Tom Sachs: Mission Control Center (MCC), 2007-2016; Space Program: Mars - Park Avenue Armory, New York, 2012 (Foto: Genevieve Hanson © Tom Sachs)

Deichtorhallen: Nie mehr ganz runterkommen!

Hochfliegend und doch „down to earth“: das Weltraum-Basislager des Tom Sachs in der Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen

Text: Karin Schulze

 

Der Einstieg in die fantastische Welt des Tom Sachs könnte gut zu Hause beginnen. Mit dem Gucken von „Ten Bullets“ – etwa auf Youtube. Wer den Film über die so lebensklugen wie abgedrehten Regeln für das Arbeiten im Studio des Künstlers mag, dem wird auch dessen detailreiche, vielschichtige und amüsante Ausstellung in den Deichtorhallen gefallen. Dort glaubt man sich in einen überdachten Weltraumbahnhof versetzt. Sachs’ Apparaturen formieren ein skurriles Narrativ: Eine Expedition bricht auf zum Asteroiden Vesta, um dort seltene Erden für die Handy-Produktion zu gewinnen, stößt dort aber auf einen Haufen Handyschrott. Davon künden ein sieben Meter hohes Landemodul, ein Kontrollzentrum mit zahllosen Bildschirmen und eine Tribüne mit „NASA“-Klappstühlen, die für Sachs’ Allzeit-Traum-Team reserviert sind: In der ersten Reihe würde die Bildhauerin Eva Hesse (1936–1970) sitzen – neben dem altägyptischen König Ramses.

 

Eine Welt aus Sperrholz, Heißkleber und mehr

 

Aber auch wer im „Indoktrinationszentrum“ Schrauben sortiert, kann Teil der Weltraummission werden und sich in einer MRT-artigen Apparatur den Geist vom Körper befreien lassen. Daneben eine dunkle Kammer. Hier kann man dem Golden Idol Reverenz erweisen, das der „Star Wars“-Figur Yoda ähnelt. Es soll aus dem Edelmetall bestehen, das aus den im Vesta-Boden entdeckten Handys extrahiert wurde.

Tom Sachs: Space Program Mars – Park Avenue Armory, New York, 2012 (Foto: Genevieve Hanson © Tom Sachs)

Tom Sachs: Space Program Mars – Park Avenue Armory, New York, 2012 (Foto: Genevieve Hanson © Tom Sachs)

Die wundersamen Apparaturen wurden von Sachs’ vielköpfigem Team in Downtown Manhattan zusammengeschraubt. Mit Sperrholz, Heißkleber, viel weißer und wenig bunter Farbe und einer Bricolage-Ästhetik, die das Gemachte offenlegt und dem Umschlag von Low und High als Ironie-Signal nützt: Eine Rakete ist zusammengesetzt aus Klopapier-Rollen. Ein aufklappbarer Werkstatt-Arbeitsplatz gleicht einem Flügelaltar. Und ein blühender japanischer Kirschbaum besteht aus Wattestäbchen, Tampons und Zahnbürsten. Dabei verschmilzt ein blasses Farbspektrum die Sachs’sche NASA-Variante mit dem weit gespannten, himmelartigen, Dach der Deichtorhallen-Architektur und lässt die Weltraum-Ambitionen versponnen aussehen, vielleicht schon ein wenig gestrig – vergeblich, aber schön.

Die ganze Installation ist durchwoben von Sachs’ fiktiver Privatmythologie. In ihr mischen sich abstruse und satirische Fiktionen mit berührender Lebensklugheit und wahnsinnig komischer Selbstironie, während allerhand Gegenwartstopoi gründlich durchgehäckselt werden: Technik- und Wissenschaftsbegeisterung, Medienskepsis, ökologische Fürsorge für den Heimatplaneten Erde, Expanisionskritik, die katholische Transsubstantiationslehre und DIY-Bastelei als Ermächtigungsstrategie.

 

Vieldeutigkeit und Ambivalenzen

 

Tom Sachs fasziniert mit seiner Installation „Tom Sachs: Space Program – Rare Earths “ in den Deichtorhallen (Foto: Julia Steinigeweg)

Tom Sachs fasziniert mit seiner Installation „Tom Sachs: Space Program – Rare Earths “ in den Deichtorhallen (Foto: Julia Steinigeweg)

Man kann aber auch fragen: Eine Hommage an die NASA-Weltraumeroberungspläne und dazu die Sorge um das Überleben des Planeten Erde – widerspricht sich das nicht grundlegend? Und mündet nicht zugleich die ganze Bastelarie – wie jedes großangelegte US-Entertainment-Business – in ein kommerzielles Merchandising, das auf der KünstlerWebsite Krawatten-Clips, die Lunar Excursion Module Lamp oder die (ausverkauften) NIKECraft Overshoes vertickt? Auf jeden Fall ist Sachs ein Bildhauer, der Vieldeutigkeit und Ambivalenzen skulptural zu inszenieren weiß. Das verrät schon der Titel der Ausstellung: Space Program: Rare Earths. Der „space“ ist sowohl der Weltraum wie der Raum den der Bildhauer gestaltet. Und in den „rare earths“ stecken sowohl die „seltenen Erden“ als auch der Verweis auf die planetarische Unwahrscheinlichkeit, Seltenheit und Schutzbedürftigkeit des Lebensraums Erde. Wer schauen und entdecken, aber auch abwägen und in kritische Distanz gehen will, wird viel Freude haben. Also: Einchecken, hochfliegen und vielleicht nie mehr ganz runterkommen!

Tom Sachs: Space Program – Rare Earths (Seltene Erden), Deichtorhallen, bis 10. April 2022


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