Hamburger des Monats: Ziba Sharareh Ahghari

Ziba Sharareh Ahghari, Hamburgerin des Monats März, setzt sich für Menschenrechte ein, arbeitet als Kunst- und Kulturvermittlerin, ist Autorin, ausgebildete systemische Coachin sowie Trainerin in der Erwachsenenbildung. Ein Gespräch über viele Möglichkeiten des Engagements
Ziba Sharareh Ahghari ist Hamburgerin des Monats März. Sie setzt sich für Menschenrechte ein
Ziba Sharareh Ahghari ist Hamburgerin des Monats März. Sie setzt sich für Menschenrechte ein (©Amad Hamed)

SZENE HAMBURG: Ziba, du hast die Kundgebung „Solidarität mit den Demonstrierenden im Iran“ von Amnesty International in Hamburg initiiert. Wie kam es dazu?

Ziba Sharareh Ahghari: Als Iranerin war ich zutiefst betroffen, als ich die schrecklichen Nachrichten aus dem Iran hörte. Mir war klar, dass wir bei Amnesty schnell aktiv werden müssen. Deshalb habe ich mich unmittelbar an die Leitungsebene gewandt. Gleichzeitig war wichtig, selbst ins Handeln zu kommen und einen Ort zu schaffen, an dem Menschen ihre Solidarität zeigen und mit ihrer Trauer nicht allein bleiben. Ich glaube an die Kraft des Zusammenkommens. Mit meinem Coaching-Background will ich Räume schaffen, in denen sich Menschen mit all ihren Emotionen zeigen können. Deshalb habe ich die Kundgebung initiiert und gemeinsam mit einem engagierten Team organisiert, ohne dessen Unterstützung sie gar nicht möglich gewesen wäre.

Das war für dich die erste Aktion dieser Art. Gab es etwas, was dich überrascht hat?

Ich komme aus dem Eventbereich. Ich kenne den organisatorischen Aufwand großer Veranstaltungen wie zum Beispiel der Millerntor Gallery. Eine Kundgebung unter diesen emotionalen und politischen Umständen zu organisieren, war dennoch eine andere Dimension. Wichtig war mir, Frauen die Bühne zu geben, die mit klugen und kraftvollen Worten vielen Menschen aus dem Herzen sprechen. Positiv überrascht hat mich, wie hilfsbereit und solidarisch die Menschen um mich herum reagiert haben.

Wie unterstützt ihr noch die Bewegung im Iran?

Amnesty International engagiert sich seit vielen Jahren gegen die Todesstrafe im Iran und dokumentiert systematisch Menschenrechtsverletzungen. Auch aktuell recherchieren wir zu Tötungen und Hinrichtungen, veröffentlichen Berichte und informieren die Öffentlichkeit. Wir hier vor Ort organisieren unter anderem Unterschriftenaktionen, um Hinrichtungen zu verhindern, klären online und bei Veranstaltungen an Infoständen über die Situation auf und schaffen Räume, in denen Solidarität sichtbar wird.

Deine Eltern haben vor 35 Jahren aus politischen Gründen den Iran verlassen. Wie geht es dir angesichts der aktuellen Situation?

Es ist belastend und aufwühlend. Ich bin in der Hauptstadt Teheran geboren und bis zu meinem achten Lebensjahr dort aufgewachsen. Wie andere Exil-Iraner*innen versuch ich, meinen Alltag hier zu bewältigen. Aber unsere Gedanken sind ständig im Iran. Besonders schlimm war die Internetsperre: Viele Iraner*innen außerhalb des Landes wussten tagelang nicht, ob ihre Verwandten noch leben. Ich selbst habe zwar nur noch wenige Verwandte im Iran, aber einige waren gerade dort, um Familie zu besuchen. Wie bei vielen iranischen Familien ist auch meine über die ganze Welt verstreut. Was die Menschen vor Ort erleben mussten und weiterhin erleben, bricht mir das Herz.

Ziba Sharareh Ahghari: „Ungerechtigkeit oder das Ausgrenzen von Menschen kann ich nicht hinnehmen“

Was ist deine Motivation, dich zu engagieren?

Bei Amnesty sehe ich es als meine Verantwortung als Iranerin, mich für die Menschen im Iran und ihre Rechte einzusetzen. Allgemein möchte ich aktiv etwas verändern. Ungerechtigkeit oder das Ausgrenzen von Menschen kann ich nicht hinnehmen. Schon in der Schulzeit habe ich Mitschüler*innen, die ausgeschlossen wurden, in die Gruppe geholt, um ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl zu geben. Als migrantische und weibliche Person habe ich selbst Rassismus erlebt, teilweise sogar von Lehrer*innen. Migrantische Personen haben immer mit zusätzlichen Hürden zu kämpfen. Im letzten Jahr durfte ich Teil der Amnesty-Jury des Marler Medienpreis sein. Vier Monate lang habe ich viele Audiobeiträge gehört. In diesen Beiträgen wurden schreckliche Menschenrechtsverletzungen und Schicksale geschildert. Diese Erfahrung hat mich noch mehr darin bestärkt, mich für Menschenrechte einzusetzen.

Was sind deine Werte?

Ganz klar: Menschenrechte. Sie sind das Fundament. Nicht nur für Demokratie, sondern für ein gutes Miteinander. Wenn Menschenrechte nicht gelten, sieht man am Beispiel des Iran, wohin das führen kann. Es betrifft nicht nur Frauen und queere Personen, auch wenn sie besonders stark betroffen sind, sondern die Rechte von uns allen. Sie sorgen dafür, dass wir uns so begegnen, dass alle auf Augenhöhe sind. Ein Miteinander auf Augenhöhe ist das, was unsere Gesellschaft stark macht: Menschen müssen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, sonst gerät die Demokratie in Gefahr. Auch in Deutschland.

Menschenrechte sind das Fundament

Ziba Sharareh Ahghari

Wo bringst du deine Werte noch ein außer bei Amnesty?

Ich bringe meine Werte überall ein. Auch dort, wo ich arbeite. Als Kunst- und Kulturvermittlerin leite ich in verschiedenen Museen in Hamburg Führungen und Workshops. In der Hamburger Kunsthalle übersetze ich Inhalte von Führungen und Workshops auf Persisch für geflüchtete Menschen aus Iran und Afghanistan. Zugang zu Kunst und Kultur sowie kulturelle Teilhabe finde ich essenziell. Kunst und Kulturen aus allen Ländern sichtbar und repräsentiert sein – das liegt mir am Herzen. Wichtig ist mir auch, dass Menschen, die nicht privilegiert sind, ihre Geschichten teilen können und sich als Teil unserer Gesellschaft gesehen fühlen. So können wir Veränderung bewirken. Ein Beispiel ist das Projekt „Mein Hamburg“ des Museums für Hamburgische Geschichte. Dort bin ich Teil eines tollen und diversen Teams. Gemeinsam schaffen wir Räume, in denen Menschen mit migrantischen Biografien ihre Geschichten erzählen und öffentlich teilen können, wenn sie möchten. Außerdem bin ich in der Kommunalpolitik in Hamburg-Nord aktiv.

Du arbeitest mit unterschiedlichen Communitys. Spielt Sprache dabei eine besondere Rolle?

Total. Sprache ist Kommunikation und damit die Verbindung zwischen Menschen. Sie ist ein zentraler Schlüssel, um Menschen überhaupt Zugang zu ermöglichen sowie unsere Möglichkeit, uns auszudrücken. Je mehr Sprachen wir sprechen, desto besser können wir einander verstehen und desto mehr Worte haben wir, um unsere Emotionen zu beschreiben.

Geschichten aus dem Iran und Zukunftspläne 

Du schreibst neuerdings auch für ein Magazin.

Ja, für das kohero Magazin, das einen Schwerpunkt auf migrantische Perspektiven und interkulturellen Zusammenhalt hat. Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit und dafür, dass ich dort frei über alles schreiben darf, was mich interessiert und bewegt. Unter anderem über den Iran. Aber nicht nur politisch, sondern auch über innere Themen: Gefühle, Prägungen, Glaubenssätze, das Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen und kulturellen Räumen. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass jede Person ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Gründe hat. Migration ist nichts Einheitliches. Es gibt viele Erfahrungen, viele Blickwinkel.

Was steht als Nächstes an?

Im März finden die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ statt. Da bin ich eingeladen, eine Veranstaltung von Ibrahim Arslan, ein Überlebender des Brandanschlags von Mölln und Menschenrechtsaktivist, zu moderieren. Bei einer weiteren diskutiere ich als Podiumsgast gemeinsam mit ihm und Girja Harland „Die Möllner Briefe“. Ein Dokumentarfilm von Martina Priessner, der auch den Amnesty-Filmpreis erhalten hat.

Würdest du jedem Menschen empfehlen, sich gesellschaftlich zu engagieren?

Wenn die Möglichkeit besteht – auf jeden Fall. Ehrenamtliches Engagement kann unglaublich bereichernd sein: Man erlebt Gemeinschaft, Sinn und das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können. Gerade in einer Stadt wie Hamburg gibt es viele Initiativen und Bereiche, in denen Unterstützung gebraucht wird.

Gibt es auch Dinge am Ehrenamt, die du kritisch siehst?

Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und ernst zu nehmen. Gerade Menschen, die sehr empathisch sind, neigen dazu, viel zu geben. Deshalb sind Abgrenzung und Selbstfürsorge essenziell. Außerdem darf Ehrenamt nicht dauerhaft Aufgaben übernehmen, die eigentlich strukturell oder politisch gelöst werden müssten.

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