Filmkritik: East Of Wall – The New West

Packendes Porträt weiblicher Resilenz als Kontrast zu Hollywoods Cowboy-Mythos
Ist ein Pferdemädchen: Tabatha Zimiga in „The New West“
Ist ein Pferdemädchen: Tabatha Zimiga in „The New West“ (©Pyramide Distribution)

„The New West“ durchbricht als semi-dokumentarisches Drama immer wieder die Absperrung zwischen Realität und Fiktion: Tabatha und Porshia Zimiga erzählen ihre eigene Geschichte. Und mit wenigen Ausnahmen sind die Darsteller Laienschauspieler und Betroffene zugleich. Regisseurin Kate Beecroft lebte drei Jahre auf der Ranch. In ihrem vielschichtigen Kinodebüt folgt sie der Tradition von Chloé Zhaos „The Rider“, verweigert sich den Stereotypen des Western, verzichtet manchmal bewusst auf Spannung oder Dramatik, um dann unerwartet umso härter zuzuschlagen. Und doch ist diese ungeschliffene Chronik dreier Generationen weiblichen Widerstands berührend, erschütternd auf eine raue, ungebärdige Art, die sich in die Landschaft einfügt. 

Pferdeflüsterin mit großem Herz

Filmplakat zu „East Of Wall – The New West“ (©
Stetson’s Kingdom, Station Road, Tanbark Pictures)

Manche sagen, sie wäre eine Hexe, aber niemand in den Badlands von South Dakota besitzt ein solches Gespür für Pferde wie Tabatha Zimiga. Die junge rebellische Rancherin mit dem kriegerisch anmutenden Haarschnitt kuriert selbst die aussichtslosesten Fälle. Sie vermag scheinbar unzähmbare Pferde zu zähmen, verkauft die Tiere später dann auf öffentlichen Auktionen und über Tiktok. Neben ihren eigenen Kindern und Mutter Tracy haben auf der maroden Farm auch Kids Unterschlupf gefunden, die von ihren Eltern vernachlässigt oder abgeschoben wurden. Reiten, das Arbeiten mit den Pferden, die Prärie und Rodeos sind nun ihre Welt. Sie gleichen einer verschworenen Gang: unberechenbar, furchtlos, doch voll verborgener Zärtlichkeit für einander. Ein Jahr ist vergangen seit dem Selbstmord von John, dem Ehemann von Tabatha. Sie erwähnt ihn mit keinem Wort, als hätte er nie existiert, trainiert die Pferde, kümmert sich um die schwer zu bändigenden Teenager, aber ist kein einziges Mal mehr selbst geritten. Mit aller Kraft kämpft sie ums Überleben der Ranch von Johns Vorfahren. Johns Tod steht wie eine unüberwindliche Mauer zwischen Tabatha und ihrer Tochter. Für die 17-jährige Porshia, Rodeo-Champion und Tiktok-Star, war er mehr als ein Stiefvater. Er lehrte sie so zu reiten, als würde ihr die Prärie gehören. Porshias raue Stimme aus dem Off erzählt von den Erosionen vergangener Zeiten, dem Entstehen jener unwirtlichen Landschaft mit ihren bizarren Felsformationen, der kargen Vegetation und wie sie ihre Bewohner prägt.  

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