SZENE HAMBURG: Lina, was genau ist Kollektiv WACH?
Lina Behr: Gegründet wurde Kollektiv WACH offiziell im Mai 2023, inoffiziell aber bereits im November 2018. In den Anfängen ging es vor allem darum, kreative Räume miteinander zu gestalten. Es war immer klar, dass das Kollektiv nicht profitorientiert arbeitet. Im Laufe der Jahre hat WACH den Fokus zunehmend auch auf das politische Engagement gerichtet. WACH steht für „we are committed humans“ und danach leben wir auch. Clubkultur ist für uns immer auch ein Raum für politische und gesellschaftliche Diskurse. Uns ist die Mitgestaltung einer diskriminierungssensiblen, lebendigen und diversen Subkultur wichtig, in der unterschiedliche Stimmen, vor allem die marginalisierten, hör- und sichtbar werden. Wir setzen jede unserer Partys in einen gesellschaftspolitisch relevanten Kontext.
Ihr habt ein Manifest …
Wir haben ein Manifest und einen Code of Conduct. Der Code of Conduct dient als zentrales Instrument, um ethische Grundsätze und verbindliche Standards für den Umgang miteinander zu definieren. Er verankert unsere Werte und leitet die Mitglieder an, im Sinne des Kollektivs zu handeln. Das Manifest ist unsere visionäre Absichtserklärung, die auch nach außen getragen wird. Wir bekunden darin unsere Haltung, definieren unsere Ziele und die Grundlage unserer Veranstaltungen. An beidem haben wir im letzten Jahr intensiv gearbeitet, da die vorherigen Versionen noch einige Schwachstellen aufwiesen.
Birgt die Zusammenarbeit im Kollektiv auch Herausforderungen?
Auf jeden Fall! Konsensfindung, Terminkoordination, Kapazitätsfragen, Kommunikationsprobleme, unterschiedliche Arbeitsweisen, diffuse Rollenverteilungen, patriarchale Strukturen und so weiter. Aber wir haben uns mittlerweile sehr gut eingespielt, deshalb war die intensive Arbeit am Code of Conduct auch so wichtig.
Clubkultur ist für uns immer auch ein Raum für politische und gesellschaftliche Diskurse
Lina Behr
Wie häufig veranstaltet ihr Events?
Wir veranstalten nicht in einem regelmäßigen Turnus und immer an unterschiedlichen Orten. Wir bespielen gern etablierte Clubs, mindestens so gern auch Off-Locations.
Gibt es ein Highlight, an das du dich besonders gern erinnerst?
Für mich war die Teilnahme an der Demo von „Klare Kante gegen rechts“ kurz vor der Bundestagswahl 2025 sehr besonders. Einen eigenen Demowagen zu bespielen und zu gestalten war eine ganz neue Herausforderung. Zudem war die Veranstaltung aufgrund der politischen Kraft und der vielen Teilnehmenden eine beeindruckende Erfahrung.
Wie hat sich das Nachtleben seit eurer Gründung entwickelt?
Positiv verändert hat sich in jedem Fall das Bewusstsein für Awareness im Nachtleben und dass bei Booking mehr auf auf Diversität und Inklusion geachtet wird. Auch wenn da noch viel Luft nach oben ist. Eine große Herausforderung für uns ist, überhaupt Räume zu finden, die wir bespielen können. Günstige Off-Locations oder bespielbare Außenflächen sind sehr rar. Da wir non-profit organisiert sind und die Gewinne spenden, haben wir kein finanzielles Polster und jede Veranstaltung ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Clubszene befindet sich ja ohnehin in einer kritischen wirtschaftlichen Lage. Der Kostendruck in der Clubkultur bedroht die kulturelle Vielfalt, die Clubs kämpfen um ihre Existenz. Wir freuen uns daher über jede umsatzstarke Veranstaltung, die wir in einem Hamburger Club realisieren. Gern würden wir bei der musikalischen Kuratierung den Fokus noch mehr auf nicht so bekannte, lokale Künstler:innen legen, dem steht aber immer gegenüber, dass bekannte Headliner natürlich mehr Publikum ziehen. Wir bemühen uns da um eine gute Balance.
Was müsste sich als Erstes ändern, damit diese Herausforderungen angegangen werden?
Ich denke, dass strukturelle, rechtliche und wirtschaftliche Änderungen notwendig sind. Clubs als kulturelle Orte und in ihrer Relevanz anzuerkennen ist der erste Schritt. Änderungen im Baurecht, steuerliche Anpassungen, Schutz vor Verdrängung, gezielte Förderprogramme, clubfreundliche Stadtplanung und so weiter sind dann die nächsten. Für uns als Kollektiv wären kurzfristige und leichter zugängliche Möglichkeiten für subkulturelle Zwischennutzung von Leerstand und Freiflächen ein zentraler Aspekt.
Lina Behrs Rolle beim Kollektiv WACH
Welche Rolle hast du bei Kollektiv WACH?
Wir haben im Grunde keine fest zugewiesenen Aufgabenbereiche, aber natürlich ergibt sich in der Praxis eine gewisse Regelmäßigkeit. Hinter den Kulissen gehören zu meinen Aufgaben die Planung und Durchführung von Veranstaltungen sowie die Arbeit als Bookerin und die Artist-Care. Ich übernehme auch die Vertretung unserer kollektiv-internen Artists für externe Bookings. Auf der Bühne findet meine Arbeit hingegen nicht statt, ich bin das einzige Kollektiv-Mitglied, dass nicht auflegt.
Was macht für dich eine gute Türpolitik aus?
Eine gute Türpolitik ist eine diskriminierungssensible. Auf unseren Partys sind generell alle willkommen, die unsere Grundwerte teilen. Die Türsteher:innen werden entsprechend gebrieft und auch über unser Awareness-Konzept aufgeklärt. Wir bemühen uns zudem stets um diverses Türpersonal.
Welche Awareness-Maßnahmen setzt ihr konkret um?
Unser Awareness-Konzept umfasst die Ansprache an der Tür, Plakate, die am Einlass, auf den Toiletten und an den Bars hängen und ein Awareness-Team vor Ort. Wir richten bei jeder Veranstaltung außerdem einen klar definierten Rückzugsort ein. Alle unserer Mitglieder haben eine Awareness-Schulung besucht und wir setzen auch nur geschultes Personal ein.
Warum ist das notwendig?
Awareness-Konzepte sind eine Antwort auf reale Probleme. Als Veranstalter:innen tragen wir Verantwortung, denn Partys sind keine neutralen Orte und „Feiern“ ist nicht frei von Machtverhältnissen. Wir wollen aktiv Strukturen schaffen damit umzugehen und die Räume bewusst solidarisch und so sicher wie möglich zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um die Veranstaltung selbst, sondern auch um ihre Zugänge. So erleben Flinta*, BIPoC und/oder Menschen aus der LGBTQIA+ Community viele Teile des Nachtlebens oft als nicht sicher und/oder exkludierend. Wir stellen uns entschieden gegen jede Form von Diskriminierung und Grenzverletzung. Wir nehmen entsprechende Situationen ernst, unterstützen Betroffene und setzen unser Konzept auch konsequent durch.
Ich freue mich darauf, die Clubkultur weiterhin gemeinsam zukunftsfähig und lebendig zu stärken und weiterzuentwickeln.
Lina Behr
Du sagst, ihr spendet eure Gewinne. An wen?
Wir sammeln auf jeder Veranstaltung Spenden, für immer unterschiedliche Organisationen und Vereine. Wir nutzen die Veranstaltung, um über ihre Arbeit zu informieren und so ihre Reichweite zu vergrößern. Nach Abzug aller Kosten gehen Erlöse an die Organisationen. Wie wir Spenden generieren, hängt von der Struktur der Veranstaltung ab. Meistens sammeln wir die Spenden über den Eintritt und Solibeiträge. Für HateAid haben wir im Kontext unseres Showcase im Südpol auch Geld über einen Spendenpool sowie einen Tauschladen gesammelt.
In welche kulturellen oder politischen Bereiche wirkt ihr darüber hinaus?
Einige von uns sind hauptberuflich tätig im Bereich Stadtplanung, Nachhaltigkeit und Film. Natürlich wirkt die ehrenamtliche Tätigkeit im Kollektiv inhaltlich in alle Lebensbereiche.
Du bist kürzlich in den Vorstand des Clubkombinats gewählt worden. Was war deine Motivation dafür?
Das Clubkombinat macht so wichtige Arbeit. Als Veranstaltende sind auch wir zentrale Akteur:innen der Clubszene und ich freue mich darauf, die Clubkultur weiterhin gemeinsam zukunftsfähig und lebendig zu stärken und weiterzuentwickeln.
Zum Schluss: Wo finden eure nächsten Veranstaltungen statt?
Nach zwei großen und sehr wichtigen Veranstaltungen im Südpol und im Frappant gehen wir jetzt ein paar Wochen in die Sommer-Festival-Pause. Aber am 29.8.2026 sind wir gemeinsam mit der Legga-Crew beim Demorave mit einem eigenen Wagen dabei und freuen uns schon sehr! Alle weiteren Infos zu kommenden Veranstaltungen findet ihr bei uns im Telegramkanal.
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 06/26 erschienen.

