Hat schon Tausende Igel gepflegt: Sigrun Goroncy; Foto: Markus Gölzer

Hamburgerin des Monats: „Igel sollen Wildtiere bleiben“

1998 gründete Sigrun Goroncy das Igelkomitee Hamburg e.V. mit 23 Mitgliedern. Heute hat der Verein 370 Mitglieder und Tausenden von Igeln das Leben gerettet. Ein Gespräch mit der Hamburgerin des Monats über Mähroboter, Igelnamen und lange Schlafphasen

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Was haben Igel, was andere Tiere nicht haben?

Sigrun Goroncy: Das ist ein außergewöhnlich liebreizendes Tier. Das ist das Besondere.

Haben Igel so etwas wie eine Persönlichkeit?

Auf alle Fälle. Jeder Igel ist anders. So wie auch wir Menschen.

Haben Sie auch einen Lieblingsigel?

Eigentlich nicht. Einen Igel, der zutraulich ist, findet man vielleicht besser als einen, der abwehrend ist. Weil er dann so hochschnuppert, während sich der andere nicht anfassen lässt. So hat jeder seine eigene Art.

Wie wird man zur Mutter solch stacheliger Gesellen?

Ich fand vor 45 Jahren meinen ersten Igel im Volkspark. Im Oktober 1976. Da ging das los. Der war bedürftig mit 180 Gramm. Ein ausgewachsener Igelmann sollte 800 Gramm wiegen. Der wäre nicht durch den Winter gekommen, wenn mein Mann und ich ihn nicht aufgenommen hätten. 1998 haben wir dann das Igelkomitee gegründet.

 

Das Igelkomitee

 

Was genau leistet das Igelkomitee?

Wenn wir einen Igel aufnehmen, dann wird er entsprechend versorgt. Also, im Hospital gesund gepflegt oder vorbereitet, damit er in den Winterschlaf verfallen kann. Dazu regeln wir die Temperatur im Abstand von drei Tagen um zwei Grad herab, sodass der Igel langsam in den Winterschlaf verfällt. Das dauert circa drei Wochen. Dann wird er ins Winterhaus gebracht. Da verbringt er seinen Winterschlaf bis zu den Eisheiligen im Mai. Insgesamt kann der Igel bis zu sechs Monaten schlafen.

Komplett ohne Nahrungsaufnahme?

Während dieser Zeit nimmt er nichts zu sich. Davor wird er angefüttert. Da nimmt er dann pro Tag zehn Gramm zu. Je mehr er sich dem Winterschlaf nähert, desto weniger frisst er. Kurz vor dem Winterschlaf gibt’s dann nur noch einen Klacks. Igelfutter kann sein: Katzen­-Dosen­futter ohne Soße, Geflügel, feine Haferflocken oder Igel­-Trockenfutter. Das Ganze wird dann gemischt und darf weder zu trocken noch zu klebrig sein. Futterreste auf der Igelnase verursachen Haarausfall und Pilzbefall.

 

Wenn der Igel Hilfe braucht

 

Wenn man einen verletzten Igel findet, kann man auch zu Ihnen kommen?

Wir nehmen nur verletzte oder untergewichtige Igel auf. Unterge­wichtige Igel haben im Oktober unter 200 Gramm, im November unter 300 und im Dezember unter 400. Das ist die Voraussetzung.

Was sind typische Verletzungen?

Wir haben viele verletzte Igel durch Hundebisse oder Gartengeräte wie Rasentrimmer. Neuerdings durch Mähroboter. Das ist das Schlimmste im Moment. Ich hatte kürzlich einen Igel, dem hat es oben am Kopf die Haut weggezogen. Ein anderer hatte alle Stacheln verloren.

Wie wurde der Igel behandelt?

Der bekam dann eine besondere 46-­Tage­-Kur. Der wird medizinisch behandelt, damit die Stacheln wieder nachwachsen können. Mit viel Mühe geht das dann. Nach drei Wochen brechen die neuen Stacheln durch die Haut, dann dauert es noch mal drei Wochen, bis er wieder ausgewildert werden kann. Es ist eine bestimmte Prozedur. Igel können auch Pilze haben. Da dauert die Behandlung auch recht lange. Wenn die Igel gelähmt sind, bekommen sie einen Vitamin B­-Kom­plex und Vitamin B12. Dann können sie nach sieben Tagen wieder laufen.

Wie lange sind Igel im Durchschnitt bei Ihnen?

Ungefähr drei Wochen. Aber wenn er sehr krank ist, eben mit einem Pilz, dann können das auch mal sechs Monate sein.

Wann kommt der Tierarzt ins Spiel?

Wenn der Igel ein Abszess hat. Oder ein gebrochenes Bein. Dann wird eine Röntgenaufnahme gemacht.

 

Der Igel und der Klimawandel

 

Ist die Klimaveränderung eine Gefahr für Igel?

Ich habe schon 2006 Auswirkungen der Klimaveränderung festgestellt. Die Igel nehmen wegen der längeren Warm­phasen später für den Winterschlaf zu. Sie sind eine gefährdete Spezies. Deshalb kostet es auch bis zu 50.000 Euro, wenn man ein Igelnest zerstört. Laut Naturschutzgesetz.

Können Sie sagen, wie viele Igel Sie schon gepflegt haben?

Tausende. Ich arbeite neben der Pflege auch wissenschaftlich mit Igeln. Ich habe eine bunte Liste, in der alles eingetragen wird. Jede Krankheit hat eine Nummer. Es ist alles nummerisch aufgebaut, was man dann gut verwen­ den kann. Unter anderem ist eine Spalte dabei, wo in welchem Stadtteil die Igel gefunden worden sind. Hamburg hat 104 Stadtteile, jeder Stadtteil hat seine Nummer. Diese Eintragungen flossen dann auch in den „Atlas der Säugetiere Hamburgs“. Da habe ich Unterlagen aus zehn Jahren zur Verfügung gestellt, zwei Studenten haben das ausgewertet. Dann wusste man, wo wie viele Igel sind. Das ganze Alstergebiet ist ein Gebiet mit sehr vielen Igeln.

Betreiben Sie noch weitere Aktivitäten?

Wir machen sehr viel. Im Wildpark Schwarze Berge haben wir 2009 einen Igellehrpfad gebaut. Da haben wir Möglichkeiten aufgezeigt, wie man in einem Garten Unterschlupf für Igel errichten kann, sodass er ein natur­ nahes Zuhause findet. Wir betreiben auch viel Öffentlichkeitsarbeit, haben Infostände. Wir sind überall da, wo es grün ist. Im Botanischen Garten in Flottbek sind wir jedes Jahr, im Botanischen Garten in Wandsbek oder im Landesbund der Gartenfreunde.

Wie viel Stunden pro Woche kümmern Sie sich um Igel?

Jeden Tag 20 Stunden.

 

Der wilde Igel

 

Geben Sie Ihren Schutzbefohlenen auch Namen?

Jeder Igel bekommt einen Namen und eine Nummer. Wir hatten Igel aus Ellerbeck, da hieß die Igelfrau Elli und der Mann Ello. Ist er aus Stellingen, heißt er Stello. Keine Menschennamen. Der Igel soll ein Wildtier bleiben.

Viele Tierbesitzer vermenschlichen ja ihre Tiere.

Ja, da gibt es genügend. Mit Namen eben, oder dass sie die Igel die ganze Zeit streicheln. Das ist Quatsch bei einem Wildtier. Wir machen ja auch das „Das aktuelle Igel­-Journal“. Da gibt es viele Anekdoten über den Umgang mit Igeln.

Zum Beispiel?

Eine Tierärztin hat immer an den Türrahmen ihrer Praxis geklopft. Da fragt die Igelfinderin: „Warum klopfen Sie denn immer an den Türrahmen?“ „Damit der Igel aus seiner Igelrolle rauskommt und ich ihm eine Spritze geben kann.“ Die Igelfinderin darauf: „Das ist doch genau das Gegenteil: Wenn Sie klopfen, kriegt er Angst und bleibt in der Rolle.“ Herrlich.

Wie kann ich meinen Garten igelfreundlich gestalten?

Indem man das Laub liegen lässt. Der Igel findet seine Nahrung unter dem Laub. Oder indem man einen Reisighaufen mit einer Höhlung darunter aufsetzt. Oder man nimmt einen Tannenbaum von Weihnachten. Eine Tanne hat ja verschiedene Etagen, wird von unten nach oben konisch immer schmäler. Die zerschneidet man dann, legt sie aufeinander mit etwas Laub dazwischen. So muss man den Tannenbaum nicht schreddern und hat ein Zuhause für viele Tiere. Unten für Igel, oben für den Zaunkönig oder für andere Vögel. Auch Käfer finden hier Unterschlupf. Für viele muss im Garten immer alles klar und aufgeräumt sein. Das ist unser Verderb. Deshalb werden die Igel irgendwann ausgestorben sein.

igelkomitee-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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