Christian: Von der Straße zum „TikTok-Jesus“

Lustige Tänze, virale Trends und Christian, der mit einer Dornenkrone auf dem Kopf Jesus parodiert. Unbeschwert ist sein Content auf TikTok aber nicht. Christian blickt auf Jahre der Obdachlosigkeit, Drogenexzesse, Knast und Depressionen zurück. Eine Geschichte von der Flucht in die Kreativität 

Text: Henry Lührs

„Brauche Geld für Gras” hat Christian mit dunkelgrüner Farbe auf ein massives Holzschild gesprüht, mit dem er sich fast täglich in die Fußgängerzone setzt. Im Jahr 2016 hat er noch blondierte, wuschelige Haare und lebt auf der Straße. Damals immer mit dabei: sein Becher für Kleingeld. Häufig bleiben Leute stehen, fotografieren ihn und werfen ihm eine Münze zu. Die Fotos landen auf Social Media und in der Zeitung. In der Schanze wird Christian eine kleine Berühmtheit. Manche Menschen kommen damals extra ins Viertel, nur um ihn und das Schild zu sehen, berichtet Christian ungläubig, aber mit Stolz in der Stimme. „Die Leute finden es lustig, kreativ, provokant, aber eben auch ehrlich“, blickt er zurück.

Wie ehrlich, ist den meisten dabei gar nicht so bewusst. Christian hat seit Jahren eine schwere bipolare Störung mit depressiven Episoden. Mit CBD, einer nicht-psychoaktiven Substanz aus Cannabis, versucht er seine Symptome zu lindern.

„Ehrlich sein reicht auf der Straße aber nicht aus“, sagt Christian. Ein Schild mit „Ich habe Hunger“, sei viel zu unkreativ. Das Gefühl von schlimmem Hunger kennt er, aber weiß auch: „Die Menschen wollen unterhalten werden.“ Natürlich gebe es auf der Straße immer Menschen, die einen nachahmen würden, erzählt er: „Ich habe dann aber einfach die verschiedensten Sachen und Sprüche ausprobiert.“ Unweit der S-Bahn-Station Sternschanze setzt er sich zum Beispiel auf einen großen Stromkasten, tauscht sein Schild gegen eine Angel und befestigt daran seinen Becher. Für jede geangelte Münze gibt er den Menschen noch einen netten, lustigen Spruch mit auf den Weg. Die Idee geht auf, wieder finden die meisten Leute Christian lustig und kreativ. „Dieser Typ mit der Angel. So behalten die Leute mich im Kopf.“

Das Gefängnis bringt Veränderung

Während er tagsüber auf seinem Stromkasten sitzt, schläft er nachts im Schanzenpark unter freiem Himmel oder sucht sich Unterschlupf unter einer Brücke. Auch in der Kneipe „Clochard“ auf der Reeperbahn findet er gelegentlich einen Schlafplatz. Um von A nach B zu kommen, nutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Fahrkarte hat er dabei oft nicht. Dass ihm das zum Verhängnis werden sollte, ahnt Christian nicht.

Mit einer normalen Ausweiskontrolle ändert sich für ihn alles. „Wegen des Schwarzfahrens war eine vierstellige Summe fällig“, sagt er. Verurteilt wurde er dazu in Abwesenheit. Die Geldstrafe kann er nur zu einem kleinen Teil begleichen. „Eineinhalb Jahre habe ich eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen.“ Auch wenn die Zeit im Gefängnis für Christian mit vielen Ungerechtigkeiten zusammenhängt, berichtet er von dieser Lebensphase mit Fassung.

„Das einzig Gute am Knast war, dass ich das erste Mal in meinem Leben einen Betreuer zur Seite gestellt bekommen habe. Durch ihn habe ich es auch geschafft, Grundsicherung zu beantragen.“ Das Gefängnis verändert ihn, er möchte raus aus der Obdachlosigkeit, auch mit dem Becher soll Schluss sein: „Ich bin weg von den harten Drogen und habe alle Kontakte abgebrochen, die nicht gut für mich waren.“

Direkt bei der Sternbrücke findet er ein kleines WG-Zimmer. Die Wände sind unverputzt und es bebt, wenn ein Zug vorbeifährt. „Mein Computer-Bildschirm fängt dann immer an zu flackern“, erzählt Christian. Für ihn ist das aber mehr oder weniger zweitrangig: „Endlich ein Raum, in dem ich alleine bin und mich zurückziehen kann.“ Mittlerweile weiß er, dass der ständige Stress auf der Straße und die Schutzlosigkeit starke Trigger für seine Krankheit sind.

Vom „Typ mit der Angel“ zum TikTok-Jesus 

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie beschließt er, sich verschiedene Accounts auf Social-Media-Plattformen einzurichten. Vor allem auf TikTok steigt seine Reichweite rasant. Unter dem Nickname „TikTokJesus“ veröffentlicht er satirische Videos und berichtet aus seinem Alltag. Auf seine mittlerweile langen, lockigen braunen Haare setzt er sich gelegentlich eine Dornenkrone. In der Rolle von Jesus gibt er unterhaltsame Antworten auf die teils absurden Fragen seiner Follower: „Wird man im Himmel dick?“ oder „Ist es eine Sünde vor der Polizei zu furzen?“.

Die Kritik an der Kirche ist in seinen Videos dabei omnipräsent, mal offensichtlich, mal subtil. Provokation und Kreativität sind für Christian ein Ventil, um mit schwierigen Themen umzugehen. Die Idee der Jesus-Parodie sei durch seine eigene streng katholische Erziehung inspiriert worden, die Kirche verbindet er mit einer Reihe negativer Erlebnisse.

Neben einer schwierigen familiären Situation hat er lange mit heftigem Mobbing zu kämpfen. Die Kirche ist für ihn in dieser Zeit alles andere als ein Zufluchtsort: „Dieselben Leute, die mich schon den ganzen Tag über gequält haben, konnten damit nach Schulschluss im Kommunionsunterricht weitermachen.“

Besonders seine Jesus-Parodie führt aber mit steigendem Bekanntheitsgrad zu heftigen Reaktionen. Dass nicht alle gelassen auf seine Videos reagieren würden, war ihm bewusst, doch die negativen Nachrichten werden ihm irgendwann zu viel. Es geht so weit, dass er sogar auf der Straße angepöbelt wird. „Social Media ist schwierig: Einerseits gibt es viel Interesse und Zuspruch, andererseits wird man durchgehend bewertet und irgendwann kommt immer der Hass“, sagt er.

Sogar eine Morddrohung mit konkreten Ortsangaben bekommt Christian. Er erstattet Anzeige. Einschüchtern lassen möchte er sich davon aber nicht: „Von den Drohungen irgendwelcher Fanatiker, möchte ich mein Leben nicht beeinflussen lassen.“ Immer wieder würden seine Videos aber gemeldet werden. Sein Account mit über 90.000 Followern wird daraufhin immer wieder gesperrt. Dagegen kann Christian nichts ausrichten: „Die ständigen Sperren haben sich auf meine Reichweite ausgewirkt, sodass ich letztendlich niemanden mehr erreichen konnte.“ Die einzige Lösung für ihn – ein neuer Account.

Für Christian ist diese Entscheidung mit einem Neuanfang gleichbedeutend. Ihm ist wichtig, dass keiner glaubt, er selbst hätte aufgegeben aus Angst vor dem Hass. TikTok möchte er jetzt nutzen, um mehr von sich erzählen und über seine Krankheit und das Leben auf der Straße aufzuklären.

Social Media reicht zum Leben nicht aus

Auf seinem neuen TikTok-Kanal „MeinBrainundIch“ ist die schwierige Wohnungssuche in Hamburg gerade eines der wichtigsten Themen. Aus seiner WG muss er nämlich raus. Sein Mietvertrag ist bereits ausgelaufen, ausziehen möchte er aber vorerst nicht. „Das komplette Haus soll abgerissen werden und dem Neubau der Sternbrücke weichen“, vermutet er. Auf eine Abrissverfügung wartet er noch. Auch wenn seine Situation aktuell nicht einfach ist, geht es in seinen Videos längst nicht mehr nur um ihn. Die Mietenpolitik in Hamburg allgemein sei ein großes Problem: „Wie soll man in dieser Stadt noch eine bezahlbare Wohnung finden?“, sagt er empört.

Durch Social Media zu merken, dass er mit seinen Problemen meistens nicht alleine ist, hilft Christian. Nicht nur unterstützende Worte bekommt er von seinen Followern, einige überweisen ihm auch etwas Geld per PayPal oder geben Hinweise auf eine Wohnmöglichkeit. Auch eine Amazon-Wunschliste hat Christian sich eingerichtet. Ausgewählte Produkte können ihm hier direkt an eine Packstation gesendet werden. Auf der Liste steht neben Lebensmitteln und Technik auch ein aufblasbares Kackhaufen-Kostüm. Er sagt schmunzelnd: „So was unterhält die Leute im Livestream“. Die schönste Sachspende, die ihm aber bisher von einem Follower zugeschickt wurde, ist für ihn ein Fantasyroman. „Über Bücher freue ich mich immer.“

Auch wenn ihm mittlerweile wieder über 15.000 Menschen folgen, ist es für Christian reines Wunschdenken von Social Media seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: „Diesen Monat hat es gerade so gereicht zum Leben.“ Die nächsten Monate machen ihm in einer Zeit, in der sowieso alles teurer wird, große Sorgen. Er sei vor Kurzem das erste Mal seit zwei Jahren wieder mit dem Becher draußen gewesen, erzählt er beschämt. Für den Notfall hat Christian sich bereits im Männerwohnheim angekündigt.

Er spielt aber auch mit dem Gedanken, Hamburg komplett hinter sich zu lassen. Das 9-Euro-Ticket möchte er dazu nutzen, um auch Optionen außerhalb in Betracht zu ziehen. Reisen nach Bremen oder Köln wären sonst viel zu teuer gewesen. Wohin es Christian letztendlich verschlägt, davon wird er auf seinem TikTok-Kanal berichten.

@meinbrainundich auf TikTok


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