Die Bengelsstimmen:„Wir wollen was wagen“

90 Hamburger Nicht-Profi-Sänger mit Hits aller Genres in immer größeren Hallen – so die Kurzbeschreibung der Bengelsstimmen. Mitgründer Jesse Früchtenicht-Gjoni über Entstehung des Chores, Aufnahmekriterien und die berühmten lokalen Kollegen der Hamburger Goldkehlchen
Bengelsstimmen um Mitgründer Jesse Früchtenicht-Gjoni (vorm Mikro)
Bengelsstimmen um Mitgründer Jesse Früchtenicht-Gjoni (vorm Mikro) (© Michael Rüttger)

SZENE HAMBURG: Jesse, es heißt, die Bengelsstimmen wurden während einer nächtlichen Fahrt in der U3 geboren. Erzähl doch mal davon!

Jesse Früchtenicht-Gjoni: Das war im Winter 2018, auf dem Weg von Barmbek Richtung Kiez. Wir haben aus einer Laune heraus „Marmor, Stein und Eisen bricht“ angestimmt. Der Vibe im Waggon war sofort da – wir haben gestampft, Leute haben gegen die Scheiben geboxt, nach kurzer Zeit war der ganze Wagen „on fire“. Da wussten wir: Gemeinsames Singen hat eine unglaubliche Kraft.

Wie ging es danach weiter?

Meine Eltern haben eine Reportage über die Hamburger Goldkehlchen gesehen. Das Konzept – Männer, die eigentlich nicht singen können, tun es trotzdem zusammen – war damals neu. Sie meinten: „Jesse, das wäre doch was für dich!“

Hast du dich bei den Goldkehlchen beworben?

Ja, und zwar mit einem Video aus der Thai Oase (Hamburger Karaokebar; Anm. d. Red.), wo ein Freund und ich Klaus Lages „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ nachträllerten.

Und? Wurdest du genommen?

Das Feedback war cool, aber sie wollten mich wegen der Größe des Chores erst ein Jahr später zum Casting einladen. Das war der beste Korb meines Lebens! So lange wollte ich nicht warten. Hätten sie mich genommen, wäre ich heute wohl Sänger Nummer 154 in der dritten Reihe. So habe ich zusammen mit Rico Klaes einfach unser eigenes Ding gemacht.

Von sechs zu 90 Bengelsstimmen

Wie viele Sänger kamen zur ersten Probe?

Zusammen mit Rico und mir waren wir sechs – und keiner hatte Ahnung von Chorgesang (lacht). Aber: Von Probe zu Probe kamen mehr dazu, auch Leute mit musikalischem Wissen. Wir sind zusammengewachsen und haben uns entwickelt.

Habt ihr euch schnell auf Songs einigen können? Oder gab es große Diskussionen?

Am Anfang haben wir es mit demokratischen Prozessen probiert – kann ich niemandem empfehlen. Wenn eine 55-zu-45-Entscheidung rauskommt, hat die Hälfte der Jungs keine Lust auf den Song. Das hört man dann auch. Heute haben wir ein Gremium und einen Chorleiter mit feinem Gespür. Es hat eine unglaubliche Dynamik, wenn 90 Bengels diese großen Pop-Hymnen mit einer Wucht singen, die man ihnen auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Das ist dann kein Witz mehr, sondern eine musikalische Urgewalt, die zeigt, wie viel Kraft in diesen Songs steckt.

Gibt es bei euch auch einen Aufnahmestopp, was neue Sänger betrifft?

Ja, schon. Aktuell haben wir 90 Mitglieder, und allein im vergangenen Jahr haben wir 160 neue Bewerbungen bekommen. Wir geben immer gerne neuen Leute eine Chance, sind, seitdem es so groß wurde, aber etwas strenger geworden und schauen uns die Sänger genauer an. Viel größer als jetzt sollte es nicht werden.

Das Gefühl, diese Hallen mit unserer Energie zu füllen, macht süchtig

Jesse Früchtenicht-Gjoni

Und das Sängeralter? Gibt es da eine Höchstzahl?

Wir wollen ein junger, energetischer Chor bleiben. Im Schnitt sind wir gerade 32. Da wir alle gemeinsam älter werden, achten wir bei Neuzugängen darauf, dass sie eher jünger sind, um den Bengels-Spirit frisch zu halten.

Ihr tretet auch gerne auf, habt schon vielerorts gastiert – und die Auftrittsorte wurden stetig größer. Denkt ihr auch sehr ambitioniert immer an die nächstgrößere Location?

Definitiv. Immer das Gleiche zu machen, wäre irgendwie zu langweilig. Wir wollen was wagen, größer denken, vielleicht auch mal zu groß. An diesen Herausforderungen sind wir gewachsen. Das hat uns 2023 in eine ausverkaufte Elphi vor 2000 Leute geführt. Das Gefühl, diese Hallen mit unserer Energie zu füllen, macht süchtig.

Apropos Goldkehlchen: Die werden im September ein letztes Konzert im Volksparkstadion geben und dann aufhören. Aufhören, wenn es am schönsten ist, lautet die Begründung. Was bedeutet das für euch?

Wir haben riesigen Respekt vor dem, was die Jungs aufgebaut haben. Sie haben dieses Format in Hamburg erst populär gemacht. Trotzdem entsteht nun ein Loch – und wir sind bereit, es zu füllen. Während die Goldkehlchen im Volkspark in Rente gehen, fangen wir gerade erst an, die Stadt zu erobern. Wir wollen sehen, was über den Volkspark hinaus noch möglich ist.

Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 03/26 erschienen. 

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