bekommen wir einen leichteren Schichtplan, sodass wir zum Beispiel im ersten Jahr auch nicht am Wochenende arbeiten müssen.

Wann hast du dann heute Morgen angefangen?

Ich hatte um 5 Uhr Dienstbeginn.

Und das ist für dich eine gute Work-Life-Balance?

Doch, eigentlich schon. Wenn ich um 5 Uhr anfange, habe ich um 12 oder 13 Uhr Feierabend. Dann fahre ich nach Hause, lege mich für eine Stunde hin und ab 15 Uhr habe ich den Rest des Tages Freizeit.

Hast du als Auszubildende bestimmte Aufgaben?

Primär sollen wir Azubis lernen, die Schiffe zu fahren. In der Ausbildung sind wir dabei aber nie allein und haben immer einen erfahrenen Kollegen an unserer Seite. Zudem gibt es eine Station im technischen Betrieb und wir helfen auch immer mal wieder den Schiffsführern beim Säubern der Schiffe oder bei anderen Arbeiten, die anfallen. Als Azubi bin ich eine Kollegin wie jede andere auch.

 

Theorie und Praxis

 

Wie ist eure Ausbildung aufgebaut?

Am Anfang lernen die Auszubildenden immer den Betrieb kennen, dann folgt eine Woche Kennenlernen mit deinem Ausbilder. Im Anschluss geht es aufs Schiff und du machst schon deine ersten Anlege- und Fahrversuche. Ab dann fährst du im Regelbetrieb mit. Wir lernen dabei immer das, was auch im Alltag gerade passiert. Heute haben wir aber zum Beispiel einen Azubi-Tag, an dem wir uns zusätzlich zur Schule mit der Theorie beschäftigen dürfen, ein kleines Geschenk der HADAG an seine Azubis.

Wieso Geschenk?

Wir sind immer für Blöcke von drei bis vier Wochen in der Berufsschule für Gewerbliche Logistik & Sicherheit in der Wendenstraße. Da machen wir dann die theoretische Ausbildung zur Hafenschifferin. Die Theorie hier im Betrieb ist ein Extra, bei der wir während der Arbeitszeit für die Abschlussprüfung lernen können.

Das heißt, nach deiner Ausbildung sieht man dich direkt im Führerhaus?

Mit der Ausbildung habe ich mein Patent, das heißt aber noch nicht, dass ich ein Fahrgastschiff führen darf. Dafür muss ich den P-Schein zur Personenbeförderung im Hamburger Hafen und die Hafenpatent-Prüfung bei der Hamburg Port Authority machen.

 

„Mittlerweile ist das hier mein absoluter Traumjob“

 

Ist es im Führerhaus nicht auch manchmal einsam?

Als Azubi bin ich ja nie allein am Steuer. Aberich glaube, später kann das schon mal passieren, dann drehst du einfach deine Musik auf, hörst dir ’nen Podcast an oder quatscht mit den Kollegen kurz über den Betriebsfunk, solange du konzentriert bleibst. Letztendlich bin ich hier auf der Arbeit und nach der Schicht kann ich mich privat wieder mit vielen Menschen umgeben. Für die Konzentration ist es auch besser, allein zu sein. Ich mag das Gefühl ohnehin nicht, ständig beobachtet zu werden.

Wie weit bist du aktuell in deiner Ausbildung?

Ich bin jetzt gerade mit dem ersten Jahr fertig und die Ausbildung dauert insgesamt drei Jahre. Bei der HADAG haben wir aber auch die Möglichkeit, wenn die Leistungen stimmen, die Ausbildung um ein halbes Jahr zu verkürzen.

Gibt es die Chance, von der HADAG übernommen zu werden?

Ich möchte auf jeden Fall gerne hier bleiben und nach der Ausbildung Schiffsführerin auf den Fähren im Hamburger Hafen sein. Es gibt zwar keine Übernahmegarantie, aber ich denke, die Chancen stehen im Allgemeinen sehr gut.

Und wie ist das Gefühl, so ein Schiff zu steuern?

Das ist das beste Gefühl auf dieser Welt. Du hast irgendwie mit den Fahrgästen zu tun, bist aber gleichzeitig im Ruderhaus in deiner eigenen Welt. Dabei bewegst du mit diesen kleinen Steuerknüppeln das Schiff und das macht das, was du willst (strahlt). Bei der HADAG haben wir die normalen Fähren und die sogenannten Flachschiffe, jedes Schiff fährt sich anders und ich mag die Herausforderung, mich jedes Mal neu darauf einzustellen. Mittlerweile ist das hier mein absoluter Traumjob.

hadag.de


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