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Hamburger Hafen: Wellengänge

Was wäre Hamburg ohne sein „Tor zur Welt“? Aber was heißt das heute noch? Wie geht es dem Hafen? Einige Anmerkungen zu Kultur, Handel und Schifffahrt am Sehnsuchtsort aller Möwen und Wasserratten

Text: Marco Arellano Gomes
Fotos: Jérome Gerull

 

Zum Hamburger Hafen gehört eine Spezies, die jeder Welle entkommen ist, jeder Veränderung getrotzt und alle Zeiten überlebt hat: Nein, nicht die Matrosen, die betrunkenen Vagabunden oder die leichten Mädchen, die ihre Dienstleistungen in der „Freien und Handelsstadt Hamburg“ anbieten. Nein, gemeint ist: die Möwe. Jener prachtvolle, eigenwillige Vogel, dessen „Moin, Moin“-Geplapper schon von Weitem zu hören ist und klarmacht, dass man sich in Elbnähe befindet.

In gewisser Weise ist die gemeine Möwe ein Sinnbild dieser Stadt und ihrer Einwohner: nach außen hin eine weiße Weste, innen gierig, verdorben, lebenshungrig; mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend und doch bereit, jederzeit den Abflug zu machen. Möwen wissen, was sie am Hafen haben. Und auch die Hamburger wissen das. „Hamburg – Das Tor zur Welt“ – jener gebetsmühlenhaft wiederholte und zum Marketing-Slogan verkommene Ausspruch, prägte über einen langen Zeitraum das Selbstverständnis der Hansestadt. Aber gilt das noch? Ist der Hafen noch immer Ausgangs- und Anziehungspunkt der Stadt? Oder entwickelt er sich zu einer rein touristischen Kulisse? Ein Gang durch den Hafen ist für jeden Hamburger ein obligatorisches Ereignis, den Blick auf das funkelnde Wasser gerichtet, von besseren Tagen träumend.

 

Hafen-Kultur

 

Der Hafen hat eine unnachahmliche Wirkung und Bedeutung. Dessen ist sich auch Ellen Blumenstein bewusst, die sich 2017 dazu entschloss, eine schwierige Aufgabe anzunehmen: Mehr Kultur in die Hafen-City zu bringen. Die Kuratorin der stadteigenen HafenCity Hamburg GmbH fing furios an. Ihre erste Amtshandlung: Sie verpasste Hamburgs Hafenkulisse im November 2018 einen überdimensionalen Smiley, bestehend aus Neonröhren, in acht Meter Höhe auf der Kibbelstegbrücke.

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Foto: Tim Hufer via Unsplash

Das Besondere: Der Smiley gab die Stimmung der Passanten in Echtzeit wieder. Mal lachte der Smiley, mal verzog er das Gesicht. Es war der Auftakt einer Projektreihe, die Blumenstein „Imagine the City“ taufte und zum Ziel hat, Hamburgs jüngstem Stadtteil Kunst und Kultur näherzubringen – jenseits der Elphi, versteht sich.

Blumenstein möchte eine Auseinandersetzung mit dem Ort. Welche Rolle spielt der Mensch in diesem von Architektur, Freiräumen und Wasser geprägten neuen Stadtteil? Welche Bedeutung hat die HafenCity als historischer und zugleich moderner Teil des Hafens? Das will Blumenstein gemeinsam mit Einwohnern und Besuchern herausfinden, mittels des Unvorhergesehenen, des Ungeplanten, des Überraschenden. Der Smiley war erst der Anfang. Nun geht Blumenstein mit dem Projekt „THE GATE“ einen Schritt weiter und konfrontiert die Stadt mit der Frage, ob Hamburg überhaupt noch das „Tor zur Welt“ ist. Einwohner und Besucher haben die Möglichkeit, dies kreativ und pandemiekonform herauszufinden. „Kunst soll irritieren, aus dem Alltagstrott herausholen, neue Perspektiven aufzeigen und Sichtweisen einen Raum geben, die keine Lobby haben“, sagt Blumenstein der HafenCity Zeitung im April.

 

Hafen-Ökonomie

 

Apropos Lobby: Der Hafen ist noch immer ein großer wirtschaftlicher Faktor. 156.000 Arbeitsplätze sind hier angesiedelt. Der Containerumschlag stagniert zwar seit ein paar Jahren, aber auf hohem Niveau. Waren es 2019 noch 9,3 Millionen Standardcontainer (TEU), waren es im Coronajahr 2020 allerdings nur noch 8,5 Millionen. Ein Rückgang um 11,1 Prozent. Der niedrigste Wert seit 2010 (7,9 Millionen TEU). Umso verwunderlicher, dass die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) den Konzernumsatz auf 348,7 Millionen Euro (+ 3,9 Prozent) und das operative Konzernergebnis auf 46,3 Millionen Euro (+ 26,4 Prozent) erhöhen konnte, während EUROGATE Verluste verzeichnete. Experten warnen, dass Hamburg im internationalen Vergleich weiter zurückfallen könnte – trotz Elbvertiefung, die nach knapp 17 Jahren Vorlaufzeit umgesetzt wird, sodass riesige 400 Meter lange Frachter mit 20.000 Containern die Elbe passieren können.

 

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Hafenrundfahrten mit Barkassen und Fähren sind wieder möglich (Foto: Jérome Gerull)

 

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann sprach im Mai nach Verkündung der „Fahrrinnenanpassung“ von einem „guten Tag für den Hamburger Hafen, einen guten Tag für die deutsche Wirtschaft und last but not least einen guten Tag für die Umwelt“. Das ist mal eine Aussage. Die niederländischen Häfen Rotterdam und Antwerpen hängen Hamburg dennoch ab, sie vermarkten sich besser und seien für die Reedereien günstiger, erklärt unter anderem Jan Ninnemann, Logistik-Professor an der HSBA, in einem Interview mit der „Zeit“ vom Februar 2020. „Vielen Reedern ist der Hafen zu teuer und zu kompliziert“, fasst er darin die Lage zusammen.

Nur Reedereien freuen sich über volle Auftragsbücher. Die Nachfrage nach Containertransporten ist weltweit gestiegen, der Spritpreis gesunken. Allein Hapag- Lloyd verkündete einen Gewinn von 1,3 Milliarden Euro.

 

Hafen-Touren

 

Wer den Containerterminals nahekommen möchte, sollte eine Hafenrundfahrt in Erwägung ziehen oder alternativ eine Fahrt mit einer der HADAG-Fähren. Acht Linien verbinden die Landungsbrücken mit Neuhof (Linie 61), Finkenwerder (62), Teufelsbrück (64), Airbus-Anleger (68), Arningstraße (72), Ernst-August-Schleuse (73), Steinwerder (75) sowie Blankenese/ Cranz (HBEL). Fast zehn Millionen Fahrgäste werden von der HADAG pro Jahr transportiert. 26 Fähren sind hierzu im Einsatz. „Die HADAG ist ein klassisches ÖPNV-Unternehmen und zugleich wichtig für den Tourismus“, erklärt Vorstand Tobias Haack.

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Foto: HADAG

Seit drei Jahren leitet der studierte Schiffsbauingenieur aus dem Ruhrpott das Traditionsunternehmen. In Hamburg hatte er einst promoviert, dann zehn Jahre in Flensburg gearbeitet, unter anderem für die „Förde Reederei“. 2018 zog es ihn – nach einem Zwischenstopp in Seattle – nach Hamburg, zur HADAG. „Die Fähren haben eine immense Bedeutung. Jeder Hamburger kennt sie, ist das eine oder andere Mal schon damit gefahren.“

Die Linie 62 gilt als alternative Hafenrundfahrt für jene, die sich das Geplapper und ein paar Euro sparen wollen. Wer eine gültige HVV-Karte besitzt, darf ohne Aufschlag mitfahren. Auch die HADAG hatte im vergangenen Jahr Einbußen. Das Fahrgastaufkommen ging um etwa 40 Prozent zurück. Dennoch gab es „keine Kurzarbeit, keine Entlassungen, keine Covid-19-Infektionen“, sagt Haack, nicht ohne Stolz. Als Teil des öffentlichen Personennahverkehrs fuhren die Fähren weiter – mit allen Linien, volles Programm. Haack ist optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass die Situation sich in diesem Sommer wieder bessert und die Zahlen sich normalisieren.“ Vor Kurzem besuchte er den Eröffnungsgottesdienst des Hafengeburtstags im Michel. Die Stimmung war betrübt, aber nicht frei von Hoffnung. Haack findet es gut, dass der Hafengeburtstag digital stattfand, „aber den Hafen muss man schon sehen, hören, riechen und schmecken“. Am besten natürlich auf einer Fähre oder bei einer klassischen Hafenrundfahrt. Was sonst? Schließlich war es das 1888 gegründete Traditionsunternehmen, dass die klassische Hafenrundfahrt erfand. 1921, vor genau 100 Jahren, fuhr die erste Barkasse von den Landungsbrücken ab. In diesem Jahr sollte eigentlich die große Jubiläumsfeier stattfinden. Wann es mit der Hafenrundfahrt nun wieder losgeht, weiß auch Herr Haack noch nicht: „Das ist alles im Fluss.“

Es ist die wohl einzig wahre Prognose, die man auch für die Entwicklung des Hafens abgeben kann. An der Brücke 10 schnappt sich eine Möwe einige Zwiebelringe, die zuvor von einem Fischbrötchen gefallen sind. Sie schaut sich kurz um, eine Fähre legt mit Schwung ab, schippert vorbei, eine Welle klatscht gegen die Hafenkante, eine zweite, eine dritte. Die Möwe nimmt zwei, drei Schritte Anlauf und fliegt davon. Möwe müsste man sein.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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