SZENE HAMBURG: Gratulation zum Georg Koppmann Preis, Johanna. Was bedeutet die Auszeichnung für dich?
Johanna Klier: Ich habe mich viele Jahre mit dem Projekt beworben. Ich freue mich natürlich sehr, dass es jetzt geklappt hat. Die Sternbrücke wird einfach verschwinden. Innerhalb des nächsten Jahres wird sie nicht mehr da sein. Für mich bedeutet die Auszeichnung, dass das Projekt zuvor vielleicht noch mal einen Aufschwung bekommt, neue Sichtbarkeit erfährt. Es ist schön, dass gewürdigt wird, dass ich daran schon seit sechs Jahren arbeite. Ich finde den Preis sehr passend für meine Arbeit. Ich denke, er ist aus der Idee entstanden, dass es heute kaum noch jemanden gibt, der eine Stadt systematisch dokumentiert wie Georg Koppmann das gemacht hat. Er hat im 19. Jahrhundert zum Beispiel die Hafenviertel fotografiert, die später für die Speicherstadt abgerissen wurden. Diese Fotos sind beeindruckend, weil sie zeigen, wie die Stadt einmal aussah und wie sie sich verändert hat. Vielleicht bleiben meine Fotos ja auch in so einer Tradition bestehen. Man kann sich später daran erinnern, wie es hier einmal aussah.
Was unterscheidet das Archiv Sternbrücke von einem klassischen Staatsarchiv?
Bei staatlichen Archiven werden oft nur bestimmte Seiten oder Ausschnitte gezeigt. Ich versuche, auch persönliche Ereignisse oder Dinge zu sammeln: wie Menschen an diesem Ort gelebt haben, wie sie ihn wahrgenommen haben, welche Erinnerungen sie damit verbinden. Ein Herr, der dort aufgewachsen ist, hat mir erzählt, dass diese Kreuzung früher ein Ort war, an dem es einfach alles gab. Man musste gar nicht in die Innenstadt fahren. Es gab ein Zeitungsgeschäft, eine Rahmenhandlung, ein Fotogeschäft, eine Apotheke – eigentlich den ganzen Einzelhandel. Das war die frühe Nachkriegszeit. Später hat sich das natürlich verändert.
Johanna Klier über das Archiv Sternbrücke
Besteht das Archiv ausschließlich aus Fotos oder auch aus anderem Material?
Ich habe zwei längere Gespräche geführt, die als Transkriptionen im Archiv vorliegen. Dann gibt es eine Arbeit mit dem Soundkünstler Manuel Gies. Die Idee war, die akustische Atmosphäre des Ortes zu dokumentieren, solange die Brücke noch steht. Außerdem finden sich im Archiv Zeichnungen, Fotos und sogar ein Plattencover von Jan Delay. 2023 starteten wir ein Projekt in unserer Ausstellung in der Galerie Kleefeld anlässlich des Hamburger Architektursommers: Die Künstlerin Simone Kessler und ich haben etwa zweihundert junge Bäume in Töpfe gepflanzt. Besucherinnen und Besucher konnten Patenschaften übernehmen und die Bäume mitnehmen, um sie einzupflanzen. Rund 30 dieser Bäume existieren noch. Ebenfalls im Archiv: Ziegelsteine, Fundstücke, Sachen, die ich selbst gefunden habe oder die Leute vorbeigebracht haben. Kleiner Aufruf an die Leser: Ich freue mich immer über neue Fundstücke oder Erinnerungen an das Areal Sternbrücke.
Gab es Material, das dich besonders überrascht hat?
Mich überraschen bis heute immer wieder Fotos, die plötzlich auftauchen. Es gibt außerdem ein Plakat – eine große Luftaufnahme von oben – die wir in der Ausstellung auf einen Tisch gelegt haben. Besucherinnen und Besucher konnten darauf einzeichnen oder aufschreiben, was wo war. Ich mag dieses Ausstellungsstück sehr gerne, weil ich vorher nicht wusste, in welche Richtung sich das entwickeln würde. Am Ende standen dort ganz viele unterschiedliche Dinge: Erinnerungen an Orte, Beschreibungen der Atmosphäre, auch assoziative Notizen. Manche Leute haben markiert, wo sie sich immer getroffen haben oder wo Ereignisse passiert sind.
Johanna Klier: Die Besonderheiten der Sternbrücke
Was ist dein Lieblingsdetail an der Sternbrücke?
Am meisten geprägt hat mich die Atmosphäre des Ortes – besonders abends. Unter der Brücke gab es dieses orangefarbene Licht, zusammen mit dem Ampellicht. Als die Clubs noch geöffnet hatten, standen dort immer Leute, es lief Musik, und die Astrastube hat geleuchtet. Das klingt vielleicht klischeehaft, aber ich mochte auch sehr den Blick aus der Astrastube auf die Kreuzung am Abend. Tagsüber war der Ort unscheinbar. Abends wurde er zur Bühne. Das fand ich immer sehr schön.
Warum wird die Brücke abgerissen, obwohl sie unter Denkmalschutz steht?
Ich gehe von einer wirtschaftlichen Entscheidung aus. Wenn die Bahn eine Brücke saniert, muss sie die Kosten selbst tragen. Beim Abriss und Neubau wird dagegen etwa die Hälfte vom Bund bezahlt, weil es sich um Verkehrswege handelt. Es ist generell ein Problem in Hamburg, dass denkmalgeschützte Objekte häufig abgerissen werden. Es ist paradox: Auf einmal vertritt ausgerechnet die CDU die Position gegen den Abriss, während SPD und Grüne das Projekt durchboxen. Im Grunde wird nach einem Verkehrsplanungskonzept aus den 1960er-Jahren gebaut. Die neue Brücke soll stützenfrei sein, weil das damalige Verkehrskonzept vorsah, dass man die Straße verbreitert. Problem: Die Straße vor und hinter der Brücke lässt sich heute nicht mehr verbreitern. Unter der Brücke verlaufen vier Fahrspuren plus Radwege, davor und danach aber nicht. Der Verkehr kommt schneller durch die Brücke, aber danach müssen sich die Autos wieder einfädeln. Dieses alte Verkehrskonzept lässt sich nicht mehr umsetzen. Trotzdem wird die Brücke nach diesen Vorgaben gebaut. Das finde ich absurd.
Mich interessieren Stadträume und wie sie sich verändern.
Johanna Klier
Die Initiative Sternbrücke hat sich kreativ gegen den Abriss eingesetzt. Warst du Teil davon?
Es ist es wichtig, diesen städtischen Raum und seinen Wandel zu dokumentieren. Ich bin mit einigen Leuten aus der Initiative befreundet. Sie war Teil der Ausstellung, ich war bei einigen der Kreiselkonzerte und finde das eine sehr engagierte Gruppe von Anwohnerinnen und Anwohnern. Sie setzen sich seit über sechs Jahren für dieses Thema ein. Davor habe ich super großen Respekt.
Du bist Architekturfotografin mit Schwerpunkt Stadtentwicklung. Was fasziniert dich am Thema?
Mich interessieren Stadträume und wie sie sich verändern. Städte verändern sich ständig: Nutzungen ändern sich, Gebäude werden abgerissen, neue gebaut. Ich habe zum Beispiel sieben Jahre lang die Große Bergstraße fotografisch dokumentiert. Dort konnte man deutlich sehen, wie sich ein Raum verändert, der bewusst neu geplant wurde. Mich hat interessiert, ob diese versprochene bessere Nutzung wirklich eintritt. Teilweise hat das funktioniert. Aber die Mieten sind sehr hoch. Deshalb gibt es eine große Fluktuation bei den Geschäften, viele Ketten sind eingezogen. Diese Vereinheitlichung von Einkaufsstraßen sieht man nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
2023 meintest du im SZENE-Gespräch mit der Kollegin Stertzenbach, das Besondere an der Sternbrücke sei gar nicht so richtig greifbar, eher ein Gefühl. Wie ist dein Gefühl heute?
Was ich als „Gefühl“ beschrieben habe, meinte ich eigentlich als Atmosphäre. Diese Atmosphäre gibt es nicht mehr. Alles ist vernagelt, dunkel, der Ort ist zu einem unwirtlichen Durchgangsort geworden. Die großen Stützen der Kabeltrasse stehen direkt am Radweg, alles ist blockiert. Gestern war ich noch einmal dort und habe fotografiert. Es fühlt sich sehr surreal an, auch mit den gefällten Bäumen. Es ist einfach traurig. Das verändert das ganze Raumgefühl. Deshalb finde ich es wichtig, solche Entwicklungen zu dokumentieren. Auch die Konflikte dahinter. Die Initiative Sternbrücke hat sich jahrelang gegen den Abriss engagiert, hatte aber keine Chance gegen Stadt und Bahnkonzern. Genau solche Geschichten verschwinden oft aus der offiziellen Erzählung. Deshalb sollte das Archiv nicht nur meine Fotos zeigen, sondern verschiedene Perspektiven zusammenbringen – und so dokumentieren, was dieser Ort war und was dort passiert ist.
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 04/26 erschienen.

