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Die Welt von Gestern: Severus Verlag feiert Jubiläum

Messen wurden abgesagt, Neuveröffentlichungen verschoben. Grund genug, die weite Welt des Vergangenen zu entdecken – zum Beispiel im Sortiment des Severus Verlags, der sein 10. Jubiläum feiert

Interview: Ulrich Thiele

 

Am 8. Mai 2010 wurde der Severus Verlag als Imprint der Bedey Media GmbH gegründet. Dennoch feiert er seinen 830. Geburtstag, wie er ironisch verkündet, denn in seinem Sortiment stehen auch mittelalterliche Werke wie die altbretonischen Liebes-Sagen „Die Lais der Marie de France“. Severus hat es sich zur Aufgabe gemacht, bekannte und vergessene Originaldokumente aus dem Fundus des letzten Jahrtausends in edlen Ausgaben neu zu verlegen. Eine bewusste Entscheidung „gegen den Trend der Zeit, Inhalte und Themen möglichst schnell und oberflächlich abzuhandeln“, wie es in der Selbstbeschreibung des Verlags heißt. Ein Gespräch mit Programmleiterin Anna Klöhn.

 

SZENE HAMBURG: Frau Klöhn, was bietet uns die literarische Welt von gestern?

Anna Klöhn: Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren. In alten Büchern können wir hautnah erfahren, wie sie lebten und die Welt beurteilten. Gerade aus heutiger Perspektive ist das ungeheuer spannend.

Inwiefern?

Wir können zum Beispiel in Rudolf Diesels Tagebuch ganz dicht an seinen Gedanken während der Erfindung des Dieselmotors sein. Auch das Thema Entschleunigung ist momentan ja in aller Munde – diesbezüglich können wir viel von dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen lesen und lernen. Er hat als erster Mensch Grönland durchquert und seine ganzen Forschungen in drei Bänden herausgebracht. Darin können wir Seite für Seite lesen, wie Menschen früher wochenlang und unter schwierigsten Bedingungen gereist sind.

Heute ist die Welt längst vermessen worden, wir können in wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent sein oder die Welt im Internet mit einem Klick durchreisen – was alles natürlich seinen Reiz hat, aber da fehlt das Ursprüngliche.

Welche alten Bücher sind besonders beliebt?

Kochbücher aus dem 19. Und 20. Jahrhundert haben seit zwei Jahren einen großen Anreiz bei unseren Lesern. Momentan kommt der Trend „Kochen und Backen wie zu Omas Zeiten“ wieder auf. 2016 haben wir angefangen, das Hamburger Kochbuch von Hulda Behnke aus dem Jahr 1923 neu aufzulegen – mit Hamburger Gerichten wie „Teufelstunke“ und „Rührei auf andere Art“.

 

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„Bücher sind Schätze“, sagt Anna Klöhn (Foto: Henry Be via Unsplash)

 

Ihre Neuauflagen sind sehr aufwendig. Wie gehen Sie vor – zum Beispiel bei Marx’ „Das Kapital“?

Das Besondere an unserer „Kapital“-Ausgabe ist, dass wir uns das Hamburger Original ausgesucht haben, also den allerersten Band. Wir besorgen uns die Bücher in der Regel selbst aus Antiquariaten und scannen sie ein. Wir haben ein Programm, mit dem die Frakturschrift dann übertragen wird. Anschließend überprüfen wir, was man an die heutige Rechtschreibung anpassen und was man so stehen lassen kann.

Im Hamburger Kochbuch gibt es zum Beispiel Mengenangaben, die es heute nicht mehr gibt. Das müssen wir in Fußnoten erläutern. Wenn das Lektorat durchgelaufen ist, gucken wir, wie wir die Bücher noch optisch aufwerten können – zum Beispiel durch eigens angefertigte Illustrationen wie in „Vegetarische Zeitreise“. Das ist unser Markensymbol: Wir geben uns große Mühe mit der Ausstattung der Bücher und füttern sie zusätzlich mit Bildmaterial. Und dann setzen wir sie ganz klassisch und entwerfen gleichzeitig ein passendes Cover.

Wie lange dauert das?

„Das Kapital“ ist natürlich sehr umfangreich, die Produktion hat entsprechend länger als normal gedauert. Bei einem Buch mit einem Umfang von 150 bis 300 Seiten dauert es zwischen drei und fünf Monaten, bis es auf den Markt kann. Was auch daran liegt, dass wir mehrere Projekte gleichzeitig betreuen.

Viele Ihrer Bücher haben Nischencharakter. Finden Sie trotzdem genug Leser?

Ja, auch Nischenthemen haben ihre Liebhaber. Außerdem achten wir immer auf anstehende Jubiläen, zu denen wir etwas beisteuern können. Gerade ein Schriftsteller wie Theodor Storm hat eine breite Leserschaft, die an Schmuckausgaben von Büchern interessiert ist, die es schon auf dem Markt gibt.

Wie entscheiden Sie, welche Jubiläen Sie aufgreifen und welche Sie auslassen?

Wir achten auf die Beliebtheit des Jubilars und oft auch auf den regionalen Hamburg-Bezug. Der Hamburger
Schriftsteller Wolfgang Borchert hatte auch gerade ein Jubiläum, zu dem Anlass haben wir seine bekanntesten Werke in liebevoller Gestaltung und aufeinander abgestimmten Ausgaben neu aufgelegt.

 

Ein anderes Leseerlebnis

 

Warum fokussieren Sie sich so stark auf die Haptik?

Unser Prinzip lautet: Bücher sind Schätze. Ich finde es sowieso spannend, antiquarische Bücher in der Hand zu halten, weil man ihnen ansieht, dass das Büchersetzen früher ein richtiges Handwerk war. Die Seiten wurden aufwendig mit Pergamentseiten dazwischen gestaltet. Oder es gab besondere Ledereinbände, was sich heute kein Verlag mehr leisten kann, weil die Kosten zu hoch sind. Wir streben an, diesen haptischen Reiz weiterhin zu erhalten – nur eben auf die heutige Zeit angepasst.

Legen Sie auch mal Bücher auf, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht groß rentieren werden?

Ja, mein persönliches Faible zum Beispiel: Kunstbände. Ich komme aus der Romanistik und habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Wir haben Bände über Auguste Rodin, Edgar Degas oder Worpswede neu aufgelegt, obwohl zum Jubiläum schon welche veröffentlicht wurden und wir nicht wussten, ob es sich finanziell lohnt, sie noch mal neu aufzulegen.

Aber gerade Bildbände bieten ganz viel Gestaltungsfreiraum, der einfach verlockend ist. Manchmal probieren wir auch Nischenthemen aus, ohne einschätzen zu können, wie gut sie ankommen. Vor ein paar Jahren haben wir Märchen aus aller Welt veröffentlicht, mit japanischen und altindischen Märchen. Viele kennen ja nur die gängigen Märchen der Brüder Grimm oder von Andersen und wir wollten den Blick erweitern.

Liest man schöne Bücher anders?

Ja, ich denke schon. Manche Titel, die besonderes Interesse erregen, bringen wir auch als E-Book heraus. Ich merke dabei immer, dass es ein enormer Unterschied ist, ob man Bücher digital oder analog liest. Selbst zwischen Paperback und Hardcover gibt es einen großen Unterschied. Das ist ein anderes Leseerlebnis.

Warum heißt Ihr Verlag eigentlich „Severus“, also übersetzt „ernst“ oder „streng“?

So fing es damals an. Ganz ursprünglich hatten wir eine Reichskanzlerserie, die wir inzwischen ein bisschen zurückgestellt haben. Der Schwerpunkt war früher historisch-politisch und der Verlagsname spielt auf den damaligen Tonus an. Die Auffächerung mit mehr Literatur, Kunstbänden und Biografien von Künstlern und Musikern im Programm, folgte erst später.

Zum 75. Todestag der Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz beleuchtet der Severus Verlag auf seiner Facebook-Seite die Werke der Künstlerin in einer digitalen Werkstatt


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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