„Ich habe gelernt, dass der Mensch eine wandelnde Säule ist“: Monty (Foto: Markus Gölzer)

„Zu viel Toleranz kann gefährlich sein“

Die Hamburgerin des Monats Monty produziert urbane Kleidung mit integriertem Denkanstoß. Ein Gespräch über Worte, Werte und eigene Wege

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Monty, auf jedem Produkt deines Labels mon-t steht ein „Pip“. Was ist ein Pip und warum heißt er so?

Monty: Ein Pip ist ein Begriff, der wie ein Impuls funktioniert. Ein Anstupsen, ein Denkanstoß. Was man damit macht, bleibt einem selbst überlassen. Ich fand, dass es sich lustig anhört. „Pip“ hat sich Rike Drust, Autorin von „Muttergefühle“, für mon-t ausgedacht.

Wie kam es dazu und wann ging’s los?

Ich hatte bis vor vier Jahren 15 Jahre den Laden Holy Moly in der Marktstraße. Neben meinen Designs gab’s da Anker- und Möwenkram für Laufkundschaft. Ich musste schließlich meine Miete bezahlen. Irgendwann sagte ich: „Ich mache jetzt, was ich will.“ Ich habe meine Shirts über Instagram angeboten und gemerkt, mit welcher Energie ich da meine Zielgruppe anspreche. Social Media ist wie ein Messer. Du kannst es jemandem in den Rücken stecken, du kannst damit aber auch Brot teilen. Jetzt findet man mich einmal in der Woche bei „Rebelzer“ im Laden. Echter, analoger Kundenkontakt fehlt mir doch.

 

„Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben.“

 

Wie kamst du zur Mode?

Mit 25 habe ich mich an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover beworben. Die meinten, ich bräuchte Abitur. Ich sagte, das kann ich auch ohne. Die Antwort: „Okay, dann musst du deine überragende künstlerische Befähigung bestätigen.“ Mit meiner ersten Mappe habe ich von 15 Punkten einen Punkt bekommen. Richtig schlecht. Ich habe mich ein Jahr hingesetzt, die Mappe abgegeben, Prüfung gemacht – 13 Punkte. Ab 13 Punkten hat der Mensch wohl „überragende künstlerische Befähigung“. Ich hatte unter anderem aus Zeitungen Buchstaben rausgeschnitten: „Geben Sie mir 13 Punkte, und es wird niemandem etwas passieren.“ Das Studium hat mich schnell gelangweilt. Ich habe dann mit ein paar Leuten eine Agentur für Streetfashion-Design eröffnet: Fools Gold.

Wie lief die?

Gut. Ich habe unter anderem für das Skaterlabel „Vision Street Wear“ die Kollektion gemacht. Unsere Klamotten auf der ISPO. Das war geil. Irgendwann kam ein Jobangebot aus Hamburg von „Broadway“, auch Klamotten. Das Studium habe ich nie beendet. Nach zweieinhalb Jahren Festanstellung bei Broadway hatte ich überall Schmerzen. Meine Frauenärztin meinte: „Kündigen Sie.“ Dann habe ich mich vor 18 Jahren selbstständig gemacht. Erst mit dem mon-t-Label, dann mit dem Laden Holy Moly. Was ich heute nicht mehr machen würde. Zu wenig Freiheiten.

War tatsächlich als letzte Frage geplant: Was empfiehlst du jungen Leuten bei der Berufswahl?

Macht keinen Laden auf. Chillt (lacht). Mit 17 habe ich Sartre gelesen und meine Mutter damit genervt. Die meinte, frag deinen Onkel, der ist Experte. Der war Journalist und 1975 vor der Revolution nach Amerika geflohen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Seine Antwort: Ein 100-Dollar-Scheck und der Tipp: Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben. Ich war total beleidigt. Heute denke ich: „Watt’n geiler Typ.“

 

Flucht

 

Vor welcher Revolution ist dein Onkel geflüchtet?

Vor der Iranischen. Ich komme aus dem Iran, war sechs, als die Islamische Revolution losging. Ich bin mit 15 nach Deutschland gekommen. Erste Welle Flüchtlingskind. Heute bin ich 25 (lacht). Ich komme aus einem kommunistisch-sozialistischen Haushalt. Onkel und Tanten waren bei Zeitung und Fernsehen, mussten alle flüchten. Alles, was heute in Afghanistan passiert, haben wir damals schon erlebt. Als ich sechs war, hat meine Mutter ausgesehen wie eine „freie Frau“, was überwiegend als „westlich“ tituliert wird. Eine Woche später musste sie Kopftuch tragen. Vor Khomeini wollten alle den Schah stürzen. Dafür gingen auch meine Eltern auf die Straße. An sich eine schöne Revolution, weil das ganze Volk was ändern wollte. Nur war es in sich gespalten.

In welche Form gespalten?

Irgendwann haben meine kommunistisch-sozialistischen Eltern erkannt: „Okay, das wird hier ein fundamentalistisch islamischer Staat.“ Noch schlimmer als es war. Aber mein Vater hat gesagt: „Ich bleibe in diesem Land.“ Meine zehn Jahre ältere Schwester hat eine Kunst- und Ballettschule besucht. Die haben meine Eltern sofort nach Amerika geschickt. Meine Schwester und ich kommen aus einer Familie, aber aus zwei verschiedenen Ländern. Die kennt den Iran nur als „freies Land“. Immer witzig, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit Kopftuch zur Schule gegangen bin. Das kann sie sich nicht richtig vorstellen. Im Dezember ’87 bin ich als 15-Jährige mit meiner anderen Schwester nach Deutschland geschickt worden. Leider aus nicht schönen Gründen.

Mit deinen Eltern?

Nein, alleine.

Als unbegleitete Minderjährige.

Genau. Wir haben dann in Deutschland Asylantrag gestellt, weil wir kein Visum für die USA bekommen haben. Zurück in den Iran ging sowieso nicht. Ich durfte mit meiner 19-jährigen Schwester zusammenziehen, musste nicht ins Heim. Nach drei Monaten Deutschkurs ging die Schule los. Ich wäre gerne länger Kind geblieben. Ich kam aus einer behüteten Familie, es war schwer, plötzlich alleine klarzukommen. Ich kannte keine Ausländerfeindlichkeit. Das war ein Kulturschock für mich.

 

„Intoleranz wird nicht toleriert“

 

Was war deine Motivation, Werte auf T-Shirts zu drucken?

Ohne die Streetfashion-Agentur hätte ich vielleicht Bilder mit den Pips gemalt. Ich habe gelernt, dass der Mensch eine wandelnde Säule ist. Du bewegst dich – der Pip bewegt sich mit. Die Leute kommen durch meine Teile ins Gespräch. Meine Tochter hatte in der zweiten Klasse „Loyalty“ an. Ihre Lehrerin hat das gesehen, dann mit der ganzen Klasse über Loyalität gesprochen. Ich hatte Tränen in den Augen. Ein Pip ist „Tolerance“.

Wann endet die bei dir?

Intoleranz wird nicht toleriert. Toleranz ist eines der interessantesten Motive, das ich sehr gut verkaufe. Ich frage mich oft, ob die wirklich wissen, was Toleranz bedeutet. Zu viel Toleranz kann gefährlich sein. Eine Frau meinte mal, man muss den Taliban eine Chance geben, wenn sie sagen, dass sie es anders machen möchten. Das ist, wie wenn ein Massenmörder sagt, er hat gerade 50 Kinder umgebracht und will jetzt aufhören.

Was machst du neben Klamotten?

Freelance-Designjobs, neuerdings Siebdruck-Workshops in Schulen mit dem Farbfabrique-Team aus dem Gängeviertel. Die haben mich mit an Bord genommen. Ich hatte nur die Idee, mit den Kids auch Themen zu bearbeiten. Das ist unfassbar gut. Wir haben mal über Solidarität gesprochen, da kamen wunderbare Sachen raus. Kinder sind die besten Lehrer. Ich wachse mit meiner Tochter, es macht mir Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Ich drucke in der Gängeviertelwerkstatt auch meine Sachen. Ich habe angefragt, ob ich die Werkstatt stundenweise mieten kann. Die sagten, „verdiene doch erst mal Geld“. Das ist das Gängeviertel. Ein Geben und Nehmen. Mach du was für uns und wir machen was für dich. ALLES ALLEN halt.

 

Was gutes machen und das Patriotismus-Gen

 

Du hast eine Kollabo mit Linda Zervakis.

Linda hat ihr zweites Buch geschrieben, „Etsikietsi“. Da durfte ich begleitend mitwirken und T-Shirts entwerfen. Damit haben wir eine Obdachlosenzeitung und eine Einrichtung in Athen, „Shedia Home“, unterstützt. Linda ist ’ne tolle Frau. Die hilft, wo sie kann. Das finde ich schön an „Berühmtheiten“. Wenn sie ihre Reichweite einsetzen.

Du selbst organisiert auch Spendenaktionen.

Ich habe gesagt: „Wäre doch schön, wenn ein Teil des Geldes, das man ausgibt, Sinn macht.“ Ich habe Aktionen für die Flüchtlingshilfe gestartet, für Moria, für ein Kinderdorf. Da gingen von jedem verkauften Teil 25 Prozent weg. Das hat funktioniert. Werbung nur für mich zu machen, wäre mir peinlich. Aber wenn ich sage: „Kommt, kauft meine Sachen und lasst uns was Gutes machen“, dann ist das für mich leichter.

Viele Labels hier arbeiten mit Hamburgbezügen. Du nicht, bis auf die hanseatisch-knappen Pips.

Mir fehlt das Patriotismus-Gen. Ich finde „Moin“ auf Pullis lustig. Aber mir ist egal, ob etwas iranisch oder aus Hamburg ist. Allerdings: Auf St. Pauli habe ich mich zum ersten Mal, seit ich nach Deutschland gekommen bin, zu Hause gefühlt. Egal, wie hoch die Miete wird – ich werde alles tun, um hier nicht wegziehen zu müssen.

mon-t.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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