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„Das Tragen von natürlichem Haar wird als Empowerment empfunden“

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Abina Ntim will, dass Natural Hair „als Normalität gilt“ (©Anri Coza | Photography)

Abina Ntim treibt mit JONA curly hair care den selbstbewussten Umgang mit Afrohaar in Deutschland voran. Im Interview spricht sie über falsche Mythen, richtige Pflege und Natürlichkeit als Selbstermächtigung. Im Januar 2023 ist sie unsere Hamburgerin des Monats

SZENE HAMBURG: Abina, ist naturkrauses Haar ein politisches Statement?

Abina Ntim: Das muss jede/r für sich selbst beantworten. Mit einem Blick ins 15. Jahrhundert stellt man aber fest, dass in westafrikanischen Gesellschaften Haare eine supergroße Bedeutung hatten. Einige Bevölkerungsgruppen sind davon ausgegangen, dass sie über ihre Haare mit Gottheiten kommunizieren könnten. Du konntest den gesellschaftlichen Status an der Frisur erkennen. Im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels wurden den Menschen, den Sklaven, die Haare abrasiert. Sie wurden entmenschlicht.

In dieser Zeit ist die Gegenüberstellung entstanden: europäisch glattes Haar als vermeintlich schöneres Haar im Vergleich zu Afrohaar, das mit Schafwolle verglichen wurde. In den Sechzigern wurde der Afro von Anhängern des Black Power Movement getragen, um gegen dieses Schönheitsideal zu rebellieren. Afrohaare alleine sind nichts Politisches, aber die Geschichte und der gesellschaftliche Umgang lässt sie politisch werden.

„Bei der Pflege meiner Haare sind regelmäßig unter Tränen Kämme kaputtgegangen. Deshalb wurden meine Haare geglättet, seit ich klein war“
Abina Ntim von JONA curly hair care

Kann man sagen, dass die verbreitete Vorstellung von glattem beziehungsweise geglättetem Haar als Schönheitsideal eine Form von weißer Vorherrschaft ist?

Ich würde sagen, das Ergebnis davon. Wo du auf der Welt hingehst – die Vorstellung von glattem Haar als schönerem Haar ist allgegenwärtig. Das bezieht sich auch auf die Hautfarbe und den Hautton. Je heller, desto schöner. Auch als schwarze Person. Das spiegelt sich in sämtlichen Medien wieder: Es wird kommuniziert, dass es das Anstrebsame ist.

„Ich wollte meine Haare wieder“

Solange Knowles beschreibt in ihrem Song „Don’t Touch My Hair“ die Erfahrung schwarzer Frauen, dass Weiße ihre Haare einfach anfassen. Hast du auch diese Erfahrung gemacht?

Leider bin ich eine von ganz vielen. Die erste groß angelegte Studie zur Lebensrealität von schwarzen Menschen in Deutschland, der Afrozensus, hat ergeben, dass rund 90 Prozent der Befragten schon einmal ungefragt in die Haare gegriffen wurde. Das sind keine Einzelfälle, sondern Standard. Mir ist es auch passiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob du in Hamburg, Berlin oder auf dem Dorf lebst.

„Ich gebe Menschen Handwerkszeug an die Hand“
Abina Ntim von JONA curly hair care

Wann bist du auf das Thema gekommen und wie?

Ich bin 1988 in Hamburg geboren. Meine Mutter ist weiße Deutsche, mein Vater schwarzer Ghanaer. Bei der Pflege meiner Haare sind regelmäßig unter Tränen Kämme kaputtgegangen. Deshalb wurden meine Haare geglättet, seit ich klein war. 2011 sind sie ausgefallen. Ich wollte meine Haare wieder. Ich fing an, zu recherchieren, auf Deutsch zu googeln. Da gab es nichts. Irgendwann bin ich im US-amerikanischen Youtube-Kosmos gelandet und war fasziniert: Ich habe afroamerikanische Frauen gesehen mit geglätteten Haaren, die lang waren. Das kannte ich nicht. Je tiefer ich eingetaucht bin, desto faszinierter war ich von den geschichtlichen Hintergründen, der politischen Dimension. Irgendwann habe ich gesagt: Okay, ich will meine Haare natürlich tragen.

„Es war nicht mein Plan ein Produkt für Afrohaare auf den Markt zu bringen“

Du hast eine kulturanthropologische Masterarbeit dazu geschrieben.

Ich wollte, dass schwarze deutsche Menschen viel mehr im wissenschaftlichen Kontext Beachtung finden. Daher habe ich Natural Hair als Phänomen untersucht. Warum entscheiden sich Millionen Frauen dafür, ihre Haare natürlich zu tragen? Was ist ihre Motivation? Wie teilen sie ihr Wissen? Welches Selbstbild geht einher? Das ist oft ein ganzer Lebensstilwandel. Ich habe in New York, Hamburg und Bremen geforscht und herausgefunden, dass Natural Hair nicht für alle eine politische Einstellung ist. Es gibt gesundheitliche, ästhetische oder identitätsstärkende Gründe. Was alle verbindet: Bevor sie natural wurden, waren sie unzufrieden. Besonders hier in Deutschland. Ich habe herausgefunden, dass das Tragen von natürlichem Haar als Empowerment empfunden wurde.

„Bevor sie natural wurden, waren sie unzufrieden“
Abina Ntim von JONA curly hair care

Wie kam es zur Gründung von JONA curly hair care?

2016 habe ich angefangen, Workshops zu geben, seit 2018 unter dem Namen JONA. JONA steht für Join Our Natural Association. Durch das Feedback habe ich verstanden, wie die verschiedenen Haartypen funktionieren. Und dass das Selbstbild von den Leuten positiv gestärkt werden kann. Viele hatten den Mythos: Afrohaare können nicht wachsen. Solchen Irrglauben wollte ich aufklären. Ich war einfach frustriert über die Lage in Deutschland.

Du kannst nicht in die Drogerien gehen und dir eben mal Produkte kaufen, du kannst nicht eben zum Friseur gehen und dir die Haare schneiden lassen. Das wollte ich ändern. Als Kulturanthropologin war es nicht mein Plan, ein Produkt für Afrohaare auf den Markt zu bringen. Auch die Idee zu unseren Satin Caps ist aus dem Mangel entstanden. Die wenigen Schlafhauben, die es 2018 gab, waren qualitativ minderwertig. So habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Satin Caps zu entwerfen, welche die Haare nachts vor Haarbruch und Trockenheit schützen und dabei schön aussehen.

„Unsere eigenen Schönheitsideale sind von der weißen Mehrheitsgesellschaft geprägt“

In welcher Form empowerst du Menschen?

Ich gebe Menschen Handwerkszeug an die Hand, mit dem sie zu ihren eigenen Expert:innen werden können. Damit sie ein positives Körpergefühl haben, zu einem noch besseren Selbstbewusstsein kommen. Das ist Empowerment. Die Workshops finden in der Gruppe statt. Die Leute können sich a) über Ihre Erfahrung austauschen und b) merken sie dann auch, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.

Was ich dir eben erzählt habe, mit dem ungefragt in die Haare grapschen. Das ist wichtig, dass sie erkennen: Das liegt nicht an dir. Das ist ein strukturelles Problem. Wir sind in der weißen Mehrheitsgesellschaft, wir sind entsprechend sozialisiert, unsere eigenen persönlichen Schönheitsideale sind davon geprägt. So kann man lernen, dass man den eigenen Kindern positive Vorbilder an die Hand gibt. Bücher, Filme, in denen die sich auch optisch wiedererkennen.

„Bei der Haarberatung werden die Leute empowered und zu ihren eigenen Expert:innen“
Abina Ntim von JONA curly hair care

Du hast kürzlich mit JONA curly hair care dein neues Studio in Barmbek bezogen. Was erwartet Kund:innen bei deiner individuellen Haarberatung?

Eine angenehme Atmosphäre, gepaart mit Fachwissen – und das Gefühl, verstanden zu werden. Sie bekommen eine Beratung, bei der es nur um sie geht. Unsere Workshops finden in einem Gruppen-Setting statt, sodass Raum für Austausch geboten wird. Der Vorteil der individuellen Haarberatung ist, dass ich individuell auf die Einzelperson mit ihren Bedürfnissen eingehen kann. Bei der Haarberatung werden die Leute empowered und zu ihren eigenen Expert:innen. Sie kriegen eine Einführung in die Afrohaarpflege. Nach einer ausführlichen Haaranalyse bekommen die Kund:innen eine Haarpflegeroutine, die ganz individuell auf sie zugeschnitten ist. Sie kriegen Empfehlungen für Produkte, für Frisuren, für Friseure, können alle Fragen loswerden.

Ich will, dass Natural Hair als Normalität gilt

Als Natural-Hair-Expertin berätst du auch andere Firmen. Was genau machst du da?

Ich unterstütze Firmen bei der Produktentwicklung und der Produkttestung. Ich berate sie dahingehend, welchen Anforderungen das Produkt gerecht werden muss, das sie auf den Markt bringen möchten. Durch die Haarberatung habe ich einen Überblick darüber, was die Haare brauchen und was die Kund:innen wünschen. Ich biete eine Branding-Beratung an, sprich ich unterstütze die Firmen dabei, wie sie ihre Marken positionieren. Dazu unterstütze ich beim Casting von Werbespots, wenn es um die Auswahl der Models oder Influencer:innen geht. Ich habe schon für eine Haircare-Marke eine Regieanleitung am Set gemacht, „Okay pass auf, das Model sollte jetzt das und das sagen“ als Testimonial, damit das stimmig ist. Ich kenne meine Zielgruppe, weiß, was die machen.

Was ist das Ziel von JONA curly hair care?

Ich will Deutschland so weit vorantreiben, dass Natural Hair als Normalität gilt. Dass Friseur:innen lernen, mit Afrohaaren umzugehen. Dass sich die Friseurausbildung in Deutschland ändert. Und dass nicht nur an glatten Haaren gelernt wird. Insbesondere in der Arbeitswelt muss sich noch einiges tun: Hier wird auch in 2022 meinen Kundinnen, die Anwält:innen, Politiker:innen oder Bankangestellte sind, vermittelt, dass Natural Hair nicht professionell sei.

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