SZENE HAMBURG: Die Linie 488 hat 19 Haltestellen. Wie oft fahren Sie die in einer Schicht?
Dusko Milanovic: Es sind verschiedene Schichten, die wir haben. Mit meinem Plan fahre ich 20 Runden.
Kennen Sie viele Ihrer Fahrgäste persönlich? Wie viele Generationen haben Sie schon gefahren?
Ich kenne die meisten persönlich. Das dürften mittlerweile drei, vier Generationen sein. Menschen aus der ersten Generation sterben leider fast jede zweite Woche. Das sind Leute mit über 80 Jahren. Und ich fahre zwei Damen, die über 100 sind. Die sind gut drauf und jeden Tag unterwegs. Es kommen natürlich immer Kinder nach. Die lernen den Busfahrer kennen und freuen sich. Da habe ich immer schöne Erlebnisse. Kürzlich stand ein Mädchen bei ihrem Vater und hat auf mich gedeutet: „Papi, der Busfahrer – das ist unser bester Freund.“ Der Vater kommt zu mir und sagt: „Haben Sie das mitbekommen?“ Ich sage: „Ich weiß das schon lange.“ (lacht)
Sie drehen Ihre Runden in Blankenese, eine der schickeren Ecken von Hamburg. Wie sind die Menschen hier so?
Man hört oft, die Blankeneser wären hochnäsig. Nein, falsch. Ich habe nie nettere Menschen kennengelernt als in Blankenese. Einfach stinknormale Leute, die zum Teil sehr wohlhabend sind. Deshalb sind die selbstverständlich vorsichtig von Anfang an. Und bis man da reinkommt und das Vertrauen bekommt, das dauert ein wenig. Mir erzählen die Leute viel, weil sie wissen, dass sie mir vertrauen können.
Wie hat sich Blankenese während der letzten 30 Jahre verändert?
Die älteren Blankeneser sterben aus. Jetzt kommen die Erben. Die sind manchmal büschen unnahbarer und in Teilen auch mal hochnäsig. Sie signalisieren: Wir sind wer. Wir haben was. Aber die werden schnell erzogen, wieder runterzukommen. Die Erziehung in Blankenese ist stark. Es gibt viele gute Vorbilder. Zum Beispiel Otto Waalkes. Er ist unser bester Freund. Es ist so normal, er fährt auch mit dem Bus. Meistens fährt er mit dem Fahrrad. Der Mann ist nett, bodenständig und zugänglich. Im Bus wollen die Leute immer Bilder mit ihm machen – er macht alles mit.
Dusko Milanovic ist für all seine Gäste eine Vertrauensperson
Wird’s im Sommer eng im Bus, wenn die Touristen kommen?
Ich sag mal so: Wir würden gern größere Busse haben. Mit denen kommen wir nur leider nicht durchs Treppenviertel (lacht). Aber im Ernst: Mit unserem Zehn-Minuten-Takt kriegen wir das hin. Im Sommer fahren wir viele Gäste aus der ganzen Welt. Blankenese ist ein Pflichtbesuch, wenn man nach Hamburg kommt.
Sie sind eigentlich Geschichtslehrer. Helfen pädagogische Vorkenntnisse als Busfahrer?
Die Kinder im Bus erzählen mir von ihren Noten, bevor es die Eltern erfahren (lacht). Ich habe ein kleines Mädchen, das hat jetzt Abitur gemacht mit 1+! Ich kenn Mama und Papa schon ganz lange, ihre fünf Kinder sind bei mir im Bus aufgewachsen. Da sagt die Mutter: „Die wollte ihre Abiturnote erst mal dir erzählen. Und dann uns!“ Ich spreche mit den Kindern über die Schule, versuche sie aufzubauen, wenn sie Arbeiten haben. Sie kommen zu mir und sagen: „Ich muss heute Mathe schreiben.“ Dann sage ich: „Bist du zufrieden? Wenn du zufrieden bist, wirst du es gut machen.“ Für diese Aufbaugeschichte sind sie dankbar. Ich habe als ausgebildeter Lehrer ein pädagogisches Verständnis, um mit den jungen Leuten umzugehen. Sie so zu nehmen, wie sie sind. Deshalb schätzen mich die Kinder.
Wie sind Sie zum Fahrer der Bergziege geworden?
Ich bin in den 90ern aus Serbien hergekommen. Ich bin Schlagzeuger und Sänger, war mit meiner Band auf Tour. Ich habe überall gespielt: Österreich, Italien, sechs Monate in Australien. Dann kamen die Kriegsvorbereitungen zwischen Serbien und Kroatien. Ich habe nur jugoslawische Musik gespielt. Das ging nicht mehr. Ich wollte zwei, drei Jahre übergangsweise als Busfahrer arbeiten, bis sich das in Jugoslawien beruhigt hat. Ich habe damals gerade meine CD vorbereitet, die Produktion schon angezahlt, plötzlich ging alles kaputt. Dann habe ich bei der Pinneberger Verkehrsgesellschaft (PVG) angefangen, die später mit den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein (VHH) fusioniert hat. Kinder, Familie kamen dazu und ich bin hier geblieben. Es war eine harte Arbeit damals bei der PVG, aber es hat Spaß gemacht.
Über enge Gassen und abgefahrene Rückspiegel
Was war hart an der Arbeit?
Wir wurden – anders als heute – bei der PVG nach Kilometer bezahlt. Wenn wir eine Tour nicht leisten konnten, gab’s weniger Geld. Ich war Bereitschaft und machte das gut. So kam ich zur Bergziege und da bin ich dann auch geblieben. Das war gar nicht so leicht. Vor 30 Jahren wurde es nicht gern gesehen, wenn man als Ausländer die Bergziege fahren wollte. Natürlich nicht offiziell, das wäre ja diskriminierend gewesen. Aber in Gesprächen wurde mir vermittelt, dass das in Blankenese schwierig wäre. Mann, war ich sauer. Ich habe gesagt: „Leute, entweder ich fahre die Bergziege oder ich schalte den Anwalt ein!“ So bin ich reingekommen.
Die Straßen auf Ihrer Linie sind eng. Geht da auch mal ein Rückspiegel mit?
Manchmal passt nur ein Geldstück zwischen meinen Bus und die parkenden Autos. In den vielen, vielen Jahren habe ich drei oder vier Spiegel verloren. Neben zwei oder drei harmlosen Blechschäden. Das geht schnell. Deshalb ist es wichtig, erfahrene Fahrer auf der Strecke zu haben. Nur so schafft man die Pläne. Neue Kollegen fahren immer langsam. Man muss aber zügig und vorausschauend fahren können. Ich persönlich kann eine Mücke sehen, die 100 Meter vor dem Bus fliegt, so eine Konzentration habe ich. Am Ende der Strecke haben wir die Treppen. Da kann jederzeit jemand rauslaufen. Man muss einen Riecher haben, vorsichtig sein. In Blankenese ist gesetzt, dass die Kinder zu Fuß zur Schule laufen. Und die sind dann da, die Kinder! Mit Fahrrädern, zwischen den Autos, hinter den Kurven, plötzlich mitten auf der Straße. Da muss man sich 200-prozentig konzentrieren.
Dusko Milanovic mag die Stille am Morgen
Was ist Ihre Lieblingsstelle auf der Strecke?
Morgens am Strand, wenn nichts los ist. Die Sonne scheint, du fährst den Bus mit zwei, drei Leuten drin – das macht Spaß. Blankenese als Arbeitsplatz ist anstrengend, aber schön. Auf einem großen Bus zu arbeiten, ist aus meiner Sicht langweilig. Da fahr ich auf eine Haltestelle, Tür auf, Tür zu und weg. In Blankenese ist immer was los. Ich bin ständig beschäftigt, stehe in einem anderen Kontakt mit den Fahrgästen als in einer Metrobuslinie. „Guten Morgen“, „Guten Tach“, „Moin Moin“, „Wie geht’s Ihnen“, „Wie lang haben Sie noch heute“, „Ich muss zum Zahnarzt heute“ – Gespräche gehören zu jeder der 20 Runden dazu. Bis auf morgens bin ich nie allein.
Fahren Sie auch mal einen Umweg, um zum Beispiel gebrechliche Leute direkt vor der Haustür abzuholen?
Neben der Linie haben wir die Häuser und Wohnungen der Leute, die mit uns fahren. Ich weiß, wo die wohnen und da halte ich an. Die brauchen gar nichts zu sagen. Als Busfahrer darf ich situationsabhängig entscheiden, ob ich außerhalb der Haltestelle kurz stehen bleibe. Wenn ein Fahrgast bittet, früher aussteigen zu dürfen, weil er gehbehindert ist, dann ist es an mir, ob ich das mache. Aber natürlich kann ich nicht mit dem Bus sonst wohin fahren. Wenn ich Zeit habe, helfe ich. Eine Dame steigt aus, die Tasche in der Hand, und ich sehe: fünf Treppen hoch, das geht nicht. Die schafft das nicht. Da stehst du als Mensch da und denkst: die halbe Minute. Dann Tür auf, Tasche hoch und dafür sind die Leute dankbar.
Was machen Sie, wenn Sie nicht Bus fahren?
Ich treibe Sport, mache Musik. Ich bin leidenschaftlicher Motorradfahrer. Mit meiner Harley Davidson Fat Boy habe ich dieses Jahr eine Tour gestartet durch Ex-Jugoslawien, Albanien und Griechenland, dann gings wieder zurück an die Arbeit. Ich bin dankbar, dass ich meinen Job in Blankenese machen kann.
Weitere Infos zu den Routen gibt es auf der VHH Website.
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 02/2025 erschienen.