SZENE HAMBURG: Betti Kruse, erinnerst du dich an die erste deutschsprachige Musik, von der du begeistert warst?
Betti Kruse: Eine meiner frühesten deutschsprachigen Musik-Fan-Erinnerungen ist tatsächlich die CD „Stimmen im Wind“ von Juliane Werding. Die Zeile „sei nicht traurig, Susann“, die ich dann immer im Mini-Playback-Show-Style meinen Eltern dargeboten habe, hat mich schon damals total berührt. Ich glaube, diese ultra direkte Anrede – zwar an Susann, aber irgendwie habe ich mich mit angesprochen gefühlt – hat mich echt gecatcht.
Fiel und fällt es dir seitdem leichter, deutschsprachige Songs aus vergangenen Dekaden zu mögen als aus dem Hier und Jetzt?
Ja, ich glaube schon. Die Songs von Udo Jürgens, Werding, Knef, aber auch Liedermachern wie Wader, Mey und anderen haben mich geprägt und schon früh meine Liebe zum Geschichtenerzählen entfacht. Ich mag es einfach, wenn in drei bis vier Minuten eine vermeintlich kleine Geschichte erzählt wird und man bei jedem weiteren Hören noch zig weitere Welten entdeckt. Die Musik dazu ist natürlich ein tipptopp Katalysator für diesen Zustand. Damals haben mich aber auch aktuelle Bands beflügelt: Mia., Fettes Brot, Wir sind Helden, Element of Crime – um nur einige zu nennen.
Ich habe nicht so viel mit Kitsch-Fallen zu kämpfen
Betti Kruse
Denkst du, Songs auf Deutsch sind besonders schwer zu schreiben, weil die Gefahr, in Kitsch abzudriften, besonders groß ist?
Das ist eine spannende Frage, ich bekomme die oft gestellt. Und klar, deutsche Lieder verstehen meine Hörer:innen wahrscheinlich unmittelbarer als englische. Sprachen, die nicht die Muttersprache der Hörenden sind, sind wahrscheinlich verzeihender. Und trotzdem muss ich sagen, ich habe irgendwie nicht so viel mit Kitsch-Fallen zu kämpfen. Das ist natürlich auch total subjektiv. Und ein bisschen Kitsch ist manchmal ja auch voll gut. Immerhin stehe ich auf „Rote Rosen“ (Song auf „Wird schon gutgehn“, Anm. d. Red.).
Dir gelingen schwungvolle Songs ganz ohne Kitsch: Du vermengst stets hoffnungsvolle Alltagsbeobachtungen im Text mit, kurz gesagt, der Beatmusik der 1960er-Jahre. Passend dazu lautet der Titel deines kürzlich erschienenen neuen Albums: „Wird schon gutgehn“. Gelingt dir die beschriebene Lockerheit trotz teils widriger Umstände wie auf Knopfdruck? Oder brauchst du schon bestimmte Stimmungen zum Songwriting?
Danke für die Blumen. Das bedeutet mir wirklich viel, wenn Menschen meine Musik so wahrnehmen. Ich brauche tatsächlich zum Schreiben eine recht stressfreie, cozy und strukturierte Stimmung um mich herum. Die ist im Trubel leider viel zu selten erreichbar – ich hoffe auf Weihnachten! Die Leichtigkeit entsteht nicht nur durch meine Zutaten in den Songs, sondern auch durch Taco van Hettingas geniale Musikalität und seine Melodien, seine Beats. Ich bin sehr froh, ihn als musikalischen Partner zu haben. Tatsächlich lasse ich einen Song manchmal liegen und schmeiße nach ein paar Wochen noch ein bisschen Glitzer drauf. Mit Abstand schaue ich, ob er die Leichtigkeit, die ich erzeugen will, schon hat. Wenn nicht, dann wird hier und da schon noch mal ein Wort oder eine Zeile ausgetauscht.
Betti Kruse im Hamburger Knust
Die Release-Show spielst du im Hamburger Knust. Die Klangästhetik deiner Musik spricht für deutlich größere Bühnen. Welche in Hamburg wäre dein Favorit?
Folgende Veranstaltungsorte sind herzlich und dringlich dazu aufgerufen, mich und mein Swing Orchester für eine Show zu buchen: Elphi! Deutsches Schauspielhaus! Thalia Theater! Ohnsorg Theater! Schmidts Tivoli – auf euch baue ich sehr, ihr habt doch bestimmt ’ne glänzende und geschwungene Showtreppe im Keller, oder? Alle anderen dürfen sich auch sehr gerne bei mir melden!
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 01 / 26 erschienen.

