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Große Empörung: Hermes Fulfilment entlässt Mitarbeiter

Die Otto Group entlässt im kommenden Jahr 840 Mitarbeiter ihres Tochterunternehmens Hermes Fulfilment in Bramfeld und stärkt die Standorte in Polen und Tschechien. Die Empörung ist groß, der Zeitpunkt ungünstig und die Politik beschwichtigt

Text: Marco Arellano Gomes

 

In der griechischen Mythologie gilt Hermes als Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute, und sogar – man höre und staune – der Diebe. Schutzgott der Logistik-Beschäftigten ist er hingegen nicht. Mitten in einer Zeit, in der es gilt, den Coronabedingten wirtschaftlichen und sozialen Härten durch Solidarität zu begegnen, gibt die Otto Group – eines der größten und einflussreichsten Unternehmen Hamburgs (Umsatz: 14,3 Milliarden Euro) – bekannt, dass 840 Mitarbeiter beim Tochterunternehmen Hermes Fulfilment in Bramfeld entlassen werden.

Also: alle. Ab kommendem Jahr werden die zurückgesendeten Waren aus Europa ausschließlich zu den Retourbetrieben in Lodz (Polen) und Pilsen (Tschechien) gefahren. Dort werden die Rücksendungen in Zukunft angenommen, ausgepackt, geprüft, gereinigt, eingepackt und weiterverkauft. Die Beschäftigten in Bramfeld hingegen verlieren im Herbst 2021 ihren Job. Für viele bedeutet das den direkten Übergang in die Arbeitslosigkeit. Die aus etwa 69 Nationen stammenden, überwiegend weiblichen Mitarbeiter fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Das ist Social Distancing der etwas anderen Art.

 

„20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“

 

Am Montag, den 14. September, elf Tage nach der Bekanntgabe der Entscheidung, gingen knapp 200 Mitarbeiter in ihrer Mittagspause mit gelben Warnwesten vor der Konzernzentrale auf die Straße, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie hielten Schilder hoch, auf denen Sätze zu lesen waren wie: „20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“, „Wie Müll entsorgt, danke Otto“, und „Otto – fand ich gut.“ Sie schlugen auf Trommeln und Plastikkübeln rhythmisch ihren Frust heraus. Auf die üblichen Trillerpfeifen wurde aufgrund der Maskenpflicht verzichtet.

Unter den Demonstrierenden war auch Dirk Schmidt, Betriebsratsvorsitzender bei Hermes Fulfilment: „Wir wollen ein Zeichen setzen und fordern den Vorstand der Otto Group auf, den Beschluss für das Aus des Retour- Betriebs in Hamburg zurückzunehmen.“, sagte er gegenüber dem NDR. „Die Otto Group spart jetzt richtig Geld, den Preis müssen wir, die alles mit aufgebaut haben, mit unseren Arbeitsplätzen bezahlen. Das passt nicht zu den Werten dieses Familienunternehmens. Tradition, Treue, Verbundenheit und Wertschätzung werden mit Füßen getreten.“

Heike Lattekamp, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Handel, pflichtet ihm bei: „Wir sind entsetzt und empört über das Verhalten des Unternehmens. Otto betont immer seine soziale Verantwortung. Davon ist jetzt nichts zu sehen. 840 Beschäftigte und ihre Familien sind in ihrer finanziellen Existenz bedroht.“ Die Mitarbeiter hatten seit 2006 Gehaltseinbußen in Höhe von zwölf Prozent hingenommen, um ihre Arbeitsplätze in Hamburg zu halten, erklärt Verdi in einer Mitteilung. Die nun verkündete Entscheidung fühle sich für die Betroffenen an wie eine unverschämte Retour-Kutsche.

 

Der Standort ist schon länger nicht rentabel

 

„Alle sind schockiert und traurig“, berichtet Olaf Brendel, Mitarbeiter bei Hermes Fulfilment, Mitglied im Hermes Europe Aufsichtsrat und bis vor Kurzem Vertreter der Arbeitnehmerschaft im Otto Aufsichtsrat. „Viele unter ihnen haben eine sehr lange Betriebszugehörigkeit. Fast die Hälfte der Belegschaft sei über fünfzig.“ Der Kommunikations-Chef der Otto Group, Thomas Voigt, verweist darauf, dass der Standort schon länger nicht mehr rentabel sei und alle namhaften Konkurrenten ihre Retouren in Osteuropa bearbeiten ließen. Es gehe darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konkurrenz im internationalen Onlinegeschäft sei beinhart.

Schon heute lasse Otto zwei Drittel aller Retouren nach Lodz und Pilsen senden. Der Zeitpunkt mag angesichts der Corona-bedingt guten Auftragslage zwar ungünstig erscheinen, aber Voigt weist darauf hin, dass das Plus an Aufträgen in den vergangenen Monaten auch zusätzliche Kosten verursacht habe und zeitlich begrenzt sei. Der Konzern rechnet damit, dass die Wirtschafts- krise sich bald negativ auf den privaten Konsum auswirken wird. Auf die Vorwürfe, unsozial zu sein, entgegnet der Kommunikations- Chef, dass es die Aufgabe eines Unternehmens sei, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“, so Voigt. Es scheint bloß keine Rolle mehr zu spielen, wo. Einen Sozialplan, mögliche Abfindungen, Optionen zur Weiterbeschäftigung und Vorruhestand-Regelungen für einige der Mitarbeiter könnten durchaus Teil der Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung sein. Voigt möchte da aber „nicht vorgreifen“. Die Otto Group bemühe sich selbstverständlich darum, die Folgen abzumildern, versichert er. Es klingt, als sei die Entscheidung selbst unverrückbar. Die „Bearbeitung retournierter Waren steht in einem ganz besonders intensiven Wettbewerbsumfeld“, heißt es in der Pressemitteilung der Otto Group.

Das mag stimmen, es stimmt bald aber auch für die 840 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich nach einem neuen Job umsehen werden müssen – mitten in einer Krise, mit Wirtschaftsprognosen, die milde formuliert bescheiden ausfallen. Viele Unternehmen haben derzeit geringen bis keinen Anreiz, Mitarbeiter einzustellen. Einem Großteil dürfte es nicht nur schwerfallen, sondern geradezu unmöglich sein, überhaupt eine Weiterbeschäftigung zu finden.

 

„Stück für Stück unsozialer“

 

Olaf Brendel hat wenig Verständnis für die Entscheidung: „Die Bearbeitung einer Retoure in Hamburg habe eine bis zu zwei Tage kürzere Laufzeit. Er sehe inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen Otto und Wettbewerbern wie Amazon und Zalando. Es zählt nur noch jeder gesparte Cent beim Personal. Ist das der Maßstab für das Familienunternehmen mit sozialer und ökologischer Tradition? „Vielleicht habe die Entscheidung mehr mit dem Verhältnis von Eigenkapitalquote und Verschuldung zu tun“, vermutet Brendel.

Das Portfolio sei viel zu spät gereinigt, Projekte im Ausland seien halbherzig und auf Schulden eingegangen worden – und sollen nun wohl durch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in Deutschland wieder wettgemacht werden. Der Konzern werde „Stück für Stück unsozialer“, so Brendel. Dann zitiert er eine Kollegin: „Werner Otto würde sich im Grab umdrehen.“ Sein Mandat im Aufsichtsrat habe er aus Protest an Dr. Michael Otto zurückgegeben. Dem Betriebsrat der Otto Group gehöre er nicht mehr an. Er wurde dort freigestellt. Er erkenne das Unternehmen nicht mehr wieder.

Auch die Politik meldet sich auf Anfrage von SZENE HAMBURG zu Wort: „Der Verlust von Arbeitsplätzen ist immer schmerzlich“, so Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. „Die Otto Group hat zugesagt, gemeinsam mit dem Betriebsrat die Folgen für die betroffenen Beschäftigten so gut wie möglich abzumildern und wird sich an diesem Versprechen auch messen lassen müssen.

Die Logistik-Initiative Hamburg hat mir zugesichert, die Otto Group und die Arbeitsagentur bei Bedarf mit ihren guten Unternehmenskontakten dabei zu unterstützen, die Beschäftigten in Anschlussbeschäftigungen zu vermitteln.“ Der Pressemitteilung vom 3. September ist zu entnehmen, dass der Vorstand der Otto Group und die Geschäftsführung von Hermes Fulfilment „die Entscheidung schweren Herzens getroffen“ hat. Ob dabei Tränen flossen, ist nicht überliefert. Kurz danach dürfte Hermes, der Götterbote, entsandt worden sein, um die Botschaft aus dem Olymp nach Bramfeld zu überbringen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es wird keine Retour mehr in Hamburg geben.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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