In „Heldin“ begleitete die Filmemacherin Petra Volpe eine Pflegerin (Leonie Benesch) eine ganze Nachtschicht lang und dramatisierte die zunehmende Anspannung und Überforderung innerhalb weniger Stunden. In „Nachbeben“ wählt die dänische Regisseurin Zinnini Elkington einen ähnlichen Blick auf den Krankenhausalltag, verknüpft jedoch die strukturellen Probleme mit zutiefst menschlichen und individuellen Entscheidungen, die das marode System einfordert und die einzelnen Menschen erschüttert. Alexandra (Özlem Sağlanmak) ist eine junge, erfahrene Neurologin, die keine Entscheidungen scheut, oftmals aus der Not und Personalmangel pragmatisch handelt und dabei nicht alle Formalitäten einhält. Als der 18-jährige Oliver (Jacob Spang Olsen) mit einem diffusen Kopfschmerz und einer Nackenstarre in die Klinik kommt, entlässt sie ihn schnell wieder. Unauffällig, lautet ihre Diagnose trotz Bedenken der Assistenzärztin Emilie (Mathilde Arcel F.). Doch noch in der Klinik bricht Oliver zusammen, wenig später steht fest: Es war eine Hirnblutung. Eine OP ist zu riskant, er fällt ins Koma – dann ist er tot. Und Alex merkt, dass sie einen Fehler gemacht hat.
Filmemacherin Elkington findet keine einfachen Antworten, sondern blättert die Strukturen, das Verschieben von Verantwortung, die Angst vor rechtlichen Konsequenzen und die Trauer der Eltern in intensiven und dabei oft ganz leisen Bildern ein, angetrieben von einem eindringlichen Score von Jenny Rossander. Sie skizziert Alex als empathische, routinierte, aber doch bestimmte Ärztin, die unter Anspannung ihr sympathisches Gesicht auch mal verliert, beschreibt eine Mutter (Trine Dyrholm), die zwischen Angst, Hoffnung und Wut schwankt – und offenbart damit ein System, das kaputt ist und alle Beteiligten an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Dabei brillieren die Hauptdarstellerin Özlem Sağlanmak und Trine Dyrholm mit ihrem intensiven, nuancierten Spiel, das die innere Zerrissenheit und Verzweiflung in jeder einzelnen Einstellung erlebbar macht.
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