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Hamburgerin des Monats: Angela Voß

Angela Voß wurde als Kind von ihrem Vater schwer misshandelt. Zu ihrem Ersatzelternhaus wurde die Fabrik in Ottensen, die seit 1971 neben Konzerten auch intensive Jugendarbeit betrieben hat. Angela hat ihre Erlebnisse in ihrer Biografie „Narben meiner Kindheit“ verarbeitet und unterstützt mit der „Mütterkurhilfe“ Familien in Problemsituationen

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Angela, du wurdest von deinem Vater seelisch und körperlich misshandelt. Warum war der so?

Angela Voß: Mein Vater war Hafenarbeiter und hatte eine Lungentuberkulose. Er wurde dadurch arbeitslos, hat dann gesoffen. Er war Alkoholiker und wurde im Suff extrem aggressiv. Das fing an, als ich acht war. Ein falsches Atmen, eine falsche Bewegung oder die reine Wut trieben meinen Vater an, sich immer an mir zu vergreifen. Ich lag sehr oft einfach im Bett, habe geschlafen, und der kam ohne Grund nachts in mein Kinderzimmer und hat mich schwer misshandelt.

Meine Mutter konnte mir nicht helfen, weil sie selbst ständig verprügelt wurde. Einmal war sie so blutüberströmt, dass ich sie nicht erkannt habe. Ich habe geschrien wie am Spieß. Diesen Blutkopf konnte ich jahrelang nicht vergessen.

Hat dein Vater nie wieder einen Job bekommen?

Nee. Durch seinen Suff auch nicht. Der ist schon vormittags zum Frühschoppen in die Kneipe. In Altona gab es früher ganz viele Säuferkneipen. Das Zeiss-Eck, das Weiße Ross, die Ente, Min Jung und wie die alle hießen. Da hat er sich gleich am Morgen hingesetzt und ging erst abends wieder raus. Und meine Mutter hatte drei Jobs. Die musste die finanziellen Löcher stopfen.

Haben Nachbarn, Lehrer, Freunde nichts von der häuslichen Gewalt mitbekommen?

Seine Kneipenleute wussten das, aber da hat nie jemand was zu gesagt! Mein Kinderarzt hätte es merken können, denn ich lutschte mit zwölf noch am Daumen. Er sagte, dass ich mir dadurch selbst Geborgenheit zufügen würde.

Geredet habe ich aber über die Misshandlungen mit niemanden, denn durch die ewigen Schläge war ich sehr schüchtern und habe kaum gesprochen. Einfach aus Angst, was falsch zu machen. Freunde hatte ich leider nie, denn die anderen Kinder haben mich gemieden. Eben weil mein Vater ein Säufer war.

Kannst du deinem Vater verzeihen?

Ich kann ihm seine Taten verzeihen. Aber dass ich mein Leben lang deswegen krank bin und meine eigenen Kinder auch leiden mussten, weil sie eine kranke Mama haben – das kann ich nicht verzeihen.

In welcher Form haben dich die Misshandlungen krank gemacht?

Ich habe dadurch eine Angststörung. Richtig krank wurde ich, als meine Kinder sechs und eineinhalb Jahre alt waren. Da habe ich eine Todesangststörung mit Panikattacken und Herzrhythmusstörungen bekommen. Das nennt man „Broken-Heart-Syndrom“. Die Ursache war, dass meine Große, die Sechsjährige, mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt hat, mein Unterbewusstsein getriggert hat.

Du warst früh auf dich selbst gestellt. Wie hast du dir geholfen?

Bergauf ging es, als ich mit neun Jahren von einem anderen Mädchen gehört habe, dass die in der Fabrik mit Kindern spielen. Dann bin ich da hin, und Katharina Dietrich, die Frau des Mitbegründers Horst Dietrich, hat mich gleich aufgenommen. Sie hat mir in meiner wichtigen Prägephase viel gezeigt.

Ich konnte Töpfern, Malen, Basteln, Baumhäuser bauen, Stelzen laufen, Tischtennis spielen, Schlagzeug spielen oder an der Nähmaschine nähen. Wir haben sogar Siebdruck gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Bei meinen Eltern habe ich nichts gelernt. Gar nichts. Katharina Dietrich hat mit Mitbegründer Denis Brudna das Buch „Die Fabrik“ rausgebracht. Darin wird beschrieben, wie intensiv Kinder- und Jugendarbeit betrieben wurde. Fabrikkinder erzählen in Interviews, wie die Fabrik sie gerettet hat.

Betreibt die Fabrik immer noch Jugendarbeit?

Nein. Ich habe denen mal eine Nachricht geschickt, dass die das wieder machen sollen. Aber sie meinten, wegen Corona bieten sie keine Kinder- und Jugendarbeit an. Aber gerade jetzt brauchen die Kinder die Fabrik. Sie machen wieder ihre Konzerte und Veranstaltungen, aber keine Kinder- und Jugendarbeit.

Die Fabrik hat sogar ein Außengelände mit Obst- und Gemüsegarten, wo in den Sommermonaten draußen alles gemacht wurde! Das könnte man gerade in der jetzigen Belastung gut nutzen. Nach meiner Meinung ist das dringend erforderlich!

„Es ist wunderbar, wenn sich eine Mama weinend bedankt“

Du bietest auch Hilfe an. Welche genau?

Ich habe vor 20 Jahren die Mütterkurhilfe gegründet. Ich helfe den Mamas, den wichtigen Stützpfeilern der Kinder, neue Kraft zu bekommen! Ich berate sie zum Thema Mutter-Kind-Kur. Da gibt es Schwerpunkte, wenn die Kinder selbst was haben wie ADHS oder die Mutter einen persönlichen Bedarf hat.

Mutter-Kind-Kuren sind dazu da, der Mama neue Kraft zu geben, damit sie ihr Kind gut begleiten kann. Die Grundidee stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Trümmerfrauen mit ihren Kindern waren irgendwann mal kraftlos. Um ihnen zu helfen, wurde 1945 das Müttergenesungswerk gegründet. Das wurde gesetzlich geschützt als verpflichtende Leistung. Aber die Krankenkassen lehnen ja trotzdem vieles ab. Ich helfe dann beim Ausfüllen der Unterlagen beim Antrag an die Krankenkassen. Falls eine Ablehnung kommt, schreib ich Widersprüche. Und das schon seit zwanzig Jahren. Meine Mama hat mich nie gelobt, aber alle Mamas von Deutschland. Das war immer mein Antrieb: neutral zu helfen, der Gesellschaft dienlich zu sein.

Was beinhaltet eine Kur?

Es gibt sportliche Komponenten, es gibt psychologische Gespräche oder Erziehungsgespräche, wenn man mit seinen Kindern nicht klarkommt. Wenn ein Kind ADS oder ADHS hat, kriegen die Mütter eine Schulung, wie sie zu Hause damit umgehen sollen. Es geht in der Mutter-Kind-Kur nicht darum, eine Krankheit zu heilen. Es geht um neue Kraft. Es ist wunderbar, wenn sich nach der Kur eine Mama weinend bei dir bedankt, weil sie zuerst von ihrer Krankenkasse abgelehnt worden ist. 

Unterstützt dich die Stadt Hamburg dabei?

Mich unterstützt keine Behörde, ich bekomme keine Fördermittel. Ich habe lediglich die Teilnahmeberechtigung am Hamburger Familientag durch die Behörde für Familie und Soziales erhalten. Da war ich 15 Jahre lang dabei. Jeder Teilnehmer konnte wählen, wie groß sein Stand ist und was er da macht. Ich hatte immer große Stände von sieben bis acht Metern, während die großen Träger wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) nur Stände mit einem Meter hatten.

Wir haben viele Firmen angeschrieben, ob sie uns was spenden würden für den Familientag. Und jede hat uns was gegeben: Ikea Schnelsen, Möbel Höffner, Schmidts Tivoli, Wildpark Schwarze Berge, Hagenbecks Tierpark, Alsterrundfahrt, Hafenrundfahrt, alle haben uns was geschickt. Dann haben wir ein Glücksrad gebaut und die Kinder haben zum Beispiel Freikarten für Hagenbeck gewonnen. Leider wurde mir dann verboten, so hochwertige Geschenke zu machen.

Du bist selbst Mutter. Wie hast du deine Kinder erzogen?

So locker und liebevoll, wie es in der Fabrik zuging, so locker und liebevoll habe ich meine Kinder erzogen. Wenn sie mal vom Spielen schmutzig nach Hause kamen, war mir das egal. Als sie klein waren, haben wir an der Bushaltestelle Gospel gesungen. Hauptsache, sie waren glücklich. Kleine Kinder sind wie eine Knospe. Die brauchen Liebe wie das Wasser, um sich zu entwickeln.

mutterkindkurklinik.de


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