Filmkritiken Oktober 2026

Der Oktober bringt eine Reihe neuer Filme in die Hamburger Kinos. Diesen Monat in den Kinos unter anderem „Hope“ von Na Hong-jin, „Alte Liebe“ von Andreas Dresen, „Lügen über meine Mutter“ von Aron Lehmann, „Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte“ von Volker Schlöndorff , „Die andere Seite“ von Mariko Minoguchi, und „Liebhaberinnen“ von Caroline Kax. Einblicke und Kritiken gibt es hier 
(© StudioCanal)

Hope: Dorfprolls und Overlords

(© Mubi)

Im südkoreanischen Küstenstädtchen Hope Harbor wird Polizeichef Bum-Seok (Hwang Jung-min) zu einem Notfall gerufen. Ein ausgewachsenes Rind liegt zerfetzt auf einem Feldweg am Stadtrand. Eine Gruppe Jäger machte den grausigen Fund. Deren Wortführer Sung-ki (Zo In-sung) vermutet, ein aus Sibirien eingewanderter Tiger könnte der Übeltäter sein. Er reitet mit seinen Kumpels in die umliegenden Wälder, um ihn aufzuspüren. Bum-Seok fährt zurück zur Polizeiwache. Der gefeierte Action-Regisseur Na Hong-jin („The Wailing“) etabliert schon früh zwei nicht sonderlich sympathische Helden, die nun eine ganze Weile separat demselben unheilvollen Phänomen nachspüren und sich erst zum Showdown dieses wahnwitzigen, mit fortlaufender Filmdauer immer krasser eskalierenden Monsterdramas wiederbegegnen werden. Zurück in der Stadt stellt Bum-Seok mit Grausen fest, dass sein Heimatstädtchen und viele seiner Einwohner mittlerweile ebenso grausig zugerichtet wurden wie der Bulle zu Beginn. Eine turbulente Monsterjagd beginnt, bei der Bum-Seok von seiner zupackenden Kollegin Sung-Ae (Ex-Model und „Squid Game“-Star Hoyeon) unterstützt wird. Beide heften sich an die Fersen der amoklaufenden Kreatur (milder Spoiler: kein Tiger). Während das Cop-Duo im Dienstwagen durch das verwinkelte Gassengewirr Hopes brettert, werden unzählige MG-Magazine leer geballert. Als sie der zerstörerischen Kreatur zum ersten Mal ansichtig werden, ist fast eine Stunde höchst unterhaltsamer Filmzeit vergangen. Parallel stößt die Jägerclique im Wald ebenfalls auf Spuren einer unheilvollen Bedrohung. Weitere spektakuläre Verfolgungsjagden, diesmal hoch zu Ross, sind unausweichlich. „Hope“ ist eine völlig überkandidelte Achterbahnfahrt voller unglaublicher Stunts und unvergesslicher Kreaturen. Wie im großen Finale sogar noch Hollywood-Größen wie Michael Fassbender und Alicia Vikander zum Einsatz kommen, sei hier erst mal verschwiegen. Wer Freude daran hat, sich fast drei Stunden lang in einen Kinositz zu krallen, komme, sehe und staune selbst! / Calle Claus

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Alte Liebe: Liebesfilm von Andreas Dresen

(© Pandora Film)

Harry (Joachim Król) und Lore (Dagmar Manzel) geht es wie vielen Paaren nach jahrzehntelanger Partnerschaft: Die Liebe ist einer mal mehr, mal weniger harmonischen und eingespielten Zweckgemeinschaft gewichen, in der jeder so sein Ding macht, die Entfremdung aber stetig zunimmt. Die verstärkt sich nach der Pensionierung Harrys, der sich vor allem seinem Garten widmet, gern ein Bier trinkt und ab und zu mal Golfen geht. Lore hingegen will noch etwas erleben, erinnert sich an ihre literarischen Ambitionen, während sie voller Leidenschaft „peinliche Lesungen“, wie Harry sie nennt, in der Bibliothek organisiert (amüsante Gastauftritte von Clemens Meyer und Christoph Hein). Irgendwann tauchen gleich drei Situationen mit hohem Konfliktpotenzial auf: Der politisch links stehende Harry will nicht zur Luxushochzeit seiner Tochter, Lore denkt an einen jungen Schriftsteller, zu dem sie einst amouröse Gefühle hatte, und sie entdeckt die Todesanzeige einer Frau, in die Harry einst verliebt war – schon während sie zusammen waren. Auch das reißt Wunden der Vergangenheit auf. Andreas Dresen erzählt – basierend auf dem Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder – mit viel Empathie für seine beiden Figuren von dieser Beziehung, beschreibt in kleinen Gesten und Szenen die noch immer bestehende Verbundenheit. Dabei ist vor allem Harry derjenige, der Lores Unzufriedenheit überhaupt nicht verstehen kann und immer wieder merkt, wie sehr er Lore doch liebt. Das klingt klischeehaft, ist aber so liebevoll und unaufdringlich inszeniert, dass sich so mancher in diesen Rollen wiederentdeckt. Dagmar Manzel und Joachim Król sind die ideale Besetzung für dieses Paar, das seine Liebe füreinander ein wenig vernachlässigt hat. Ausgerechnet die Hochzeit der Tochter bringt die beiden wieder näher zueinander. Das Ende dieser klugen, zart-ironischen Liebesgeschichte ist ein wenig erwartbar und entlässt das Publikum dennoch voller Zuneigung und Hoffnung. / Britta Schmeis

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Lügen über meine Mutter: Romanadaption über weibliches Empowerment

(© Tobis Film)

In Zeiten permanenter Selbstinszenierung und ständigen Vergleichens könnte man meinen, dass Bodyshaming ein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist. Doch das Streben nach einem vermeintlich perfekten Körper, der vor allem schlank sein muss, ist alles andere als neu. In den 80ern wurde die „Brigitte-Diät“ zu einem Synonym des Schlankheitswahns. Daniela Dröscher erzählt davon in ihrem autobiografisch geprägten Roman „Lügen über meine Mutter“, den Aron Lehmann nun nach einem Drehbuch von Rosalie Thomass verfilmt hat. Thomass spielt auch die Hauptrolle, nämlich die Enddreißigerin Cornelia, die in der westdeutschen Provinz den Ansprüchen der Gesellschaft (insbesondere hinsichtlich ihrer Körpermaße) und vor allem den Ansprüchen ihres Mannes Werner (Golo Euler) genügen will. Oder vielmehr: genügen muss. Werner fordert irgendwann sogar ein morgendliches Wiegen unter seiner Aufsicht. Lange vorher musste sie sich schon von ihm anhören, dass seine Beförderung daran gescheitert ist, dass er keine „vorzeigbare Frau“ habe. Ebenso wie der Roman erzählt Lehmann die Geschichte aus der Sicht der siebenjährigen Tochter Ela (Elise Lindner), die aus großen Augen und mit neugierigem Blick die Entwicklungen in ihrer Familie beobachtet und kommentiert. Mal schaut sie direkt in die Kamera, mal übernimmt die Kamera ihre subjektive Perspektive. Rosalie Thomass spielt diese Cornelia mit großer Stärke und ebensolcher Verletzlichkeit. Dabei geht es nicht nur um das perfekte Gewicht, sondern vor allem um Selbstbestimmung und Selbstachtung. Golo Euler verleiht dem schmierigen Werner, der einzig nach Status strebt, seine Frau kleinhält und sich nicht scheut, mit ihrem Geld eine protzige Villa und ein peinliches Luxusauto zu kaufen, ein beklemmend glaubwürdiges Profil. Dabei gelingt es Lehmann, niemals in Hoffnungslosigkeit zu versinken, sondern vielmehr eine Traurigkeit zu erzeugen, die zur Rebellion und zum Empowerment führt. Ohne Scheu präsentiert Thomass einen Körper, der nicht den Normen entspricht, und entwickelt eine Stärke, die einen beschwingt und gestärkt aus dem Kinosaal gehen lässt. / Britta Schmeis

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte: Chronik der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts

(© StudioCanal)

Ein Haus und seine Geschichte – erzählt über fast ein Jahrhundert. Unlängst hat Mascha Schilinski in ihrem vielfach ausgezeichneten Drama „In die Sonne schauen“ von einem Gutshof in der Altmark und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern über Jahrzehnte in einem geisterhaft verwobenen Erzählgeflecht erzählt. Auch Altmeister Volker Schlöndorff wählt zwei Häuser, hier an einem märkischen See, um fast ein ganzes Jahrhundert zu porträtieren. Doch während Schilinskis Figuren irgendwie miteinander verbunden waren, lässt Schlöndorff seine Charaktere nahezu völlig voneinander losgelöst und strikt chronologisch nacheinander die beiden Häuser bewohnen. Er beginnt mit dem Bauern Schulze (Detlev Buck), Anfang des 20. Jahrhunderts, und seiner Tochter Klara, die das Seegrundstück ursprünglich erben sollte. Doch als die schwanger wird, verkauft er es einem eitlen Berliner Architekten (Lars Eidinger), der eng mit den Nazis verbandelt ist und dort für seine neue, extravagante Frau (Susanne Wolff) bauen will. Auf dem Nebengrundstück errichtet ein jüdischer Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) ein kleines Badehaus für seine Familie. Sie wird das NS-Regime nicht überleben, und auch der Architekt wird nicht mehr lange das luxuriöse Haus bewohnen. Erst wird er eingezogen, dann versucht er sein Glück in der DDR und muss später in den Westen fliehen. Irgendwann zieht eine erfolgreiche kommunistische Schriftstellerin (Martina Gedeck) ein, deren Enkelin Marija (Maria Matschke) als Erzählerin fungiert. Nach der Wende verliert auch sie das Haus. Jenny Erpenbecks gleichnamiger Roman ist die Vorlage für dieses Drama, das mit würdevollem Pathos erzählt und elegant inszeniert ist – geisterhaft-melancholisch anmutend und oft auch beklemmend. Die Echos der Geschichte und wie diese die Leben der Menschen beeinflussen, bestimmen die Erzählung. Sie tauchen in dem Haus auf und verschwinden wieder – nur ein seltsam altersloser Gärtner (Wigand Witting) begleitet wie ein stummer Beobachter den kompletten Zeitraum. „Heimsuchung“ ist ein poetischer Film, der den Fokus auf die Kinder und Frauen richtet – wie sie der Geschichte und den Machenschaften der Männer ausgeliefert sind und sich doch zu behaupten wissen. / Britta Schmeis

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Die andere Seite: Survival-Drama aus Deutschland

(©X-Verleih)

Als Hanna (Nina Hoss) mitten in den Alpen auf einen verletzten Skifahrer trifft, ist die Erleichterung zunächst groß. Seine Rettung steht bevor. Plötzlich aber merkt der Verletzte, dass sich Hanna ihm nur vorsichtig nähert. Sie kann ihn nicht anfassen, denn sie ist mit einem tödlichen Virus infiziert. Die Stimmung kippt. Der Mann beschimpft sie: Sie solle bloß fernbleiben. Selbst als Hanna die Rettungsstation im Tal informiert, schafft sie es nur mit erhobener Waffe, wieder zu entkommen. Mariko Minoguchis zweiter Spielfilm erzählt von einer ansteckenden Krankheit, die sich in der Bevölkerung verbreitet. Infizierte werden ausgeschlossen, gehören nicht mehr dazu. Hanna lebt als Einzelkämpferin völlig zurückgezogen in der Wildnis, bis sie eines Tages Richtung Süden aufbricht, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. „Die andere Seite“ ist ein mutiges Survival-Drama, das an Vorbilder wie „The Road“ erinnert. Dabei zieht die ehemalige Ärztin von Station zu Station, macht unterschiedliche Bekanntschaften, und ist einer starken Stigmatisierung ausgesetzt. Der Film stellt die Frage, was mit Menschlichkeit in Krisensituationen passiert. Eine Situation, die unweigerlich Erinnerungen an die Corona-Pandemie weckt, aber auch Grenzgängerinnen, Grenzgänger und Geflüchtete repräsentiert. Die Gesellschaft ist wichtig und muss geschützt werden, so die Botschaft des Films. Wer sie gefährdet, kann kein Teil von ihr sein und wird ins Exil vertrieben – doch unsere Menschlichkeit dürfen wir auch in Krisensituationen nie verlieren. Eine simple Umarmung wird zur berührendsten Szene im Film. Die Überlebensangst ist Hanna jede Sekunde ins Gesicht geschrieben. Überhaupt ist die Kamera sehr nah an der Protagonistin. Jede Handlung, jede Mimik erhält durch das Schauspiel von Nina Hoss eine enorme Wucht. Ob bei tragischen Momenten wie der fatalen Begegnung mit einem Hund oder beim meditativen Biss in ein Stück Apfel – immer strahlt ihr Spiel diese Wucht aus. Ein Film, der die dunkle Seite menschlicher Ängste offenlegt und dennoch an der Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis festhält. / Kevin Gawlik

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Liebhaberinnen: Zeitgeistige Parabel auf den „Wert“ des weiblichen Körpers

(©Coin Film)

Elfriede Jelinek ist die wohl größte zeitgenössische Schriftstellerin aus Österreich. Nicht umsonst hat sie für ihren „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“ im Jahr 2004 den Literaturnobelpreis erhalten. Vor allem „Die Klavierspielerin“ hat sie so vor über 40 Jahren in die obersten Sphären der Literaturszene katapultiert. Mal abgesehen davon, dass sie regelmäßig auch fürs Theater schreibt, gab es zudem immer wieder Verfilmungen ihrer Bücher, zuletzt war das „Die Kinder der Toten“ im Jahr 2019. Und passend zu ihrem 80. Geburtstag am 20. Oktober kommt nun eine Adaption (oder vielmehr: Interpretation) von „Liebhaberinnen“ in die Kinos, inszeniert von Caroline Kox, genannt Koxi (sowie eine Woche später „Die Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger – mehr dazu in der nächsten Ausgabe). Die Hauptrollen darin spielen zwei Frauen: Da ist zum einen die Messehostess Brigitte (Johanna Wokalek), die erkennen muss, dass ihr „Marktwert“ als Frau mittleren Alters zunehmend geringer wird. Zum anderen ist da die deutlich jüngere Paula (Hannah Schiller), die alles daran setzt, irgendwie Internet-Fame zu erlangen und ihr komplettes Leben online verhandelt. Darauf wird irgendwann auch Brigitte aufmerksam und verfolgt mit steigender Obsession, wie es Paula gelingt, selbst aus den größten Nichtigkeiten des Lebens Kapital zu schlagen. Während Jelineks Buchvorlage, erschienen im Jahr 1975, eher als Sozialkritik am Klischee der damals erfolgreichen Heimatfilme zu verstehen war, hat Regisseurin Caroline Kox die Handlung bewusst in die moderne Social-Media-Ära verlegt und die ursprüngliche Nebenfigur der Paula als Influencerin weiter ins Zentrum gerückt. Grundsätzlich eine gute Idee, die den Film enorm zeitgeistig wirken lässt. Leider schaffen es beide Figuren im Verlauf der 98 Minuten nie so recht, Interesse an ihren Leben und ihren Problemen zu wecken – und das ist schade, sind ihre Herausforderungen „auf dem Papier“ doch vollkommen nachvollziehbar. Das trifft auch auf den sich durchziehenden Zynismus zu, der einen merkwürdig kalt lässt. Und das, obwohl ein Film wie „Liebhaberinnen“ wie gemacht zu sein scheint für diese Zeit und die gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen wir uns gerade befinden. / Daniel Schieferdecker

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf