20 Jahre ehrenamtlich engagiert: Anne Krüger-Vonderau (Foto: Markus Gölzer)

Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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