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„Eine Abrissbirne ist durch meinen Spielplatz gefahren“

In „Harper Regan“ des britischen Dramatikers Simon Stephens spielt Anika Mauer eine verheiratete Frau, deren Leben aus den Fugen gerät. Es ist die vorerst letzte Rolle der 47-Jährigen, die bereits zweimal zu Berlins beliebtester Schauspielerin gewählt wurde

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mauer, in „Harper Regan“ spielen Sie eine Frau, die durch den Tod ihres Vaters ihr ganzes bisheriges familiäres und berufliches Dasein infrage stellt. Wieso äußert sich ihre Trauer auf diese existenzielle Weise?

Anika Mauer: Die Handlung beginnt ja schon zwei Jahre früher mit einem Vorfall, den ich nicht verraten möchte. Die Sedimentierung, die infolge dieses Vorfalls einsetzt, bricht sich dann durch den Tod des Vaters Bahn. Das Stück schneidet sozusagen in einen Gemütszustand, der dann aufbricht.

Harper sucht also keinen Trost in der Familie?

Nein, sie nutzt die Chance, Wahrheiten zu erkennen. Wahrheiten haben mit bewegenden Situationen zu tun und sind eine Möglichkeit für Veränderung. Als Unterkategorie tauchen dann die familiären Verquickungen auf, die Liebe und die Frage, wie ich damit umgehe, dass ich niemals genau wissen kann, was ein anderer Mensch denkt? Vielleicht möchte ich es auch gar nicht wissen, weil ich ahne, dass es dort etwas gibt, was ich nicht gutheiße.

Wird Harper durch die Reise zu ihrem Vater, den sie nicht mehr lebendig antrifft, noch einmal mit ihrer Kindheit und Jugend konfrontiert?

Unterschwellig. Es geht in dem Stück darum, dass wir mit Erinnerungen leben, die nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn wir rückblickend auf unser Leben schauen, bauen wir uns Erinnerungen zusammen, die wir erträglich und schön finden. Sie spiegeln aber nicht den faktischen Sachverhalt dessen wider, was geschehen ist. Manchmal wird man dann gezwungen, die Dinge neu zu überprüfen, und muss dann damit klarkommen. Das tun die wenigsten Menschen. Wir sind ja eher Selbstbestätiger und Betäubungsmaschinen als Auseinandersetzer.

Ein scheinbar saloppes Well-Made-Play mit Tiefgang

Auf ihrer Reise macht Harper Bekanntschaften, die ungeahnte Folgen haben. Welche Rolle spielen Begegnungen für die eigene Biografie?

Es fängt ja alles mit der Neugier an. Ich kann nur jemandem begegnen, wenn ich ihn anschaue, wenn ich ihm Fragen stelle und auch Antworten hören möchte. Dann ist jede Begegnung wichtig, und es gibt Momente im Leben, in denen man denkt: Den habe ich doch jetzt nicht ohne Grund getroffen. Das kann ich aus dem Stück in mein eigenes Leben zurück spiegeln. Da sind wir dann schnell bei so großen Worten wie Fügung und Schicksal.

Hört sich an wie ein echtes Seelendrama.

„Harper Regan“ ist ein scheinbar saloppes Well-Made-Play und hat trotzdem Tiefgang. Warum sollte sich das ausschließen? Man kann sich darauf einlassen oder es ablehnen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Es ist aber für mich schon ein Qualitätsmerkmal, wenn Zuschauer realisieren, dass sie diese Entscheidung treffen müssen.

Es erfordert Mut, sich vom Leben führen zu lassen

Bei „Sophie“, dem vorherigen Stück, das Regisseur Antoine Uitehaag mit Ihnen realisiert hat – Sie erhielten für die herausragende Darstellung der Titelfigur 2019 den „Hamburger Theaterpreis – Rolf Mares“ –, stand man ja auch vor der Wahl, ob man sich auf eine Selbstbespiegelung einlässt.

Genau. Man musste sich entscheiden, der Reise durch Sophies gesamtes Leben zu folgen oder eben nicht. Erst wenn ich mich darauf einlasse und es aushalte, entsteht für mich ein Theatererlebnis, das mich bewegt.

Ich möchte noch einmal auf die Begegnungen zurückkommen. Wir glauben oft, unser Leben selbstbestimmt zu führen und durch bewusste Entscheidungen zu lenken. Ist das eine Illusion?

Da halte ich es mit Brecht: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“ Sich darauf zu verlassen, dass das Leben einen führen wird, ist die spannendere Variante. Wer genug Mut hat, sollte es so machen. Da sind Sätze wie „Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste“ einfach wahr. Es ist schlimm, an etwas festzuhalten, was dich schon längst verlassen hat.

„Es geht allen um die Sache“

Die Musiker Jaap de Weijer und Martin Vonk sowie Bühnenbildner Tom Schenk gehörten ja auch schon bei „Sophie“ mit zum Team.

Es entsteht wieder ein Gesamtkunstwerk. Wir werden mindestens eine Woche damit zubringen, die Technik in das Stück einfließen zu lassen. Ich habe bisher nur die Computerbilder gesehen, aber freue mich jetzt schon wie ein Kind darauf. Was Tom angekündigt hat, finde ich grandios.

Fühlt man sich als Schauspielerin von der Technik – gerade wenn es um aufwendige Projektionen geht – nicht manchmal an den Rand gedrängt?

Tom hat natürlich eine Idee, aber er würde sich niemals in den Vordergrund schieben mit dem, was seine Arbeit betrifft. Das gilt für das ganze Ensemble. Hier gibt es keine Eitelkeit und niemand möchte hervorstechen, weil es allen nur um die Sache geht. Und Antoine ist der einzige Regisseur, den ich kenne, der Schauspieler wirklich aushalten kann. Der guckt und wartet, was kommt, um damit zu arbeiten. Das ist wirklich kostbar, ein Diadem, was ich mir in die Schmuckschatulle legen könnte – wenn ich eine hätte.

„Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht“

Wie viele Stücke haben Sie mit Antoine Uitehaag zusammen realisiert?

Ich glaube, fünf oder sechs, aber mir kommt es vor wie zwanzig. Er ist mein absoluter Lieblingsregisseur, ein Mensch, mit dem ich während der Arbeit nicht viel reden muss. Das passiert einem nur ein oder zwei Mal im Leben. „Harper Regan“ ist mein vorläufig letztes Theaterstück, weil ich mich von der Bühne zurückziehe. Dass ich das mit Antoine mache, hat seinen Grund.

Sie kehren der Bühne den Rücken? Wegen Corona?

Ja.

Ist es nicht eine harte Entscheidung, einen Beruf, den man aus Leidenschaft gewählt hat, aufzugeben?

Vor fast zwei Jahren ist eine Abrissbirne durch meinen Spielplatz gefahren, und ich finde keine Energie, ihn wieder aufzubauen. Jetzt habe ich mich anderweitig orientiert und bin damit sehr zufrieden. Dieser erzwungene Perspektivwechsel war nach fast dreißig Jahren vielleicht auch wichtig. Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht.

„Das Theatersterben haben wir noch vor uns“

Es hat sich eine andere Tür geöffnet?

Ja. Zum Glück.

Möchten Sie sagen, welche?

Mich hat eine gute Freundin angerufen, die für die UFA arbeitet. Dadurch habe ich einen Beruf gefunden, in dem ich alle meine Fähigkeiten einbringen kann, meine Führungsqualitäten und meine Lehrtätigkeit. Ich habe ja auch an der Schauspielschule unterrichtet.

Wie schätzen Sie den Schaden der Kultur durch Corona ein?

Für mich sind viele Dinge passiert, die ich vorher nie infrage gestellt hatte. Zum Beispiel, dass das Theater nicht zum Bildungskanon gehören soll. Nur die Museen hatten das für ihre Institutionen durchgesetzt. Da hätten sofort alle mitziehen müssen, denn jede künstlerische Einrichtung ist Teil des Bildungskanons. Die Bildung des Geistes bedarf aber einer gewissen Anstrengung, und auch durch Corona hat eine allgemeine Trägheit zugenommen. Man ist inzwischen eher den Sessel zu Hause gewohnt, als sich selbst zu motivieren. Deshalb haben wir das Theatersterben noch vor uns.

„Harper Regan“, noch bis zum 20. Februar 2022 im Ernst Deutsch Theater


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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