Annika Dorau: Literatur in Hamburg sichtbar und erlebbar machen

Seit Januar ist Annika Dorau die neue Geschäftsführung des Literaturzentrum Hamburg (LIT) und wir haben uns mit ihr getroffen um über Trends, neue Formate und ihre Arbeit zu sprechen
Annika Dorau ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführerin des Literaturzentrum Hamburg
Annika Dorau ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführerin des Literaturzentrum Hamburg (©Karine Bravo)

SZENE HAMBURG: Annika möchtest du dich kurz vorstellen? 

Annika Dorau: Ich bin Annika Dorau und leite seit Januar das LIT. Zuvor war ich in der freien Kulturszene tätig, wo ich Literaturveranstaltungen, mehrsprachige Lesungen und Festivals organisiert habe. Außerdem kuratierte ich im Künstler:innenhaus in Lauenburg Ausstellungen, die Literatur, bildende Kunst und Musik verbanden. Ich komme also aus einem interdisziplinären Kontext, in dem Literatur an verschiedenen Orten präsentiert wird.  

Mich interessieren besonders diese Zwischenräume, Orte jenseits der ,Big Player‘: Wer wird gelesen, wer gesehen, welche Geschichten werden erzählt, und welche nicht?

Annika Dorau 

Was war deine größte Motivation, die Geschäftsführung des LITs zu übernehmen? 

Meine Motivation, die Geschäftsführung des LITs zu übernehmen, liegt vor allem im Literaturzentrum selbst. Es wurde von Autor:innen aus Hamburg gegründet, um unterschiedliche Positionen sichtbar zu. Mich interessieren besonders diese Zwischenräume, Orte jenseits der „Big Player“: Wer wird gelesen, wer gesehen, welche Geschichten werden erzählt, und welche nicht? Diese Haltung teile ich mit unserem Programmteam. Wir möchten der literarischen Vielfalt eine Bühne geben und Diskussionen über Literatur, Gesellschaft und unterschiedliche Perspektiven ermöglichen und Debütierenden eine Bühne geben. Ein weiterer Antrieb war die Zusammenarbeit über Institutionen hinweg: Mit Antje Flemming vom Literaturhaus entwickeln wir Projekte – wie jetzt zum Beispiel unser Sommerfest, jede mit ihrem eigenen Schwerpunkt, um dabei gemeinsam Literatur in all ihren Erscheinungsformen sichtbar zu machen. Für mich ist Literatur nicht nur auf der Bühne präsent, sondern überall: digital, in Gesprächen, in der Kunst, in unserem Alltag. Diese Allgegenwärtigkeit wollen wir im LIT berücksichtigen und die Grenzen zwischen institutioneller Bühne und Alltag aufweichen. 

Was ist dir dabei mit Blick auf das Publikum besonders wichtig?

Mir ist wichtig, dass das Publikum weiß, dass es bei unseren Lesungen neben bekannteren auch neue Stimmen entdecken kann und dass man kein großes Vorwissen benötigt, nur Neugier und Lust auf vielfältige Sichtweisen und Literatur. Ich habe zum Beispiel die Hafenlesung im Nachtasyl organisiert, bei der Autor:innen in ihrer Muttersprache gelesen haben und parallel eine Übersetzung präsentiert wurde. Jede Sprache bekam so ihren eigenen Raum. Dabei habe ich gemerkt, dass selbst wenn man die Worte nicht verstand – Tonfall, Körperhaltung und Emotionen konnten unmittelbar erlebt werden. Kommunikation und besonders Literatur ist mehr als reine Information. Bei uns kann man also Literatur erleben.

Gibt es bestimmte Autorinnen und Autoren oder Programme, die du gern ins LIT holen würdest? 

Ja, zum Beispiel verfolge ich sehr gespannt das Programm „Weiterschreiben“ aus Berlin. Dort arbeiten deutsche und geflüchtete Autor:innen in Tandems zusammen, um das Schreiben langfristig zu fördern. Grundsätzlich interessieren mich auch Anthologien, in denen unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Zum Beispiel hatten wir eine Lesung zur neu erschienenen Anthologie „literarisch solidarisch“ herausgegeben von Hatice Acigöz oder „Frauenprobleme“ herausgegeben von Lina Muzur, die Gesellschaftskritik auf ganz neue Weise vermittelt, das finde ich besonders reizvoll. Gleichzeitig möchte ich auch deutschsprachige Debütant:innen und Schreibende fördern, die sich noch orientieren und einen Raum suchen, um ihre Texte vorzutragen.

Mein Ziel ist es, das Literaturzentrum nicht als festen Ort zu denken, sondern als etwas Bewegliches, das in der ganzen Stadt präsent ist, von Altona bis Bergedorf.

Annika Dorau

Was macht Hamburg als Literaturort für dich besonders? 

Hamburg ist ein sehr besonderer Literaturort. Aus Sicht vom LIT zeigt sich das vor allem an der großen Zahl an Autor:innen, die hier leben. Daraus entsteht ein starkes Netzwerk, das wiederum weitere Schreibende anzieht. Außerdem haben wir mit Dirk Hertrampf einen engagierten Literaturreferenten, der die Szene unterstützt, das ist nicht selbstverständlich im Vergleich zu anderen Bundesländern. Ein weiterer wichtiger Bereich im LIT sind die Schullesungen: Rund 70 bis 80 Autor:innen aus dem Kinder- und Jugendbuchbereich gehen regelmäßig in Schulen. Das ist ein unglaublicher Luxus und ein starkes Zeichen für die literarische Qualität in Hamburg. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, neue Orte und Formate zu finden, um unterschiedliche Menschen für Literatur zu begeistern, gerade nach der Corona-Zeit, in der viele Gewohnheiten sich verändert haben. Literatur sollte stärker dorthin gehen, wo die Menschen sind: in die verschiedenen Stadtteile und Lebenswelten. Mein Ziel ist es, das Literaturzentrum nicht als festen Ort zu denken, sondern als etwas Bewegliches, das in der ganzen Stadt präsent ist, von Altona bis Bergedorf. Dafür braucht es passende Formate und Kooperationen, die die Menschen vor Ort ansprechen. Literatur hat großes Potenzial, gesellschaftliche Fragen zu verhandeln. Sie schafft einen Raum, in dem wir über uns selbst nachdenken können, ohne dass es zu persönlich wird. Diesen Austausch in die Öffentlichkeit zu bringen, sehe ich als einen zentralen Auftrag.

Gibt es gerade Trends in der Literaturwelt, die du besonders spannend findest oder die dir aktuell auffallen? 

Ich beobachte gerade mehrere spannende Entwicklungen in der Literaturwelt. Besonders interessant finde ich die Schnittstellen zur Bildenden Kunst. Viele Künstlerinnen und Künstler schreiben selbst Texte, die dann zwar in Buchform erscheinen, aber nicht als Literatur im klassischen Sinne wahrgenommen werden. Diese Verschiebung der Grenzen finde ich sehr spannend. In der Lyrikszene spielt auch KI eine Rolle: Texte entstehen im Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Die Fragen „Wo endet der Text? Wo beginnt die Person?“ werden dadurch neu gestellt. Solche Experimente sehe ich derzeit stärker in der Kunstszene als in der klassischen Literaturszene. Spannend finde ich auch kollektive, solidarische Formen des Schreibens, wie „Weiterschreiben“. Solche Projekte zeigen, wie Literatur bewusst vom klassischen Geniekult weggeführt und als gemeinschaftlicher Prozess gedacht werden kann. Kollektives Schreiben macht diese Zusammenarbeit besonders sichtbar, die immer Teil im literarischen Schaffen ist. Gleichzeitig beobachte ich mit Sorge aktuelle Entwicklungen im Kulturbereich: Fördermittel werden gekürzt, und kulturelle Institutionen geraten zunehmend unter politischen Einfluss. Das ist ein beunruhigender Trend, insbesondere für kritische und marginalisierte Stimmen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Hier sehe ich auch eine klare Aufgabe für meine Arbeit. 

Gibt es eine Hamburger Autorin oder einen Autor, den du besonders schätzt? Oder liest du gerade ein Buch, das du empfehlen würdest? 

Zurzeit lese ich zwei Debüts: einmal „Weltenwechsel“ von Marion Kraft, die am 23. Mai zum Hamburger Lesefrühstück kommt. In ihrem Roman erzählt Kraft von Familie, Herkunft und Schwarzer deutscher Geschichte. Und dann noch „Paradise Beach“ von Dara Brexendorf. Beide Bücher kann ich wärmstens empfehlen. Die Geschichten sind sehr gut erzählt und man lernt en passent etwas, ohne, dass es anstrengend ist. Außerdem freue ich mich sehr darauf, dass die Hamburger Autorin Katrin Seddig am 25. April bei uns aus „Gedanken zu Turnhallen“ liest!

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