Das JazzHall Festival: Alle Facetten des Jazz 

Es ist wieder so weit. Der Sommer ist da und eine Reihe von musikalischen Open Airs stehen auf dem Hamburger Sommerprogramm. Ein besonderes Highlight soll auch in diesem Jahr wieder das JazzHall SummerFestival werden. Neben lokalen Musikerinnen und Musikern kommen auch internationale Größen zusammen, um dem Sommer einen Soundtrack zu geben 
Die Front der reizvollen Architektur der JazzHall Halle lässt sich zum Garten hin öffnen. So zieht der Klang der Musik besonders an lauen Tagen weit nach Hamburg hinaus
Die Front der reizvollen Architektur der JazzHall Halle lässt sich zum Garten hin öffnen. So zieht der Klang der Musik besonders an lauen Tagen weit nach Hamburg hinaus (©JazzHall)

Die Musikstadt Hamburg blickt auf eine jahrhundertelange, schillernde Tradition zurück. Von den barocken Klängen eines Johannes Brahms über die ungestüme Energie der Beatles im Star-Club bis hin zur stilprägenden Hamburger ­Schule der 1990er-Jahre. Die Elbme­tropole war jeher ein Schmelztiegel für musikalische Revolutionen, ein Ort des Aufbruchs und des mutigen Experiments. Doch wer glaubt, diese kreative Energie gehöre der Vergangenheit an, irrt gewaltig. Derzeit erlebt die Stadt, abseits der großen Pop-Bühnen, eine Renaissance des modernen Jazz und der zeitgenössischen Klassik. Ein strahlender Mittelpunkt dieser Bewegung ist das renommierte JazzHall SummerFestival, das auch in diesem Jahr wieder die gesamte Bandbreite des Genres ­feiert. Das beliebte Festival bietet eine spannende und lebendige Mischung aus aufstrebenden jungen Talenten, Akteuren der lokalen Hamburger Jazz­szene und international gefeierten Größen. Mit seinem offenen Charakter lädt das Event sowohl langjährige Enthusiasten als auch neugierige Jazz-Neulinge zu einer gemeinsamen musikalischen Entdeckungsreise ein. Auf den spürbaren Brückenschlag zwischen intimer Club-Atmosphäre und großer Festivalkultur setzt das Konzept auch dieses Mal: Während an den Nachmittagen die gläserne Front der JazzHall zur Außenalster hin weit geöffnet wird, um der Stadt ein kostenloses Open-Air-Programm zu schenken, verwandelt sich der Konzertsaal an den Abenden in eine exklusive Bühne für hochkarätig besetzte Highlights.

Die Focus-Artists auf dem JazzHall

Im Zentrum stehen zwei Persönlichkeiten: Laila Nysten und Lucas Brum. Als offizielle Focus-Artists prägen sie das ­Festival. Ihre Biografien sind ­untrennbar mit der Hansestadt verbunden – genauer gesagt mit der renommierten Hochschule für Musik und Theater (HfMT) Hamburg.

Teil des JazzHall SummerFestival: Violinistin Laila Nysten (©Marie Krahl) 

Hier wird nicht nur technisches Perfektionswissen vermittelt, sondern vor allem die Freiheit gelehrt, eine eigene künstlerische Stimme zu finden. Genau diese Freiheit zeigt das Schaffen von Laila Nysten. Die Violinistin hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der spannendsten Akteurinnen an der Schnittstelle zwischen klassischer Virtuosität, improvisiertem Jazz und experimentellen Klanglandschaften entwickelt. Die Violine, im traditionellen Jazz oft zu Unrecht an den Rand gedrängt, wird unter ihren Händen zu einem erzählenden, ­beinahe magischen Instrument. Nysten meidet die ausgetretenen Pfade des reinen Virtuosentums.

Lucas Brum studierte an der HfMT. Er versteht es, die unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente miteinander zu verweben, ohne dass die essenzielle Leichtigkeit des Jazz verloren geht (©Björn Buddenbohm)

Lucas Brum, dessen Schwerpunkt auf der Gitarre und der Komposition liegt, hat ebenfalls die Lehre der HfMT durchlaufen. Als Gitarrist ­meidet er die klischeehaften Phrasen des Genres. Sein Ton ist warm, klar und von einer anmutenden Weite geprägt. Doch es ist vor allem seine Rolle als Komponist, die aufhorchen lässt. Brums Arrangements sind komplexe ­Werke aus Klang. Er versteht es, die unterschiedlichen Klang­farben der Instrumente so miteinander zu verweben, dass orchestrale Dichte entsteht, ohne dass die essenzielle Leichtigkeit des Jazz verloren geht. Dass Nysten und Brum nun als Focus-Artists beim SummerFestival dabei sind, ist ein starkes Statement für den Standort Hamburg. Es zeigt: Die Stadt muss ihre Genies nicht mehr nur aus Übersee ins Land bringen, sie bringt sie selbst hervor.

Milena Casado und Jeremy Pelt sind ebenfalls Teil des Jazz-Erlebnisses. Ihre Präsenz hebt das gesamte Vorhaben auf ein globales Niveau und schafft einen kreativen Kontrapunkt zu den Hamburger Musikerinnen und Musikern.

JazzHall mit Milena Casado und Jeremy Pelt 

Milena Casado, die spanische Trompeterin, Flügelhornistin und Komponistin, gilt in der Jazzszene derzeit als eine der gefragtesten Stimmen der neuen Generation. Aufgewachsen in Spanien und musikalisch sozialisiert am legendären Berklee College of Music in Boston, hat sie sich in Rekordzeit in die Herzen der Kritiker und des Pu­blikums gespielt. Casado bringt eine ganz eigene, fast schon ­lyrische Melancholie in das Programm. Ihr Trompetenton ist von einer seltenen Reinheit und Intimität – sie schreit nicht nach Aufmerksamkeit, sondern zieht das Publikum durch eine magnetische Leisestärke in ihren Bann. Ihre Kompositionen spiegeln eine tiefe Verbundenheit mit ihren europäischen Wurzeln wider, gepaart mit der rhythmischen Raffinesse des modernen New Yorker Jazz. Wenn Casado die Bühne betritt, wird spürbar, wie transatlantische Kulturgeschichte im Hier und Jetzt verhandelt wird.

Der US-amerikanische Jazz-Künstler Jeremy Pelt (©Eva Kapanadze)

Ein völlig anderer, aber nicht minder faszinierender Musiker ist Jeremy Pelt. Der US-Amerikaner ist kein Versprechen für die Zukunft mehr – er ist ein Titan des Hardbop und des zeitgenössischen Jazz. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Pelt die New Yorker Elite. Pelt besitzt eine technische Souveränität und eine physische Präsenz auf der Bühne, die ihresgleichen sucht. Sein Spiel ist druckvoll, geschmeidig und tief im Blues verwurzelt. Wer Pelt einmal live erlebt hat, weiß, was das Klischee vom „New York Sound“ wirklich bedeutet: Es ist die Energie der Großstadt, die schlaflosen Nächte Manhattans, übersetzt in messerscharfe Trompetenläufe. Pelts Teil­nahme an diesem Projekt ist ein Ritterschlag für alle Beteiligten. Er bringt die Reife und die raue Energie des amerikanischen Jazz-Erbes nach Hamburg.

Das Besondere an dieser Konstellation ist jedoch nicht nur das bloße Nebeneinanderstehen von großen Namen auf einem Plakat. Es ist die Vision, die dahintersteckt: Was passiert, wenn die akademische Neugier und die norddeutsche Frische von Nysten und Brum auf die weltläufige Eleganz von Casado und die urgewaltige Erfahrung eines Jeremy Pelt treffen? Es ist genau dieser Moment des Aufeinandertreffens, der den Kern des Jazz ausmacht. Jazz war nie eine statische Kunstform. Er lebt vom Austausch, vom gegenseitigen Zuhören und den unterschiedlichen Biografien und Traditionen.

Dieses Event setzt ein unüberhörbares Zeichen. Hier wird die Zukunft des Jazz geschrieben. Ein absolutes Muss für jede und jeden, der wissen will, wie die Musik von morgen im Jahr 2026 klingt.

Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 06/26 erschienen. 

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